(A)Theismus und Religionsphilosophie: Aktuelle Streiflichter zur Debatte um die Existenz Gottes

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Nicht nur der Religionsbegriff lohnt einer näheren Betrachtung, wenn es um den sogenannten neuen Atheismus geht (vgl. Artikel Gefangen im Sprachspiel: Der Religionsbegriff und die neuen Atheisten). REMID interviewte PD Dr. Stamatios Gerogiorgakis (Universität Erfurt) zu milderen und strengeren Spielarten des Atheismus, zur rationalen Wahrscheinlichkeit Gottes und zur Religionsphilosophie.

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„Die ‚vier Reiter des neuen Atheismus‘ sind Richard Dawkins, Sam Harris, Daniel Dennett und Christopher Hitchens“, so heißt es auf der Seite des Künstlers Taiwo18, das Motiv gehört zu einem Bierdeckel aus Sandstein, den man käuflich erwerben kann.

Aktuell gibt es in den Medien seit einigen Jahren immer wieder Wirbel um den sogenannten „Neuen Atheismus“. Die dahinterstehenden Bewegungen oder Organisationen wie die Brights oder die Giordano-Bruno-Stiftung bestehen zwar nur aus einer überschaubaren Personenzahl, werben allerdings gerne damit, für die Konfessionsfreien überhaupt zu sprechen (vgl. Artikel „Wer sind die Konfessionsfreien?“ und Interview mit Jesuswahn-Autor Kubitza). Hat dieser Medienerfolg auch etwas mit besonderen philosophischen Argumenten zu tun? Also wie lassen sich die „Neuen Atheisten“ philosophiegeschichtlich gruppieren?

Ich würde nicht von einem „neuen“ Atheismus sprechen. Religionskritik ist ein altes, gutes Kind der Aufklärungszeit. Da spielen natürlich auch antiklerikale, d.h. nicht unbedingt atheistische Elemente eine gewichtige Rolle, wie das übrigens bei der Namenswahl „Giordano-Bruno-Stiftung“ klar wird. Ich meine, wenn Giordano Bruno für irgendwas steht, dann sicherlich für Freimut und für ein Auflehnen gegen kirchliche Autoritäten, nicht für Atheismus. Seine Naturlehre war durch einen neoplatonischen Panpsychismus gekennzeichnet. Alexandre Koyré und John Desmond Bernal haben in ihren wissenschaftsgeschichtlichen Werken solche Tendenzen in der frühen Naturwissenschaft sehr klar gesehen – übrigens auch bei Galileo, was wenigstens den Platonismus anbetrifft. Deshalb sollte sich der Religionswissenschaftler, finde ich, ausgiebig mit Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie beschäftigen – um solche Bewegungen ideengeschichtlich einordnen zu können. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir etwas Neues erkennen wollen, da wo es nichts Neues gibt.

Übrigens finde ich auch in den parodischen Religionen wie in der Pastafari-Bewegung mit ihrem fliegenden Spaghettimonster nichts Neues. Parodische, antireligiöse Elemente findet man bei Voltaire oder Hume. Gewiss waren Voltaire und Hume keine Atheisten, die die Existenz Gottes mit Argumenten leugnen würden. Aber das können die sogenannten „Neuen Atheisten“ auch nicht. Wenn Sie mich nach einer konsistenten atheistischen Bewegung fragen, dann wäre diese der atheistische Existenzialismus, für den Engels‘ oder Sartres Argumente gegen die Existenz Gottes eine Rolle spielten. Aber diese sind keine ernstzunehmenden Argumente. Man kann gar nicht folgerichtig beweisen, dass es Gott nicht gibt – solche Argumente sind zum Scheitern verurteilt genauso wie die Argumente für die Existenz Gottes. Der atheistische Existenzialismus wird seit den 1970ern in der breiten Öffentlichkeit nicht mehr diskutiert. Und was übrig bleibt, ist ein parodischer Atheismus – ein Atheismus light möchte ich sagen, mit eher kirchen- und religionskritischen Momenten nach Art der französischen Aufklärung.

Der Antiklerikalismus ist natürlich eine mediale Erfolgsgeschichte. Meine Frau ist Katholikin und denkt nicht daran auszutreten, aber ein paar antiklerikale Seiten Karlheinz Deschners leuchten ihr ein. Das ähnlich motivierte Publikum der Bewegungen, die Sie nannten, zwangsläufig mit einem konsequenten Atheismus zu verbinden, wäre falsch, denke ich.

