Religionsfreiheit und religiöse Vielfalt 2014: Indikatoren und Berichte

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„In Herford entlud sich die Gewalt zwischen Jesiden und Sympathisanten radikaler Islamisten“, hieß es am 7. August in der „Welt“ (vgl. unsere Kurzinformation Yeziden sowie zur aktuellen Situation den „[d]ringende[n] Appell zum Schutz der kurdischen Yeziden im Irak“ der Gesellschaft für bedrohte Völker, der Kurdischen Gemeinde Deutschlands und des Zentralrats der Yeziden vom 4. August). Die aktuelle Krise der Religionsfreiheit im Irak ist längst in Deutschland angekommen. Das zur Denunziation und Drohung an Häusern von Christen angebrachte arabische Nun wurde zum Solidaritätszeichen, das online aktuell auf Webseiten oder als Profilbild von Twitter-Accounts (darunter auch Kirchen) zu finden ist. Doch wie sieht es aktuell global überhaupt mit Religionsfreiheit aus?

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Diese Fotografie eines Graffitos in Mossul verbreitete sich über Twitter und andere soziale Medien. Die ursprüngliche Quelle ließ sich nicht mehr ermitteln.

 

Vor einem Jahr berichtete REMID über den Amnesty International Report 2012. Dabei wurde folgende Grafik mitgeliefert, welche Länder mit Diskriminierung, Einschränkung der Religionsfreiheit oder Verfolgung farblich markiert:

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Copyleft: REMID e.V. unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Bezieht man nämlich Diskriminierungen und Einschränkungen ein, sind es nicht im besonderen Maß die muslimisch geprägten Länder, welche als Problemstaaten auffallen. Vielmehr sind unter diesem Blickwinkel Islam und Christentum in ähnlicher Weise anfällig:

Von den Ländern sind vierzehn christlich dominiert (davon vier orthodox, die übrigen abgesehen von Namibia und Fidschi katholisch), dreizehn muslimisch, zwei buddhistisch und Nepal hinduistisch (ohne China, Nord- und Südkorea, Vietnam und Bosnien-Herzegowina). Unter den Betroffenen finden sich ebenfalls am häufigsten Christen (insbesondere Jehovas Zeugen und Evangelikale), Muslime (insbesondere Ahmadiyya, Ahl-e Haqq, Derwische und Sufis), Buddhisten, Hindus, Bahai und Falun Gong (REMID-Blog: Amnesty International Report 2012).

Insofern können perspektivierte Berichte über Religionsfreiheit, die sich faktisch auf die Verfolgung der eigenen Gemeinschaft konzentrieren, einen verzerrten Eindruck vermitteln. Geht es primär um Christenverfolgung, ist Islamophobie häufig kein Thema. Allerdings werden bestimmte religiöse Minderheiten wie Falun Gong oder Bahai darin bevorzugt, indem sie mit angesprochen werden. Der mögliche Einwand, dass die Todesurteile wegen Bibelbesitz in Nordkorea nicht mit Diskriminierungen bei Bewerbungen um eine Stelle zu vergleichen sind, darf nicht dazu führen, sich auf worst-case-Szenarien in der Analyse zu beschränken.

Das evangelikale Hilfswerk „Open Doors“ gibt jährlich den sogenannten „Weltverfolgungsindex“ bezüglich Christenverfolgung heraus. Dieser ist eher ein plakatives Beispiel, insofern er etwas leicht journalistisch Verwertbares liefert. Seine Quellen sind sogenannte „Feldquellen“ und „feldexterne Quellen“ – zwei Kategorien von Fragebögen – außerdem „mündliche Quellen“. Wie viele solche Quellen einem Länderbericht zugrunde liegen, ob es sich im Einzelfall auch um Gerüchte handeln könnte, wer überhaupt als „Christ“ zählt – das alles kann man nicht in Erfahrung bringen. Dafür wird unter „Methodik“ erläutert, auf welche Weise was Eingang in die Errechnung des Indexes erhält:

