Übersetzer als Konquistadoren. Eine Geschichte der „Eroberung“ heiliger Texte durch den Westen

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So wie viele historische Irrtümer über Andersgläubige oder „fremde Kulturen“ häufig auf Unkenntnis oder irrtümlicher Kenntnis beruhen, existieren heute insofern falsche Einschätzungen vergangener Kulturepochen und ihrer Konfliktlagen, als dass der Weg der Kunde in den Westen nicht geläufig ist. Die Geschichte erster Beschreibungen und früher Übersetzungen z.B. nicht-christlicher heiliger Texte eröffnet dabei einen anderen Blick sowohl auf die für eine Globalisierung bedeutsame philologische Aufarbeitung dieser Wissensbestände durch die „westlichen Kulturen“ (vgl. aber auch Interview zum Eurozentrismus) als auch auf diejenigen Transformationsprozesse, welche durch diese sozusagen „geistige Eroberung“ des Fremden allmählich in Gang gebracht worden sind.

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Einleitung: Buddha als christlicher Heiliger?

Wer heute zum Beispiel über Buddhismus forscht oder sich ihm aus privatem Interesse  widmet, weiß wahrscheinlich nicht, dass zunächst lediglich bekannt war, dass Buddha ein Philosoph war, den der „Ketzer“ Mani (216-276), Begründer der spätantiken Weltreligion des Manichäismus, als einen seiner Lehrer angab, aber dass es eine eigene Weltreligion des Buddhismus geben sollte, war der westlichen Welt erst um 1800 aufgegangen (vgl. Philip C. Almond: The British Discovery of Buddhism, 1988, S. 7ff.).

Dabei ist eine Darstellung des Lebens Buddhas sogar in Gestalt der – stark verfremdeten – christlichen Heiligenlegende von Barlaam und Josaphat seit dem 10. Jahrhundert bekannt:

Dem heidnischen König Avenier in Indien wird bei der Geburt seines Sohnes Josaphat geweissagt, daß dieser sich gegen den Willen des Vaters zum Christentum bekehren werde. Um zu verhindern, daß die Prophezeiung sich erfüllen kann, läßt A. seinen Sohn vom Leben abgeschirmt erziehen und befiehlt, alle Christen im Lande zu verfolgen. Als J[osaphat] die Welt zu sehen begehrt und ihm gestattet wird, den Palast zu verlassen, begegnet er dem Leid in Gestalt eines Aussätzigen, eines Blinden und zuletzt eines Greises. Betroffen beginnt J. nach dem Sinn des Lebens zu fragen und ob nâch dem tôde ein ander leben (v. 1357) möglich sei. In dieser Not wird ihm von Gott der Einsiedler Barlaam von der Insel Sennââr geschickt, der ihn in der Christenlehre unterweisen soll. J. wird bekehrt und selbst dazu berufen, das Christentum zu verbreiten. Als der Vater erkennen muß, daß alle Versuche fehlschlagen, den Sohn J. vom christlichen Glauben wieder abzubringen, überläßt er ihm das halbe Reich in der Hoffnung, daz im [= J.] der welte rîchez guot von gote drunge sînen muot (v. 13411 f.) ─ bis er zuletzt, durch das Vorbild J.s endlich überzeugt und selbst zur Konversion bewogen, die Herrschaft ganz abgibt, um als frommer Einsiedler sein Leben zu beschließen. J. erfüllt seinen Bekehrungsauftrag als Fürst an seinem Volk, und nach dem Tode des Vaters wählt auch er die Weltabkehr als religiöse Lebensform. (Wolfgang Walliczek: Artikel „Rudolf von Ems“; in: Verfasserlexikon, Bd.8, 1992, Sp. 330f.)

Die deutsche Übersetzung von Rudolf von Ems (1225) gilt dabei als episch ausgestaltet im Vergleich zu der etwas früheren (1200) Otto des II. von Freising. Für die Rezeption entscheidend war die Aufnahme in die Legenda aurea des Dominikaners Jacobus de Voragine. Geordnet nach dem Kirchenjahr informierte das Werk über religiöse Feste und „Der Heiligen Leben“ (so der geläufige Titel der deutschen Fassung). Im mittelalterlichen Christentum ist so Buddha quasi unbemerkt als Heiliger kanonisiert worden – bei gleichzeitiger völliger Unkenntnis seines tatsächlichen Kontextes.

