„Betrug“, „Gewalt“ oder „Spiritualität“: Entwicklungen in der Berichterstattung über Religion in ‚Stern‘ und ‚Spiegel‘ seit 1960


Aktuelle Thematisierungen konkreter Gemeinschaften neuer Religionen als „Sekten“ in deutschen Medien beschränken sich auf wenige skandalöse Einzelfälle, bei denen die Sektendebatte der Neunziger wieder reaktiviert wird. Der letzte Blog-Artikel „Überall ‚Sekten‘? Religionsbezogene Diskriminierung (nicht nur) in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten“ zeigte daneben, dass außerdem Unterhaltungsformate mit fiktiven „Sekten“ den Erhalt entsprechender Vorurteile über neue religiöse Bewegungen zu befördern suchen. Zudem haben sich neue – weniger negativ gestimmte – Wege etabliert, religiösen Pluralismus zu thematisieren. REMID interviewte zu diesem Thema Judith Stander (Religionswissenschaft Münster), die bereits bei einer universitären REMID-Veranstaltung am 28. Oktober in Münster die Berichterstattung über Religion in den Wochenzeitschriften Stern und Spiegel diskursanalytisch und linguistisch für das Publikum aufbereitete.

Sie untersuchen in Ihrer Dissertation Religion in den Medien Stern und Spiegel. Was war für dieses Vorhaben der entscheidende Impuls, der Sie zu diesem Thema brachte?

Bereits beim Schreiben meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit dem Zusammenhang von Religion und Medien beschäftigt. Ich untersuchte dabei einen Stern-Artikel aus dem Jahr 2009 über neue religiöse Bewegungen, einerseits aus religionswissenschaftlicher, andererseits aus linguistischer Sicht, da mein Zweitfach Germanistik ist. Diesen interdisziplinären Ansatz auf den Bereich Religion und Medien anzuwenden fand ich sehr vielversprechend. Medien spielen eine große Rolle im Wissenserwerb, sie konstruieren Wahrheiten und schaffen Perspektivierungen. Dies ist gerade dann, wenn es das Thema Religion betrifft, äußerst spannend, denn die Darstellung der Medien beeinflusst das gesellschaftliche Bild und den Diskurs über Religionen. Ausgehend von dem genannten Stern-Artikel stellten sich mir dann einige Fragen: Wie sieht es wohl in anderen Zeitabschnitten aus? Welche Meinungsbilder werden in den unterschiedlichen Jahrzehnten durch Sprache evoziert? Wie zeigt sich dies bei anderen religiösen Themen? Dabei geht es mir nicht darum, wie in Stern und Spiegel allgemein berichtet wird. Vielmehr will ich einerseits untersuchen, wie durch Sprache Perspektivierungen erzeugt werden, um dadurch bestimmte Meinungsbilder über religiöse Themen zu etablieren, und andererseits, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert haben. Eingebettet werden diese Fragen in meinem Projekt in die Säkularisierungs- und Individualisierungsdebatte. Dabei gehe ich von der Annahme aus, dass Religion seit den 1960er bzw. 80er Jahren zunehmend wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät (vgl. Casanova 1994 [Public Religions in the Modern World]) und sichtbar in die politische (Casanova 1994), aber auch in die mediale Öffentlichkeit (vgl. Gabriel 2003 [Säkularisierung und öffentliche Religion], vgl. Knoblauch 2009 [Populäre Religion], vgl. Gärtner 2012 [Religion bei Meinungsmachern]) tritt. Gerade die Kombination der Disziplinen Religionswissenschaft und Germanistik bietet somit eine ideale Verknüpfung der Untersuchungsbereiche.

Mit dem Untersuchungszeitraum 1960 – 2012 gerät auch die sogenannte Sektendebatte in den Blick (vgl. z.B. Artikel Generationen in Konflikt und Wechsel: Von “Jugendsekten” zur “Gemeinde 2.0″). Welche Rollen hatten besagte Medien dabei? Gibt es eine Entwicklung?