Die Forschungsgruppe „World Watch“ (World Watch Research, WWR) unterscheidet zwischen zwei Haupterscheinungsformen von Verfolgung: „squeeze“ (der konstante Druck, unter dem Christen in allen Lebensbereichen stehen) und „smash“ (gewaltsame Übergriffe). Während auf den ersten Blick smash die vorherrschende und verheerendste Form von Verfolgung zu sein scheint, erweist sich squeeze bei näherer Betrachtung als deutlich verbreiteter und zerstörerischer. Daher widerlegt die WVI Methodik die Annahme, das größte Maß an Verfolgung herrsche dort, wo am meisten Gewalt gegen Christen verübt wird. Und noch eine weit verbreitete Sichtweise wird durch diesen Ansatz in Frage gestellt, nämlich dass die gewalttätigsten Verfolger der Kirche automatisch ihre Hauptverfolger sind. (Quelle: Open Doors)

Selbst eine historische Übersicht über die Entwicklung z.B. der Top Ten der stärksten „Verfolger-Staaten“ muss mühevoll aus der Berichterstattung über den Weltverfolgungsindex rekonstruiert werden:

(Christen-)Weltverfolgungsindex Open Doors, 2005-2014

weltverfolgungsindex 2005-2014

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Bild von REMID e.V. unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Unter diesen Kriterien werden islamisch geprägte Staaten besonders häufig genannt. In den meisten Fällen lässt sich vermuten, dass eine für Christen unzumutbare Situation auch für andere Religionsgemeinschaften nachteilig ist. Eine Ausnahme von dieser Annahme bildet z.B. Nordkorea, denn dessen Regierung betrachtet gerade das Christentum als Gefahr, besonders den Protestantismus, dem sie ein enges Verhältnis zu den Vereinigten Staaten und Südkorea unterstellt.

Andererseits gelten im Islam die Anhänger der Buchreligionen (ahl al-kitab) als Schutzbefohlene: Judentum, Christentum und Zarathustrismus. Demnach wären Christen eigentlich keine gute Indikator-Gruppe – und die von Open Doors als Verfolger-Staaten gelisteten islamischen Staaten erscheinen als historische Anomalie bzw. als Ausdruck eines Wandels (ein Ahmadi würde sagen: „unislamisch“).

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Auszug einer Grafik der Ahmadiyya Muslim Jamaat über religiöse Gewalt in Pakistan 2013. Auf Schiiten und Ahmadis folgen Christen, Hindus und Sikhs unter den getöteten und verletzten Opfern. In die „Overall Attacks“ gehen noch weitere „Casualities“ ein, darunter Vergewaltigungen mit überwiegend hinduistischen Opfern.

 

Entscheidend für die Situation der Religionsfreiheit in einem Land kann es sein, wie mit Konvertiten, Blasphemie, Atheismus („Abfall vom Glauben“) und neuen Religionen umgegangen wird. Indirekt ist zudem wichtig, ob es z.B. Gesetze gibt, welche bestimmte Lebensweisen ausschließen – etwa gegen Homosexualität.

In Bezug auf neuere oder kleinere Religionsgemeinschaften kann die Verbreitung ein Indikator sein. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es unterschiedlichste Gründe dafür geben kann, dass eine neue Religion mit relativ globaler Verbreitung in einem bestimmten Land nicht vertreten ist. Das kann ein Nachfrage-Problem sein, dass das religiöse oder weltanschauliche Angebot nicht zu den bisherigen Traditionen des Landes kompatibel scheint (und daher nicht angenommen wird). Das kann bei einer sich gerade international ausbreitenden Gruppe aber auch ein zufälliger Befund sein, der sich nach wenigen Jahren relativiert. Dennoch liefert folgende Auswahl an Gemeinschaften in wenigen Staaten einen interessanten Eindruck über „gelebte“ Religionsfreiheit:


Auswahl zur Verbreitung kleiner Gemeinschaften, Stand 2014

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Zur Vergrößerung klicken Sie auf die Grafik. Legende: Länder (Deutschland, Russland, Argentinien, Südafrika, Japan, Neuseeland, Türkei, Indien, Ungarn, Indonesien); Gemeinschaften (Bahai, Jehovas Zeugen, Ordo Templi Orientis, Neuapostolische Kirche, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, International Society for Krishna Consciousness, Soka Gakkai, Pentecostal World Fellowship, Ahmadiyya Muslim Jamaat, Falun Gong, Le Droit Humain, Deeksha / Oneness Meditation, Pagan Federation, International Humanist and Ethical Union, Christengemeinschaft, International Spiritist Council).

