Peter Pan und die zwölf Stämme: Das Spiel als Paradigma

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Es ist eine grundsätzliche Frage, wie sie auf strukturell ähnliche Weise an viele Gegenstände wissenschaftlicher Betrachtung herangetragen werden kann: Wurde die Kindheit als eine spezifische Lebensphase erst erfunden – im Europa des 18. Jahrhunderts von frühen Pädagogen wie Johann Bernhard Basedow und Joachim Heinrich Campe, die auch erste Kinderbücher schrieben? Und mit ihr das kindermäßige Spielen? Wie sehr ist das ein eurozentrischer Diskurs, wo auf der einen Seite diejenigen fiktiven Figuren stehen, welche eine Art ewige Kindheit verkörpern – wie Peter Pan und Pippi Langstrumpf – und auf der anderen Seite aktuell vielleicht Menschen von Sondergemeinschaften, die wie bei den Zwölf Stämmen glauben, „in der Welt des Spielens und der Phantasie wartet der Teufel, und den muss man den Kindern austreiben“ (Wolfram Kuhnigk nach Artikel in der Süddeutschen vom 9. September)?

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Cover von Sir James Matthew Barrie: „Peter Pan and Wendy“, 1915. Die Erstausgabe wurde 1911 publiziert, zuvor tauchte die Figur bereits in anderen Werken Berries auf. Ein Klick auf das Bild führt zum englischen Text der Erzählung.

I. Die Grundschule als Garant gelebter Toleranz

Die erwähnte Religionsgemeinschaft bemühte sich daher seit Jahren darum, dass die eigenen Kinder nicht dem Schulunterricht öffentlicher Schulen ausgesetzt werden (vgl. unsere ältere Informationsseite über Homeschooling). Zudem stehen nach einer Undercover-Recherche des erwähnten RTL-Journalisten Kuhnigk Vorwürfe schweren Kindesmissbrauchs im Raum: Es geht um systematische Formen starker körperlicher Züchtigung. Die Kinder wurden aktuell mit Hilfe der Polizei in Pflegefamilien untergebracht.

In einem anderen Fall, wo christlich motivierte Eltern Heimunterricht bevorzugen wollten, begründete der Bundesgerichtshof seine Entscheidung folgendermaßen:

„In der Sache hat der Bundesgerichtshof die – auf Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts gestützte – Auffassung der Vorinstanzen bestätigt, dass der Besuch der staatlichen Grundschule dem legitimen Ziel der Durchsetzung des staatlichen Erziehungsauftrags diene. Die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, der Entstehung von religiös oder weltanschaulich geprägten ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten auf diesem Gebiet zu integrieren. Integration setze dabei auch voraus, dass religiöse oder weltanschauliche Minderheiten sich nicht selbst abgrenzten und sich einem Dialog mit Andersdenkenden und -gläubigen nicht verschlössen. Dies im Sinne gelebter Toleranz einzuüben und zu praktizieren sei eine wichtige Aufgabe der Grundschule“ (Beschluss vom 11. Sept. 2007).

Zwar könnte man sich auch fragen, inwiefern diese Argumente nicht auch für Förderstufen bzw. schulformübergreifenden Unterricht oder gegen teurere Privatschulen eingebracht werden könnten – sowie ob der Schlüsselbegriff „Parallelgesellschaften“ vielleicht letztlich nicht so sehr ‚radikale‘ christliche Religionsgemeinschaften anvisiert und anderes bereits präventiv mitdenkt: Die Grundschule bzw. die frühkindliche Erziehung werden zum Garanten, wenn nicht zum wichtigsten Produzenten gelebter Toleranz (bzw. zumindest erzwungener Konfrontation).