Richard Dawkins ist sicherlich der bekannteste atheistische Autor der Gegenwart. Was für ein Konzept von Kultur steht hinter seiner Position?

Dawkins ist sicherlich antireligiös, bestimmt auch atheistisch gesinnt. Aber die Argumente, die er vorbringt, sind stets gegen bestehende Religionen und gegen den Unsinn, den Religionen betreiben. Sein Standpunkt ist nie, dass eine religiös motivierte Überzeugung von vornherein falsch wäre. Er polemisiert z.B. gegen die Ideen der Auferstehung und der Schöpfung, gegen die Beschneidung, die unter Missachtung medizinischer Vorschriften erfolgt usw. Aber er ist kein militanter Atheist, der meinen würde, dass keine Religion tolerabel wäre. Ich verstehe ihn so: „Wenn ihr Religiösen einfach an einen Gott oder an Götter glauben wollt, dann ist das euer gutes Recht, ihr müsst aber aufpassen, euren Verstand nicht auszuschalten und die Lehren der Wissenschaft zu beachten“. Das erinnert mich eher an Kant. Ein Kantianer sagt: Du hast kein Recht, unmündig zu sein, weil irgendwo in einem alten Buch etwas steht, was zu deiner Unmündigkeit beiträgt. Aber ansonsten kannst du fasten oder eine bestimmte Sexualmoral haben, wenn du meinst, dass das dich zu einem besseren Menschen macht.

Wissen Sie, Dawkins ist keine gute Lektüre, wenn man von der Philosophie kommt. Seine Argumente sind sehr oft politischer Natur nach dem Motto: „Unglaublich, dass so viele Menschen sich im Krieg zerfleischen lassen, weil sie sich darüber uneinig sind, ob der Schwiegersohn des Propheten vor etlichen Jahrhunderten ein Amt innehatte oder nicht“. Mit Aufklärung hat das zu tun, mit einem politischen Programm des rationalen Glaubens, nicht aber mit konsequentem Atheismus. Dafür sind seine Argumente zu plump.

Daniel Dennett ist einer der bekannteren Vertreter der Brights-Bewegung. Worum geht es ihm? Hat eine solche naturalistische Weltanschauung auch Konzepte eines eigenen Wissenschaftsverständnisses und in Bezug auf Methodenvielfalt?

Dennett ist genial! Bestimmt ist er ein Atheist. Er ist doch einer der konsequentesten Leugner des Leib-Seele-Dualismus. Für ihn haben wir gar keine Seele. Seine Argumente gegen die Existenz von körperloser Intelligenz sind sehr überzeugend und sie lassen sich wie ein Roman lesen. Sehr lesenswert finde ich sein Paper mit dem Titel „Where am I?“ Es gibt auch einen Film dazu – man kann ihn auf Youtube sehen – mit Daniel Dennett in der Hauptrolle, während er sozusagen in zwei Bewusstseinsebenen gespalten wird, aber nie körperlos bleibt.

Gleichzeitig dreht Dennett den Spieß der Religionskritik um! Bis Dennett haben die Leute gemeint, dass Kritik an der bestehenden Religion automatisch eine Kritik an der Idee nach sich zieht, es gebe einen Gott – oder mehrere Götter… Dass das nicht folgerichtig ist, sehen wir an den Argumenten von Dawkins. Ich bin versucht, auf Dawkins zu antworten: OK, die bestehenden Religionen haben alle Dreck am Stecken aber – weißt du? – das sagt nichts über Gott aus. Dennett zeigt, dass sogar die umgekehrte Schlussfolgerung: Wenn es keinen Gott gibt, habe ich einen Grund, antireligiös zu sein – dass die auch nicht stimmt! Selbst der Atheist muss nämlich feststellen – und das stellt Dennett fest – dass die Religion, auch wenn es Gott nicht gibt, darwinistisch einen Evolutionsvorteil darstellt. Menschliche Gesellschaften ohne Religion waren in der Vergangenheit offenbar an fehlender Kohäsion zugrunde gegangen – um den Gedanken sehr pauschal wiederzugeben. Aber, mal ehrlich, hat uns das nicht bereits unser alter Voltaire gesagt? „Selbst wenn es Gott nicht gäbe, müssten wir ihn erfinden“. Da sehe ich wieder die altbekannte Philosophie der Aufklärung am Werk.

