Das ist ja voll 19. Jahrhundert! „Moderne“ und „Religion“ nicht nur im Kino

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„Eines Tages werden die Menschen sagen, ich habe das 20. Jahrhundert eingeleitet“ (From Hell, Trailer), diese Worte legen die Autoren Albert und Allen Hughes einer Neuverfilmung des Jack-the-Ripper-Stoffes 2001 dem berüchtigten Serienmörder in den Mund (vgl. auch Irina Gradinari: Genre, Gender und Lustmord. Mörderische Geschlechterfantasien in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa, 2011, S. 13). Angefangen hat es vielleicht mit der zunächst literarischen, später allgemein künstlerischen Bewegung des Steampunk: In größerem Umfang werden seit einiger Zeit Filme produziert, die in einem (teilweise fiktiven) 19. Jahrhundert angesiedelt sind. Es scheint dabei darum zu gehen, das „Geburtstrauma“ der Moderne zu reflektieren (im engl. Original heißt es: „I gave birth to the 20th century“).

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung des Artikels Erinnerungen an die Zukunft: “Science-Fiction” oder “Scientology”.

Genau genommen handelt es sich eher um ein „langes 19. Jahrhundert“ (frei nach Eric Hobsbawm die Phase von 1789 bis 1914). Wie in Tim Burtons Sleepy Hollow von 1999 (das 1799 spielt, aber auf einer Novelle von Washington Irving „The Legend of Sleepy Hollow“ von 1819-1820 beruht) oder in Ex-Monty-Python Terry Gilliams „Brothers Grimm“ (2005, Trailer), der um 1811 spielt, können Aufklärung und Magie gegeneinander antreten. Zwar gewinnen die Aufklärer (sei es der Ermittler aus der Stadt oder seien es die als Trickbetrüger dargestellten deutschen Dichter), doch stellt sich ihr Horror-Gegenüber zugleich als „real“ heraus (vgl. auch Artikel „Der Horrorfilm als derbe Predigt„).

nonplusultra

In der „Geschichte der Kreuzzüge“ von Ignaz Kankoffer (Wien 1863) folgt nach S. 184 eine Lage mit Anzeigen. Darunter folgende Sammlung von magischen Kunststücken als die „moderne Magie im 19. Jahrhundert“. Diese scheint sich in keiner Weise von dem „italienischen Trichter“ darunter (zum Erlernen der Sprache) abzusetzen und verweist auf das Bestehen einer bereits etablierten Bühnenzauberkunst. Aber sowohl Riedls „Gymnastik am Turmplatz und im Zimmer“ (unter anderem als „Heilmittel“ angepriesen) sowie der „Universal-Wortgrübler“ eine Seite zuvor (mit 24.000 Fremdwörtern) deuten darauf hin, dass hier alles als Anleitung und Sammlungswissen an die Leser gebracht wird. Im Grunde gilt es in dieser Zeit für Bühnenzaubertricks genauso wie für die sogenannten „Occult sciences“ oder „Geheimlehren“ (der indischen Brahmanen oder von Initiationsgesellschaften).

Nur ein kleiner Teil der in diesem Artikel genannten Filme kann zu dem erwähnten Steampunk gezählt werden oder enthält Elemente des folgenden charakteristischen Settings: Häufig sind dampf- und zahnradgetriebene Mechanik, viktorianischer Kleidungsstil, ein viktorianisches Werte-Modell, eine gewisse Do-it-yourself-Mentalität und Abenteuerromantik (a.a.O.). Diese Elemente sind durchaus für folgende Überlegungen von Interesse, doch soll es gerade nicht um eine Szene oder Subkultur gehen, sondern um ein weiter reichendes cineastisches (bzw. mediales) Phänomen.

