Der Salafismus und die dschihadistische Idee

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Zuletzt war der Frage „Darf man den Islam kritisieren?“ nachgegangen worden. Angesichts des Erstarkens von Demonstrationen unter der Überschrift „Patriotische Europäers gegen die Islamisierung des Abendlands“, ging es also darum, inwiefern islambezogene Diskriminierung („Islamophobie“) als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bestimmt werden kann, welche Ungleichgewichte die Argumentationsfigur haben kann, die religiöse Gewalt zu einem besonderen Problem des Islams machen möchte, einschließlich der Gefahr, den Islam zu essenzialisieren, also einen bestimmten Kern auszumachen, ein Wesen des Islam. Aktuell angesichts der Pariser Anschläge wurde auch neben ausgewählten Interviews mit Islam- und Religionswissenschaftlern und Hintergrundartikeln zu Islam oder Salafismus ein Text von 2011 „Was ist eigentlich christlich?“ in die Leseempfehlungen zu den Terrorakten in Frankreich beigefügt. Auch damals ging es gegen Essenzialisierung, eben des Christentums. Anlass waren Anders Behring Breiviks Anschläge in Norwegen und die damals häufige Formulierung, das habe „nichts mit Christentum“ zu tun. Zugleich gibt es nichts zu relativieren.

JeSuisCharlieTwitterMap

Eine Twitter-Applikation zeigt auf Karten die Verwendung des Hashtags „Je suis Charlie“, das ausgewählte Beispiel datiert mit dem 14. Januar eine knappe Woche nach den Anschlägen.

 

Auch wenn es gegenwärtig z.B. Fundamentalisierungstendenzen im Hinduismus oder Buddhismus gibt, Breivik und seine kleine Gruppe mit templer-christlichem Antlitz blieb vereinzelt, und z.B. die Lord’s Resistance Army des Joseph Rao Kony in Uganda, die mit Kindersoldaten einen Gottesstaat nach den zehn Geboten errichten wollte (man vgl. auch die Wikipedia-Kategorie „christlicher Terrorismus„), bleibt ein regionales Phänomen. Es ist ausgerechnet ein laientheologisch und pragmatisch verkürzter, pseudo-rekonstruktiver, „fundamentalistischer“ Proto-Islam, welchem es „gelingt“, beachtlich Anhänger_innen in diversen (westlichen wie nicht-westlichen) Staaten zu gewinnen. Seine dschihadistische Variante motiviert zudem in allen diesen Staaten junge Menschen, in das Gebiet des sogenannten „Islamischen Staates“ nach Syrien und Irak auszureisen (oder eben vor Ort „aktiv“ zu werden). Allerdings verkennt man potenziell die eigentliche Tragweite, wenn man die Angelegenheit für ein orientalisches Problem hält (oder ein Problem der Muslime, des Islams), das auf einmal den Okzident berührt. Das Zielklientel dieser letztlich neureligiösen Strömung sind offenbar gerade die mit geringer oder keiner religiösen Bildung (im Sinne der Elternreligion; z.B. „[a]us meiner Sicht sind diejenigen am ehesten gefährdet, die in ihrem Elternhaus eher wenig Kontakt zur Religion hatten“, so der muslimische Gefängnisseelsorger Mustafa Cimşit im Interview mit der Tagesschau am 23. Januar: „JVAs sind keine Brutstätten des Terrors„). Und bereits(?) 20% sind Konvertiten, zitiert die Badische Zeitung den Verfassungsschutz am 26. März 2014. Insofern kann man es ein globales Phänomen nennen, das sich zwar lose an einer Idee von „Islam“ (genauso essenzialistisch wie bei manchen Kritiker_innen) orientiert, aber sich gerade nicht ethnisch begrenzt (auch wenn es vielleicht noch[?] eher in [post]migrantisch geprägten Milieus den meisten Erfolg haben mag). Und salafistische Missionsbemühungen erscheinen intensiv.