Bild von REMID e.V. unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Zunächst scheinen alle gewählten Gruppierungen heutzutage sehr international aufgestellt. Nicht bei allen handelt es sich um Religionen. Mit der Türkei und Indonesien sind zwei muslimisch geprägte Länder in der Auswahl. Besonders Japan und Südafrika kann eine besondere Affinität zu westlichen Konzepten nachgesagt werden. Die Türkei schneidet besonders schlecht ab, obwohl manches wie die Pagan Federation hier Fuss fassen kann (und zugleich in Japan fehlt). Es wurden dabei absichtlich auch Gruppen gewählt, die sonst nicht im Kontext von Religionsfreiheit auftauchen.

Das Fragezeichen bei der Ahmadiyya in der Zeile zur Türkei erklärt sich dadurch, dass es zwar eine türkischsprachige Version der Ahmadiyya-Webseite gibt, aber nur vereinzelt Hinweise auf dort lebende Ahmadis. Ein atheistischer Verein Ateizm Derneği, der aber bislang nicht zur  International Humanist and Ethical Union (IHEU) oder einem anderen Dachverband zu gehören scheint, hat sich dieses Jahr gegründet. Und die Hare-Krishna-Bewegung (ISKCON) ist zwar vor Ort vertreten, ihr dortiges „Zentrum“ ist allerdings ein vegetarisches Restaurant:

Bildschirmfoto vom 2014-08-10 10:03:36

Webseite des vegetarischen Restaurants „Govinda Instanbul“ mit dem Zeichen der International Society for Krishna Consciousness.

 

Die bereits genannte International Humanist and Ethical Union gibt den „Freedom of thought“-Report heraus. Dazu gehört auch eine Internet-Map-Applikation, welche Diskriminierungen anzeigen kann, oder Gesetze gegen Blasphemie und Apostasie:

Screenshot der Karten-Applikation der International Humanist and Ethical Union (IHEU). Auch in Deutschland kann Blasphemie zumindest theoretisch mit (bis zu drei Jahren) Gefängnis bestraft werden.

 

Blasphemie- und Apostasiegesetze betreffen auch und gerade neue Religionen, sind es doch zumeist Reformen auf einem bestimmten (religiösen) Gebiet, wodurch sie sich von den Umgebungsreligionen ihrer Entstehung abheben. Insofern hemmen solche Gesetze auch die religiöse Vielfalt. Aus gutem Grund ist in Deutschland die Anwendung des „Gotteslästerungsparagraphen“ §166 an eine Störung des öffentlichen Friedens geknüpft. Allerdings versuchen Abgeordnete der Unionsparteien den Paragraphen immer mal wieder zu verschärfen (vgl. Bundestag, Drucksache 14/4558 aus dem Jahr 2000).

Christoph Wagenseil

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5 Kommentare:

  1. Gerne möchten wir Sie auf die Ankündigung unserer Jubiläumstagung zu Religionsfreiheit am 14. November 2014 in Marburg aufmerksam machen.

  2. Sehr interessant. Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass das der Deutschen Evangelischen Allianz angegliederte Institut für Islamfragen unter Leitung von Christine Schirrmacher permanent den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versucht, sc. einseitig eine angebliche Christenverfolgung in islamischen Ländern – und zwar allen, s. https://de.wikipedia.org/wiki/Christine_Schirrmacher: „Das von ihr geleitete Institut kommt u. a. zu dem Ergebnis, dass Christen heute in keinem islamischen Land wirkliche Religionsfreiheit genießen.“

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