Caitanyas Erbe: Heterogenität und Mitgliederfluktuation in der Hare Krishna Bewegung

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REMID interviewte Ben Heimann (Universität Münster) zu reformhinduistischen Bewegungen, Hinduismus in Deutschland und Vielfalt in der Hare Krishna Bewegung.

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Hare Krishna Devotees in Leipzig 2007.

Bild von Vaishnava108 unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Viele denken bei Reformhinduismus im Westen an die Hare Krishna Bewegung (vgl. Interview Globale Gurus: Indische Religionen auf Welttournee). Wie ist Ihr Eindruck bzgl. reformhinduistischer Bewegungen insgesamt aktuell in Deutschland?

Ich denke bei Reform-Hinduismus zuerst an die Reformer des späten 19. Jh. und frühen 20. Jh., Vivekananda usw. Durch sie wurde der  „Hinduismus“ weltweit zu einem Begriff, allerdings auch verkürzt bzw. konzentriert auf die nondualistische (advaita) Auslegung des Hinduismus. Von DEM Hinduismus als einer einzigen Religion zu sprechen ist zudem schwierig. Zu viele und zum Teil sehr verschiedene Ansichten und Praktiken werden in diesem Begriff zusammen gefasst.

Gerade im Bereich der Hare Krishna Bewegung ist zu erwähnen, dass sie selber auch eine Reform erfahren hat im selben oben genannten Zeitraum. Die Verflechtung von indigener Oberschicht und westlicher Form von Bildung und Kultur, die die britische Kolonialherrschaft mit sich brachten, führten eben u.a. auf dem Gebiet der Religiosität zu neuen Ansätzen oder gar zum Umdenken. Dort sehe ich primär den Ursprung des sogenannten Reformhinduismus. Die Hare Krishna Bewegung, wie sie in der westlichen Welt seit den späten 1960er Jahren verbreitet wurde, ist sicherlich eine mehr oder weniger direkte Konsequenz dieses frühen Reformhinduismus aus der Kolonialzeit.

Man könnte sagen: so wie sich die europäisch-westliche Kultur mittels Kolonialismus (inklusive der christlichen Mission) globalisiert hat, so findet nun parallel dazu eine Art Reflux statt von kulturellen und damit auch religiösen ‚Gütern‘ in Richtung der westlichen Welt. Gurus auf Welttournee sind eben eines der Phänomene der Globalisierung, die den Globus zu einem Dorf machen, wo praktisch alles überall erhältlich ist.

Zur Situation in Deutschland kann man sagen, dass sie typisch zu sein scheint für ein wohlhabendes westliches Land. Das Interesse an östlicher oder indischer Spiritualität boomt. Yoga in verschiedensten Varianten wird in jeder Stadt angeboten, hinzu kommen die ayurvedischen Wellness-Angebote oder die umfangreiche Literatur in den (esoterischen) Buchläden.

Der religiös/spirituelle Marktplatz ist gut gefüllt mit ‚Indischem‘. Wer diese eher individualistischen Angebote um eine ‚reformhinduistische Bewegung‘ erweitern möchte, wird sicherlich etwas nach seinem Geschmack finden. Die öffentliche Präsenz der Hare Krishnas z.B. ist zwar nicht mehr so stark wie vielleicht in den 1970/80ern, aber dies scheint durch das Internet gut kompensierbar. Wer nach Hare Krishna googelt, wird sicherlich auch einen Tempel oder eine kleine private Gemeinde in der Nähe finden, die zu ihren traditionellen Sonntagsfesten einlädt. Dass es innerhalb der Hare Krishna Bewegung selber unterschiedliche Gruppen gibt, die sich oft nur geringfügig unterscheiden, fällt dabei auf den ersten Blick nicht auf.

Abgesehen von der Hare Krishna Bewegung gibt es natürlich in Deutschland noch weitere reformhinduistische Bewegungen. Das von Ihnen in der Eingangsfrage erwähnte Interview stellt z.B. Sai Baba und Amma vor, die sicherlich auch eine Rolle in diesem Zusammenhang spielen.