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Das Verhältnis zum Wissen der Nachbarn

Die suggestive Opposition, welche mittelalterliches oder frühneuzeitliches Schrifttum gegenüber Islam und Judentum markiert, überhaupt die Idee eines monolithischen christlichen Abendlandes im Mittelalter forciert Missverständnisse. Tatsächlich spielten in diversen historischen Prozessen – gerade in solchen, welche heute als progessiv gedeutet werden – die Kontakte mit Judentum und Islam eine große Rolle: sei es als Vermittler zwischen den Kulturen oder als Bewahrer der Antike (vgl. auch Christoph Auffahrt: Pluralismus und Religion im Mittelalter. Das Mittelalter als Teil der Europäischen Religionsgeschichte; in: Religiöser Pluralismus im Mittelalter? Besichtigung einer Epoche der europäischen Religionsgeschichte. Berlin 2007, S. 11-24). Überhaupt gibt es verbindende Traditionen der sogenannten „abrahamitischen“ Religionen (so ein aus der Dialogszene stammender Begriff). Als Beispiele seien neben den offensichtlichen religiösen Bezügen der jeweiligen Heiligen Texte zueinander das Korpus des hippokratischen Schrifttums als gemeinsame medizinische Grundierung sowie die Rolle von antikem Platonismus und Aristotelismus genannt.

Hier gilt es an die Übersetzungsleistungen zu erinnern. Der im Zeitstrahl vermerkte Adelard von Bath (* um 1070; † um 1160) ist dabei einer der frühesten bedeutenden Übersetzer aus dem Arabischen. Er fertigte die erste vollständige Übersetzung des Euklid an, der im lateinischen Europa bislang nur fragmentarisch bekannt war. Daneben übersetzte er astronomische (sowie astrologische und astralmagische) Werke. Zwar war die von Petrus Venerabilis 1143 in der Übersetzerschule von Toledo in Auftrag gegebene Koran-Übersetzung ins Lateinische Teil eines Projektes zur Widerlegung des Islam, zugleich räumte sie allerdings mit zuvor weit verbreiteten Irrtümern auf, welche in den „Sarazenen“ Götzendiener sah, die Muhammad als Götzen verehren, den man im Westen bislang unter die Zauberer ordnete und überhaupt annahm, der islamische Orient wäre sexuell besonders freizügig (und huldige also auch der Göttin Venus). Erst die Drucklegung der Werke von Petrus Venerabilis erlaubte eine allmähliche Verbreitung der Widerlegung solcher Vorurteile (vgl. Folker Reichert: Der eiserne Sarg des Propheten. Doppelte Grenzen im Islambild des Mittelalters, in: Grenze und Grenzüberschreitung im Mittelalter, 2005, S. 454-469, insb. S. 454ff.). Um 1500 galt es noch weiterhin, sich gegenüber der „Antitürkenliteratur“ durchzusetzen, welche zeitgleich Mohammed mindestens noch mit dem Drachen der Apokalypse gleichsetzte und ihn nach Christenblut dürsten lässt (so in der Bulle des Papstes Nikolaus V. als Reaktion auf den Fall Konstantinopels 1453; vgl. auch Heiko Haumann: Dracula. Leben und Legende S. 48). Dem Judentum gegenüber half die Aufklärung in Sachen Islam aber wenig: Besagter Petrus entdeckte im Islam das noch ungelöste Problem einer christlichen Häresie, doch diese Erkenntnis einer neuen Nähe ließ ihn das Judentum um so deutlicher abwerten. So ist die von dem Konvertiten Nikolaus Donin angefertige Sammlung von Auszügen aus dem Talmud als Belegmaterial einer Anklageschrift gegen die Juden zwar die erste Übersetzung des heiligen Texts ins Lateinische, doch führte sie 1240 zu einer Verurteilung und anschließenden Bücherverbrennung des Talmud in Paris (bereits zuvor gab es Bücherverbrennungen der Schriften der Albigenser bzw. Katharer oder noch früher der Arianer). Die Geschichte von Vorurteilen über das Judentum und Pogromen an dieser europäischen Minderheit verdient dabei eine Betrachtung in einem eigenen Artikel. Von Ritualmordlegenden bis Weltverschwörungs- und Rassentheorien werden sie von einer Schriftignoranz gegenüber dem Judentum begleitet, dessen Gegenüber die seit der Übersetzung des kabbalistischen Sefer ha-Bahir (Buch des Glanzes) durch Flavius Mithridates und dem Wirken von Johann Reuchlin präsente Verehrung ihrer „geheimen Künste“ darstellt. Die Entstehung einer christlichen Kabbalah antwortet philosemitisch der antisemitischen Heiligenverehrung von Simon von Trient – die Geschichte des durch einen angeblichen Ritualmord zu Tode gekommenen Jungen wurde von Humanisten wie Samuel Karoch von Lichtenberg verbreitet.