Es ist auch wohlmöglich verkürzt, es allein auf den saudischen Wahhabismus zurückzuführen. Die Rolle Saudi-Arabiens ist dabei vermutlich sehr zwiespältig (das sei entsprechenden Expert_innen überlassen). Inzwischen wertet das neue saudische Anti-Terror-Gesetz IS-Anhängerschaft als Terrorismus – allerdings neben Beleidigung der Religion (vgl. Süddeutsche: Saudi-Arabien sieht Atheisten als Terroristen, April 2014). Auch sei an die Medienberichte über eine unmittelbar wieder gelöschte IS-Twitter-Nachricht erinnert: „Wenn Allah es wünscht, werden wir alle töten, die Steine anbeten, und wir werden die Kaaba in Mekka zerstören“ (zit. nach Tagesspiegel, Aug. 2014; vgl. auch Sonja Zekri: Exzesse gegen kulturelles Erbe des Islam. Der neue Bildersturm der Pol-Pot-Islamisten, Süddt., Juli 2014). Bereits in einigen Medien erfolgten Vergleiche des sogenannten „Islamischen Staats“ mit Bilderstürmern in den Religionskriegen des Konfessionalismus der Frühen Neuzeit. Neben yezidischen und christlichen heiligen Orten und antiken Stätten wurden Sufi-Gräber sowie Moscheen zerstört.

YezidiTemple

Yezidischer Schrein Çêl Mêra (40 Mann Tempel), auf dem höchsten Gipfel des Sinjar-Gebirges, in das Yeziden im August 2014 flohen. Während dieser Schrein und der Haupttempel in Lalish aktuell noch zu bestehen scheinen, sollen 18 solcher Schreine bis Ende 2014 durch den sogenannten „Islamischen Staat“ zerstört worden sein – neben den Massakern an der andersgläubigen Bevölkerung.

Bild von Danpanic77 unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Zwar kann diese Wahrnehmung sich vielleicht auch als eine fehlgeleitete Projektion herausstellen, aber man kann die Aufgabe lokaler Heiligtümer (unabhängig davon, ob sie nun tatsächlich Mekka und Medina einschließen wird) als Universalisierungstendenz deuten. Und diese passt gut zu einer Entethnisierungstendenz, die sich auch dadurch zeigt, dass in den Strömungen des Salafismus für Frauen wie Männer die Bedeutung religiöser Kleidungen (und Bärte) als Distinktionsmerkmal besonders betont wird (Nachtrag: vgl. dazu auch das Interview Salafismus als Jugendkultur – Burka ist der neue Punk mit dem Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani, Jannis Bühl, Süddeutsche, 24. Januar). Auch die spezielle Rolle mancher Konvertiten wie Pierre Vogel in der Salafisten-Szene spricht dafür. Dabei handelt es sich gerade nicht um den Universalismus „gewöhnlicher“ Islam-Konvertiten, welche z.B. wie viele in der Deutschen Muslim-Liga Bonn eher dem Sufismus nahestehen (neben denjenigen, welche den Islam als die Religion ihres künftigen Ehepartners annahmen). Letzteres gehört eher zu den Vorformen der Entwicklung eines liberalen Euro-Islam.

Dieser salafistische Universalismus argumentiert eher aus einer subalternen Position heraus gegenüber etwas Hegemoniellem, vielleicht ähnlich manchen Vertreter_innen bestimmter neuer Religionen, insofern sie sich global öffnen, aber sich als heterodox und potenziell „unterdrückt“ oder benachteiligt im Vergleich zu den Monotheismen / Weltreligionen konstruieren. Die Parallele besteht ausschließlich und endet bei dem Vorhandensein einer substanziellen Rolle eines Oppositionsgedankens bei gleichzeitiger universaler Öffnung. Der salafistische Horizont ist dabei einem gnostischen nicht unähnlich: Die Welt ist in Sünde gefallen (eine ähnliche Dimension besteht bei „Boko Haram„), einschließlich der muslimischen Welt („Ṭāghūt„, eigentl. „heidnischer Tempel“). Eine Antwort darauf ist die puristische Variante des Salafismus, eine andere die politische und schließlich eine weitere die dschihadistische (darunter die gewaltbereiten Militanten; vgl. für die Unterscheidung das Deutschlandradio-Interview mit dem Salafismus-Experten Ulrich Kraetzer im Dezember 2014).

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Ende 2011 erreichte eine salafistische Koranverteilungskampagne größere mediale Aufmerksamkeit. Verwendet wurde Muhammad Ahmad Rassouls Koranübersetzung von 1986. Während die dt. Islamwissenschaft diese eher bemängelt („Anlehnung an die arabische Ausdrucksweise und mit Hang zur beschönigenden Apologetik“), wird sie z.B. vom Zentralrat der Muslime empfohlen und gilt als populär.

Bild von Rama unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 2.0-fr.