Außerdem zu erwähne ist der Yoga Vidya e.V., mit Hauptsitz in Bad Meinberg, wo der Gründer, Sukadev Bretz, eine ehemalige Kurklinik in einen Yoga Ashram verwandelt hat. Dort finden in der Tradition des Advaita-Vedanta-Meisters Shivananda Seminare und Ausbildungen in den Bereichen Hatha-Yoga, Ayurveda usw. statt. Der religiöse Kontext, das Singen von Mantras und Bhajans, sowie die Verehrung von Gottgestalten auf Altären ist ein wesentlicher Bestandteil der dortigen täglichen Praxis. Yoga Vidya unterhält weitere Seminarhäuser im Westerwald, im Allgäu und an der Nordsee, sowie kleinere Filialen in nun fast allen großen deutschen Städten. Es findet keine Art von Mission im klassischen Sinne statt, dennoch ist das Phänomen, seine Verbreitung und Zulauf beachtlich, und verdient weitere religionswissenschaftliche Beachtung.

Nun hat sich auch das Feld der von Sri Prabhupada begründeten ISKCON oder Hare Krishna Bewegung vervielfältigt. Wie kam es dazu und wer sind die wichtigsten Vertreter?

Die Verzweigungen der Hare Krishna Bewegung beginnen bereits im 16. Jh. nach dem Verscheiden Caitanya Mahaprabhus, dem eigentlichen Begründer der Bewegung. Der ISKCON Gründer, Srila A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, war Angehöriger eines Ordens, der sogenannten Gaudiya Math, die sein Guru, Bhaktisiddhanta Sarasvati Thakur, gegründet hatte und der Reformierung der Bewegung sowie ihrer Verbreitung dienen sollte. Unter der Führung von Bhaktisiddhanta wurden in Indien über 60 ‚Filialen‘ dieses Ordens eröffnet und in den 1930er Jahren sogar je eine in London und Berlin.

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Caitanya Mahaprabhu, Fotographie eines Gemäldes von ca. 1900.

1937 verschied Bhaktisiddhanta und in Uneinigkeit über seine Nachfolge zerfiel die Gaudiya Math. Zahlreiche seiner Schüler setzten die Mission fort, allerdings nicht als ein geschlossener Orden, sondern in Form einzelner unterschiedlicher Orden. Daher bestehen bis heute in Indien mehrere Zentren, die sich als Gaudiya Math bezeichnen. Srila Prabhupada war ein direkter Schüler von Bhaktisiddhanta, hat aber seine Einweihung ins Mönchtum, den sannyasa-Stand, erhalten von einem anderen Schüler von Bhaktisiddhanta. Sein sannyasa-Guru war der Vorsitzende einer der vielen Gaudiya Math Orden (mit dem Namen ‚Gaudiya Vedanta Samiti‘). Die Geschichte der Gaudiya Math ist spannend und komplex, soll hier aber wohl weniger im Zentrum stehen.

Nun, nach dem Verscheiden des ISKCON Gründers, Srila Prabhupada, ging es für die ISKCON kaum weniger dramatisch weiter als für die ursprüngliche Gaudiya Math. Prabhupada hatte bereits vor seinem Verscheiden verfügt, dass ein Governing Body Committee (GBC) die Leitung der Organisation fortführen sollte, inklusive der Einweihung neuer Schüler durch die von ihm eingeweihten Sannyasis, Mönche [daher auch Sannyasins in der Bhagwan/Osho-Bewegung; das „n“ hängt von der jeweiligen Praxis der Umschrift ab; Anm. Red.]. Prabhupada hatte zudem empfohlen, sich bei Fragen zu Lehre und Praxis an seinen Gottbruder (i.e. jemand mit demselben Guru), Shridhar Maharaj (1895-1988), zu wenden. Dies war wohl nur für eine gewisse Elite, z.B. die Sannyasis, innerhalb der ISKCON angedacht. Mit der Zeit nahmen ISKCON-Mitglieder aber auch Zuflucht bei diesem Guru und verließen die ISKCON. Das prominenteste Beispiel dafür ist der deutsche Guru Paramadvaiti Swami, der von Shridhar Maharaj die sannyasa-Weihe erhielt und seit den späten 1980ern eine eigene weltweite Mission betreibt. Seine Mission unterhält Zentren in Berlin, Indien und Südamerika und fördert die Vernetzung diverser Gaudiya Mathas durch die von ihm mitbegründete ‚World Vaishnava Association‘.

