Beschneidungsdebatte: „Auf beiden Seiten durch heftige Polemik gekennzeichnet“

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„‚Viele haben die Beschneidungsdebatte missbraucht‘. Der Präsident des Zentralrats der Juden beklagt Antisemitismus und Bevormundung in der Diskussion über die Beschneidung von Jungen. Selbst in der ’seriösen‘ Debatte sei einiges schiefgelaufen“, so zitierte die Welt am 28. Dezember Dieter Graumann. Aber die Debatte geht trotz der gesetzlichen Übergangsregelung weiter, wie etwa ein neuer Kommentar von Richter Ralf Eschelbach zum Strafgesetzbuch, § 223 (Körperverletzung), Randnummer 9 f. vom Mai 2013 zeigt: „Für gläubige Juden und Muslime, aber auch für koptische Christen, steht die Pflicht zur Beschneidung nicht zur Disposition (BT-Drs 17/11295, 7), während das Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit nur in Grenzen zur Disposition des Inhabers stellt; das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und ungestörte kindliche Sexual- und Gesamtentwicklung zählt zum Unverfügbaren (Art 1 Abs 1 GG, Art 79 Abs 3 GG). Politik und Religion dürfen darüber nicht verfügen“. Zur Beschneidungsdebatte (vgl. auch Artikel Religion und Missbrauch) interviewte REMID den Religionswissenschaftler und Philosophen Robert Stephanus (Universität Hannover).

circumcision in egypt

Das Grab des Palastvorstehers und Wesirs Ankhmahor aus der 6. Dynastie in Sakkara wird aufgrund der Beschneidungsszene auch als „Ärztegrab“ bezeichnet.

Bild von khowaga1 | Flickr  unter Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 2.0.

Religionsfreiheit ist ja nicht als Freiheit von Religion zu verstehen, sondern als Freiheit für Religion. Doch ist diese Freiheit nicht grenzenlos. Ein Verein kann als verfassungsfeindlich eingestuft verboten werden oder in Bälde aufgrund von „Extremismus“ seine Gemeinnützigkeit verlieren. Tieropfer kollidieren mit dem Tierschutz, aber auch bestimmte Schlachtmethoden… bedeutet das nicht für viele (Welt)religionen notwendig einen Reformdruck? Bzw. ihren Ausschluss in einer traditionellen Form?

Die Religionsfreiheit ist in vielen Ländern rechtlich abgesichert. In Deutschland wird dies durch den Artikel 4 des Grundgesetzes gewährleistet und in der EU durch Artikel 9 der Menschenrechtskonvention. Dabei wird die Freiheit für die Ausübung der eigenen religiösen Praxis dadurch eingeschränkt, dass sie zum einen nicht die Freiheit anderer Individuen gefährden darf und zum anderen nicht gegen geltendes Recht verstößt.
In den rechtstaatlichen Demokratien gilt Abwehrrecht vor Anspruchsrecht. Das bedeutet, dass jemand zwar Anspruch darauf hat seine religiösen Überzeugungen auch in die Praxis umzusetzen, aber nur solange, wie diese Person damit nicht das Abwehrrecht einer anderen Person verletzt oder gegen geltendes Recht verstößt. Diese Regelung hat weit reichende Konsequenzen für das religiöse Leben. Viele Religionsgemeinschaften sind sehr anpassungsfähig, dennoch gibt es immer wieder Probleme.

Das jüngste Beispiel, das diskutierte, religiöse Beschneidungen von männlichen Minderjährigen zu kriminalisieren (nach einem Urteil des Landgerichts Köln), trifft ja auch zwei der größten religiösen Minderheiten Deutschlands (vgl. aktuelle Übergangsregelung nach BT Drucksache 17/10331). Ich vermute mal, dieser „Vorstoß“ ist weltweit einmalig?

