Von Geistern in Buenos Aires, Schlachthäusern in Istanbul bis ins deutsche Wohnzimmer: Das 2. Marburg International Ethnographic Film Festival

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„Ästhetik – Fiktion – Realität. Grenzen und Möglichkeiten des ethnographischen Films in Wissenschaft und Filmpraxis“ – unter diesem Titel begleitete eine Podiumsdiskussion das diesjährige 2. Marburg International Ethnographic Film Festival. REMID interviewte zur studentisch initiierten Festivalreihe Laura Naumann, Studentin der Religionswissenschaft sowie Friedens- und Konfliktforschung in Marburg.
 

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Vom 29. November bis 1. Dezember 2013 fand das 2. Marburg International Ethnographic Film Festival statt. Dabei handelt es sich ja um eine relativ junge Veranstaltungsreihe. Wie kam sie zustande, welche Ideen stecken dahinter und welchen Erfolg hatte das Initialfestival?

Im Frühjahr 2012, letztes Jahr, besuchten wir, drei Studentinnen des B.A. Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft, das GIEFF (Göttingen International Ethnografic Film Festival). Im Rahmen des Seminars zum Ethnografischen Film von Prof. Dr. Ina Merkel beschäftigten wir uns ein Semester lang mit möglichen Definitionen des ethnografischen Films, seinen unterschiedlichen Traditionen und Filmen, die als ethnografisch bezeichnet werden.

Dabei kam die Idee auf, das Festival nach Marburg zu holen und es auch hier einem breiten Publikum zu präsentieren. Also wählten wir aus dem GIEFF-Programm die Filme aus, die uns Dreien am besten gefallen hatten und kontaktierten die Filmschaffenden. Von vornherein war klar, dass wir denen für die Vorführung ihrer Filme keine Gebühr zahlen konnten. Zu unserer Überraschung aber war das für niemanden ein Problem. Alle Filmschaffenden freuten sich über unser Interesse und überließen uns Ihre Filme kostenlos.

So hatten wir schnell in Kooperation mit dem GIEFF unser Programm zusammengestellt.

Rückblickend war das Festival ein voller Erfolg! Oft war der Kinosaal überbelegt und die BaariBar – besonders zur Podiumsdiskussion – brechend voll. Sehr gut kam auch die kollektive Pizza-/ Pastabestellung an, die wir auch dieses Jahr wieder an allen drei Tagen anboten.

Es geht dabei auch um das Zusammenspiel von Ästhetik und Wissenschaft. Kommt Ästhetik sonst in Wissenschaft zu kurz?

Der ethnografische Film spielt eine kleine Rolle im Genre des Dokumentarfilms. Die Wissenschaft bedient sich ihm, um die schriftlichen Dokumentation z.B. einer Feldforschung zu ergänzen. Beispielhaft dafür stehen die Filme von David MacDougall in den 70er und 80er Jahren.  Solche Filme sind allerdings immer seltener zu sehen: Der Trend unserer Fernsehlandschaft geht allmählich weg vom klassischen Dokumentarfilm und seinen Subgenres. Selbst die bekannten öffentlich-rechtlichen Sender setzen ihren Fokus vermehrt auf ästhetisch-ansprechende, zumeist teure Koproduktionen, die die kleineren Filme in ein schlechtes Licht stellen und sie verdrängen. Ich würde sogar behaupten, dass viele Fernsehzuschauer sich vom kommentarlosen, beobachtenden Dokumentarfilm abgewendet haben und sich an kurzweiligere Reportage-Formate gewöhnt haben, die den Aspekt der ästhetischen Darstellung in den Vordergrund stellen. Mit unserem ethnografischen Filmfestival möchten wir dem Publikum Filme vorstellen, die sonst fast Nirgendwo zu sehen sind.

Es waren sehr viele Filmemacher_innen anwesend. Auch das ist ein wichtiger Teil Ihres Konzeptes?

Der persönliche Kontakt zwischen Filmschaffenden und Publikum ist uns sehr wichtig. Nur sie können aufkommende Fragen optimal beantworten. Faszinierend sind besonders die ergänzenden Geschichten, die die Filmschaffenden vom Dreh, ihren Recherchen und Forschungen erzählen können. Diese Jahr konnten wir viele Filmschaffende gewinnen, die einen Abschluss in Ethnologie oder einem ähnlichen Fach haben und deren Filme Abschlussarbeiten darstellen. Andere Filmschaffende folgten mit Ihren Filmen einer bestimmten Tradition des ethnografischen Films.

