„Extreme“ Diskurse? Die Linke und die Religion


Es war im Jahr 2007 oder 2008, als eine Antifa-Gruppe zu einem Vortrag über „Esoterik“ in ein Szene-Café einlud. Um die dort beschriebenen Gruppierungen und Autoren, die unter Rückgriff auf Literatur wie die von Jutta Ditfurth (z.B. „Entspannt in die Barbarei. Esoterik, [Öko-]Faschismus und Biozentrismus“, 1996) als „Esoterik“ verhandelt worden sind, soll es gar nicht gehen. Entscheidender war der Diskussionsteil. Letztlich wurde auf den Punkt gebracht, dass jegliche Übernahme einer Praxis aus einer anderen Kultur bzw. Religion rückständig sei (so auch z.B. Yoga). Die Kontexte, in welche die Praxis ursprünglich eingebettet gewesen sei, könne man nicht einfach so ausblenden. Diese Kontexte wirken fort und deshalb müssten solche Kulturtransfers mit Kritik bekämpft werden. In letzter Konsequenz, so die Lehre aus dieser Abendveranstaltung für einige im Publikum anwesende Studierende der Religionswissenschaft, ergeben sich ideale Voraussetzungen für problematische Allianzen.

Sicherlich ist das nur eine besonders zugespitzte Position innerhalb der Linken. Bemerkenswert dabei, dass ein Theologe für gewöhnlich genau entgegengesetzt argumentiert: Eine vereinzelt herausgegriffene Praxis (mit Tendenz zu Eklektizismus, Synkretismus, Bricolage) entbehre ihres genuin religiösen Kontextes, so dass dem „Nachahmer“ des „Originals“ eine geringere „Echtheit“ bzw. „Wahrhaftigkeit“ zugeschrieben wird (vgl. Artikel „Die Kopie ist das wahre Original: Aura-Kopierer, Religionswissenschaft, Falsifikation und Don Quijote„).

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Das Buch „The Grace Effect: How the Power of One Life Can Reverse the Corruption of Unbelief“ von Larry Alex Taunton wurde in Birmingham (Alabama) 2011 mittels einer Plakataktion beworben, welche fragte: „Imagine no Religion? So did he“. Daneben ein Bild von Josef Stalin und ein Hinweis auf das Buch. Taunton vertritt die Fixed Point Foundation, welche sich für den christlichen Glauben einsetzt (auch für den sogenannten Junge-Erde-Kreationismus), und die Debatte mit atheistischen Buchautoren sucht. Totalitarismus-Vorwürfe werden also nicht nur an Religionen adressiert. Dennoch dürfte zumindest in Europa die Erklärung von Nationalsozialismus oder Kommunismus durch Atheismus aus der Mode gekommen sein.  Gerade im Vergleich mit der Stoßrichtung und Popularität des Songs „Imagine“ (1971) von Beatle John Lennon, den Taunton umzudeuten versucht. Ein Klick auf das Bild führt zum Musikvideo.

Tatsächlich haben die wenigsten linken Gruppen ein explizites Bekenntnis zum Atheismus (oder zum Materialismus) in ihre Satzungen geschrieben:

Hinzu kommen diverse ‚linke‘ Kleingruppen wie der Gegenstandpunkt (Verlag mit Gruppenkultur, marxistische ‚destruktive‘ Kritik, in Heft 2/2005 wird „die Sache mit der Religion“ bzw. der Religionsfreiheit auf den „amerikanischen Imperialismus“ zurückgeführt; Anhänger laut VS 2012: 5.000; VS 2011: 7.000), der Verein zur Förderung des dialektischen Denkens e.V. (Satzung: „Ein gröblicher Verstoß liegt insbesondere dann vor, wenn das Mitglied die menschliche Rationalität und philosophisches Denken als solches öffentlich verächtlich macht oder für irrationale Sekten welcher Art auch immer Propaganda betreibt“) oder der Verein zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung e.V. (Zeitschrift „Streitbarer Materialismus“, verbunden mit „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“).
Quelle: REMID-Statistik.

Des Weiteren ist zu beachten, dass viele Gruppen zudem lose Organisationsformen pflegen und bei jeder Antifa-Gruppe einzeln geprüft werden müsste, wie sie oder ihre Mitglieder es mit der Religion halten (Parteien werden außerdem grundsätzlich nicht in zitierte Statistik aufgenommen, so dass die Vielzahl kleinster linker Splitterparteien hier übergangen bleibt, vgl. aber Rudolf Stumberger: „Neu: Jetzt großes Angebot an kommunistischen Parteien in Deutschland“, Telepolis, März 2011).