Es gab in der Geschichte immer wieder Verbote der Beschneidung. Diese hatten aber nichts mit dem Schutz von Kindern zu tun, sondern mit dem Versuch speziell jüdische Menschen an der Ausübung ihrer religiösen Praxis zu hindern. Zu Verboten kam es beispielsweise im 2 Jh. unter Kaiser Hadrian oder im Nationalsozialismus. Heute ist Deutschland das einzige Land, in dem ein rechtliches Verbot der Beschneidung ernsthaft diskutiert wird, obwohl es auch in anderen Ländern (darunter unter anderem Israel) Debatten über die Legitimität von Beschneidungen gibt. Die deutsche Vergangenheit macht dies mehr als problematisch, dennoch sollte eine Diskussion über ein solch wichtiges Thema nicht durch historische Begebenheiten blockiert werden. Leider war die Diskussion auf beiden Seiten durch heftige Polemik gekennzeichnet, sodass eine vernünftige Argumentation kaum möglich war.

Auf der Seite der VertreterInnen des Judentums und des Islams wurde teilweise mit Nazi-Vergleichen geantwortet, während auf der anderen Seite tatsächlich viele antisemitische und antiislamische Pauschalurteile gefällt worden sind. Aus den Reihen der so genannten ReligionskritikerInnen kam wohl die größte Häme bei gleichzeitig kleinstem Verständnis für die eigentliche Problematik.

In den westlichen Demokratien hat die Stellung des Individuums ein Niveau erreicht, das noch vor einigen Jahrzehnten undenkbar gewesen wäre. Dabei wird oft übersehen, dass jeder Mensch Teil einer Gesellschaft ist, einer Gesellschaft mit eigenen Regeln und Traditionen. Diese werden innerhalb von Gemeinschaften teilweise religiös begründet und können zu einem Dogma erhoben werden. Allein dieser Dogmatismus reicht vielen aus, um eine pauschale Abneigung dagegen zu entwickeln. Dies ist zurückführbar auf Positionen der philosophischen Tradition der Aufklärung, allerdings ist es selbst gerade im aktuellen Kontext alles andere als aufklärerisch. Ganz im Gegenteil verwischt diese Einstellung oftmals die Möglichkeit, ein tieferes Verständnis für derartige Praxen zu entwickeln. Eben jenen Menschen, die nur ein sehr oberflächliches Verständnis für die Lebenswirklichkeit von anderen haben, fehlt es oft an Verständnis für die Bedeutung solcher Praxen.
Auch auf Seiten der Religionsgemeinschaften kamen wenig aufklärende Worte. Für „westlich zivilisierte“ Menschen ist es kein valides Argument, dass etwas in einem Buch steht. Hier wird die Bedeutung, die zum Beispiel die Thora (AT) hat, weitestgehend ignoriert. Sie ist nicht einfach irgendein Buch, sondern ein identitätsbestimmender Faktor der jüdischen Gemeinschaften. Dabei geht es nicht primär um das Buch, sondern um die in ihm vermittelten Werte und Normen. Möchte man zu der jüdischen Gemeinschaft gehören, müssen diese Werte berücksichtigt werden und da in 1. Mose 17 von Gott die Beschneidung der männlichen Gefolgschaft und aller Nachfahren von Abraham zum Zeichen seines Bundes mit ihnen gefordert wird, gehört diese zu den identitätsbestimmenden Merkmalen vieler Juden. Meist findet dieser identitätsstiftende Moment der Beschneidung in Diskussionen keine Beachtung.