Auf der anderen Seite gibt es auch Autoren wie Richard Swinburne, welche versuchen, Konzepte einer natürlichen Theologie neu zu formulieren (vgl. Besprechung des Lemma „Religion“ im Zedler-Lexikon des 18. Jh. im Artikel „Wer zählt was?“). Ihm wurde vorgeworfen, einer „naiven“ Erkenntnistheorie anzuhängen?

Swinburne hat keine naive Erkenntnistheorie. So wie er kennen sich weltweit nur wenige in der Bayesschen confirmation theory aus. In Oxford unterrichtete er nicht nur Religionsphilosophie, sondern auch induktive Logik – das einfach als argumentative Keule für Swinburne aus dem Bereich der Pragmatik…

Als Bayesianer [gemeint ist Thomas Bayes, 1701-1761; Anm. Red.] kann man Swinburnes Argumente für die Idee Gottes als Erklärung für die Existenz der Welt nicht ignorieren. Swinburne zeigt mit seinen Argumenten, dass die Bayesianer, falls sie keine Theisten werden wollen, selber Änderungen am Framework ihrer Theorie vornehmen müssen, um zu verhindern, dass sie die Existenz Gottes impliziert. So arbeitet übrigens auch der prominenteste Gegner Swinburnes in Deutschland, Gerhard Schurz von der Uni Düsseldorf. Er revidiert die Bestätigungstheorie von Bayes. Oder vielmehr er behauptet, dass diese Theorie unter bestimmten Voraussetzungen in der Wissenschaftstheorie keine Anwendung findet und unseren Begriff der wissenschaftlichen Erklärung sprengt. Und warum sprengt sie diesen Begriff? Ganz einfach, weil Swinburne gezeigt hat, dass der reine und unverfälschte Bayesianismus in der Wissenschaftstheorie Sachen wie die Existenz Gottes impliziert. Da sehe ich eher eine Geschmacksfrage: Will man einen puren oder einen revidierten Bayesianismus? Für ersteren würde ein Theist plädieren, für letzteren ein Agnostiker oder ein Skeptiker.

Der reine und unverfälschte Bayesianismus impliziert in der Wissenschaftstheorie Sachen wie die Existenz Gottes? Das bedarf der Erklärung…

Die Bayessche Bestätigungstheorie liefert keine direkten Beweise für die Richtigkeit einer Hypothese. Sie wiegt diese Hypothese gegen die alternativen Hypothesen ab und versucht zu ermitteln, welche unter den vorhandenen Hypothesen am meisten erklärt. Die Hypothese z.B., dass Gott existiert, kann Ihnen erklären, warum es im Universum Regelmäßigkeiten in Form von Naturgesetzen gibt: Gott hat – salopp ausgedrückt – diese Naturgesetze hergenommen, als er sich an die Arbeit gemacht hat, dieses Universum zu schaffen. Aber die Existenz Gottes erklärt Ihnen gleichzeitig Berichte von Wundern bzw. von Abweichungen von solchen Regelmäßigkeiten. Da die Existenz Gottes Beides erklärt, erklärt diese Hypothese automatisch mehr als alle alternativen Hypothesen, sobald Sie die Wunderberichte ernst nehmen! Aber auch ohne Wunderberichte erklärt die Existenz Gottes mehr als die alternativen Hypothesen. Es gibt ja keine physikalische Theorie, die erklären könnte, warum es diese und nicht andere Naturgesetze gibt.

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Karikatur von Sidney Harris, The New Yorker, 2007. Ein Klick führt zu „Science Cartoons Plus“, der Webseite des Künstlers.

Das würde der Hypothese, dass Gott existiert, einen gewaltigen Vorsprung gegenüber der „Konkurrenz“ geben – wie gesagt im Kontext eines reinen Bayesianismus ohne Zusatzannahmen. Es wäre zwar kein Beweis, dass Gott existiert, aber immerhin der Nachweis dafür, dass die Existenz Gottes eine bessere Erklärung – und zwar wissenschaftstheoretisch eine bessere Erklärung – für die Existenz des Universums ist als unsere Physik zum Beispiel! Wissenschaftstheoretiker, die gerne weiterhin mit der Bayesschen Bestätigungstheorie arbeiten möchten, ohne die Existenz Gottes als Output zu erhalten, führen als Zusatzannahme ein, dass als wissenschaftliche Hypothesen nur solche zugelassen werden, die nicht alles, jedenfalls nicht vielzuviel erklären. Aber der Formalismus der induktiven Logik, der ja die Bayessche Bestätigungstheorie zuzuordnen ist, gibt natürlich keine derartigen Einschränkungen vor. Ich meine, wie soll „vielzuviel“ logisch definiert werden?