Der epochale Ort des Übergangs hin zur Moderne wird zum idealen Schauplatz für eine besondere Sorte „Fantasy“. Hier ist es keine Parallelwelt, die wie Tolkiens „Mittelerde“ eigentlich ohne Bezug zur Realhistorie dasteht. Im Gegenteil findet eine Historisierung der Stoffe statt, welche an Fallbeschreibungen der Parapsychologie des frühen 20. Jahrhunderts erinnert. So entspricht die Story von Guy Ritchies „Sherlock Holmes“ (2009, Trailer) den Befürchtungen der Zeit: Detektiv Sherlock Holmes verhindert 1891 in London einen Mord und stoppt damit einen Mann, der für „okkulte Rituale“ schon fünf Mädchen tötete. Tatsächlich hatte Arthur Conan Doyle lediglich 1893 eine Kurzgeschichte „Das Musgrave-Ritual“ veröffentlicht, in dem der Text eines alten Rituals, „den seit Jahrhunderten jeder Musgrave aufsagen muss, wenn er volljährig wird“, eine Rolle spielt. Es handelt sich offenbar nicht um die Inspirationsquelle für angesprochenes Filmwerk.

Daneben bietet filmästhetisch dieses Subgenre die Möglichkeit einer übersteigerten Neuinszenierung des mechanistischen Zeitalters. Komplexe Gerätschaften und Apparate im Stil der Möglichkeiten des 19. Jahrhunderts ergänzen das magische Arsenal. Es ist wie eine neue Märchenwelt der Moderne (vgl. Artikel „Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik„), in der die Gebrüder Grimm (wie bei Gilliam) neben Jules Verne, Thomas Alva Edison, Edgar Allen Poe (James McTeigues The Raven, 2012, Trailer) oder den Freimaurern (wie bei den Hughes) als Märchenfiguren auftauchen können.

Obwohl die Geschichten zumeist erfunden oder sich weit von ihrer Vorlage (bei dem Grimm-Film für manche zu weit) entfernen, gilt zugleich ein gewisser Realismus. So entsprechen die Lebensstile, welche Gilliam den Grimms andichtet, durchaus sozialen Rollen, wie man sie zur anvisierten Zeit vorfinden konnte. Von der sogenannten „Populärphilosophie“ der Aufklärungsjournale wurden Geisterseher, Schatzsucher und andere – wie man heute sagen würde – „esoterischen“ Anbieter mit Kritik bedacht. Ein für Amerikaner sehr vertrautes Beispiel ist Joseph Smith, der sich vor seiner Begründung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) auch der Schatzsucherei mit Wünschelruten widmete (vgl. Darstellung der Foundation for Apologetic Information & Research [FAIR], einer Stiftung zur Verteidigung der genannten Kirche).

1557 - Agricola, Georg [Bechius, Philippus]  - Vom Bergkwerck - S. 31 Wünschelrutengänger

Georg Agricola, Vom Bergkwerck (De re metallica), übersetzt von Philippus Bechius (1557), S. 31. Wünschelrutengänger wurden anfänglich im Bergbau zur Auffindung von Erzen eingesetzt.

Auch in Ritchies Fortsetzung von „Sherlock Holmes“, „A Game of Shadows“ (2011, Trailer & Rezension) kommt eine mehr oder weniger zeitpäßliche „Magie“ zum Einsatz: Nebennierensekrete und plastische Chirurgie. Der Gegner wiederum erscheint zwischen „Napoleon des Verbrechens“ (Lida Bach) und Anarchismus.

Schon ein Blick in die Wikipedia (hier als Ausdruck einer zeitgeistnahen Lexikalisierung) legt nahe, warum das 19. Jahrhundert gerade die Zukunft gebiert:

„Bestimmte Worte waren dem 18. Jahrhundert weitgehend fremd. Das Wort „Entwicklung“ gehört zu ihnen. […]

Geschichte als Entwicklungsraum […]
Das 19. Jahrhundert zeigt sich begeistert von Kulturunterschieden, von der Option, dass gerade sehr lange Entwicklungen zu dem Zivilisationsstand führten, der in Europa herrscht. Die Andersartigkeit der Antike und des Mittelalters werden Untersuchungsgegenstände. Kulturelle Fremdheit wird produziert und im Historismus gegenüber der Vergangenheit in Anschlag gebracht. […]