Im Fall der Umma (d.i. die Gemeinschaft aller MuslimInnen) ist das Verständnis vieler EuropäerInnen für die Beschneidung (arab.: hitân) noch geringer, da sie nicht direkt im Koran Erwähnung findet. So gibt es auch innerhalb der Umma eine Debatte welchen Stellenwert die Beschneidung eigentlich hat. Zum einen findet sich in der Übersetzung des Korans in der sechzehnten Sure (Al-Nahl = Die Bienen) die Aufforderung: „Folge dem Wege des rechtgläubigen Abraham, der kein Götzendiener war.“ Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich Muslime wie Abraham auch beschneiden sollten. Zum anderen wird häufig auf die Sunna (Sammlung von Hadithen) verwiesen. Die Hadithe enthalten Passagen zur Beschneidung, sowohl zur männlichen als auch zur weiblichen. Während die weibliche Beschneidung allerdings nur empfohlen (mandub/sunna) wird, ist die männliche Beschneidung Pflicht (fard/wadschib). Pflicht bedeutet in diesem Fall, dass ein Unterlassen der Handlung bestraft wird, ihre Durchführung aber belohnt. Die männliche Beschneidung ist notwendig, um bei Gebeten „rein“ sein zu können. Einer extremeren Interpretation folgend sind Gebete eines Unbeschnittenen ungültig.
Es gibt sowohl unter Muslimen als auch unter Juden Unbeschnittene, die sich ihrer jeweiligen Religion zugehörig fühlen, ohne es als ein Hindernis zu betrachten, nicht beschnitten zu sein. Die ganze Debatte wäre wesentlich einfacher zu führen, wenn sich die zur Beschneidung vorgesehenen Kinder selbst artikulieren könnten. Da sie das nicht können, bestimmen zunächst einmal die Eltern, was mit ihren Kindern geschieht. Eltern genießen in Deutschland eine relativ hohe Autonomie bei der Erziehung ihrer Kinder. Erst wenn das Kindeswohl bedroht ist, kann eingeschritten werden. Wenn ein Kind zum Beispiel eine Bluttransfusion braucht, da es sonst stirbt, die Eltern (z.B. Zeugen Jehovas) diese aber auf Grund religiöser Überzeugung ablehnen, kann der elterliche Wille übergangen werden. Von vielen VertreterInnen der verschiedenen Religionsgemeinschaften wird immer wieder betont, dass die Beschneidung ein kleiner Eingriff sei. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar ist die Operation tatsächlich relativ schnell überstanden, allerdings kann es durchaus zu Komplikationen kommen. Nicht nur bei der Operation selbst, sondern auch später, wie der Fall, mit dem sich das Kölner Landgericht beschäftigt hat, ja gezeigt hat.

jesu Beschneidung

Jesu Beschneidung auf einem Gemälde von Gottfried Scheucker und Johann Georg Walter aus dem frühen 18. Jahrhundert in der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Reinhardtsdorf-Schöna.

 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erdachten Rassisten (die zugleich Antisemiten waren) die Idee eines „Ur-Traumas“, welche sie den Religionen zuschrieben, die Beschneidungen durchführen. Die Argumentation ist ähnlich derjenigen, wonach heute sogenannten „Sekten“ „Gehirnwäsche“ oder „ritueller Missbrauch“ unterstellt wird, um Charaktere zu „brechen“ bzw. umzugestalten. Es handelt sich dabei oft um Argumentationen mit „medizinischen“ Argumenten?

Viele MedizinerInnen sind mittlerweile der Ansicht, dass die Beschneidung durchaus Vorteile habe kann. Die AAP (American Acadamy of Pediatrics) und die WHO empfehlen diesen Eingriff sogar. Während sich die Empfehlung der WHO nur auf die freiwillige Beschneidung Erwachsener bezieht und zur Prävention von HIV-Infektionen gedacht ist, empfiehlt die AAP explizit die Beschneidung Neugeborener und hebt ihren medizinischen Nutzen hervor. Diese Empfehlung steht im krassen Gegensatz zur Stellungnahme der DAKJ (Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin). Die AAP sieht die Entscheidungsbefugnis eindeutig bei den Eltern. Dies entspricht in etwa der neuen deutschen Gesetzgebung mit der Einführung des Paragraphen 1631d in das Familienrecht im BGB. Die Reaktion viele deutscher PädiaterInnen fiel entsprechend negativ aus, da ihrer Ansicht nach das Wohl des Kindes dem Willen der Eltern untergeordnet wird. Die Divergenz zwischen den Positionen der deutschen und der amerikanischen PädiaterInnen lässt sich nur schwer erklären, zumal sich die Urteile auf Studien stützen, die beiden Seiten bekannt sein dürften. Eine mögliche Erklärung wäre es, die Ablehnung der Beschneidung bei vielen Deutschen auf einen höheren Stellenwert der körperlichen Integrität innerhalb der deutschen Gesellschaft zurückzuführen. Ein weiterer Faktor dürfte der wesentlich größere Einfluss jüdischer Gelehrter sein.