Doch zurück zu der provokativen Eingangsthese: Auch wenn es kaum vorstellbar ist, dass z.B. eine rechtskonservative Gruppe, die eine Tradition (Religion, Kultur) bewahren möchte, und eine linke Gruppe, welche ihre Position für den Stand eines in der Erkenntnis fortschreitenden Bewusstseins des kritischen Diskurses hält, gemeinsame Sache machen könnten, etwa gegenüber Migrant_innen und ihren Traditionen – tatsächlich könnten die jeweiligen Aktionen trotz ihrer völlig unterschiedlichen Motivation dennoch im Effekt zusammenkommen.

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Bekannter sind die Plakataktionen der Freedom from Religion Foundation, einer US-amerikanischen Freidenker-Organisation, und ihrer Nachahmer. Im aktuellen Beispiel wird „Imagine no Religion“ kombiniert mit rot durchkreuzten Bildern des Anschlags auf das World Trade Center, von Hexenverbrennungen, religiös begründetem Antiamerikanismus, dem Ku-Klux-Klan, einer bewaffneten, vermummten Miliz und eines christlichen Fernsehpredigers. Klicken Sie zur Vergrößerung auf das Bild.

Exkurs: Extremismus-Begriff und Historiker-Streit

Gleich vorweggenommen sei, dass es hier nicht darum geht, einen „Extremismusbegriff“ anzuwenden. Allerdings hat der aktuelle Streit um eine Terminologie für Sozialforschung und Sicherheitspolitik Parallelen mit dem sogenannten Historikerstreit.

Der Philosoph Jürgen Habermas warf dem Historiker Ernst Nolte Geschichtsverfälschung vor, denn dieser bestimmte den Faschismus als lediglich reaktiv – in konkreten historischen Ereignisfolgen sowie auch theoretisch als

„Antimarxismus, der den Gegner durch die Ausbildung einer radikal entgegengesetzten und doch benachbarten Ideologie und die Anwendung von nahezu identischen und doch charakteristisch umgeprägten Methoden zu vernichten trachtet, stets aber im undurchbrechbaren Rahmen nationaler Selbstbehauptung und Autonomie“ (Nolte, „Der Faschismus in seiner Epoche“, München 1979, S. 51).

Die Idee der „benachbarten Ideologie“ bzw. diese von Nolte ausgehenden Rettungsversuche eines deutschen (schuldfreien bzw. schuldgeminderten) Nationalbewusstseins wurden von Habermas selbst als „Ideologie der Mitte“ kritisiert (11. Juli 1986, in: Ernst Reinhard Piper [Hg.]: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung“. München/Zürich 1987, S. 75f.; man vgl. auch Rudolf Augstein: „Die neue Auschwitz-Lüge“, Spiegel, 6. Okt. 1986: „Wer so denkt und spricht [wie z.B. Ernst Nolte oder der hier gemeinte Andreas Hillgruber; Anm. Red.], ist ein konstitutioneller Nazi, einer, wie es ihn auch ohne Hitler geben würde“).

Der Unterschied zu den meisten Totalitarismustheorien besteht auch darin, dass diese lediglich strukturelle Elemente von Herrschaft vergleichen bzw. herausstellen, während Nolte und andere spezifisch die politischen Lager auf einer Kreisbahn anordnen, so dass die „extreme“ Rechte und die „extreme“ Linke als nächste Nachbarn erscheinen (und z.B. heutzutage nicht mehr genau voneinander zu unterscheiden seien, vgl. auch Artikel „Das kategorische Dilemma des Konservativen“).

Auch wenn man Behauptungen vorfindet, der Historikerstreit habe keine besondere Nachwirkung auf die Bevölkerung gehabt, in Gestalt des Extremismusbegriffes scheint dies durchaus gelungen zu sein. Das scheint bis dahin zu gehen, dass jegliche politische Äußerung (von Protest, Reformwillen etc.) beliebig mit einem linguistischen Arsenal bedacht werden kann, welches sie in die Nähe des „Extremen“ bringt („Wutbürger„, „Gutmenschen“, „Polit-Sekte„).