Die Zukunft als neues Thema
Die utopischen Entwürfe des 16. und des 17. Jahrhunderts kamen bezeichnenderweise alle ohne die Zukunft als Projektionsfläche aus. […]
Mit der Ausdehnung der Vergangenheit wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Zukunft zum Raum, in dem eine neue Menschheit leben könnte. […]
Im 19. Jahrhundert kommen technologische Phantasien auf, die Science-Fiction entsteht mit Welten, in denen die Wissenschaften und die Technik für ganz neue Formen des Zusammenlebens sorgen.
Politische Richtungen und philosophische Schulen entwickeln ein dem gleichkommendes Interesse an der Zukunft als Raum politischer Zielsetzungen.“

(Version vom 29. Juni 2013, es scheint sich im Wesentlichen um eine Wiedergabe von Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2009 zu handeln)

Es wirkt geradezu folgerichtig, dass in einer Zeit, in welcher „postpolitische“ Bezüge zu einer Zukunft als Geflecht von Gefahren solche genuin politischen Bezüge zu einer Zukunft als offenen Raum der Gestaltung ablösen, der Science-Fiction an Dimensionalität verliert (vgl. Teil 1 Erinnerungen an die Zukunft: “Science-Fiction” oder “Scientology”), aber demgegenüber dasjenige Zeitalter an Popularität gewinnt, welches die Weichen der Gegenwart stellte – bzw. überhaupt die Zukunft als zu gestaltende entwarf.

Diese „Verwandlung der Welt“ zeugt dabei umgekehrt davon, wie sehr wir noch ähnliche systemische Grundmuster pflegen, welche ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert haben. Die im Zitat angedeutete Enzyklopädisierung der Wissensbestände mag im 18. Jahrhundert ihren Anfang genommen haben (vgl. Artikel Heilige Medien: Von der Teufelsbibel bis zur Tempel-App). Doch erst im 19. Jahrhundert bildeten sich diejenigen akademischen Strukturen heraus, welche wie die Spezialisierung der Wunderkammern zu Sondersammlungsbereichen die Wissensgebiete aufgliederten und in einem Baum daraus erwachsender Fachinstitute fixierten. Zwar hat sich erst gegen Ende des Jahrhunderts die basale Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften nach Wilhelm Diltheys Vorschlag etabliert (vgl. Artikel „Eine kurze Geschichte vom Sinn des Lebens„). Jedoch die genauen Profile von Fächern wie „Volkskunde“, „Soziologie“ oder „Religionswissenschaft“ gehen auf die Dauer dieses Jahrhunderts zurück – auch wenn selbstverständlich diese Fächer sich entwickelten, ihren Horizont entgrenzten oder ihren Namen (wie das Selbstverständnis) modernisierten. Gerade die Überwindung dieser Geburt und ihrer „Fehler“ gehört zum ‚Initiationsritual‘ in den jeweiligen akademischen Betrieb.

Eine Frankfurter Postkarte aus dem Jahr 1900: „Gelehrte und Forscher 1800 – 1900“. Darunter finden sich folgende Verse: „Was verschwiegen und verborgen / Aufzuhellen war euch Pflicht, / Unter tausend Müh’n und Sorgen / Suchtet ihr der Wahrheit Licht. / Durch Erfolge froh ermuntert, / Gabs für euch kein müssig Ruh’n. / Und so segnte das Jahrhundert / Euer Wirken, euer Thun!“