Um das nochmal herunterzubrechen auf eine Art Gleichnis: Man stelle sich vor, es gebe ein Computerspiel, dessen Ziel die logisch schlüssige Welterklärung ist. Ob es nun sogenannte Cracker aus der Hacker-Community waren oder bereits die ursprünglichen Spiel-Designer, es gibt eine Art „Trainer“, wo man vor Spielbeginn bestimmte Eigenschaften der Spielerfigur manipulieren kann. Bei diversen Jump’n Run-Spielen konnte man so unendliches Leben, unendliche Munition oder Unverletzbarkeit einstellen. Daher wurde die Verwendung solcher Trainer auch als „Godmode“ bezeichnet. Mit einem solchen kann man das Spiel der Welterklärung nur gewinnen. Will man unterscheiden, ob ein Spieler nun mit oder ohne Godmode gewonnen hat, könnte entscheidend werden, dass der Spielverlauf völlig ohne Niederlagen geschieht, wenn ein Trainer benutzt wurde. Ein Godmode-Gewinner ist dabei auch immer mit großem Abstand besser als seine Konkurrenz. Zurück bei Swinburne brachte mich dieses Gedankenspiel zu der Idee, dass das Problem an dessen Ausgangsregel hängen könnte: „Simplex sigillum veri“ („Das Einfache trägt das Siegel des Wahren“; zit. nach Joelle Vereet, Die rationale Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes, Münster 2006, S. 46). Oder liege ich damit völlig daneben?

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Ein „Trainer“ für die Amiga-Version des Computerspiels Syndicate (Publisher Electronic Arts, Entwickler Bullfrog Productions 1993) mit Gruppenname Anthrox. In dem Strategiespiel geht es um mächtige Großkonzerne, die namensgebenden Syndikate, welche die Geschicke der Gesellschaft bestimmen und sich gegenseitig mit militärischen Mitteln bekämpfen. Ein Klick auf das Bild zeigt den Trainer auf Youtube. In anderen Fällen gibt es versteckte Tastenkombinationen oder Geheim-Level.

Zunächst zum „Godmode“. Das ist eine sehr schöne Analogie. Wenn wir allerdings versuchen, Erklärungen für bestimmte physikalische Phänomene oder historische Fakten anzubieten, wissen wir nicht, ob uns ein „Godmode“ zur Verfügung steht oder nicht – im Gegensatz zum Computerspiel, bei dem uns andere, erfahrenere Spieler oder die Hacker selber das vielleicht verraten können. Ist es unter dieser Voraussetzung rational, mit dem strategischen Ziel zu spielen, die Handgriffe zum „Godmode“ zu finden? Ich meine, im Computerspiel ist es immer rational so zu spielen, wenn jemand anders, der zig Stunden an dem Spiel gesessen hat, sagt: „Guck mal, auf der Ebene so-und-so tust du das und das und dann bist du im Godmode“. Aber wenn wir die Leistungen der Wissenschaft bewerten, wo es keinen Experten gibt, der uns diese sichere Information geben kann, ist es rational, die Leistungen desjenigen als besser einzuschätzen, der sozusagen auf „Godmode“ spielt? Sie sagen: einfachheithalber ja! Oder Sie fragen viel eher… Aber die Einfachheit vorauszusetzen, ist nicht ohne Weiteres. Die Theisten setzen die Einfachheit des „Godmode“ voraus, weil Informationen fehlen. Wenn mein Navigerät einen direkten Weg nach X vorschlägt und alternativ einen Umweg, dann setze ich einfachheitshalber voraus, dass auf beiden Straßen gleiche Verkehrsdichte herrscht, wenn ich keine weiteren Informationen erhalte. Aber ist das tatsächlich der Fall? Übrigens ist das Einfachheitsprinzip auch aus anderen, rechnerischen Gründen kein guter Ansatz für den Bayesschen Theismus. Das würde allerdings zu weit führen in unserer Diskussion. Nur soviel: Der Bayessche Theismus, sprich Swinburne, kommt auch ohne das Einfachheitsprinzip aus. Und er zeigt nicht, dass es Gott geben muss, sondern er weist nur nach, dass es unter den gegebenen Voraussetzungen rational ist, seine Wege erkunden zu wollen.