Unter den Beschnittenen selbst ergibt sich ein sehr heterogenes Bild, wenn nach den Auswirkungen der Beschneidung gefragt wird. Die Beschneidung würde in den USA nicht dermaßen populär sein, wenn nicht viele gute Erfahrungen damit gemacht hätten. Auf der anderen Seite gibt es auch Berichte davon, dass die Beschneidung als ein traumatisches Erlebnis wahrgenommen wird. Das Kindeswohl ist der entscheidende Faktor bei der ganzen Debatte. Es sollte nicht um vorgeschobene religiöse Interessen oder Traditionen gehen, sondern um das Wohl des Kindes. Dabei ergibt sich zwangsläufig die Frage, was das Beste für ein Kind ist und wer das entscheiden sollte und darf. Wann sind medizinische Eingriffe durchzuführen und wann sollten sie unterlassen werden? Wie sollten sie durchgeführt werden? Wie hoch darf das Risiko einer Operation sein? Das können sehr schwierige Fragen für Eltern und ÄrztInnen sein und in Krankenhäusern sind sie Alltag. Bei nicht notwendigen Operationen wie der Beschneidung stellt sich zudem die Frage, ob das Individuum nicht selbst darüber entscheiden dürfen sollte, wenn es alt genug dazu ist. Das alles sind Fragen, die in der Öffentlichkeit diskutiert werden sollten.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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17 Kommentare:

  1. Vielen Dank für das Interview! Für weitere Lektüre, darf ich den Blog: http://beschneidungsdebatterw.wordpress.com/ empfehlen.
    Im Rahmen einer studentischen Übung, haben wir an der Uni Frankfurt im Wintersemester 2012/13 die Beschneidungsdebatte erörtert und dafür unseren Blog gegründet.
    Herzliche Grüße aus Frankfurt
    Lukas Naab

  2. Pingback: Gott in Frankreich: Ein Fall von bedingter Religionsfreiheit « REMID Blog

  3. Die AAP empfiehlt die Beschneidung von Jungen mitnichten. Sie sagt, dass Eltern darüber entscheiden können dürfen. Das ist etwas anderes, als sie zu empfehlen.

    • Als kleine Moderation sei der Anfang des AAP-Statements wiedergegeben:

      New scientific evidence shows the health benefits of newborn male circumcision outweigh the risks of the procedure, but the benefits are not great enough to recommend routine circumcision for all newborn boys, according to an updated policy statement published by the American Academy of Pediatrics (AAP). The revised policy, like the previous one from the AAP, says the decision whether or not to circumcise should be left to the parents in consultation with their child’s doctor.

      Das mit der Empfehlung ist eine Frage der Interpretation und der Gewichtung. Da die Vorteile nach dieser Quelle die Nachteile überwiegen, steht die Circumcision hier durchaus in einem positiven Licht. Sie könne aber nicht für alle neugeborenen Jungen im Sinne einer Standardroutine empfohlen werden. In anderen Worten wird damit durchaus eine Empfehlung ausgesprochen. Arzt und Eltern müssen abwägen – auch ob der Junge in eine „Risikogruppe“ gehört, bei der Nachteile auftreten können, oder nicht.

      • „alle“ ist hier eindeutig im Sinne von „generell“ gemeint. Da geht es nicht um Jungen, bei denen das aufgrund evtl. Vorerkrankungen problematisch ist, sondern klar darum, dass man eine Beschneidung selbst aufgrund der ausgemachten vermeintlichen Vorteile eben nicht generell empfehlen möchte.

        Man lese auch die Stellungnahme der europäischen Kinderärzte die in der Publikation der AAP dazu veröffentlicht wurde. Die vermeintlichen Vorteile, die die AAP sieht, sind derart vage und an den Haaren herbeigezogen, dass sich die AAP selbst nicht traut, daraus eine Empfehlung zu machen.

        Ethische Überlegungen hat die AAP auch völlig außer acht gelassen. Einer der federführenden Autoren der Studie der AAP hat sein eigenes Kind auf dem Küchentisch (sic!) der Eltern beschnitten. Ich denke, viel mehr braucht es da nicht zu wissen, um zu bewerten, was man davon halten soll.

        • Wiederum nur der moderierende Hinweis, dass es zwei unterschiedliche Fragen sind, ob nun a) die AAP Jungenbeschneidung generell oder im Besonderen empfiehlt (oder nicht; Interpretation der Stellungnahme), bzw. b) was von der Stellungnahme der AAP vielleicht zu halten ist (Überprüfung der Faktenlage).