Das Jahrhundertprojekt „Bildung“ setzt hier an und sämtliche ausbildungstranszendente Inhalte erhalten hierher ihr Gepräge (vgl. Artikel Ressource oder Wachstumsblase Bildung? “Religiöse” und utopische Aspekte eines besonderen Konzeptes). Die Entwicklung zum mündigen Bürger als idealische Konzeption ergänzt in diesem Sinne das pädagogische Programm. Der „Entwicklungsroman“ um 1800 ist in dieser Hinsicht nur die zweite Hälfte der damals entstehenden Pädagogiken für ein neues Konzept der Kindheit und Johann Wolfgang von Goethes „Wilhelm Meister“ zeigt mit seinen acht Teilbüchern nur zu deutlich, dass der Übergang von dem einen ins andere nicht gerade einfach konstruiert werden konnte (vgl. Artikel Religion und Arbeit: ein komplexes Verhältnis zwischen Vision und Ethik). Die Lösung bot letztlich ein Subkultur-Diskurs, welcher gesellschaftliche Avantgarden als Jugendphänomen bagatellisierte oder gar pathologisierte (vgl. Artikel Aussteiger. Zur Geschichte eines einstigen Modewortes).

II. Adultismus und Kindesmissbrauch

Eine Gegenposition spricht seit den 1990ern von „Adultismus“:

„Der Begriff verweist auf die [diskriminierende; Anm. Red.] Einstellung und das Verhalten Erwachsener, die davon ausgehen, dass sie allein aufgrund ihres Alters intelligenter, kompetenter, schlicht besser sind als Kinder und Jugendliche und sich daher über ihre Meinungen und Ansichten hinwegsetzen“ (ManuEla Ritz im Katalog des Fortbildungsanbieters „Die Schule für Berufe mit Zukunft„)

Der Begriff wurde parallel zu „Rassismus“ oder „Sexismus“ gebildet. Ein häufiges Beispiel der Adultismus-Kritiker ist der sexuelle Missbrauch von Kindern:

„In Familien werden die Grenzen der Kinder oft missachtet oder erst gar nicht wahrgenommen. Es kommt auch zu Grenzverletzungen im Bereich der Intimität von Mädchen und Jungen. Eltern haben ein Recht auf den Körper ihrer Kinder und dies wird oft als ’normal‘ angesehen“ (Christa Wanzeck-Sielert: SchiLF. Ein Modell zur LehrerInnenfortbildung für die Prävention von sexuellen Missbrauch, in: Schulische Prävention gegen sexuelle Kindesmisshandlung, hrsg. von Brunhilde Marquardt-Mau, 1995, S. 283-300, Zitat S. 285 unter der Überschrift „Adultismus“)

Es mag ein Zynismus des Diskurses sein, dass Pädophile im Umkehrschluss häufiger bereits zu suggerieren versuchten, sie hätten gerade nicht ihre Macht als Erwachsene missbraucht, sondern – scheinbar ‚anti-adultistisch‘ – auf angebliche sexuelle Wünsche der Heranwachsenden reagiert und sie zugelassen. So etwa lesen sich die in die Kritik geratenen Äußerungen des Politikers Daniel Cohn-Bendit:

„Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. […] Ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: ‚Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?‘. Wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt.“ („Der große Basar“ 1975)

„Wissen Sie, wenn ein kleines fünf-fünfeinhalbjähriges Mädchen beginnt, sie auszuziehen, ist das fantastisch. Es ist fantastisch, weil es ein Spiel ist, ein wahnsinnig erotisches Spiel.“ (1982 in einer frz. Talkshow, beide Zitate nach Telepolis)

Der Kindesmissbrauch bei den Zwölf Stämmen geht in seiner ideologischen Dimension parallele Schritte und erklärt bereits Zweijährige, sobald sie „Ja“ und „Nein“ unterscheiden können, zu Erwachsenen. Die Kindheit als spezifische Lebensphase wird abgeschafft und mit ihr das einer Sphäre des Satans zugerechnete Spielen.