Eine viel größere Berechtigung für den „Godmode“ scheint mir die These Daniel Dennetts zu liefern – wohlgemerkt, eines Atheisten… Wer mit dem Gedanken des „Godmode“ im Hinterkopf spielt, hat mehr Erfolgschancen unabhängig davon, ob es zum Schluss einen „Godmode“ gibt oder nicht, ja sogar unabhängig davon, ob die angebotene Welterklärung zum Schluss stichhaltig ist oder nicht. Das ist Dennetts darwinistisches Argument für die Religion: Religiosität stellt einen Evolutionsvorteil dar. Das können wir auch aus der jüngsten Geschichte nachvollziehen. Wenn wir uns eine atheistische Gesellschaft vorstellen, dann wäre diese so etwas wie das Albanien während des Kalten Krieges oder die Roten Khmer: nicht wirklich erfolgreiche Modelle… Dennett hätte Ihnen wohl gesagt: Wir spielen lange, um den Godmode zu entdecken, es gibt keinen Godmode und wir gewinnen trotzdem.

Das erweckt den Eindruck, atheistische Wissenschaftler_innen entdecken, dass es besser oder gesünder wäre, religiös zu sein. Ist das nicht paradox?

Ich weiß nicht, ob man das „gesünder“ nennen sollte. Sie entdecken auf jeden Fall, dass es effizienter ist. Vielleicht ist das paradox. Auf keinen Fall ist es aber ein Widerspruch. Ein Atheist, der zu diesem Schluss kommt, ist gewissermaßen ein Trittbrettfahrer: Der Zug, auf den er springt, läuft nur, weil es welche gibt, die an ein paar Sachen glauben und ein Ticket kaufen. Wenn jeder es so tun würde wie er, würde der Zug nicht fahren. Aber der Trittbrettfahrer will gar nicht behaupten, dass alle Trittbrettfahrer sein sollten. Genauso will der Atheist gar nicht, dass alle Atheisten wären. Sie können höchstens sagen, dass die Atheisten unredlich sind, wenn sie etwas ausnutzen, dem sie die Berechtigung entziehen. Aber das wäre ein moralisches Urteil Ihrerseits.


Welche Rolle spielt eigentlich der Monotheismus für die Philosophie?

In der Religionsphilosophie spielt der Monotheismus eine eigenartig herausragende Rolle. „Eigenartig“, weil die Religionsphilosophie nicht konfessionell ist. Die meisten angelsächsischen Religionsphilosophen glauben an einen Gott – das wissen wir aus Chalmers‘ und Bourgets Studie auf der Grundlage einer Umfrage vor zwei Jahren [What Do Philosophers Believe?; Anm. Red.] – und wenn Sie mich fragen, dann ist mein Eindruck aus meinem Bekanntenkreis unter den angelsächsischen Religionsphilosophen, dass sie an genau einen glauben.
Übrigens sind die meisten angelsächsischen Philosophen außerhalb der Religionsphilosophie Atheisten. Ich glaube, dass es sich in der restlichen westlichen Welt genauso verhält. Aber um das genau zu wissen, wäre eine empirische Studie vonnöten.

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David Bourget & David Chalmers ermittelten in ihrer Studie, was Philosophen glauben. 1,972 Philosophen an 99 Institutionen wurden angeschrieben und 931 antworteten. Mehr Angaben finden Sie, wenn Sie die Grafik anklicken.

Copyleft: REMID e.V. unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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6 Kommentare:

  1. Vielen Dank für dieses hochkarätige Interview, das ich mit Interesse, Gewinn & viel Zustimmung gelesen habe! So „tief“ kann Religionswissenschaft sein, klasse!

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  4. H. van Kasteel

    «Man kann gar nicht folgerichtig beweisen, dass es Gott nicht gibt – solche Argumente sind zum Scheitern verurteilt genauso wie die Argumente für die Existenz Gottes». Der französische Philosoph Louis Cattiaux (1904-1953) in “Die Wiedergefunde Botschaft” (Verlag Herder, Basel, 2010, S.307): «Es gibt Dummköpfe, die durch Worte versuchen, die Existenz oder die Nichtexistenz Gottes zu beweisen. Das ist sicherlich das lustigste Ding der Welt oder das traurigste.»

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