Religion und Religiosität spielt bei einigen der Filme eine Rolle. Haben Sie da ein paar Filme besonders in Erinnerung?

Der Filmemacher Reza Allamehzadeh beschäftigt sich in Iranian Taboo mit der sukzessiven Unterdrückung und systematischen Verfolgung der Bahá’í im Iran. Neben anderen bedrohten religiösen Minderheiten, sind die Bahá’í als nach-islamische Offenbarungsreligion besonders bedroht. Täglich gibt neue Meldungen über Verhaftungen und religiös-motivierte Morde. Mit dem Film über dieses „iranische Tabu“ ging Reza Allamehzadeh auch selbst ein hohes Risiko ein. Hunderte Bahá’í – darunter auch die sieben Yárán (persisch für „Freunde“), die geistige Führung der iranischen Bahá’í – sind seit über fünf Jahren in Gefangenschaft. Für mich als Bahá’í ist dieser Film ein sehr persönlicher, da ich selbst Angehörige der Yárán kenne und mich seit Langem mit Amnesty International für die Freilassung der Bahá’í einsetze [vgl. zum Iran auch das Interview “Ein Leben unterwegs – Die Herbstmigration der Bakhtiari”: Crowdfunding in der Wissenschaft; Anm. Red.].

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Den Film „Iranian Taboo“ über die Situation der Baha’i im Iran von Reza Allamehzadeh kann man in den Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch bestellen (Trailer auf Persisch mit Untertiteln im Text verlinkt). Ein Klick führt auf die Webseite zum Film.

Jürgen Schaflechner, auch Teilnehmer der Podiumsdiskussion, zeigt einen Film über Religiosität und eine religiöse Minderheit im islamisch dominierten Pakistan: In Mother Calling [vollständig online], wird eine Hindu-Gemeinschaft portraitiert, die eine Mutter-Gottheit verehrt. In einem Ritual spricht sie durch ein Medium zur Gemeinschaft und wird durch männliche Ziegenopfer besänftigt.

Ein weiterer Film ist Eline, beline, diline, sahip ol. Alevitische Glaubenspraxis in der Rhein-Neckar Region [vollständig online] – eine studentische Projektarbeit von Angelina Penner, Tülay Arslan und Ricarda Walter von der Universität Heidelberg.

Ethnographischer und kunstästhetischer Blick wirken ja erstmal wie gegensätzliche Perspektiven. Inwiefern lebt das Festival auch von Widersprüchen und Gegensätzen?

Wir zeigen sehr unterschiedliche Filme. Nicht nur thematisch, sondern auch filmästhetisch. Damit möchten wir dem Publikum die Vielfalt des ethnografischen Films vorstellen und dazu ermutigen, sich mit dem Thema des wissenschaftlichen Films zu beschäftigen. Darüber hinaus versuchen wir durch die unterschiedlichen Herangehensweisen der Filmschaffenden an Themenfelder, dem Zuschauer eine stärkere Reflexion über unsere – eindimensionale und populistische – Fernsehlandschaft zu ermöglichen.

Sozialer Wandel, „Verwestlichung“ und Globalisierung sind aber auch wichtige Themen, welche in den Filmwerken verhandelt werden?

Ja, in den Filmen, die wir zeigen werden alle Themen unserer Gesellschaft behandelt. Es werden aber auch Themen angesprochen, die lange kein Gehör fanden, nun aber jemanden gefunden haben, der sie in einen Film packt.

Wie ist Ihr Eindruck von der diesjährigen Veranstaltung wie gibt es schon Pläne für das nächste Mal?

Dieses Jahr sind wir besonders dankbar für die Förderung durch das Hessische Ministerium für Kultur und Wissenschaft. Dadurch konnten wir 18 Filmschaffende aus ganz Deutschland einladen und ihre Fahrkosten zum Teil erstatten.
Im nächsten Jahr werden wir einen Verein gründen, der sich die Organisation des Festivals zur Aufgabe machen wird. Dafür werden wir bald FörderInnen suchen!

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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