Allerdings spricht auch Cohn-Bendit nicht zufällig so häufig in den Zitaten vom „Spiel“ oder „Spielen“:

„Die Situationisten propagierten eine ‚auf das Spiel gegründete Gesellschaft. Nichts verlangt mehr Ernst. Die Zerstreuung ist das königliche Zeichen, das zu einem Gut aller werden muss‘ [zit. nach: Nilpferd des höllischen Urwalds – Situationisten, Gruppe Spur, Kommune 1, Berlin 1991, S. 66]. Die Gebrüder Cohn-Bendit sprachen von einer ‚Bekämpfung jüdisch-christlicher Versuchungen wie Entsagung oder Aufopferung, weil der revolutionäre Kampf nur ein Spiel sein kann, bei dem alle mitspielen wollen müssen‘ [Daniel und Gabriel Cohn-Bendit, Linksradikalismus, Hamburg 1968, S. 269f.]. Der vermeintliche Widerspruch zwischen spielerischer Befreiung auf der einen und zwanghafter Unbedingtheit auf der anderen Seite löst sich auf, sobald man bedenkt, dass der neue Kollektivzusammenhang von jedem einzelnen erwartete, permanent zur kollektiven Lebens- und Luststeigerung beizutragen, d.h. im antiautoritären Verständnis der Produktivität: Spaß zu haben, zu spielen“ (Simon Kiesling: Die antiautoritäre Revolte der 68er. Postindustrielle Konsumgesellschaft und säkulare Religionsgeschichte der Moderne, Köln/Weimar 2008, S. 203).

III. Das Paradigma des Spiels in der Moderne

Nun ist diese Gegenüberstellung sehr gewagt. Leicht könnte übersehen werden, dass beide Fälle von realem oder angedachten Kindesmissbrauch zwar den Kindern mündige Entscheidungen zuschreiben (und so auf ihre Weise auf den Adultismus der Gesellschaft antworten), aber dass sie gerade bezüglich des Spielens (und damit offenbar auch in der Haltung zur Sexualität) eher zwei entgegengesetzte Extrempositionen darstellen, die am jeweils anderen Ende versuchen, die Trennung von Kinder- und Erwachsenenwelt aufzuheben. Dass beide Ansichten in den Missbrauch führen (können) ist sicherlich kein Zufall.

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Anlässlich von Pippis 60jährigen Geburtstag erschienen 2009 einige Würdigungen dieses Werks von Astrid Lindgren. Die Jugendbuch-Heldin gilt dort als „schwedische Rebellin und Vorbild der Frauenbewegung“ oder als „Autonome und Anarchistin, lange bevor die Jahreszahl 1968 eine Bedeutung bekam; auch als Erfinderin des Punk – 40 Jahre vor den Sex Pistols“. Zur Vergrößerung des Ausschnitts aus der Verfilmung von 1972 klicke man auf das Foto.

Bild von Nationaal Archief, Den Haag, Rijksfotoarchief: Fotocollectie Algemeen Nederlands Fotopersbureau (ANEFO), 1945-1989, Nr. 925-5511 unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0 NL.

Und das hat diskursgeschichtliche Gründe (vgl. auch Artikel „Religion und Missbrauch: Die neue Sorge um das Kind„): Während atheistische Autoren heute religiöse Erziehung grundsätzlich als „mentalen“ Kindesmissbrauch kritisieren, beginnt z.B. 1958 mit Hannah Arendt eine Debatte über das „Ende der Pädagogik“, welche sich zugleich eine „künstliche Kinderwelt“ und gegenüber den „absolut überlegenen“ Erwachsenen konstruiere. Rechtlich muss und kann das Kind keine Verantwortung für seine Taten übernehmen. Nach Arendt übernähmen aber auch die Erwachsenen keine Verantwortung mehr für die Welt, insofern „Autorität und Tradition“ keine Rolle mehr spielten – wie zuvor, wo es entsprechend nur jüngere und ältere erwachsene unmündige Untertanen gab. Seit dem 18. Jahrhundert spätestens führe ein „Pathos des Neuen“ zu einer rousseauistischen Ausprägung des Erziehungswesens, da „Aufklärung“ Politik und Erziehung verwischt hätte (gerade in der „Neuen Welt“, wo sie sich von der „Alten“ abgrenzen wollte). Das – und hiermit endet das Arendt-Referat – „unschuldige“ Kind als „Tabula rasa“ ist nicht nur Voraussetzung für adultistische Diskriminierung, sondern ein Stück Rousseau scheint notwendige Bedingung für die aufklärerische Hoffnung, der „Austritt des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant) sei überhaupt möglich. Es ist für viele große Gesellschaftsentwürfe und Theorien daher ein Übliches, den verantwortungsvollen mündigen Bürger zu den Voraussetzungen zu rechnen (z.B. in der Diskursethik Karl-Otto Apels als Grundlage demokratischer Souveränitätskonzepte).