Der aus der zweiten Generation nach Bhaktisiddhanta stammende Bhaktiballabha Tirtha Maharaj (1924*) ist Vorsitzender der Sri Chaitanya Gaudiya Math und stellt einen weiteren prominenten Anlaufpunkt für westliche Devotees dar, er besuchte noch im hohen Alter die USA im Jahr 1999.

Weltweite Bedeutung hat die Mission von Srila Narayana Maharaja (1921-2010) erlangt. Ebenfalls aus der zweiten Generation nach Bhaktisiddhanta stammend war er nach dem Verscheiden Shridhar Maharajas ein weiterer Anlaufpunkt für führende ISKCON-Mitglieder bis in die Mitte der 1990er. Von 1996 bis 2010 hat er jährliche Welttouren absolviert und auf allen Kontinenten Festivals abgehalten. Daneben hat er im Frühjahr und Herbst zu den wichtigsten Pilgerfesten nach Indien eingeladen: im Frühjahr nach Navadvip, West-Bengalen, um den Geburtstag des Religionsstifters zu feiern, und im Herbst nach Vrindavana (zwischen Delhi und Agra), dem legendären Geburtsort Krishnas.

Während die vorgenannten Vertreter der Gaudiya Math in der Linie von Bhaktisiddhanta stehen, gab und gibt es auch noch weitere Linien, die sich auf Caitanya berufen.

Einer dieser Vertreter ist Prem-Gopal Goswami, ein Nachfahre in der 14. Generation von Nityananda Prabhu, einem der engsten Vertrauten Caitanyas und aus theologischer (’spiritueller‘) Sicht dessen Bruder. In einem Interview mit ihm gab er an, dass der Hauptunterschied zur Lehre der Gaudiya Math darin besteht, dass der sannyasa-Stand abgelehnt wird. Dieser sei im gegenwärtigen Zeitalter (kali-yuga) laut Aussage der Schriften nicht zulässig. Prem-Gopal Goswami hält Vorträge in Indien und Europa über die Lehre Caitanyas, als Guru gibt er auch Einweihungen.

Unabhängig von jeglicher Institution zieht der aus königlicher Familie stammende Sannyasi, Sadhu Maharaj, viele westliche Schüler an. Seine Mönchs-Weihe erhielt er von Paramadvaiti Maharaj 1996 in Kolumbien und inspiriert besonders durch seine liebevolle und offene Art. Er verbringt die meiste Zeit in dem von seinen Großeltern etablierten ‚Munger Mandir‘-Tempel in Vrindavan und besucht nun jährlich für einige Wochen auch Schüler und Interessierte in Europa.

Alternativ zum sannyasa-Stand findet sich insbesondere in der Nachfolge dieser Linie von Nityananda eine Gruppe von Entsagern, die als Babajis bezeichnet werden. Ananta Das Babaji (1927*) ist einer ihrer prominenstesten Vertreter mit zahlreichen westlichen Schülern und einer Auswahl an theologischen Schriften in englischer Übersetzung. Üblicherweise verweilen Babajis an einem festen Ort und konzentrieren sich auf ihre spirituellen Praktiken (sadhana), während Sannyasis keinen festen Wohnort haben, reisen und mehr predigen.

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„Altar“ des ISKCON-Tempels in Berlin.