Einen linguistisch motivierten Fingerzeig liefert zudem der Trend einer neuen umgangssprachlichen Vergangenheitsbewältigung. Etwas sei „voll Achtziger“, „voll Neunziger“ oder eben „voll 19. Jahrhundert“. Nur noch das 20. Jahrhundert und die Siebziger kommen dabei auf nennenswerte Fundstellen bei Internetsuchdiensten. Alle anderen Jahrzehnte oder -hunderte haben höchstens vereinzelte Versuche, zumeist von MusikliebhaberInnen Parallelbildungen zu etablieren (bei den „Zwanzigern“ und „Fünfzigern“ dominieren Formulierungen, welche die Geldscheine meinen). Ähnliches gilt für „voll 21. Jahrhundert“. Offenbar hat sich längst eine neue Zeitrechnung etabliert, welche selbstverständlich die Erschaffung der Welt mit dem 19. Jahrhundert beginnen lässt. Zumal genaugenommen diese „Zeitrechnung“ dann unmittelbar in die 1970er Jahre springt und sich quantitativ aus den „Neunzigern“ ableitet. „Voll Mittelalter“ findet sich zwar auch, jedoch die Internetsuchmaschinen bringen jede Menge semantische Fehltreffer aus der Mittelaltermarktszene und auch die gewünschten Textfundstellen stehen oft entsprechenden Subkulturen nahe (Ausnahme: „Todesstrafe ist voll Mittelalter“; allerdings wurde deren Abschaffung zwar seit Ende des 18. Jahrhunderts diskutiert, aber erst mit der Europäischen Menschenrechtskonvention ab 1953 begann eine Abkehr von dieser Strafpraxis in größerem Umfang).

Sei es „diese romantische Bagage […], die so voll 19. Jahrhundert ist“ (2010), „Laufen“ (2008), „[S]tandbilder und ohne Sprachausgabe“ (2013), „das Konzept des Durchschlags“ [bei Formularen] (2010), „Humanismus“ (in einem Interview Freiburger Informatiker [Bernd Becker] hat Hörsaal-App entwickelt von Claudia Füßler für fudder.de, 2012) oder „Heidegger“ (2010), scheinbar finden sich zu allem Möglichen (das auf irgendeine Weise „noch“ aktuell ist) Anknüpfungspunkte zu einem realen oder fiktiven 19. Jahrhundert. Das indirekte Revival mag auch seine rechtlich-technischen Begleitumstände haben: So feiern die erwähnten Wissensbestände des 19. Jahrhunderts fröhliche Urstände und werden nicht nur von Laien wieder gerne zitiert, weil sie nicht mehr unter Copyrightbestimmungen fallen und digital allen zugänglich gemacht wurden.

Aber noch ein weiterer Aspekt des 19. Jahrhunderts macht es für Projektionen so geeignet:

„Zum einen gelten die Jahre um die Wende zum 20. Jahrhundert in Deutschland als eine besonders „religionsproduktive Zeit“ (Friedrich Wilhelm Graf [ein neuerer Aufsatz spricht 2009 vom „religiöse[n] Laboratorium der klassischen Moderne“; Anm. Red.]). Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte der Prozess der religiösen Pluralisierung auch in anderen Teilen Deutschlands eine besondere Dynamik angenommen, die um das Jahr 1900 herum einen Höhepunkt erreichte: Ehemals fremde Religionen waren präsent wie nie zuvor, religiöser und weltanschaulicher Nonkonformismus florierte.“ (Iris Edenheiser [Hg. im Auftrag des re.form leipzig e. V.]: Von Aposteln bis Zionisten. Religiöse Kultur im Leipzig des Kaiserreichs, Marburg: diagonal-Verlag 2010, beworben unter dem Stichwort „Religionsproduktivität im 19. Jahrhundert“, man vgl. auch Johannes Graul: Nonkonforme Religionen im Visier der Polizei: Eine Untersuchung am Beispiel der Mazdaznan-Religion im Deutschen Kaiserreich, Würzburg: Ergon 2013).