Im neukonservativen Weltbild z.B. jener genannten christlichen Gemeinschaften (vgl. Artikel Das Dilemma des Konservativen) können Tradition und Autorität, Verantwortung und Erwachsenenwelt wieder sozusagen widerspruchsfrei verknüpft werden. Demgegenüber ist also das Dilemma des (demokratischen) Progressiven, dass er den mündigen Bürger immer zugleich voraussetzen und erzieherisch erzeugen muss.

So gesehen hatte auch „Peter Pan“ und das Never never land immer schon einen utopischen Charakter (eine radikalere Variante ist vielleicht Jean Cocteaus „Kinder der Nacht“ bzw. „Les Enfants Terribles“ von 1929 als Roman einer „Jugend, die sich als Selbstzweck setzt“, so der Klappentext der dt. Ausgabe von 1953); und so wie sich heute im Sprachgebrauch ein Peter-Pan-Syndrom finden lässt, bemühen entsprechend andere schon ein Pippi-Langstrumpf-Syndrom (ersteres insbesondere in populärpsychologischer Literatur, letzteres eher als rhetorische Wendung, vom verlinkten [scherzhaften!] Stupidedia-Artikel abgesehen).

Und das Spiel wird zum wichtigsten Medium für die Vermittlung neuer progressiver Ideen. Damit verbände die Aufklärung des 18. Jahrhunderts (mit ihren Vorläufern bis zur Prinzenerziehung des Barock) die neue Kindheit erst mit dem Spiel als etwas, was zur Sphäre der Kindheit dazugehört.

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Abbildung aus dem aztekischen Codex Magliabechiano (16. Jh.). Florenz, Biblioteca Nazionale Centrale, CL. XIII. 3 (B. R. 232). Das aztekische Wort Ullamaliztli setzt sich aus „Ballspiel“ und „Kautschuk“ zusammen. Die Bedeutung des Spiels ist umstritten. Ein Klick auf das Bild führt zu einem Digitalisat der Handschrift.

Eine so gestaltete Rekonstruktion schreibt also eine ganz andere Geschichte des Spiels als eine solche, welche bei archäologischen Funden prähistorischer Würfel, Brot und Spielen im antiken Rom, diversen Orakeltechniken, den gefundenen Ballspielplätzen der alt-mesoamerikanischen Kulturen etc. anfängt, um über die Turniere und Aventüren der Ritter des Mittelalters (mittelhochdeutsch spil heißt Freude, Tanz, Musik, Kampf, Turnier; auch gibt es drei Belegstellen für kindes spil) sowie die religiösen Bei-Spiele der Prediger hin zu der Entdeckung christlicher Missionare im China des 17. Jahrhunderts zu führen, dass die „Entdeckten“ auch daher als „zivilisiert“ erschienen, da man bei ihnen das Schachspiel als vertraut ausmachte. Johan Huizingas „Homo ludens“ (lat. für „der spielende Mensch“, 1938/39) erweitert daher nur scheinbar den Spielbegriff hin zu einer allgemeinen Eigenschaft des Menschseins, denn eigentlich überträgt er nur den hier rekonstruierten modernen Spielbegriff auf eine „Kindheit“ der Menschheit.

Und möglicherweise erkennt eine Ludologie (oder: Game studies), welche das Spiel mit Rousseau und Huizinga zum allgemeinen Prinzip (v)erklärt, nicht, welche Tragweite ihm als einem Paradigma der Moderne zukommt.

Christoph Wagenseil

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