Bild von Vaishnava108 unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

In Ihrer Magisterarbeit ging es um „Mitgliederfluktuation“. Welche Beobachtungen machten Sie in dem von Ihnen untersuchten Feld?

In meiner Magisterarbeit habe ich mich auf ein Phänomen konzentriert, dass im Zusammenhang mit der damals neuen (seit 1996 internationalen) Missionstätigkeit des o.g. Narayana Maharaj stand. Dazu kam, dass 1998 einer der prominentesten ISKCON-Gurus, Harikesh Swami, von seiner Position zurücktrat. Dies war nicht der erste Fall innerhalb der ISKCON, dass ein Guru zurücktrat und das Vertrauen der eigenen Schüler und in der Gesellschaft allgemein mehr oder weniger stark verletzt wurde. Manche verließen die Gesellschaft gänzlich, während andere sich nach qualifizierteren Guru-Persönlichkeiten umsahen. Andere wiederum hatten kaum eine Beziehung zur Institution ISKCON. In den allermeisten Fällen ist es Srila Prabhupada und der ISKCON durch ihre intensive Missionstätigkeit, insbesondere den öffentlichen Auftritten, Mantra singend und Bücher verteilend, zu verdanken, dass Menschen mit der Hare Krishna Bewegung überhaupt in Berührung kamen. Aus Sicht der Institution ISKCON wurde die Mission von Narayana Maharaja oft als Konkurrenz betrachtet, die die eigenen Mitglieder abwerben oder sogar die Organisation übernehmen wolle. Narayana Maharajas Gegenargument basierte auf seinem Auftrag, den er von Srila Prabhupada, seinem engen Freund aus alten Tagen, auf dessen Sterbebett erhalten habe, nämlich sich um seine Schüler zu kümmern, für dessen Ausbildung ihm selber nicht die ausreichende Zeit gegeben war.

Narayana Maharaja war ein fortgeschrittener Devotee und verfügte über komplexes theologisches Wissen sowie über ein gewisses Charisma, das dem der vergleichsweise jungen und unerfahrenen Führungsschicht der ISKCON überlegen schien. Neben persönlichen Gründen, wie der Vorliebe für einen bestimmten Stil zu musizieren, wurde auch ein philosophischer Punkt genannt. Hierbei ging es darum, dass 1996 per Beschluss durch das GBC festgelegt wurde, dass der Ursprung der Seele die ’spirituelle Welt‘ sei, während die traditionelle Ansicht innerhalb der Gaudiya Math deren Ursprung in einem Zwischenbereich (tatastha) verortet, zwischen ’spiritueller‘ und ‚materieller‘ Welt. Seitens Vetretern der Gaudiya Math wurde daher der ISKCON vorgeworfen, nicht mehr der ursprünglichen Lehre zu folgen.

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Altar im Bhakti Yoga Zentrum Bochum mit Bildgestalten von Sri Sri Gaura-Nitai, Nov. 2013.

Bild von Alexander Reyzin mit freundlicher Genehmigung unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Welche Rolle spielt Indien für diese Bewegungen – und wie global agieren sie?

Indien kann durchaus als Ursprung, Herz und Ziel der Bewegung gesehen werden, insofern als dort die wichtigen Pilgerorte lokalisiert sind, die den Anhängern der Bewegung als kurzfristiger Aufenthaltsort während einer Pilgerreise oder als permanenter Wohnort dienen.

Drei Orte stehen dabei im Vordergrund: Vrindavana, der Geburtsort Krishnas im Nord-Westen Indiens, Navadvip, der Geburtsort Caitanyas in West-Bengalen, an der Ganga nördlich von Kalkutta, und Puri in Orissa, am Golf von Bengalen, wo Caitanya die letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

Aus theologischer Sicht sind Krishna und Caitanya nicht verschieden und somit sind die Geburtsorte von beiden als gleichwertig ‚heilig‘ zu betrachten. Entsprechend der Lehre besteht ein Hauptunterschied darin, dass Caitanyas Barmherzigkeit im Vordergrund steht, und dementsprechend an seinem Geburtsort keine Vergehen gemacht werden können. Im Gegensatz dazu ist es in Vrindavana leichter möglich Vergehen (Respektlosigkeiten gegenüber heiligen Objekten und Personen) zu begehen und dafür entsprechende ‚karmische‘ Strafen zu erfahren.

