Bis 120! – Altersbilder im Judentum

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„Demografie entscheidet alles“, zitiert Gil Yaron im Juli in der Rhein-Neckar-Zeitung Amnon Sofer, Professor für Geographie in Haifa, dessen Annahmen zur künftigen Bevölkerungsverteilung in Israel und den umstrittenen Gebieten israelische politische Debatten anstoßen. Ebenfalls im Juli schreibt Mathias Kamann in der Welt: „Deutschen Juden droht Armut im Alter„: Heute garantierten sie den Bestand jüdischer Kultur – morgen werden die meisten arm sein. Denn knapp 90 Prozent der hier lebenden Juden sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und haben nur minimale Rentenansprüche. Wie ist die Situation jüdischer SeniorInnen in Deutschland? Welche Altersbilder gibt es im Judentum? Zu diesem Thema interviewten wir die Religions- und Kulturwissenschaftlerin Maria Mahler.

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Eigene Grafik nach Daten der Mitgliederstatistik der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (Stand: 31.12.2012). Es handelt sich um die jüdischen Gemeinden und Landesverbände, welche dem Zentralrat der Juden in Deutschland zugehören. Nur 30% sind jünger als 41 Jahre. Zur Vergrößerung klicken Sie auf die Grafik.

Nicht nur aufgrund des demographischen Wandels steigt die Bedeutung von Altenpflege unterstützenden Maßnahmen. Ein besonderer Bereich, der in einer pluralistischen Gesellschaft immer wichtiger werden dürfte, ist kultursensible Pflege. Worum geht es und was hat das mit Religionen zu tun?

Kultursensible Pflege nimmt den kulturellen Hintergrund von PatientInnen in den Blick. Das betrifft natürlich auch die religiöse Orientierung. Wissen über Essensvorschriften, Gebete oder rituelle Waschungen kann Missverständnisse vermeiden. Wichtig ist aber auch, die PatientInnen nicht auf ihre Kultur oder ihre Religion zu reduzieren.

In Ihrer Masterarbeit haben Sie zu Altersbildern in Judentum gearbeitet. Dabei haben Sie einer Literaturrecherche Interviews in entsprechenden Einrichtungen gegenübergestellt. Welche allgemeinen Bilder des Alters konnten Sie vorfinden und in welchen Aspekten unterschieden sich gerade die Ergebnisse der beiden Vorgehensweisen?

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Selbst als Comicfigur und Superheld ist Moses ein alter Mann. („A powerful prophet“, gezeichnet von Genzoman alias Gonzalo Ordóñez Arias). Ein Klick auf das Bild führt zur Seite des Künstlers. Auch dort findet sich die Wendung „Bis 120!“.

Bild von Genzoman unter Public Domain.

Allgemein gibt es in Tanach und Talmud sehr bildliche Beschreibungen des Alters, insbesondere in den verschiedenen Wörtern, die für Ältere bzw. das Alter verwendet werden. Das graue Haar, der Bart oder die gebückte Haltung sind hier nur Beispiele. Verschiedene Metaphern umschreiben das Alter, z.B. der Dornenbusch, der im Vergleich zur Rose der Jugend nicht schön, aber stark und beständig ist. Weiterhin wird das Alter sehr häufig im Bezug zu biblischen Figuren erwähnt, wie z.B. Abraham, Moscheh [Moses; Anm. Red.] oder Sarah. Die biblischen Personen oder Metaphern waren in den Interviews weniger von Bedeutung. Wichtiger war hier die lebenslaufübergreifende Perspektive: der Geburtstagswunsch עד מאה ועשרים (ad mea we’esrim, Bis 120!), das Gebot der Eltern- bzw. Altenverehrung oder das lebenslange Lernen. Interessanterweise war das Lebensalter 120, welches z.B. Moscheh erreicht haben soll, ein besonderer Streitpunkt: Während scherzhaft davon ausgegangen wurde, dass man dieses Alter doch erreichen müsse, fand eine andere Befragte den Wunsch: „Bis 120“ unrealistisch und geschmacklos besonders älteren und kranken Menschen gegenüber.

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Nicht nur Rembrandt malte ein Porträt eines „alten Juden“ (1654). Picasso, Marc Chagall, Hermann Struck, die abendländische Kunstgeschichte bearbeitet dieses Motiv immer wieder zwischen Bild des Guten Alterns, Sozialstudie und Antisemitismus.

Was können Sie am Beispiel des Judentums über religionsbezogene Einrichtungen für SeniorInnen sagen? Wie unterscheiden sich diese von z.B. einem „gewöhnlichen“ Altersheim?