  4. „Die ganze Debatte wäre wesentlich einfacher zu führen, wenn sich die zur Beschneidung vorgesehenen Kinder selbst artikulieren könnten. “
    Warum kann man nicht warten, bis sie das selbst tun könnten?
    Nicht alle beschnittenen Männer sind damit zufrieden…..und nicht alle unbeschnittenen Männer wollen sich unbedingt beschneiden lassen……

  5. Ein Beschneidungsverbot wäre – egal, was man für Gründe anführt – ein Affront gegenüber dem Judentum (und dem Islam) – und das kann sich ein Land wie Deutschland mit seiner Geschichte nicht leisten!

  6. Ein um Ausgleich bemühtes Interview; vieles was er zum Verlauf der Debatte sagt, ist sicher richtig und dem kann ich beipflichten.

    Aber leider werden die eigentlichen Argumente der Beschneidungskritiker, nämlich Kinderrechte, Selbstbestimmung, die langfristigen physischen und psychischen Folgen nur angedeutet. Und die Kritik an den Religionslobbyisten beschränkt sich darauf, das Ritual nicht gut genug “ erklärt“ zu haben. Und dass in Medizinerkreisen in den letzten Jahrzehnten ein Meinungsumschwung gegen die Beschneidung stattgefunden hat und die AAP mit ihrer relativ beschneidungsfreundlichen Haltung bei Ärzteverbänden völlig isoliert ist, wird leider ebenfalls unterschlagen .

    Sehr naiv oder schlichtweg ignorant diese Aussage : “ Unter den Beschnittenen selbst ergibt sich ein sehr heterogenes Bild, wenn nach den Auswirkungen der Beschneidung gefragt wird. Die Beschneidung würde in den USA nicht dermaßen populär sein, wenn nicht viele gute Erfahrungen damit gemacht hätten.“ Zum einen scheint er nicht wahrgenommen zu haben, dass es gerade in den USA mittlerweile eine breite Bewegung gegen die Routinebeschneidung gibt. Zum anderen könnte man mit der gleichen Argumentation ja dann die FGM in Afrika verharmlosen: “ Die FGM würde in Afrika nicht dermaßen populär sein, wenn nicht viele gute Erfahrungen damit gemacht hätten.“ Da verkennt der Religionswissenschaftler wohl die Wirkmächtigkeit überlieferter Traditionen, medizinischer Mythen und der Haltung “ was meine Eltern getan haben, kann nicht schlecht gewesen sein, also mache ich es auch bei meinen Kindern“.

    • Meiungsumschwung bei Medizinern? Ich sehe nur, dass es da offenbar zwei Parteien auch bei den Ärzten gibt. Hast Du Zahlen? Am besten länderspezifisch?

      Das mit Afrika finde ich pure Polemik. Was soll das, eine amerikanische medizinisch begründete Praxis mit Traditionen in Afrika zu vergleichen? Und man sollte die Jungenbeschneidung mit der Genitalverstümmelung bei Frauen nicht gleichsetzen – zumindest ist mir noch kein aufgeklärter Frauenarzt untergekommen, der sich für letzteres einsetzen würde – gar aus hygienischen Gründen.

      Achso, ich gehöre keiner Religion an, bin und bleibe unbeschnitten und lese nur manchmal diesen Blog.

      • „ Meiungsumschwung bei Medizinern? Ich sehe nur, dass es da offenbar zwei Parteien auch bei den Ärzten gibt. Hast Du Zahlen? Am besten länderspezifisch?“

        Hinsichtlich des Meinungsbildes bei Medizinern verweise ich auf die deutsch- und englischsprachige Wikipedia zum Eintrag „ Zirkumzision“. Hier ist eindeutig zu erkennen, dass in demn letzten Jahren/ Jahrzehnten die Minderjährigenbeschneidung in Europa, Kanada, Australien, Neuseeland etc zunehmend kritischer und ablehender gesehen wird.