Nach dem Bekannterwerden des Ausdrucks „totalitäre Herrschaft“ durch die italienische Debatte um Mussolinis Faschismus in den 1920ern war eines der ersten Herrschaftssysteme, auf welches der Ausdruck als Fachterminus übertragen worden war, dasjenige von Napoleon. Der ins Exil geflohene Jurist Karl Loewenstein schreibt 1936 in der „Zeitschrift für öffentliches Recht“ (Wien: F. Deuticke, Bd. 16, Heft 5, S. 619-651, insb. S. 644):

„In besonderem Maße hat er [Napoleon Bonaparte] die Gegebenheiten seiner militärischen Anlagen für die Führung der staatlichen Ordnung mobil zu machen gewußt. Hier ist der hervorstechendste Zug vielleicht der, daß die machtvolle Bürokratie, unentbehrlich wie sie zur Wartung eines totalitär anmutenden Staatswesens ist, niemals ihren Schöpfer überwuchs, und sein Genie als Staatsmann ist wohl kaum irgendwo überzeugender als in der Auswahl seiner Gehilfen und Mitarbeiter“ (zitiert nach: Loewenstein: Beiträge zur Staatssoziologie, 1961, S. 202; Napoleon nannte einen bestimmten Kreis seiner Gegner übrigens verächtlich „‚idéologues‘ oder ‚métaphysiciens‘ […], ‚die ins Wasser geworfen werden müssten'“, ebd. S. 180 [625/626]).

Loewenstein beschreibt eine Reihe von „Musterbeispielen“, hier der „diktorialen Verwaltung“ (S. 189 [633/634]), die sich am ancien régime orientiert, aber von „illusionslose[m] Realismus“ (S. 202 [644]) bestimmt sei – und das mit dem Vokabular der Moderne. In seinen „Betrachtungen über politischen Symbolismus“ (S. 289-310) heißt es in einem Anschluss an Max Weber:

„Es ist daher kein Zufall, daß sich im Zuge der religiösen und politischen Reformation die Demokratie in protestantischen Ländern fester verwurzelte als in den katholisch gebliebenen, und daß die Demokratie grundsätzlich weniger symbolbedürftig ist als die autoritäre Herrschaft der absoluten Monarchie.“ (S. 305)

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Viral im englischsprachigen Internet sind Zitate von Napoleon Bonaparte mit Bezug zu Religion: Z.B. diese sei exzellentes Mittel um das einfache Volk ruhig zu halten. Sie verhindere, dass arme Menschen die Reichen ermorden. Dieses Motiv wurde ursprünglich am 3. Juli von Alan Williamson auf Google Plus geteilt und durch atheistische Webseiten oder Social Media Accounts verbreitet. Ein Klick auf das Bild führt zur genannten Quelle.

In Frankreich sei ein Machtvakuum, das sich in den Jahren nach der Revolution 1789 eingestellt habe, ausgenutzt worden zur Errichtung einer totalitären Herrschaft, welche strukturell teilweise das (meistens katholische) Vorbild einer absoluten Monarchie kopierte. Die Beschreibung betont dabei die Person des „Führers“ (und seinen „Realismus“) und den entsprechenden „Führerkult“, dessen neu inszenierte „Legitimität“ aber „künstlich“ bleibe.

Zurück zur Religion oder „Faschismus“?

Neben Hinweisen auf z.B. Bassam Tibis „Der neue Totalitarismus. ‚Heiliger Krieg’ und westliche Sicherheit“ (Darmstadt 2004, der Islamismus drohe „zum Totalitarismus des 21. Jahrhunderts zu werden“) oder neben dem Trend in der Politikwissenschaft, bisher unter „Totalitarismus“ operationalisierte Gegenstände der Forschung als „politische Religion“ zu untersuchen – daneben spielt also die Religion zudem eine Rolle in der Vorgeschichte der politischen Moderne.

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George Orwells „1984“ wurde mehrfach verfilmt. Eine der ersten Verfilmungen produzierte die BBC 1954. Man sieht im Hintergrund den Bildschirm, auf welchem das Gesicht des „Big Brothers“ erscheint. Die erste deutsche Übersetzung stellte 1950 mein Großvater Kurt Wagenseil an. Dabei hatte er selbst beste Voraussetzungen für diesen Job: „Im Dezember 1935, neun Monate nach Einlieferung ins KZ Dachau, wurde Kurt Wagenseil auf Intervention des britischen Schriftstellers Harold Nicholson aus der KZ-Haft entlassen, und war um vieles mißtrauischer und vorsichtiger geworden. Als Lektor und Übersetzer im Deutschen Verlag verhielt er sich so unauffällig wie möglich, und als ihn das Auswärtige Amt unerwartet damit beauftragte, die feindlichen Propagandasender abzuhören und das Gehörte stenographisch aufzuzeichnen, wußte er seine maßlose Verblüffung über diesen Top-Secret-Auftrag geschickt zu verbergen. Seine ‚politische Vergangenheit‘ war bis zu dieser Stelle offenbar noch nicht vorgedrungen, und er hütete sich, auch nur den geringsten Hinweis darauf zu geben.“ (Börsenblatt Nr. 89 / 5. 11. 1976: Übersetzer in Deutschland [4]: Kurt Wagenseil, S. 16662f.). Ein Klick auf das Bild führt u.a. zum ganzen Artikel.