Als führende Nachrichtenmagazine haben Stern und Spiegel beträchtlichen Einfluss auf Debatten in der Gesellschaft. Gerade hinsichtlich der Sektendebatte zeigt sich die dominierende Stellung, da oft verzerrte Darstellungen präsentiert werden, in dem etwa undifferenziert alle neuen religiösen Bewegungen mit dem negativ konnotierten Wort „Sekte“ bezeichnet werden. Dies veränderte sich jedoch, etwa durch eine größere Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft gegenüber neuen religiösen Bewegungen, aber auch aufgrund von Reglementierungen, etwa durch die Enquete-Kommission, die 1998 für eine Vermeidung des pauschalisierenden und stigmatisierenden Sektenbegriffs in der Öffentlichkeit plädierte. Anhand dreier Stern-Artikel aus den Jahren 1995, 2002 und 2009 lässt sich sehr gut zeigen, wie sich eine Entwicklung von der „Psycho-Sekte“ zur „Wellness-Religion“ vollzogen und sich demnach aus einem negativen Sektendiskurs ein in den letzten Jahren positiv aufgeladener Spiritualitätsdiskurs etabliert hat. Werden dabei in den ersten beiden Artikeln (1995, 2002) neue religiöse Bewegungen vereinheitlichend und undifferenziert als gefährlich und kriminell stilisiert, werden teilweise die gleichen Bewegungen 2009 als spannendes und exotisches Phänomen präsentiert, jedoch auch garniert mit Kritik und Skepsis. Durch sprachliche Phänomene unterliegen den Artikeln Konstruktionen, Perspektivierungen und Evaluationen, sodass eine subtile Bewusstseinslenkung möglich ist. Allein bei der Betrachtung der Titelbilder zeigt sich, wie nicht nur sprachliche Mittel sondern auch die grafische Gestaltung eingesetzt werden, um Meinungen zu evozieren. Angesichts der Leserschaft stellt sich dabei die Frage, inwieweit vor allem eine nicht-religiös vorgebildete Leserschaft ihren Blick positioniert und ihr Wissen über religiöse Phänomene aus den vorliegenden Artikeln bezieht. Werden wertende Argumentationen immer wieder hervorgehoben, kann sich eine emotionale Einstellung gegenüber dem Sachverhalt verfestigen und Wissen dadurch etabliert werden. Dies zeigt, welchen großen Einfluss die Medien in Debatten um Religion besitzen können.

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Gibt es eine solche Wandlungsgeschichte nur in Bezug auf die Darstellung neuer religiöser Bewegungen oder zeigen sich ähnliche Ausdifferenzierungen auch bei der Thematisierung großer Religionen wie etwa Buddhismus oder Christentum?

Ich habe mein Material bisher nur gesichtet und noch nicht ausgewertet, bereits bei einem ersten Überblick lassen sich jedoch unterschiedliche Ausdifferenzierungen der Diskursstränge festhalten.

Dabei zeigt sich etwa beim Stern, wie sich im Laufe der Jahre Themen in einem Wechsel zwischen Wissenschaft, Religion und Gesellschaft bewegen, zum Beispiel hinsichtlich der Sexualmoral, die thematisch als ein Diskursstrang des Christentums angesehen werden kann. So geht es in den 1960er Jahren etwa um die moralischen Einstellungen zur Pille („Nehmen Sie die Pille trotzdem? Stern-Umfrage an die deutschen Katholiken“, 29.09.1968, Nr. 39), während das Thema in den 80er Jahren in einem gesundheitlichen Diskurs verankert ist („Abschied von der Pille. Seit 20 Jahren schlucken Frauen Hormone. Jetzt ist ihnen das Risiko zu groß geworden. Was kann die Pille ersetzen?“, 08.05.1980, Nr. 20). Auch hinsichtlich des Buddhismus zeigt sich ein Wandel innerhalb des Diskursstrangs: Wird 1998 noch mit „Der Dalai Lama in Deutschland – Sinnstifter oder Seelenfänger?“ getitelt, heißt es auf dem Titelblatt 2004 „Buddhismus – Der neue Trend zum sanften Glauben“. Dies sind jedoch nur erste Beobachtungen, die es genauer zu untersuchen gilt.

Der Spiegel konnte sich – insbesondere zu Lebzeiten Rudolf Augsteins – den Ruf einer wichtigen Intellektuellenzeitung Deutschlands sichern. Ist zumindest phasenweise ein entsprechender Unterschied zum Stern-Journalismus bei Ihrem Thema auszumachen?

Das ist richtig, der Spiegel zeichnet sich in seinem Profil selbst von vorneherein als politisches Magazin. Auch wenn die beiden Magazine sich heute in ihrer Ausrichtung ähneln, ist der Stern jedoch mit seiner Gründung 1948 zunächst nur ein „Klatsch- und Unterhaltungsblatt, ohne politischen Anspruch“ (Schneider 2000, 24 [Die Gruner+Jahr Story]). Erst Jahre später ändert Gründer Henri Nannen das Profil und gründete eine um einiges seriöser wirkende politische Illustrierte. Dass Henri Nannen den Stern als Unterhaltungsdampfer konzipierte, ließ sich vor allem bei der Sichtung der Titelblätter ausmachen. So fällt gerade in den 1960er und 70er Jahren auf, dass auch religiöse Themen in Kombination mit viel nackter Haut auf dem Titelblatt präsentiert werden. Ob sich diese anfängliche Ausrichtung und der Imagewandel auch inhaltlich in den Artikeln niederschlagen und religiöse Themen unterschiedlich fokussiert und behandelt werden, stellt eine meiner Forschungsfragen dar.

Sie wenden auch linguistische Methoden (Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse) an. Könnten Sie uns diesbezüglich ein anschauliches Beispiel vorstellen, wie diese Mikroanalyse produktiv an Ihrem Material eingesetzt werden kann?

Die Kritische Diskursanalyse eignet sich als Methode, um die Konstruktion sozialer Wirklichkeit durch Sprache und Bilder zu erforschen und Perspektivierungen kritisch zu hinterfragen.