        „ Das mit Afrika finde ich pure Polemik. Was soll das, eine amerikanische medizinisch begründete Praxis mit Traditionen in Afrika zu vergleichen? Und man sollte die Jungenbeschneidung mit der Genitalverstümmelung bei Frauen nicht gleichsetzen – zumindest ist mir noch kein aufgeklärter Frauenarzt untergekommen, der sich für letzteres einsetzen würde – gar aus hygienischen Gründen.“

        Polemik ? Ja natürlich. Was wir hier im „ zivilisierten Westen“ tun, ist natürlich was gaaaaaanz anderes als primitive Stammesrituale im dunkelsten Afrika. Wirklich ? Zum einen sollte man sich vergegenwärtigen, dass auch die FGM in großen Teilen ihres Verbreitungsgebietes ( zB in Ägypten ) keinesfalls mit Glasscherbe und Rasiermesser, sondern „ nach Regeln der ärztlichen Kunst“ im Krankenhaus vorgenommen wird. Weiterhin verweise ich darauf, dass die in der Tat mit der männlichen Beschneidung keinesfalls vergleichbare schlimmste Variante ( sog. „ pharaonische Beschneidung“ ) ein regionales Phänomen ist, dass sich im Wesentlichen auf Äthiopien, Somalia, Eritrea und den Sudan beschränkt. In anderen Gebieten herrschen vergleichsweise „ harmlosere“ Varianten vor, die sich teilweise sogar „ nur“ auf das Einritzen der Klitorisvorhaut oder der kleinen Schamlippen beschränken. Schließlich sei darauf hingewiesen, dass die zur Unterdrückung des weiblichen Sexualempfindens vorgenommene FGM auch von „westlichen“ Ärzten im 19 Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert zur Eindämmung von „ exzessiver Masturbation“ empfohlen wurde – genau so wie die männliche Beschneidung, die gerade aus diesem Grunde, die ach so böse, unmoralische und schädliche Masturbation einzudämmen in den puritanischern USA und im viktorianisch-prüden britischen Empire Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt und propagiert wurde. Dies ist die eigentliche Ursache der heute noch in den USA weiten Verbreitung der männlichen Beschneidung

        „ Achso, ich gehöre keiner Religion an, bin und bleibe unbeschnitten und lese nur manchmal diesen Blog.“

        Wie schön für Dich. Dann genieße weiterhin die ganze Bandbreite sexuellen Empfindens, die mir als unfreiwillig Beschnittener leider nur noch eingeschränkt zur Verfügung steht

  7. Masturbation einzudämmen […] ist die eigentliche Ursache der heute noch in den USA weiten Verbreitung der männlichen Beschneidung

    Schon seltsam. Warum bringen in der aktuellen Debatte nur die Gegner der Jungenbeschneidung dieses Argument?

    • weil hier die Ursache der Verbreitung dieses Eingriffes in den letzten 150 Jahren im angelsächsischen Sprachraum liegt, an die heute keiner der Befürworter mehr gerne erinnert wird. Alle „moderneren“ Begründungen sind nachgeschoben, um die liebgewonnene Tradition zu „retten“….

      Anmerkung der Redaktion: Wikipedia bringt ein englisches Lehrbuch zur Urologie in der Auflage von 1970 als ein letztes Beispiel für dieses Argument. Die Behauptung „nachgeschobener“ Begründungen wirkt daher etwas verschwörungstheoretisch ohne Nachweise, welche diesen Verdacht einer „insgeheimen“ Motivation stützen. Zumal es nicht einleuchtend erscheint, warum den (medizinisch motivierten) Befürwortern die Argumente, welche sie explizit vorbringen, nicht genügen sollten.

  8. […]

    In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erdachten Rassisten (die zugleich Antisemiten waren) die Idee eines “Ur-Traumas”,

    Welche Rassisten waren das? Hatten die auch Namen? Haben die schriftlich ihre Ansichten hinterlassen, so dass man das nachprüfen kann?

    […]

    Anm. Red.: An dieser Stelle mögen folgende Zitate genügen: „die Beschneidung wurde als Entmännlichung, als ‚Verstümmelung der Geschlechtsteile‘ und damit als eine Form ritueller Kastrierung gedeutet“ (Manfred Koch-Hillebrecht: Homo Hitler, 1999, S. 358); in den Schriften der Ludendorffs fungiert die Deutung eines Freimaurer-Rituals als „symbolische Beschneidung“ als Rechtfertigung zur Verallgemeinerung auf einen die ganze Kultur anvisierenden Begriff des „künstlichen Juden“ (vgl. Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, 2009, S. 201).

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