Religionen und fairer Handel: Interreligiöser Dialog, Islam und Gerechtigkeit


Themen wie Umweltschutz oder Pflege nehmen bei Religionsgemeinschaften oft mehr Raum ein als theologische Debatten, so Maria Mahler im diesseits-Interview über 25 Jahre REMID. Ein solches Thema ist sicherlich auch der faire Handel. Die Dialogforschung innerhalb der Religionswissenschaft scheint diese relativ neue Erscheinung auf dem Feld interreligiöser Beziehungen zwischen Religionsgemeinschaften noch nicht für sich entdeckt zu haben (wohl aber die Einstellungsforschung mit Bezug zu Nachhaltigkeits- oder Tierrechtskonzepten; man vgl. auch Beispiele für angewandte Religionswissenschaft? Internationale Zugänge zur Dialogforschung). In Kassel fand nun am 7. Februar ein „Studientag zu gerechtem Wirtschaften“ statt: „Christentum und Islam – gemeinsam unterwegs zu Fairem Handel(n)“. Der Tag war eine Kooperationsveranstaltung von Islamische Informations- und Serviceleistungen e.V. (IIS), dem Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, dem Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen e.V. und Hima e.V.

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Der Moscheeverein Islamische Informations- und Serviceleistungen e.V. (IIS) betreibt in Zusammenarbeit mit dem Weltladen Bornheim (Frankfurt am Main), einen Fairtrade-Laden. Ein Klick auf das Bild führt zu weiteren Materialien auf den Seiten des IIS.

 

Saber Ben Neticha (Frankfurt am Main) ist öffentliche Auftritte inzwischen gewöhnt. Er war schon bei einem Workshop der Bundeszentrale für politische Bildung, in kirchlichen Einrichtungen trug er bereits öfter vor. Und eben bei Veranstaltungen von Islamische Informations- und Serviceleistungen e.V. (IIS), welche sich als „Deutschlands erster Moscheeverein, der fair gehandelte Produkte verkauft“, online präsentiert. Und er möchte einen Akzent setzen für ein anderes Bild vom Islam als dasjenige, welches in den Medien aktuell durch Pegida, den sogenannten „Islamischen Staat“ und durch die Debatten nach den Terroranschlägen in Paris geprägt wird (man vgl. unsere beiden Artikel „Darf man den Islam kritisieren?„, Dez. 2014, und „Der Salafismus und die dschihadistische Idee„, Jan. 2015; außerdem das Interview Anders berichten. Gegen Sterotype in Bezug auf Islam und arabische Welt, 2011).

Sein theologischer Vortrag dreht sich um das „Verständnis von gerechtem Wirtschaften im Koran und in den Hadithen“. Er beginnt seine Exegesen mit einem deutlichen Bekenntnis zur Aufklärung: „Das wichtigste Werkzeug, das Gott dem Menschen mitgegeben hat, ist der Verstand“. Seine Argumentation fußt dabei auf einer einhellig erscheinenden „Analyse“ des Koran und der Hadithe durch „Gelehrte“ des Islam. So sei einer der 99 Namen Gottes die „absolute Gerechtigkeit“. Es sei für einen Muslim nicht möglich zu behaupten, dass Gott nicht gerecht sei. Mit Rekurs auf genannte Analyse führt er „universelle Prinzipien“ auf Grundlage des Koran und der Hadithe ein, explizit das Prinzip der Erleichterung, „dass Gott es den Menschen nicht schwer machen möchte“ (mit Beispielen zum Fasten im Ramadan), daneben Prinzipien der Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Barmherzigkeit, des Nutzens „und auch einige weitere“. Schließlich kommt Saber Ben Neticha auf Gerechtigkeit zu sprechen. Einige verwenden sie synonym mit dem Islam, betont er und zitiert einen Gelehrten: Alles Ungerechte sei unislamisch. Dabei zitiert er Surenstellen, die in der deutschen Öffentlichkeit noch nicht so vertraut erscheinen (genau genommen: Sure 4, 135; 16, 90; 15, 19; 7, 55f.; 83, 1). Inhaltlich geht es u.a. um ein Kaufverbot von Dingen, die den Menschen schaden, die Zerstörung der Natur bzw. des ökologischen Gleichgewichts sei nicht erlaubt. Alles, was mit Zerstörung zu tun habe, sei ein Unheil, das es zu vermeiden gelte. Aus den Hadithen begründet Saber Ben Neticha auch Tierschutz: Man solle Kamele nicht überladen oder schlagen. Entsprechend soll man – so fortgesetzt im Gebotston – die Arbeiter entlohnen, „bevor ihr Schweiß getrocknet ist“, nicht auf Menschen mit einer einfachen Tätigkeit herabschauen, jede Art der Ausbeutung bzw. der Ausnutzung sei strengstens verboten (daher rühre das Zinsverbot im Islam). Das Wirtschaften müsse auf Realwerten basieren. So habe der Prophet aufgetragen, nichts zu verkaufen, das noch nicht existiert („Ich darf nicht die Fische im Meer verkaufen, weil ich sie noch gar nicht gefangen habe“). Man müsse die Bedürfnisse aller Beteiligten, seien es der Mensch oder die Natur, berücksichtigen.

