Nachgefragt: Religion in Ex-Position. Eine religionswissenschaftliche Ausstellung

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Eine religionswissenschaftliche Ausstellung ist eine Herausforderung, so kenne ich das von der Religionskundlichen Sammlung Marburg. Im Seminarraum ging es häufiger darum, auf welchem Konzept ein Museum oder eine Sammlung fußen kann, und dass überhaupt ein religionskundliches Konzept weltweit eine Seltenheit darstellt (vgl. z.B. Susanne Claußen: Anschauungssache Religion. Zur musealen Repräsentation religiöser Artefakte, Bielefeld 2009). 2004 zählte Sandra Schramm für Europa drei Einrichtungen: das Museum of the History of Religion in St. Peterburg, die Religionskundliche Sammlung in Marburg und das St. Mungo Museum of Religious Life and Art in Glasgow (Spirita: Darstellung von Religion in Museen). Am 4. Dezember 2013 berichtete Konstanze Runge bei der REMID-Reihe „Religion am Mittwoch“ über den Dharma-Meister Hsin Tao und das von ihm konzipierte Museum der Weltreligionen in Taipeh (mwr.org.tw). Nun ist gerade letzteres sicherlich ein Beispiel für eine gerade nicht religionswissenschaftliche Ausstellung von Religion(en). REMID befragt Simone Heidbrink und Carina Branković (Religionswissenschaft Heidelberg) zu ihrer aktuellen Ausstellung „Religion in Ex-Position“.

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Plakat der Ausstellung, entworfen von Sarah Hähnle (sarahaehnle.com).

Worum ging es Ihnen genau und welche Überlegungen standen dabei im Vorfeld?

Simone Heidbrink: Zunächst ging es uns um die religionswissenschaftliche Untersuchung einer Ausstellung zu religiösen Themen ganz allgemein, die als Lehrveranstaltung im Wintersemester 2013/14 durchgeführt werden sollte. Meine Kollegin Carina Branković und ich haben bereits zu mehreren Ausstellungen gearbeitet und Lehrveranstaltungen in diesem Rahmen durchgeführt, beispielsweise zu den Ausstellungen „Medium Religion“ (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 2008/09), „Glaubenssache“ (Stapferhaus Lenzburg, CH, 2006/07) oder „Kraftwerk Religion“ (Hygienemuseum Dresden, 2010/11). Leider fand sich für den in Frage kommenden Zeitraum keine Ausstellung zum Themenfeld Religion, worauf wir uns überlegten, mit Studierenden einfach selbst eine Ausstellung zu konzipieren und durchzuführen. Anfänglich war das Thema noch völlig offen, und die Lehrveranstaltung wurde unter dem Titel Zurück zu den Sachen. Religionswissenschaft als Gegenstand einer Ausstellung – ein praxisorientiertes Seminar (mit offenem Ausgang) angeboten. Peter J. Bräunleins richtungsweisender Text von 2004 [Peter J. Bräunlein: Religion und Museum. Zur visuellen Repräsentation von Religion/en im öffentlichen Raum, Bielefeld; Anm. Red.] hat uns nicht nur maßgeblich zur Arbeit an materialer Religion im Allgemeinen und Religionen in musealen Kontexten im Besonderen inspiriert, sondern uns auch durch das gesamte Seminar begleitet.

Carina Branković: Zusammen mit den beiden Museumsexpertinnen Elisabeth Schulte (Jüdisches Museum München) und Nina Tillhon (Linden-Museum Stuttgart), die uns mit ihrer praktischen Fachexpertise während des Seminars unterstützt haben sowie der Kuratorin Charlotte Lagemann des Universitätsmuseums Heidelberg, die mit uns zusammen die Ausstellung erarbeitet hat, musste zunächst zusammen mit den Studierenden ein Thema festgelegt werden. Schnell stand fest, dass es um die Disziplin der Religionswissenschaft und ihre rezenten Theorien und Methoden gehen sollte. Da es dazu keine Objekte gibt, die man einfach so ausstellen könnte, wurden von den Ausstellungsmacher_innen Installationen angefertigt, mit dem Ziel, die zu thematisierenden akademischen Fachdiskurse einem Laienpublikum verständlich und anschaulich zu vermitteln. Zudem sehen sich die Installationen der Ausstellung dem konstruktivistischen museologischen Paradigma verpflichtet, das insbesondere den Konstruktionscharakter und die Intentionen der Ausstellungsmacher_innen offenlegt und kommuniziert, Multiperspektivität und Interaktivität fokussiert und die Besucher_innen dazu einlädt, aktiv eigene Positionen zu artikulieren.