Aus dem anzitierten Diskurs heraus fand der „Führerkult“ u.a. seinen Eingang in die Beschreibungspraxis sogenannter „Sekten„, also Neuer Religionen. Wird eine auch das Politische einschließende, z.B. „ganzheitliche“ Utopie angestrebt, die keinen fortbestehenden demokratischen Diskurs erlaubt (oder zu erlauben scheint), bietet sich eine Anwendung des „Totalitarismus“-Begriffes an (oder wie oben bei Jutta Ditfurth die Rede von z.B. „Öko-Faschismus“).

Nun gab und gibt es sicherlich viele problematische Beispiele von Religionsexperimenten, welche zumeist aber auch in der ersten Generation scheitern, wie auch autokratische Regierungen, die ihre „totale Ideologie“ auf Religion aufbauten bzw. mittels religiöser Elemente konzipierten. Doch nur das ideelle Element allein, welches ein anonymer Wikipedia-Autor treffend den Zeitgeist einfangend mit „eine alles durchdringende totale Ideologie, die nicht auf ein kritisches Bewusstsein, sondern auf Überzeugung setzt,“ umschreibt, lässt keine eindeutige Bestimmung zu. Schon dass darauf bei den folgenden Beispielen auf den Nationalsozialismus nur „teilweise“ der „Marxismus-Leninismus“ folgt, zeugt genauso von einer problematischen Unschärfe wie diese Gegenüberstellung von „kritische[m] Bewusstsein“ und „Überzeugung“ – als ob ein demokratischer Parlamentarismus oder auch ein wissenschaftlicher bzw. im Grunde ein beliebiger Diskurs ohne Überzeugung mittels Argument auskäme. Zudem führen also demnach gerade linke „Ideologen“ (mit Napoleon wäre hier wohl noch „Metaphysiker“ zu ergänzen) die Rede vom „kritischen Bewusstsein“ im Munde – überzeugend oder nicht – bzw. haben den Ausdruck überhaupt erst geprägt.

Es erhärtet sich also der Verdacht, dass losgelöst von tatsächlichen oder wenigstens explizit angestrebten Herrschaftspraxen die bloße Bewertung einer Lehre als „Ideologie“ im „totalitären“ Sinne ein polemisches Spiel mit leeren Signifikanten ist oder zumindest sein kann. Es kommt dann eben genau darauf an, was genau die Verfechter einer Idee „radikaler Demokratie“, „permanenter Revolution“ oder einer „Diktatur des Proletariats“ sich unter diesen Schlagworten vorstellen.

Hinzukommt, dass die beiden französischen Schreckensherrschaften (der Revolutionäre um Robespierre und durch Napoleon) wie die damalige Sitzungsordnung im Revolutionsparlament bis heute die Bandbreite politischer Parteien sortieren, auch wenn diese sich aktuell neu orientieren. So gesehen wären es die (mehr oder weniger „extrem“) linken bis rechten Utopisten, deren eigentlich nicht verhandelbaren („totalitären“) Fernziele zum Motor demokratisch-parlamentarischer Diskurse werden, um wenigstens das Reformschiff in die eigene Richtung zu ziehen. Sogar isoliert scheinende politische Einzelinteressen können diskursiv weltanschaulich eingeordnet werden, selbst wenn ein heutiger Vertreter solcher Interessen diese Hintergründe selbst nicht kennt. Es entsteht der Eindruck eines Tauziehens, das niemand gewinnen darf. Und es wird sich zeigen, ob auch zukünftige Parteienlandschaften dieses Paradox bedienen werden. Es ist anzunehmen, dass die Rolle von „Weltanschauung“ innerhalb künftiger wie gegenwärtiger Parteiprogramme hier entscheidet (vgl. dazu Telepolis-Interview mit dem zeitgenössischen Philosophen Markus Gabriel, „Irrsinn, Illusion und Lüge existieren mit dem selben Recht wie die Wahrheit“ sowie „Wenn wir etwas mit Rationalität überziehen, erzeugen wir wider Willen neue Möglichkeiten der Irrationalität„, August 2013).

