Okkulte DDR – Umgang mit heterodoxen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken


„Natürlich hatte Hans Bender – der wohl berühmteste (und gleichermaßen auch hierzulande nicht unumstrittene) Parapsychologe in der BRD – eine Stasiakte“, erwähnt Dr. Ina Schmied-Knittel am Rande, doch die genaue Sichtung der entsprechenden Akten, der öffentlichen und weniger öffentlichen Diskurse, der Praxis im Privaten wie ihrer Beobachtung und Dokumentation im Geheimen, Zeitzeugeninterviews – das ist die Aufgabe, der sich die Soziologin und ihr Team um Prof. Dr. Michael Schetsche und M.A. Andreas Anton während der Laufzeit des Projektes stellen. Dabei ist die Forschungsgruppe auf die Mithilfe von Menschen angewiesen, die damals in der DDR Erfahrungen mit diesen Themen sammeln konnten (Email: kontakt [at] okkulte-ddr.de).

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In Ihrem aktuellen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt (okkulte-ddr.de) geht es um den Umgang mit heterodoxen Wissensbeständen, Erfahrungen und Praktiken in der DDR. Sie schreiben, es gehe um alle im weitesten Sinne esoterischen, paranormalen, okkulten und alternativ-religiösen Themen. Auch wenn diese Begriffe den meisten Laien vertraut sein dürften, ist ihre genaue Bestimmung nicht trivial (vgl. z.B. Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?, oder das Interview bzgl. “Le Christianisme c’est le Communisme”: Sozialismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts). Wie kamen Sie auf diese Projektidee – und mit welchen Methoden gehen Sie vor?

Das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg beschäftigt sich schon seit langem mit der Frage nach der Verbreitung sog. paranormaler Erfahrungen in der Bevölkerung. Hierzu gibt es etliche Umfragestatistiken und Fallsammlungen, die sich jedoch fast ausschließlich auf die Situation in der früheren und in der heutigen BRD beziehen – systematische Daten über die DDR existieren bisher nicht. Gleichwohl gibt es Hinweise darauf, dass derartige Erfahrungen auch in der DDR eine gewisse Rolle spielten. So zeigte sich beispielsweise in unseren Untersuchungen, dass verschiedene außergewöhnliche Erfahrungen wie zum Beispiel Nahtoderlebnisse gleich häufig in West- als auch in Ostdeutschland auftraten. Dieser Befund bildet einen Hintergrund für die Projektidee, die im Wesentlichen darin besteht, in systematischer Weise zu untersuchen, in welcher Weise die öffentliche und wissenschaftliche, aber vor allem eben auch die private Verhandlung von parapsychologischen Themen und paranormalen Erfahrungen in der DDR erfolgte. Denn tatsächlich ist über die Details so gut wie nichts bekannt: weder darüber, wie die entsprechende Lebenswelt quantitativ und qualitativ beschaffen war, noch wie staatlicherseits mit entsprechenden ‚Abweichungen’ verfahren wurde. Gerade Letztes verweist auch auf die soziologisch spannende Frage nach dem Verhältnis von Orthodoxien und Heterodoxien in einer Gesellschaft – vor allem dann, wenn diese, wie im Fall der DDR, ein stark ideologisch fundiertes Wirklichkeitswissen aufweist. Vor dem Hintergrund der offiziellen Ideologie kann jedenfalls davon ausgegangen werden, dass das Paranormale und die mit ihm verbundenen lebensweltlichen Erfahrungen und Praktiken an die weltanschaulichen Grundprinzipien des vom Marxismus-Leninismus geprägten Wirklichkeitswissens rührten – und damit eben an die offizielle Ideologie. Ob allerdings diejenigen, die sich mit Themen wie Parapsychologie, Astrologie, Wahrsagen, magischen Praktiken oder Ähnlichem beschäftigt haben, im selben Maße solchen ideologischen Spannungen ausgesetzt waren, wie etwa die kirchlich gebundenen DDR-Bürger, ist (noch) eine offene Frage.

Den empirischen Zugang sollen in erster Linie Selbstauskünfte von Akteuren des Felds und von Vertretern der damaligen Instanzen sozialer Kontrolle sichern – deshalb führen wir teilnarrative Interviews durch. Daneben analysieren wir den ‚offiziellen Diskurs’, etwa die Darstellungen in den Massenmedien, in Schul- oder Sachbüchern (soweit vorhanden) sowie offizielle Dokumente (Stasiakten, Zensurprotokolle).