 

Eine Ihrer Installationen beschäftigt sich mit dem Religionsbegriff? Wie hat man sich das vorzustellen?

Simone Heidbrink: Streng genommen beschäftigen sich mehrere der Exponate und Installationen mit dem Religionsbegriff, ist er doch eines der zentralen Problemfelder religionswissenschaftlicher Theoriebildung und wurde im Laufe der Disziplingeschichte bekanntermaßen völlig unterschiedlich definiert und „gefüllt“.

Ganz explizit um die Frage von Religionsdefinitionen geht es bei unserer „Lostrommel“, einer großen Plexiglaskugel mit Eingriff, in der sich gelbe Kapseln (die tatsächlich aus den allseits bekannten Überraschungseiern stammen) befinden. Das Exponat steht an zentraler Stelle am Eingang der Ausstellung. Jede_r Besucher_in wird aufgefordert, sich eine solche Kapsel zu ziehen. Im Inneren befinden sich Religionsdefinitionen bzw. Statements darüber, was Religion ist oder sein könnte. Für die initiale „Füllung“ der Tombolakugel haben wir gesorgt und aus verschiedenen Quellen von unterschiedlichsten Autor_innen Äußerungen gesammelt. Diese reichen von philosophischen und theologischen Überlegungen, wie beispielsweise Schleiermachers berühmtes Zitat „Die Religion ist das Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ oder Nietzsches „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet“ über rezente religionskritische Aussagen, beispielsweise von Richard Dawkins („Ich bin ein Gegner der Religion. Sie lehrt uns, damit zufrieden zu sein, dass wir die Welt nicht verstehen“) bis hin zu populärkulturellen Statements etwa von Sting („Es gibt keine Religion außer Sex und Musik“) oder Dr. House aus der gleichnamigen TV-Serie („Wenn man zu Gott spricht, ist man religiös. Wenn Gott mit einem spricht, ist man irre“) Die kürzeste Äußerung besteht gerade einmal aus zwei Ziffern („42″) und dürfte all denen bekannt sein, die Douglas Adams SciFi-Comedy-Roman Per Anhalter durch die Galaxis (1979) kennen. Bei der Auswahl sind wir bewusst ekklektisch vorgegangen und haben aus unterschiedlichen Zeitaltern und Fachbereichen (bis hin zur Tagespolitik) ausgewählt. Hat ein_e Ausstellungsbesucher_in eine Definition (also sozusagen „sein/ihr Los“) gezogen, so begleitet dies ihn/sie durch die gesamte Ausstellung.

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Fotos: Drei Aufnahmen von Brenda Holz. Alle übrigen verwendeten Aufnahmen von Simone Heidbrink.

 

Am Ende wird er/sie zum einen gebeten, die vom ihm/ihr gezogene Äußerung zu bewerten (dazu gibt es zwei Pinnwände, je eine mit einem Pfeil nach oben für Zustimmung und eine mit einem Pfeil nach unten für Ablehnung) und zu kommentieren. Zum anderen fordern wir die Besucher_innen auf, auf den bereitliegenden Papierstreifen ihre ganz eigene Religionsdefinition zu verfassen und diese wieder zurück in die Kugel zu geben. Ziel ist es, dass sich die von den Besucher_innen notierten mit den von uns vorgegebenen Definitionen vermischen bzw. diese irgendwann ersetzen und dadurch zwischen den einzelnen Ausstellungsbesucher_innen eine Art Kommunikationsprozess entsteht. Wir sind immer wieder gespannt darauf zu sehen, wie sich unsere Pinnwände verändern und welche fluiden Prozesse dort beobachtbar sind.

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Mit der Konzeption und Durchführung dieses Exponats (das im übrigen auch stellvertretend für die gesamte Ausstellung auf den Plakaten zu sehen ist) folgen wir zum einen den partizipatorischen Konzepten moderner Museologie, zum anderen setzen wir praktisch und gewissermaßen „zum Anfassen“ den stark akteurszentrierten und auf qualitativer Forschung fußenden Forschungsfokus der Heidelberger Religionswissenschaft um. Dass wir uns damit darüber hinaus noch gewisse Erkenntnisgewinne hinsichtlich rezenter individualreligiöser Vorstellungen erhoffen, versteht sich von selbst und muss hier nicht weiter betont werden.