Objektiver betrachtet ist an allen Orten eine gesteigerte Bautätigkeit zu beobachten, um die ständig steigende Zahl an inländischen und ausländischen Pilgern beherbergen zu können. Infrastruktur und Stadtbild allgemein verändern sich entsprechen, insbesondere um den Ansprüchen westlicher Gäste entgegen zu kommen, z.B. Verfügbarkeit von Internet und internationalen Geldautomaten.

Besucher kommen von überall; neben der westlichen Welt – Europa, Nordamerika – sind Besucher von allen Kontinenten vorzufinden. Auffällig sind die zahlreichen Devotees aus Russland und bemerkenswert auch das Interesse aus China.

ISKCON hat seit den 1970er Zentren in fast allen Großstädten rund um den Globus. Tempel, die von Anhängern Narayana Maharajas unterhalten werden, sind weniger zahlreich. In diesem Kontext spielen die reisenden Prediger, oft Sannyasis, eine Rolle, die nicht nur etablierte Tempel besuchen, sondern auch Veranstaltungen in privaten Räumen oder von kleinen Gemeinden kurzfristig gemieteten Räumen.

Paramadvaiti Maharajas Mission hat eine starke Präsenz in Südamerika aufgrund seiner Möglichkeit in der Landessprache, spanisch, zu predigen, bzw. zu publizieren.
Egal welche Gruppe, die Globalisierung schreitet weiter fort. Neben der physischen Präsenz von Predigern und Büchern darf natürlich das Internet nicht unterschätzt werden, als bedeutender Faktor in den Kommunikations- und Vernetzungsprozessen.

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Unter dem legendären Neem-Baum soll Caitanya nach den Vorstellungen der Gaudiya-Math-Anhänger geboren sein; sein Name war daher in der Jugend ‚Nimai‘. Das Bild „Sri Krishna Chaitanya’s Appearance Place“ entstammt einer Webseite der World Vaishnava Association. Heilige, Gurus und Inkarnationen bzw. Avatare haben – laut Theologie – keine Geburt und keinen Tod, weil sie ewige Persönlichkeiten sind. Seelen sind an sich ewig, aber ‚göttliche Wesen‘ sind sich dessen bewusst, während gewöhnliche Wesen, die sich der Seele nicht bewusst sind, sterben und erneut geboren werden. Ein schöner diesbezüglicher Vergleich ist, dass der östliche Horizont nicht die Mutter der Sonne ist, obwohl die Sonne daraus aufsteigen mag.

 

Wo Sie das Internet erwähnen, welche Rolle nimmt dieses Bündel neuer Medien bei den von Ihnen betrachteten Gruppen ein? Dient es nur zur Kommunikation oder gibt es z.B. auch virtuelle Tempel (vgl. dazu Interview über digitale Sinnsucher und Artikel über „heilige“ Medien)?

Kommunikation ist ein wichtiger Punkt. Vor allem weil es ein weltweites Phänomen ist und persönliche Treffen manchmal nur selten, z.B während besonderer Feste in Indien stattfinden. Foren und insbesondere ‚Facebook‘ helfen schon sehr beim Austausch über Ländergrenzen hinaus.

Virtuelle Tempel sind mir in Form eines online abhaltbaren Gottesdienstes (puja) nicht direkt aufgefallen. Aber ein Tempel hat daneben ja schon die erwähnte Funktion, den Gläubigen einen Ort des Gesprächs zu bieten. Desweiteren sind die in Tempeln gehaltenen Vorträge oft als Video-, Audio-Mitschnitt oder in Textform online erhältlich. Dazu kommen zahlreiche digitale Bücher und eine sehr große Auswahl an devotionaler Musik, die im Netz frei verfügbar sind.