 

Gerade letztere dürften das Zielpublikum sein von Hochglanz-Propaganda wie dem IS-Magazin Dabiq (man googele selbst). Nr. 4/1435 titelt „The Failed Crusade“ und zeigt den Vatikanischen Obelisken auf der Piazza San Pietro, auf seine Spitze wurde eine IS-Flagge retuschiert. „Our goal is Rome“, wird auch im Vorwort das verstorbene Al-Qaida-Mitglied Abū Musʿab az-Zarqāwī zitiert, wiederum mit Rom-Illustration daneben. „Since the rise of tāghūt law and the desertion of jihād“, mit Formeln wie diesen wird eine Verfallsgeschichte erzählt, unterfüttert mit Kommentaren von neueren Islamisten sowie aus mittelalterlichen Quellen (14 Jh.). Wie bereits bei dem Al-Qaida-Magazin „Inspire“ (vgl. Wikipedia) wird versucht, auf Englisch ein Weltpublikum anzusprechen. Das Wort „jihād“ kommt dabei 13mal in dieser Dabiq-Ausgabe vor. Man befinde sich in „the lands of jihād“, „living tawhīd [‚Monotheismus‚] and jihād“ fordern die IS-Anführer. „[W]e will not rest from our jihād“, „in this jihād“, „[w]e perform jihād“, „so his dedication to knowledge is like jihād“ (daneben ein Bild mit Raketen): Insgesamt geht es eher um eine militärische Auslegung des Dschihad-Begriffes. Er wird verwendet zur Legitimation eines permanenten Ausnahmezustandes, aus welchem heraus auch das Versklaven von Yeziden im Magazin begründet wird.

Gerade daher, weil „im Dschihad“ so verstanden auch völlig neue Regeln aufgestellt werden können, ist es schwer zu entscheiden, ob z.B. Meldungen von „sexual jihad“ (bzw. „Jihad al-Nikah“, eigentlich Ehe auf Zeit) ein Hoax einer Desinformationskampagne Assads (so der Spiegel im Okt. 2013) sind oder nicht (Meldungen setzen sich bis Dezember 2014 fort). Laut Ahmad Mansour ist die Zeitehe sunnitischen Muslimen verboten und gilt als „Unzucht“. Ein Teil der schiitischen Muslime hingegen halte sie für religiös erlaubt:

„Die meisten Dschihadisten in Syrien aber sind sunnitisch orientiert. Dass dann einige Frauen die Zeitehe praktizieren und die Dschihadisten das mitmachen, erscheint mir rätselhaft“, sagt Mansour. Wenn das stimme, zeige es jedoch die Doppelmoral dieser Leute: „Sie predigen Sexualmoral, aber in der Praxis sieht es ganz anders aus.“ (Deutsche Welle, Als „Gotteskriegerin“ in den Dschihad, April 2014).

Jedenfalls sollen sich laut einer Studie des Londoner King’s College etwa 200 westliche Frauen und Mädchen in den von der IS-Miliz kontrollierten Gebieten im Irak und Syrien befinden (Die Presse im September 2014; man vgl. auch das Interview von Ulrich Kraetzer in der Berliner Morgenpost „Warum Steffi F. aus der Dschihadistenszene ausstieg“ vom Dezember 2014).

Gerade eines der Horrorbilder aus vergangenen Debatten um sogenannte „Sekten“ (eigentlich neue religiöse Bewegungen) – eine globale Bewegung, „der sich unsere Kinder anschließen, um uns zu töten“ – scheint im dschihadistischen Flügel der salafistischen Szene der Realität nähergekommen zu sein (man vgl. auch Von Jugend, Radikalisierung und “Sektenberatungen” nicht nur im Islam – ein Déjà-Vu, 2012). Trotzdem sollte man ebenso beachten, dass diese eine Minderheit unter den Salafisten sind, welche wiederum nur einen winzigen Bruchteil derjenigen ausmachen, welche in Deutschland zum Islam gezählt werden (vgl. Fakten zum Salafismus in drei Grafiken, Süddeutsche, Jannis Brühl, 13. Januar). Es handelt sich um eine radikale Jugendkultur, „die selbst von den salafistischen Hardlinern nur noch bedingt dirigier- und kontrollierbar ist“ (Claudia Dantschke in „Salafismus in Deutschland“, herausgegeben von Thorsten Gerald Schneiders, 2014, S. 178). Der Gedanke des Ṭāghūt, des „bösen korrupten Systems“, könne sich gegen die eigenen Vorbilder, die also dann doch auch „korrumpiert“ erscheinen, richten – im Zuge einer weiteren Radikalisierung. Entgegen einer solchen ist es unser aller Verantwortung, nicht nur die der vergleichsweise konventionellen „traditionellen“ Muslime, diese jungen Menschen positiv zu erreichen und zu befördern und ihnen (weniger jenseitige) Perspektiven zu bieten.

Christoph Wagenseil

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3 Kommentare:

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