Wie auch alle anderen Exponate, die eine aktive Beteiligung der Ausstellungsbesucher_innen erfordern, dokumentieren wir regelmäßig, was wir vorfinden. Es haben sich schon höchst spannende (und untersuchenswerte) Befunde ergeben; wir sind immer wieder überrascht und freuen uns über die kreativen Überlegungen unserer Gäste.

 

Eine andere Installation veranschaulicht den „Markt der Religionen“. In einer Kunstausstellung in Frankfurt wurde vor kurzem ein Koran entwendet, der Teil einer Installation „God is great (#4)“ von John Latham war, welche daneben auch Bibel und Talmud enthielt (vgl. taz-Artikel vom 2. Juni). Wie wirkt Ihre Ausstellung auf religiöse Puristen? Haben Sie da Rückmeldungen bekommen? Bzw. wie würden Sie ihnen begegnen?

Simone Heidbrink: Bislang hatten wir keine Begegnung mit „religiösen Puristen“, wie Sie es nennen. Ich denke, wir würden diesen – im Sinne eines akteurszentrierten religionswissenschaftlichen Ansatzes – mit echtem Interesse und Toleranz begegnen, solange es bei einem verbalen Schlagabtausch bleibt. Jedoch wurde uns von Seiten des Universitätsmuseums zugetragen, dass sich die Anzahl der vor unserem Schaufenster auf dem Universitätsplatz betenden und segnenden christlichen Gruppen überproportional vermehrt habe, seit es unsere Ausstellung dort gibt. Ein ursächlicher Zusammenhang war von uns bislang empirisch jedoch nicht ermittelbar.

Ob sich „religiöse Puristen“ gerade am Exponat „Markt der Religionen“ stören würden, wage ich doch ein wenig zu bezweifeln. Eher vielleicht an der zugrundeliegenden Haltung, die das Konzept (und auch das Exponat) veranschaulichen soll: Es geht ja dabei (wie wir Hartmut Zinsers Konzept verstehen) um die Konstruktion religiöser Identität und Alltagskultur nach den marktwirtschaftlichen Prinzipien Angebot und Nachfrage. Aus einem „Patchwork“ unterschiedlichster Elemente (wir haben dies als religiös umgedeutete Waren in einem Kinderkaufladen versinnbildlicht, in dem es eben z.B. statt „Butterkeksen“ „Buddhakekse“ zu kaufen gibt), die auf dem religiösen Markt vorhanden sind und z.T. in Konkurrenz zueinander stehen, wird im Kontext der eigenen Identität religiöser Sinn und Kohärenz geschaffen.

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Beim Exponat „Markt der Religionen“ gibt es „Buddhakekse“ statt Butterkeksen.

Dass eine solche Ausstellung ganz generell Kritik evozieren würde, war uns im übrigen im Vorhinein klar. Wir rechne(te)n jedoch eher mit Diskussionen innerhalb der Disziplin der Religionswissenschaft. So hat z.B. das bekannte Zitat von Jonathan Z. Smith über das Nichtvorhandensein religiöser Messdaten, welches sich an prominenter Stelle auf unserem Ausstellungsflyer befindet, bereits zu einigen interessanten und durchaus fruchtbaren Auseinandersetzungen geführt [„Es gibt keine Messdaten für Religion. Religion ist ausschließlich das Werk der Studierstube. Sie wird für die analytischen Zwecke des Forschers (…) erschaffen. Religion hat keine unabhängige Existenz außerhalb des akademischen Betriebs“; Übersetzung nach Michael Bergunder (2011): Was ist Religion? Kulturwissenschaftliche Überlegungen zum Gegenstand der Religionswissenschaft, ZfR Band 19 Heft 1/2, S. 16]. Das ist an sich eine schöne Sache! Denn letztlich führen solche Diskurse – solange sie konstruktiv geführt werden – zu einer Wissensvermehrung und einer Klarstellung der unterschiedlichen Standpunkte. Und das kann im Rahmen einer pluralistischen Wissenschaftskultur doch eigentlich nur gut sein!

 

„Weg von der Lehnstuhl-Wissenschaft“ ist auch ein Motto Ihrer Ausstellung, das ebenfalls greifbar gemacht wurde. Darin steckt auch ein wenig Selbstkritik des Faches? Welche Fehler sollte man vermeiden?