Der Orient als verkehrte Welt

Während mit Jerusalem und dem Heiligen Land im Zentrum den angesprochenen Kulturen und ihren Religionen noch ein nachbarlicher Platz auch in den geographischen Projektionen der Zeit zukommt, ist das Bild des ferneren Ostens geprägt von der Idee der verkehrten Welt. Luzifer habe laut dem sogenannten „Volksbuch“ vom Faust (1587) seinen Thron im Orient. Indien und China werden zu Paradigmata eines magischen Nebenuniversums in nächster Nähe zu den das Ende der Welt markierenden biblischen Ungetümen Gog und Magog.

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Reiseberichte des 13. Jh. wie die von Marco Polo oder Wilhelm von Rubruk prägten das Bild des unter Mongolenherrschaft stehenden Chinas. Sowohl der häufig zu findende Titel von Polos Bericht „Il Millione“ als auch seine Aufnahme ins französische „Buch der Wunder“ (livre des merveilles) zeugen davon, dass manche Rezepienten dem Autoren misstrauten und ihm Übertreibung insbesondere in den millionenschweren Zahlen, welche zur Beschreibung der chinesischen Gesellschaft und ihres Reichtums von Polo wiedergegeben wurden, vorwarfen. Zugleich gilt bei vielen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reiseberichten, dass sie gerne bereits tradiertes Wissen einarbeiteten, so dass bei manchen die Forscher bis heute streiten, welche Textstellen auf authentische Reiseerfahrungen zurückgehen könnten und welche lediglich übernommen worden sind. Noch lange Zeit sollte übrigens „Indien“ als Begriff die seit dem 15. Jh. gesammelten Neuen Welten bezeichnen. Im Artikel über Märchen und Magie wurde bereits darauf hingewiesen, dass Kanada als Nordindien und schließlich Australien als Südindien betitelt werden konnte.

Die Erfindung der Antike

Auch die Hermetik als spätantikes Amalgam ist eine gemeinsame Tradition der christlichen, jüdischen und islamischen Kulturen. Über das in der Renaissance durch den Florentiner Marsilio Ficino übersetzte Corpus Hermeticum wurde hier im Blog bereits häufiger berichtet (z.B. im Artikel „Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?„). Sein erst Anfang des 17. Jahrhunderts durch Isaac Causabon widerlegter Anspruch, älter als die Bibel zu sein, war auch zugleich eine Infragestellung bisheriger auf Isidors Weltzeitalterlehre etc. zurückgehender Vorstellungen von historischer Zeitrechnung. Neben der Suche nach ursprünglicheren („geheimen“) Offenbarungen Gottes (die man neben der bereits erwähnten Kabbalah in diversen für alt befundenen „Hochkulturen“ suchte; vgl. meinen Artikel zur Maya-Prophezeiung in der Zeitschrift für Anomalistik, Bd. 12/1) stieg also auch das Interesse an einer Korrektur der Geschichtsschreibung. Das Problem war nämlich zudem, dass die römische und griechische Antike bislang kaum datierbar war, insofern sie nicht mit der Bibel oder wenigen anderen chronikalischen Texten in eine gemeinsame zeitliche Ordnung gebracht werden konnten. Die antike Praxis, das aktuelle Jahr mittels der Angabe der jeweils regierenden Konsuln (Rom) bzw. Archonten (Griechenland bis 314 v.u.Z.; danach wurde die Olympiade als Maßeinheit eingeführt) zu notieren, bedurfte erst einer Parallelisierung mit der bisherigen christozentrischen Geschichtsschreibung und ihrem Kalender. Diese gelang 1583 Joseph Justus Scaliger in seinem Werk „De emendatione temporum“ mit Hilfe der 1546 aufgefundenen Fasti Capitolini (Liste der regierenden Konsuln Roms) und einer selbst aufgespürten Handschrift des Eusebius (4. Jh.). Ägypten, Sumer, Babylon oder die präkolumbianischen Kulturen konnten in ihrer Chronologie erst parallelisiert und integriert werden nach der jeweiligen Entzifferung ihrer Schriften (bzw. ab dem 20. Jahrhundert teilweise auch durch archäologische Datierungsmethoden).