Die Frage ist schwer zu beantworten, da sich Altersheime immer mehr unterscheiden. Da gibt es in der Bevölkerung meiner Meinung nach ein ziemlich negatives Bild, welches von der Realität abweicht.

Claus Fussek hat gerade ein Buch über die inhumane Situation in den Altenheimen veröffentlicht. Dort wird schlechte Pflege mit „Folter“ verglichen.

Schlechte Beispiele für Altersheime gibt es auch, das ist ein wichtiges Thema. Allerdings gibt es auch Best-Practice-Einrichtungen.

Mein Eindruck von den von mir besuchten Altenheimen war, dass Biografie und Religion der HeimbewohnerInnen besonders berücksichtigt werden. Das betrifft auch Shoa- und Migrationserfahrungen. Eine koschere Küche und eine Synagoge sind ebenso vorhanden. Das Leben der BewohnerInnen ist – soweit möglich – selbstständig. Eine Interviewpartnerin meinte, sie lebe so, wie sie immer gelebt habe.

In den Interviews spielt auch die Erinnerung an die Verbrechen des Dritten Reiches eine Rolle. Wie gehen die unterschiedlichen Persönlichkeiten, mit denen Sie sprachen, damit um?

Meine InterviewpartnerInnen waren insgesamt sehr unterschiedlich. Die Personen, die Shoa-Erfahrungen haben, sprachen sehr offen mit mir darüber. Ich habe gemerkt, dass sie sich schon lange mit ihren Erfahrungen auseinandersetzen. Teilweise haben sie auch Bücher geschrieben oder nehmen bzw. nahmen an Zeitzeugengesprächen teil. Außerdem ist Gedenken ein wichtiger Bestandteil der Einrichtungen, es gibt Gedenkveranstaltung oder sogar eine Gedenkstätte für die während des dritten Reichs ermordeten HeimbewohnerInnen.

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Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wurde zwischen 2003 und 2005 in der Nähe des Brandenburger Tors in Berlin errichtet.

Bild von Zanthia unter Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 2.0.

Bis vor einigen Jahren herrschte der Trend vor, z.B. ältere potenzielle Arbeitsnehmer zu diskriminieren mittels Unterstellungen, etwa neuere technische Entwicklungen würden sie überfordern oder sie wären für den Arbeitsmarkt unattraktiv. Wie gingen die Betroffenen mit diesen in der Gesellschaft bestehenden Vorurteilen gegenüber dem Alter um?

Es gab durchaus InterviewpartnerInnen, die Schwierigkeiten mit ihrem Altern haben. Das hängt natürlich auch mit den vorherrschenden, gesellschaftlichen Altersbildern, aber auch mit der gesundheitlichen Situation des einzelnen zusammen. Das Aktive Altern z.B. in Bezug zu Ehrenämtern ist derzeit besonders im Fokus. Es stellt natürlich einen Unterschied dar, ob man sich persönlich gegen z.B. ein Ehrenamt entscheidet oder ob dies aus gesundheitlichen Gründen notwendig ist.

Welche Bedeutung hatte Religion grundsätzlich für die von Ihnen Befragten?

Das war sehr unterschiedlich – für die einen war Religion von großer Bedeutung, ein Befragter hingegen war nach eigener Aussage noch nie in einer Synagoge.

Was erwarten Sie auf das Alter bezogen für das deutsche Judentum in nächster Zukunft? Was davon könnte generell für eine pluralistische Gesellschaft wichtig werden?

Der Anteil der Über-60-Jährigen wird weiterhin stark steigen – in den jüdischen Gemeinden ebenso wie in Deutschland insgesamt. Die Berücksichtigung von Biografie, kulturellem und religiösen Hintergrund wird meiner Meinung nach insgesamt an Bedeutung gewinnen.

Zumindest hoffe ich das, da die Nicht-Berücksichtigung nicht nur zu Missverständnissen, sondern sogar zum Selbstmord eines Patienten führen kann, wie mir in einem Gespräch berichtet wurde.

Außerdem haben wir noch die Möglichkeit, mit Shoa-Überlebenden zu sprechen. Wichtig ist aber auch, dass die zukünftigen Alten sich von den heutigen unterscheiden werden. Kinder und Enkel von Shoa-Überlebenden werden dann in jüdischen Senioreneinrichtungen leben, bzw. noch mehr Juden, die als Kontingentflüchtlinge [aus ehemaligen Sowjet-Republiken; Anm. Red.] einen anderen Zugang zur Shoa haben. Für mich heißt das insbesondere, dass der Forschungsbedarf weiterhin hoch sein wird.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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Ein Kommentar:

  1. Pingback: Altersbilder im Judentum – Vortrag bei Religion am Mittwoch | AltersKultur

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