Carina Branković: Die Installation zum „Lehnstuhl-Gelehrten“ wirft einen disziplingeschichtlichen Rückblick auf die Frage, wie Religion(en) im 19.  und frühen 20. Jahrhundert untersucht wurden. Wie die Installation zeigt – der alte Lehnstuhl, symbolträchtig auf Büchern fußend, befindet sich in einer inszenierten Studierzimmeratmosphäre – bezogen damalige Wissenschaftler_innen ihr Wissen vorwiegend aus Buchstudien am Schreibtisch sitzend, meist ohne aufwendige Reisen in andere Länder zu tätigen. Dabei ist jedoch weniger von einer umfassenden Kritik als vielmehr von einer reflektierenden Perspektive auf einen Teil der religionswissenschaftlichen Disziplingeschichte zu sprechen, die eben auch Teil der Ausstellung „Religion in Ex-Position“ ist.

Aus heutiger Sicht erscheinen viele der damaligen Konzepte, Theorien und Methoden überholt, überaltert oder können schlichtweg widerlegt werden. Auch Mirceas Eliades Konzept von „heilig und profan“ hat einen Platz als interaktive Installation in der Ausstellung und kann – das ist das didaktische Ziel des Exponats – von den Ausstellungsbesucher_innen in Eigenleistung als nicht funktionsfähige Metakategorie dekonstruiert werden. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass vieles, was wir heute als selbstverständliche wissenschaftstheoretische Basis unseres Faches betrachten, im damaligen Ringen um theoretische und methodische Grundlagen der Religionsforschung seinen Ursprung hat. Heute forschen Religionswissenschaftler_innen mittels empirischer und kulturwissenschaftlicher Methoden aus den Geistes- und Verhaltenswissenschaften, berücksichtigen historische, soziale oder politische Kontexte und wenden sich dezidiert den (religiösen) Akteuren zu. Jedoch wird auch unser heutiges wissenschaftliches Vorgehen in einigen Jahren möglicherweise als überholt gelten. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wir als Wissenschaftler_innen diskursiven Strömungen unterliegen, die unser Denken und Arbeiten prägen und formen.

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Ein Lehnstuhl für Friedrich Max Müller, Begründer der Religionswissenschaft. Außerhalb von Religionswissenschaft und Indologie ist Müller zudem bekannt dafür, – und es „besteht zwischen einigen Forschern ein weitgehender Konsens darüber, dass Müller eines der Vorbilder für [Bram] Stokers Chefvampirologen Dr. van Helsing ist“ (Clemens Ruthner: Süd/Osteuropäer als Vampire. Draculas Karriere vom blutrünstigen Tyrannen zum mythischen Blutsauger. Prolegomena zu einer Literaturgeschichte des Vampirismus, 2003, S. 9).


Insofern blickt auch der Objekttext der Installation des „Lehnstuhl-Gelehrten“ über die damalige Perspektive auf Religion(en) hinaus und erwähnt zudem explizit, wie die heutige Religionsforschung arbeitet.

Das Exponat des „Lehnstuhl-Gelehrten“ ist jedoch auch aus einem anderen Grund im Kontext der Ausstellung erwähnenswert. Denn wir setzen damit dem Sprachwissenschaftler Friedrich Max Müller, der ja als „Gründervater“ der modernen Religionswissenschaft insbesondere im Hinblick auf komparatistisches Arbeiten gilt, ein kleines Denkmal. Es ist nämlich „sein“ (imaginierter) Lehnstuhl, der da steht …

 

„Shiva und der Teufel“ (so ein Kapitel in Peter J. Bräunlein: Religion und Museum. Zur visuellen Repräsentation von Religion/en im öffentlichen Raum, Bielefeld 2004) – bei der Erläuterung eines religiösen Objektes gilt es auch einiges zu beachten. Was bei einer Verteufelung indischer Götter noch unmittelbar einleuchtet, ist bei Beschriftungen wie z.B. „islamischer Rosenkranz“ (eigentl.: Misbaha oder Subha) oder „Nagelfetisch“ (eigentl.: Nkisi) nicht jeder/m sofort einsichtig. Wie gehen Sie damit um?