Religiöse, weltanschauliche und politische Bewegungen erhalten ernormen Zuwachs. Viele neureligiöse Phänomene von Theosophie über Spiritismus zu den modernen Rosenkreuzern und hermetisch-magischen Orden haben hier ihren Ursprung und verbinden sich schließlich zu einem nonkonformen Amalgam, das die zum „Fin de siècle“ geadelte Jahrhundertwende genauso prägte wie Lebensreform, Avantgardekunst, Décadence, Nietzsche und die Praxis der Manifeste. Im Grunde war es die Nachkriegsgeschichtsschreibung der 1950er Jahre, welche diese Moderne überhaupt erst als solche historisierte und zugleich – angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkrieges und einer Gegenwart des Kalten Krieges – ihren gemäßigten Abschluss allmählich fixierte (vgl. Giacomo Marramaos „Die Säkularisierung der westlichen Welt„, italienische Erstausgabe 1993, deutsch 1996; sowie: Fredric Jamesons „Mythen der Moderne„, Berlin 2007). Diese Geschichtsschreibung versuchte abzuschließen mit den Versuchungen des Totalitarismus. Ihre Ablösung erfuhr sie später durch sogenannte „postmoderne“ Kritiken, welche mit dem Projekt geschichtsphilosophischen Erzählens auf Grundlage einer allgemeinen großen, zukunftsleitenden utopischen Idee (einer Meistererzählung, die alles bestimmt) brachen (vgl. wiederum Teil 1 und Artikel „Ressource oder Wachstumsblase Bildung? ‚Religiöse‘ und utopische Aspekte eines besonderen Konzeptes„). In dieser Hinsicht ist also „die Moderne“ immerschon eine Geschichtsdeutung der Vergangenheit, die vergleichbar einer „Pubertät“ oder eines „Erwachsenwerdens“ die Gegenwart aus ihrem „Reifeprozess“ ableitet – aus einem symbolisch aufgeladenen „19. Jahrhundert“ als Ursuppe aller Entwicklungskonzepte.

So gesehen macht der cineastische Trend nur offensichtlich, wie sehr aktuell die narrative Reflexion über die Moderne dieses anfänglichen „Laboratoriums“ bedarf, um vor dem angenommenen späteren Scheitern von so mancher Idee eben dieses nachträglich, aber offen zu reinszenieren. Man kann sich dabei sicherlich fragen, inwiefern die Zeit der 1970er oder andere Jahrzehnte sich entsprechend eignen für bestimmte (vielleicht kunstästhetisch bereits tragische) Formen der Neuauflage – oder ob doch der Diskurs sich letztlich dafür entschied, die „Avantgarde“ nicht in die Gegenwart weiterreichen zu lassen, sondern die generationsbedingt späteren „Nachahmer“ zu einem z.B. subkulturellen oder Jugendphänomen zu erklären (vgl. Artikel „Aussteiger. Zur Geschichte eines einstigen Modewortes“ sowie für eine ähnliche Entwicklung am Beispiel der „Esoterik“ und ihrer Geschichte „Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?„).

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Der Steamtop oder Steampunk Desktop ergänzt das 19. Jahrhundert per Retrodesignkunst um einen Computer.

Bild von Jake von Slatt unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 2.0.

Auf der anderen Seite zeugt diese Mythisierung der Aufklärung durch ein medial neu erschaffenes 19. Jahrhundert nicht nur von einem postmodernen Romantizismus. Auch suchen nicht alle Filme zu verzaubern bzw. an einen oft diffus gehaltenen „Glauben“ zu appellieren. Oder den liberalen Mythos in seinen besten Tagen darzustellen. Vielmehr gehört es gerade zur Stärke dieses Experimentierfeldes, integral neue Wege ausloten zu können. Dazu gehören die Persönlichkeiten und Charaktere dieser Epoche, ihre Errungenschaften wie ihre Schrecken: die Vernetzung der ganzen Welt wie der Kolonialismus, die Wunder der Technik wie die Erfahrungen mit neuen Arten der Kriegsführung, die allgemeine Politisierung wie die Anfänge des modernen Terrorismus, eine Weltliteratur wie auch Propaganda z.B. in Sachen Antisemitismus.

Zu dieser Epoche gehört auch die bewusste Reflexion der Vergangenheit und aller überlieferten Traditionen. Gerade auch daher ist es zugleich – und auch das macht es so geeignet für narrative Experimente – das Zeitalter von Religion und Magie. Oder allgemeiner: Eine Zeit der Umbrüche und Veränderungen, in der vieles möglich war – und zumindest fiktiv noch ist.

Christoph Wagenseil

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