Und solange „Weltanschauungen“ miteinander im demokratischen Wettbewerb stehen (insofern es eine Demokratie bzw. „Parteien“ oder Interessengemeinschaften ohne einen weltanschaulichen Hintergrund überhaupt geben kann), bleibt „Religion“ (für manche eher die ehemals eigene, für andere eine neue scheinbar „übertrieben“ religiöse) immer auch der rhetorische Sündenbock, der „[e]ntspannt in die Barbarei“ zurückführe (Jutta Ditfurth). In eine Welt der vorgestellten Einstimmigkeit einer ‚katholischen‘ Verhärtung der Lehre (das Entstehen einer Einheitspartei), welche der absoluten Unterdrückung der Opposition entspräche. Dabei ist faktisch gar nicht auszumachen, ob es Weltanschauungen gibt, welche dagegen gefeit sind, dass ihre positiven Sätze in bestimmten Fällen oder allgemein mittels einschränkender Maßnahmen derart „gesichert“ werden, dass die Grenzen eines demokratisch-freiheitlichen Diskurses überschritten werden. Jedenfalls wird die Leserin / der Leser die Bezeichnung „deep state“ („Tiefenstaat“, ein Staat im Staate) der Washington Post für den gigantischen aufgedeckten amerikanischen Sicherheitsapparat wahrscheinlich als eine Ergänzung des Totalitarismus-Diskurses wahrnehmen. Also selbst eine „liberale“ Weltanschauung scheint in die Gefahr geraten zu können, das demokratische Tauziehen, das niemand gewinnen darf, zu entscheiden – und zu beginnen, z.B. einer parlamentarischen Entdemokratisierung (der Eindruck des Fehlens einer „echten Opposition“) eine juridische beizugesellen, welche sich in Tendenz allem Oppositionellen widmet, Grundrechte einschränkt und Sanktionen fürchten lässt.

Schließlich allerdings ist es nur ein Aspekt unter vielen, inwiefern jemand mit seiner Ansicht „Recht behalten“ will und wie konsequent und bis zu welchem Ende er oder sie dabei gehen möchte. Und inwieweit in einer Weltanschauung in ihrer aktuellen konkreten Form bereits auszumachen sein könnte, welche Maßnahmen sie im „Verteidigungsfall“ ergreifen würde.

Völlig unabhängig davon sind Weltanschauungen unterschiedlich stark diskriminierend, etwa da sie auf Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, Klassismus etc. aufbauen (oder z.B. auf der Bekämpfung solcher Diskriminierungen). Hierzu zählt aber auch, inwiefern Anhänger von manchen oder überhaupt Religionen diskriminiert werden aufgrund ihres Glaubens etc. oder ob Religionsfreiheit gewährt wird. Es bleibt eine spannende Frage der Zukunft, ob Weltanschauungen möglich sind, welche ohne Diskriminierung auskommen, wie sie in entsprechender Position mit den möglichen Versuchungen der Versicherung ihrer eigenen Idee von Freiheit umgehen mögen, also ob sie immerzu Demokratie und Menschenrechte achten – oder was eine Zukunft ohne Weltanschauung(en) (Markus Gabriel) bedeuten könnte.

Christoph Wagenseil

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5 Kommentare:

  1. Während dieser Artikel aktuelle Diskurse um linke Positionen und Religionskritik zurückverfolgt, sei auf die Vielfalt innerhalb der frühen französischen Debatte ab den 1790ern verwiesen (welche hier vornehmlich nur aus der Perspektive Loewensteins überhaupt eine Rolle spielt).

    Julian Strube, der kürzlich im REMID-Blog über esoterischen Neonazismus interviewt worden war, behandelt übrigens in seinem Dissertationsvorhaben das Thema „Sozialismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Die Suche nach einer Einheit von Wissenschaft, Religion und Philosophie“. Saint-Simonismus, Fourierismus, Leroux, Cabet, Buchez, Pecqueur u.a. vertraten linke Positionen, die selbst auf religiösen (katholischen) Grundlagen aufbauten. Der Titel des Dissertationsprojekts deutet dabei bereits an, welche für ReligionswissenschaftlerInnen spannenden Verquickungen sich dabei ergaben [Nachtrag 28. August: Darüber stand er im Interview Rede und Antwort].

    Des Weiteren sei auf das REMID-Interview zum Thema Befreiungstheologie verwiesen.

  2. „Die Epoche neigt dazu, totalitär zu sein, selbst wo sie keine totalitären Staaten hervorgebracht hat.“ (Herbert Marcuse)

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