Simone Heidbrink: Ebenso wie Peter J. Bräunlein in seinen zahlreichen Veröffentlichungen zu Religionen in musealen Kontexten (die uns und den Studierenden als zentrale Lektüregrundlage und wichtige Reflexionsfolie dienten), waren wir uns bei der Konzeption und Umsetzung unserer Ausstellung sowohl der wechselvollen Geschichte und Funktion von Museen im Allgemeinen als auch der – bereits oben erwähnten und in vielen Exponaten mehr oder weniger explizit verhandelten – problematischen Gegenstandsbestimmung von Religionswissenschaft bewusst.

Im Sinne eines akteurszentrierten Ansatzes haben wir teilweise die Frage der Erläuterungen und Beschreibungen der Objekte an die Ausstellungsbesucher_innen selbst zurückgegeben. Das Exponat mit dem Titel „Objekt und Be-Deutung“ beschäftigt sich genau mit dieser Beschreibungsproblematik. Der Objekttext beschreibt zunächst das Problem:

„Aussagen von Menschen sind ein wichtiger Gegenstand religionswissenschaftlicher Forschung. Aspekte wie Herkunft, Umwelt, Erziehung und vieles mehr prägen jeden Menschen, seinen Blick auf die Welt und seine religiösen Ansichten. Auch Religionsforscher_innen müssen ihre eigene, von ihrem soziokulturellen Hintergrund und ihren Vorverständnissen geprägte Perspektive immer wieder hinterfragen und reflektieren. Zum Beispiel kann ein solches Vorverständnis dazu führen, dass eine menschengestaltige Figur mit Flügeln als ‚Engel’ bezeichnet und interpretiert wird.“

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Exponat mit dem Titel „Objekt und Be-Deutung“.

 

Der/Die Ausstellungsbesucher_in wird dann mit drei Bilderrahmen konfrontiert. Im linken Rahmen findet sich eine recht klassische christliche Engelsdarstellung. Im rechten Rahmen ist groß das Wort „Kirche“ auf einem neutralen Hintergrund abgedruckt. In der Mitte ist folgende Handlungsanweisung angebracht:

„Schauen Sie sich die Bilder links und rechts an. Was sehen Sie? Welche Assoziationen werden bei Ihnen geweckt? Notieren Sie Ihre Eindrücke auf den bereitliegenden Karten und lesen Sie nach, was andere denken.“

Die Ausstellungsbesucher_innen werden also aufgefordert, einerseits das Bild und andererseits das Wort im Kontext ihrer Deutungsmuster und Wahrnehmungshorizonte zu beschreiben. Die Beschreibungen der vorherigen Besucher_innen liegen ebenfalls zur Ansicht bereit.

Darüber hinaus haben wir ein Booklet mit einer Auswahl an divergenten religiös konnotierten Bildern und Worten sowie deren beispielhafte Beschreibungen bereitgelegt, anhand derer sich unsere Gäste ein Bild machen können, wie unterschiedlich (religiöse) Zuschreibungskategorien ausfallen können. Die Beschreibungen stehen völlig unkommentiert nebeneinander und fordern den/die Ausstellungsbesucher_innen auf, sich selbst „ein Bild zu machen“. Einer der beispielhaften Beschreibungen auf der Karte ist immer der Versuch einer möglichst „neutralen“ Beschreibung als Beispiel einer religionswissenschaftlichen Perspektive; dies ist jedoch nur im unterschiedlichen Schrifttyp leicht hervorgehoben. Dies soll zeigen, dass „unsere“, also die religionswissenschaftliche Perspektive auch nur eine von vielen möglichen Akteurssichtweisen darstellt und deshalb nicht notwendigerweise „richtig“ sein muss oder Anspruch auf „Objektivität“ oder „Neutralität“ besitzt. Die Beispiele entstammen verschiedenster Kontexte. Wir haben bei der Auswahl jedoch darauf geachtet, dass sie von in westlichen Kontexten sozialisierten Ausstellungsbesucher_innen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein- und zugeordnet werden können. Neben alltagsreligiösen Objekten (Weihnachtsbaum, Buddhastatue, Engel) gibt es im Populärdiskurs eher umstrittene Abbildungen (eine der sog. „Mohammed-Karrikaturen„, das Kunstwerk „Piss Christ“ von Andres Serrano, eine Online-Kirche in der virtuellen 3D-Umgebung „Second Life“ [vgl. auch Interview Deus ex machina: Religion(en) in digitalen Spielen; Anm. Red.]) sowie Begriffe wie „Seele“, „Pilger“, „Heilen“ oder „Bibel“.