Verändert sich die Rolle des Gurus, wenn wir die Entwicklung der Hare Krishna Bewegung im weiteren Verständnis seit Caitanya im 16. Jh. bis heute und insbesondere in den letzten Jahrzehnten betrachten? Entwickelt sich ein neues internationales Profil religiöser Experten?

Jeder Guru hat die – oft nicht leichte – Aufgabe, seine Tradition zu wahren und gleichzeitig, diese einer immer schneller wandelnden Umwelt in passender Weise zu präsentieren.

Wenn es dabei zu Anpassungen kommt, kann es vorkommen, dass besonders konservative Stimmen darin Fehler finden. Auf der anderen Seite sind Anpassungen an eine neue Umwelt vielleicht die einzige Chance, darin überhaupt erst Fuß fassen zu können, um dann allmählich Offenheit für die teilweise sehr fremden, exotischen oder gar archaischen Ansichten zu schaffen. Beispielsweise hatte Prabhupada, als er in den USA ankam, mit vielen Hippies zu tun, und er akzeptierte deren Dienste, obwohl manche von ihnen noch ungeschoren oder berauscht waren.

Die Gestalt des Gurus ist scheinbar ein seit vielen Jahrhunderten sehr stabiles Phänomen.

Und im Zuge von Globalisierung und Modernisierung ist es sogar noch komplexer geworden. Aufgrund der zunehmenden Zahl von international agierenden Gurus – ein Phänomen weit über die Hare Krishna Bewegung hinaus – variiert deren Qualität heutzutage dementsprechend. Für manche mag es ‚trendy‘ sein, sich mit einem Guru zu schmücken, für andere ist die Hingabe an den Guru zum zentralen Lebensinhalt geworden. Vielleicht hat das die Frage nicht beantwortet, aber das Thema ‚Guru‘ ist eben sehr zentral und sehr komplex. Literatur ist zahlreich dazu vorhanden. Eine gute Darstellung des Hare Krishna bzw. Gaudiya Vaishnava Gurus bietet z.B. Mans Broo in „As good as God“. Auch kritische Werke über die angeblichen Gefahren des ‚Guruismus‘ oder die schlechten Erfahrungen von ehemaligen Schülern mancher ‚Gurus‘ sind in der gegenwärtigen Literatur leicht zu finden.

Sie reisen nächste Woche nach Indien. Wie schließt Ihre aktuelle Forschung an Ihre bisherigen Arbeiten an?

Meine aktuelle Fragestellung zielt auf die Vielfalt innerhalb der Bewegung ab und, auf welchen „internen Selbstverständnissen“ diese Vielfalt im einzelnen beruht. Neben den direkten Interviews sind für mich informelle Gespräche und die Partizipation im Feld hier von gleichrangiger Bedeutung für die Erweiterung meines Verständnisses und Wissens in Bezug auf meine Forschungsfrage.
Die Individualität einzelner Gruppierungen ist ähnlich spezifisch, wie die persönlichen Geschichten ihrer Repräsentanten. Gerade im Umfeld von Narayana Maharaj ist es aktuell interessant zu beobachten, wie die Gemeinschaft seiner Anhänger ohne ihn weiterbesteht, wie sich neue Strukturen und neue Gruppen um neue Gurus herum ausbilden. Und wie nach dem Verscheiden Prabhupadas bleiben interne Meinungsverschiedenheiten nicht aus. Tendenzen hin zu einer gewissen Institutionalisierung und die Suche nach neuen charismatischen Meistern sind gleichermaßen zu beobachten. Für die Religionswissenschaft bietet sich hier also reichlich Forschungsmaterial, sei es historisch, sozialwissenschaftlich oder psychologisch zu betrachten.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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2 Kommentare:

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