Bei der Mikro- bzw. Feinanalyse geht es darum, kleinschrittig unterschiedliche Sprachstrukturen innerhalb einzelner Diskursfragmente, das heißt einzelner Artikel, aufzudecken. Anhand eines kurzen Ausschnitts aus dem oben genannten Artikel aus dem Jahr 2002 lässt sich zeigen, welche Mittel eingesetzt werden, um ein Meinungsbild zu erzeugen.

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Die abgebildete Folie zeigt das Cover der Stern-Ausgabe von 2002 mit dem Titel „Psycho-Sekten“. Daneben sind in zwei Textbeispielen aus dem Inhalt Formulierungen in verschiedenen Farben markiert als Feindbildkonstruktionen (gelb), Dramatisierung durch Zahlen (grün), pejorative Adjektive (blau), Komposita mit „Psycho-“ (rot) und bestimmte Wortfelder (violett).

Die sogenannten „Psycho-Sekten“, unter denen ohne Abstraktion sämtliche neue religiöse Bewegung, die spirituell-religiöse Angebote anbieten, gezählt werden, werden als Feindbild stilisiert, den Opfern gegenübergestellt und durch das Präfix „Psycho-“ als solche erkennbar gemacht. Zur Erhöhung der Brisanz werden nicht nur dramatisierende Zahlen genannt. Betrachtet man beispielsweise die Lexik, ist der Artikel durchzogen von pejorativen Adjektiven, die die „Psychogruppen“ beschreiben. Vor allem aber ist es das emotionsausdrückend geprägte Wortfeld des Betrugs, welches den Artikel durchzieht (siehe Tabelle 1) und sich hier bereits im Anreißer andeutet. Es treten eindeutige Evaluationen hervor: alle „Psychogruppen“ werden als Betrüger dargestellt.

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Tabelle 1: Textbelege zum Wortfeld Betrug

Da der Artikel suggeriert, dass die dargestellten Gruppierungen schon viele Menschen betrogen haben, wird durch diese Identifikationsbasis beim Leser eine emotionale Reaktion des Unverständnisses bis hin zur Wut, zumindest aber eine ablehnende Haltung gegenüber „Psycho-Gruppen“ bzw. „Psycho-Sekten“ evoziert. Diese Haltung wird durch das Wortfeld der Gewalt, welches eine strake Brutalität der „Psycho-Sekte“ suggeriert, zusätzlich gestützt (siehe Tabelle 2):

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Tabelle 2: Textbelege zum Wortfeld Gewalt.

Die Beispiele sollen zeigen, dass der Artikel einseitig gewichtet ist und sich insbesondere durch die wertende Lexik auszeichnet, wie durch die Mikroanalyse deutlich wird. Dadurch wird ein verzerrtes, negatives und diskriminierendes Bild gegenüber Gruppierungen, die spirituell-religiöse Angebote anbieten, gezeichnet und sprachlich fixiert, das beim Leser emotionale Reaktionen des Unverständnisses und eine ablehnende Haltung hervorrufen soll. Die Feinanalyse ist dabei ein produktives Instrument, um die sprachliche Gestaltung, hier etwa die Lexik, näher zu untersuchen.

Mein Forschungsvorhaben soll demnach auch eine Sensibilität für diese sprachlichen Strukturen herausarbeiten und schärfen, um hervorzuheben, mit welchen Sprachstrukturen hinsichtlich Religion bestimmte Blickwinkel dargelegt werden und wie sich diese im Laufe der Zeit verändern können.

Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle schon deutlich geworden ist: Hat der Hang zur negativen Schlagzeile im Feld Religion andere Konsequenzen als bei anderen Gesellschaftsbereichen?

Zeitschriften bieten den Anspruch der Orientierung. Im Zuge dessen sind sie gezwungen Wertungen vorzunehmen und als richtig darzulegen. Nichtsdestotrotz sind Artikel grundsätzlich subjektiv geprägt und geben bestimmte Haltungen und Blickwinkel vor, auch wenn dies nicht immer offensichtlich ist und stellenweise erst zwischen den Zeilen erkenntlich wird.
Grundsätzlich ist das Themenfeld Religion bei Journalisten wahrscheinlich nur eines unter vielen. Unser Wissen über Religionen entnehmen wir jedoch primär den Medien und auch für die Meinung gegenüber einer Religion ist das Bild, das in den Medien vorherrscht, entscheidend. Gerade hinsichtlich der negativen Schlagzeilen ist es vor allem der Islam, der im Fokus steht, so etwa auch in Stern und Spiegel. Demnach verwundert es auch nicht, dass der neue Religionsmonitor feststellt, dass nahezu die Hälfte der Deutschen den Islam als Bedrohung wahrnimmt, wenn das Medienbild selbiges redundant propagiert und somit Wahrnehmungen und Stereotypen beeinflusst. Hierbei zeigt sich demnach auch die offensichtliche Relevanz der Berichterstattung im Feld der Religion hinsichtlich anderer Gesellschaftsbereiche.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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2 Kommentare:

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