Bei der Abbildung einer als im Populärdiskurs als „Brockenhexe“ bekannten Stoffpuppe finden sich beispielsweise folgender Text:

„Weibliche Figur mit Brille und grauen Haaren, einem Kopftuch, karierter Bluse, langem roten Rock, geblümter Schürze, langer weißer Unterhose, auf einem Besen reitend.
Hexe.
Mit Zauberkräften ausgestattete weibliche Person, mit dem Teufel und Dämonen im Bunde.
Heilerin / weise Frau.
Oma bei der Kehrwoche.
Harry Potter.“

Der Terminus „Meditation“ wird wie folgt umschrieben:

„Konstruierte Sammelkategorie westlicher Wissenschaft des 19. und 20. Jh. für eine Vielzahl disparater, oft als religiös bezeichnete Praktiken und Bedeutungsspektren.
In vielen Religionen und Kulturen ausgeübte religiöse Praxis mit Fokus auf Achtsamkeit, Konzentration, Spiritualität.
(Post)moderne Sinnsuche.
Erleuchtung.
Wellness.
Zen-Buddhismus / Zazen.
New Age / Esoterik.“

Wir weisen im Ausstellungskontext immer wieder auf die Problematik der unterschiedlichen Perspektiven und Deutungsmuster hin. Auch der „Gedankentisch“, eine eher untypische „Weihnachtskrippe“ (die nur aus Holzklötzchen mit Aufschriften besteht), der auf einer Platte arrangiert ist, auf der unterschiedliche Begriffe als Zuschreibungsebenen abgedruckt sind, ist ein Beispiel dafür.

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Das Exponat „Gedankentisch“ erinnert an eine Weihnachtskrippe.

 

Auch uns selbst – also auch allen Ausstellungsbesucher_innen – halten wir (sprichwörtlich) den Spiegel vor. Gleich am Eingang findet sich neben dem Exponat zweier gewellter (also nicht „gerader“) Spiegel der folgende Text:

„(Selbst-)Reflexion:
Wie können wir Religion(en) untersuchen? – Forscher_innen im Spiegel

Objektive Wahrnehmung und Beurteilung gibt es nicht. Immer wieder müssen sich Wissenschaftler_innen ihre Vorverständnisse, Vorannahmen und Erkenntnisinteressen bewusst machen und kritisch hinterfragen. Der individuelle soziokulturelle Hintergrund prägt die eigene Sichtweise und die sich daraus ergebenden Forschungsfragen und Lösungsstrategien.“

Zusätzlich sind an vielen Exponaten Brillen mit Gläsern verschiedener Stärke und Farbe angebracht; teilweise sollen und dürfen diese gerne von den Besucher_innen aufprobiert werden. Sie sollen auf unsere vorgefertigten Perspektiven und unsere Möglichkeit zu einem Perspektivwechsel hinweisen:

„Nichts ist einfach da, alles wird von den Betrachter_innen mit Bedeutung gefüllt. So kann ein und derselbe Gegenstand oder Sachverhalt völlig unterschiedlich eingeordnet, beurteilt und bewertet werden.

In der religionswissenschaftlichen Forschung stehen Menschen im Mittelpunkt. Diese und auch der/die Wissenschaftler_in selbst bringen einen eigenen Hintergrund mit, der Interpretation(en) beeinflusst. Deswegen besteht die Aufgabe der Religionswissenschaft darin, das breite Spektrum der religiösen Vielfalt zu erfassen, dabei so viele Perspektiven wie möglich zu berücksichtigen und darüber hinaus auch noch die eigene Perspektive zu reflektieren.“

Dies gibt gleichsam das gesamte Programm der Ausstellung vor und ebenso die „Definitionshoheit“ über die ausgestellten religiösen Exponate ein Stück weit an die Ausstellungsbesucher_innen zurück. Wer also in die Ausstellung „Religion in Ex-Position“ kommt, um über Religionen belehrt zu werden – der ist bei uns falsch …

 … aber trotzdem eingeladen, sich ein eigenes Bild zu machen. Ich danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.  Aktuelles zur Ausstellung finden Sie auf der Webseite der Heidelberger Religionswissenschaft sowie der  zugehörigen Facebook-Seite.

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