Die Eroberung heiliger Texte

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Eigentlich wären an nächster Stelle Texte aus „indianischem“ Kontext zu nennen – wie die von dem Mönch Francisco Ximénez 1702 angefertigte Kopie einer lateinischen Version und einer spanischen Übersetzung des Popul Vuh, einem heiligen Buch der Maya, oder der über den Maya-Kalender aufklärende Bericht aus Yucatán des Diego de Landa, bereits um 1566 verfasst. Doch diese Texte entfalten ihre Wirkungskraft erst nach ihrer Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert.
So muss zunächst die vermutlich auf den Jesuiten Jean-François Noëlasum 1720 zurückgehende erste lateinische Fassung des chinesischen Daodeijing von Laotse erwähnt werden (vgl. Claudia von Collani u.a.: Uroffenbarung und Daoismus. Jesuitische Missionshermeneutik des Daoismus, 2008). Bereits im 17. Jahrhundert hatte Athanasius Kircher versucht, die chinesische Kultur aus der ägyptischen abzuleiten – im Rahmen eines Projektes einer universalgelehrten Synthese von Heilsgeschichte und Altertümern, nach welcher etwa im Paradies Altägyptisch gesprochen worden sei. Kirchers fantasievolles Werk kennt dabei bereits die „tres sectae“ (drei „Sekten“, also Religionen) Chinas wie auch die Namen von Laotse und Konfuzius, aber ohne eine nähere Kenntnis der religiösen Kontexte. Die Reisenden berichteten von Götzenbildern, Zeremonien und ritueller Praxis.
So findet sich auch in dem letzten Reisebericht nach Japans sogenannter „Einschließung“, die bis Ende des 19. Jahrhunderts die innere Kenntnis des Inselreiches erschwerte, dem in dieser Zeit das Japanbild prägenden Reisebericht von Engelbert Kämpfer von 1690, in englischer Übersetzung zuerst 1727 gedruckt, unabhängig vom mitgebrachten Christentum und der „Lehre der Sittenlehrer und Philosophen“ in Japan der „Weg“ der „einheimischen“ Götter neben demjenigen der „ausländischen“ importierten Götter, welche letzteren nach der mitgelieferten japanischen Vokabel Budsdo und heutiger Kenntnis des Buddhismus nichts anderes als Bodhisattvas sind (vgl. Band 1, Buch 3, Kap. 1 der dt. Übersetzung von 1777).

Mit der britischen Eroberung Indiens ab 1756 gelangen schließlich indische und zarathustrische Texte nach Europa. Zu dieser Zeit erhält Abraham Anquetil-Duperron Handschriften des Avesta und der Upanishaden. Seine Übersetzung der Heiligen Schrift der zarathustrischen Religion erscheint 1771, 1801/02 Auszüge aus letzteren unter dem Titel Oupnek’hat. Bereits zuvor lieferten einige für den Korpus heiliger Schriften im Hinduismus nicht repräsentative Texte bereits eine Grundlage der Kenntnis der indischen Religion für z.B. den französischen Aufklärungsphilosophen Voltaire (vgl. Dorothy M. Figueira: Aryans, Jews, Brahmins. Theorizing Authority through Myths of Identity, 2002, S. 12ff.). Tatsächlich einen Auszug aus den Puranas (Göttergeschichten) liefert dabei das trügerisch mit „Veda“ bezeichnete L’Ezour Vedam von 1778 (dt. von Johann Ith 1779). Die durch den Engländer Charles Wilkens 1785 zuerst ins Englische übersetzte Bhagavadgita, der Gesang des Erhabenen, inhaltlich ein Dialog zwischen Krishna als Wagenlenker und Arjuna, sollte schließlich von den deutschen Romantikern August Wilhelm Schlegel ins Lateinische und durch seinen Bruder Friedrich 1808 ins Deutsche übersetzt werden. Letzterer versuchte eine besondere Nähe des Deutschen und seiner Dichtkunst zur griechischen wie zur indischen Sprache und Literatur nachzuweisen. In seiner über die Kunst der Liebe aufklärenden „Lucinde“ verdeutlicht sich die Indienbegeisterung zudem in einer Stilisierung der (allerdings „entweihten“) Praxis der Witwenverbrennung in Indien als höchsten Akt ‚romantischer‘ Liebe:

„Ich weiß, auch du würdest mich nicht überleben wollen, du würdest dem voreiligen Gemahle auch im Sarge folgen, und aus Lust und Liebe in den flammenden Abgrund steigen, in den ein rasendes Gesetz die indischen Frauen zwingt und die zartesten Heiligtümer der Willkür durch grobe Absicht und Befehl entweiht und zerstört“. (Lucinde, S. 10)

Relativierungen der christlichen Geschichtsschreibung

Unbenannt_5Das 18. Jahrhundert war auch das Jahrhundert, welches sich im Namen der Aufklärung zur historisch-kritischen Bibelforschung anschickte. Dennoch sollten die eigentlichen „Schmähungen“ erst noch erfolgen, insofern bislang im Bewusstsein eines „Universalgelehrten“ die Wiederherstellung eines einheitlichen (christlichen) Weltbildes möglich blieb (einschließlich Weltalterlehre, Sintflutdeutung etc.), wie nicht nur erwähnter Athanasius Kircher veranschaulicht. Ernsthafte Irritation mag zwar bereits durch alternative heilige Texte der bislang für „Heiden“ Gehaltenen, die einer „natürlichen Religion“ anhängen (die also durch Vernunft und Anschauung zu einer unvollkommenen Erkenntnis Gottes gelangten) vorbereitet worden sein, doch erst eine vollständigere Infragestellung christlicher Geschichtsschreibung und Authentizität (letztere wurde seit Luther zumindest noch dem gültigen Bestand der Heiligen Schrift zuerkannt) macht das 19. Jahrhundert auch zu einem Jahrhundert der Religionskritik. Religionsgeschichtliche Entdeckungen begleiteten dabei naturwissenschaftliche Vorstöße wie etwa die Theorie zur Entwicklung der Arten von Charles Darwin. Dazu gehören die seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auftauchenden gnostischen Codici; zunächst der Codex Askewianus, der Codex Brucianus und der Codex Berolinensis Gnosticus 8502. Über die sogenannte „Gnosis“ war bislang nur bekannt, was die Kirchenväter in ihren Gegnerschriften verbreiteten. Schwieriger noch als die religiöse Vielfalt, welche zu Häresien durch Konzilienbeschlüsse der bekannten Kirchengeschichte erklärt worden waren, war für manchen zu verdauen, dass auch die Heilige Schrift sozusagen „künstlich“ über vielleicht willkürliche Ein- und Ausschlüsse konstruiert wurde bzw. eine neu aufscheinende Vielfalt christlich-gnostischer Mischformen in der Frühgeschichte des Christentums die Folgerichtigkeit der Dogmengeschichte anzweifeln lässt. Erst spätere Funde und Re-Datierungen im 20. Jahrhundert beendeten auch die Suche nach einer vorchristlichen Gnosis, über deren Möglichkeit zuvor diskutiert worden war.

Schließlich erlaubte die Entdeckung und Entzifferung des Steins von Rosetta 1822 eine Erforschung der antiken ägyptischen Kultur. Königslisten und Archäologie brachten ähnlich wie bei der Erforschung des Assyrischen seit dem Auffinden der Behistum-Inschrift ab 1835 und schließlich durch die Fortschritte bei der Entzifferung der Maya-Schrift ab 1952 neue Dimensionierungen der Menschheitsgeschichte im Vergleich mit bisherigen bekannten Kulturen, übertroffen nur mehr von den allmählich begleitend neuen Theorien der Geologen, Paläoontologen und zuletzt Astrophysiker.

Fazit

Gerade der durch Irrtum gesteigerte Glanz mancher Exotik, welche in einer Vergangenheit anderen Kulturen zugeschrieben wurde, überlebte in veränderter Form in fiktionalen Welten der Phantastik sowie in der Szene der alternativen Religiosität, Spiritualität und Esoterik. Teilweise ist diese Herkunft heute nicht mehr unbedingt erkennbar. Auch verändert diese Kenntnis der Geschichte der Erkenntnis der Anderen durch den Westen und seine philologischen Traditionen den Blick auf historische Gleichzeitigkeiten durch die Brille eines modernen Forschungsstandes. Letztlich ist es aber auch eine Geschichte der Kontinuität von Vorurteilen und Diskriminierung sowie den Versuchen darüber aufzuklären. Nur die inhaltlichen Motive mögen sich abgewandelt haben.

Christoph Wagenseil

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3 Kommentare:

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