Die Hochschule für Seefahrt Warnemünde-Wustrow gab zur Zeit der DDR Hefte über “Wissenschaftlichen Atheismus” (später auch Religionswissenschaft) heraus. Ein Klick auf das Cover führt zum REMID-Zeitschriften-Archiv.

Sie interviewen u.a. sowohl Akteure aus dem „Bereich des Paranormalen“ als auch damalige Vertreter der DDR-Administration. Was kann man bereits zu letzteren sagen? Welche Rolle spielen der sogenannte „sozialistische Realismus“ als Weltanschauung bzw. Ideologie und das Atheismusgebot dabei?

Nach allem, was wir bisher wissen, spielten die uns interessierenden Themen für die DDR-Administration eine eher untergeordnete Rolle und es ist auch noch nicht klar, ob es beispielsweise bei der Staatssicherheit einen Bereich gab, der sich speziell mit diesen Themen befasste. Gleichwohl lässt sich eine offizielle Doktrin rekonstruieren, die Themen wie Parapsychologie, Astrologie, Esoterik und Ähnliches gleichermaßen verachtet wie ideologisch funktionalisiert. Unsere bisherigen Befunde liefern jedenfalls deutliche Hinweise dafür, dass neben den traditionellen Religionen eben auch Okkultismus, Parapsychologie und ‚Aberglaube’ – mithin ‚übernatürliche’ Weltbilder und Praktiken – als falsche (bürgerliche) Ideologie denunziert und ausgegrenzt, ideologisch stigmatisiert und politisch unterdrückt wurden. Das Ziel – ganz in der Logik der marxistisch-leninistischen Ideologie und dem dazugehörigen wissenschaftlichen Welterklärungsmodell Szientismus – war dabei letztlich die Verdrängung jeglicher Form von Irrationalismus und Aberglaube. Im Sozialismus, so die gängige Vorstellung, sei derartigen religiösen Ideologien langfristig ohnehin der Nährboden entzogen. Auch eine Art Aberglaube, denn wie sich im Nachhinein zeigt, kursierten paranormale Erfahrungen und die dazugehörigen Deutungsmuster durchaus in einer Art ‚okkulten Untergrund’.

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Okkultismus als Thema in der ehemaligen Ostrepublik beschäftigte sich in vielen Fällen mit dem Westen. Der „Irrationalismus“ konnte dabei als Krise der bürgerlichen Ideologie gedeutet werden oder als potenzielle Gefahr für die eigene Weltanschauung.


Gibt es schon erste Befunde über die Verbreitung und Gestalt der „okkulten DDR“ – vielleicht im Kontrast zur westdeutschen Entwicklung?

Was sich, vor allem im Vergleich zur westdeutschen Entwicklung, bislang sagen lässt, ist, dass es keinerlei institutionalisierte Formen (etwa Vereine, Laienforschergruppen) der Beschäftigung mit dem genannten Themenspektrum gab. Dennoch interessierten sich die Menschen dafür und machten selbst entsprechende außergewöhnliche Erfahrungen. Dies wissen wir beispielsweise aus Briefen von DDR-Bürgern, die seinerzeit an das IGPP in Freiburg geschickt wurden. Da das Angebot an Literatur zu diesen Themen aus oben genannten Gründen natürlich recht eingeschränkt war, besorgten sich die Menschen Literatur aus dem Westen oder sie beantragten Einsicht in die Bestände sog. „Giftschränke“. Der Austausch über paranormale Phänomene und Erfahrungen fand also vor allem im informellen, privaten Rahmen statt. Es gab zwar durchaus öffentliche Vorträge zu diesen Themen, diese entsprachen aber weitestgehend der explizit ablehnenden Haltung, die sich auch in der themenspezifischen DDR-Literatur und in den medialen Bezugnahmen findet.

Interessant ist auch, dass wir es mit einer Art doppelten ‚Eisernen Vorhang’ zu tun haben. Denn auch aus den sozialistischen Bruderländern, wo es durchaus akademische Formen und universitäre Institute gab, die sich z.B. mit Parapsychologie, Aura- oder Kirlianfotografie u.ä. beschäftigten, gelangte kaum etwas in die DDR. Die meisten sowjetischen Aufsätze zu diesen Themen sind in der DDR nie erschienen [man vgl. den Spiegel-Titel 28/1977 „Parapsychologie. Vom KGB kontrolliert„; Anm. Red.].

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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2 Kommentare:

  1. Pingback: SkepKon-Rückblick: Der okkulte Untergrund der DDR @ gwup | die skeptiker

  2. Man vgl. den „SkepKon-Rückblick: Der okkulte Untergrund der DDR“ von Bernd Harder im GWUP-Blog.

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