In der Diskussion nach dem Vortrag antwortet Saber Ben Neticha auf die Frage danach, wie es konkret in den muslimischen Gemeinden mit fairem Handel(n) aussehe: „Ich denke, das Bewusstsein steigt unter den Muslimen, insbesondere unter den Jüngeren“. Allerdings bei den meisten Moscheen habe man das Problem, am Ende des Monats die anfallenden Kosten kaum tragen zu können. Dr. Abdelhay Fadil, Gründer von Arganpur und Leiter einer Moschee in Dortmund, die er zur fairen Moschee umgestalten will: „Der ist total fair, der Islam, nur die Muslime wissen das nicht“, sagt er und erhält lauten Applaus. Andere interessiert, ob in einem muslimischen Weltladen andere fair gehandelte Produkte verkauft werden als in den übrigen Läden. Explizit erwähnt werden Tücher und Olivenöl. Aber ansonsten sei es wie in anderen Weltläden auch.

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Dr. Abdelhay Fadil ist Gründer von Arganpur und Leiter einer Moschee in Dortmund, die er zur „fairen Moschee“ umgestalten will. Arganpur ist ein Familienunternehmen, dessen Kerngeschäft die Produktion sowie der Vertrieb von Arganöl im Nahrungsmittel- und Kosmetikbereich ist. Ihm liegen Sozial- und Umweltstandards am Herzen. Screenshot der Webseite von Arganpur.

 

Dr. Boniface Mabanza Bambu, Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA), hatte vor Saber Ben Neticha gerechtes Handeln aus der Bibel abgeleitet: Jetzt sprach er darüber, dass die „Externalisierung von Sozial- und Umweltkosten“ (es ‚zahlen’ also nicht die Verursacher die Kosten für auftretende Schäden und ihre sozialen Folgen, sondern sie werden auf andere abgewälzt) zu Lasten von Ländern des Südens ein großes Problem darstellt und zitiert dabei das Papstwort „Diese Wirtschaft tötet“. Diese Wirtschaft sei „unchristlich“: Solange wir nicht aufstehen und sagen, dass das eine Bekenntnisfrage ist, sei alles, was wir betreiben Makulatur. Es sei nötig, gegen strukturelle Ausgrenzung und Ausbeutung zu kämpfen, für kleine und marginalisierte Marktteilnehmer einzutreten, Schutzmaßnahmen zu entwickeln und Zugang zum Weltmarkt zu schaffen; die Stimme dort zu erheben, wo es keine gesetzlichen Regelungen gibt, die faire Preisgestaltung zu beeinflussen. Auch er erhält Applaus.

Der Moderator Erhard Brunn lenkt das Gespräch wieder auf den Islam: Wie schwierig es sei, eine Moschee zu überzeugen, Solartechnologie auf das Dach zu setzen. Es sei wichtig, dass es im christlichen Bereich bekannt wird, dass es in muslimischen Gemeinden Bemühungen in Richtung fairer Handel und Nachhaltigkeit gibt. Saber Ben Netiche beendet den Veranstaltungsteil damit, dass Gerechtigkeit “religionsübergreifend geweckt” werden müsse. Vor der Pause erfolgt schließlich noch der Hinweis auf den Gebetsraum und das vegane und vegetarische Essen.

Leider waren für das folgende Interview mit den Veranstaltern die muslimischen Mitorganisatoren und Vortragenden nicht verfügbar, da sie bereits abreisen mussten oder erkrankt waren. Die Interviewfragen stellte für REMID Lydia Koblofsky, Fachpromotorin für Globales Lernen & Nachhaltigkeit beim Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen und Mitorganisatorin der Veranstaltung.

Bieten der Koran bzw. die Bibel theologische Grundlagen für fairen Handel?

Pfarrer Andreas Herrmann (Zentrum Oekumene der EKKW und EKHN, Frankfurt am Main): Ich finde, es ist heute sehr deutlich geworden, dass es gemeinsame Prinzipien gibt, im Christentum wie im Islam. Das war für mich vorher schon offensichtlich. Ich fühle mich aber durch die Referenten bestätigt.

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Dieser Mönch mit Fairtrade-Jutebeutel ziert das Vorderblatt des Flyers zum Studientag, der vom Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ausgerichtet wurde. Also ausgerechnet ein unprotestantischer Mönch wird zur Kennzeichnung des Christentums aus einer evangelischen Perspektive verwendet. Gewöhnlich gehört das Mönchwesen neben Ablaß, dem Papst und der Heiligen-Anbetung zu den „Irrthümern, von denen seine [Luthers] Reformation uns befreite“ (Gustav Friedrich Dinter, Predigten, Bd. 2, 1835, S. 651: Zum Reformationsfeste). Offenbar versucht man hier ein mit Christentum noch unvertrautes Zielpublikum anzusprechen.

 

Erhard Brunn (Berater für interkulturelle Kooperation, Autor von „Christentum und Islam – ein neuer Dialog des HANDELNs – Begegnungen in Afrika und Europa“, 2006): Vermutlich ist es nicht ganz unerheblich, dass Muhammad Händler war – und von daher sich detailliertere Gedanken zum Thema gemacht hat.

Nadja Losse (Fachpromotorin für Migration, Entwicklung und interkulturelle Öffnung beim Entwicklungspolitischen Netzwerk Hessen e.V.): Der Gedanke der Gerechtigkeit scheint sowohl zwischen den Religionen als auch über diese hinaus ein wichtiges tragendes und handlungsweisendes Konzept zu sein.

Herr Herrmann, würden Sie sagen, dass dieser Gedanke auch in der Breite des Christentums angekommen ist oder dass er eher doch in befreiungstheologischen Randerscheinungen vornehmlich präsent ist (zur Befreiungstheologie vgl. man folgendes Interview)? Und in welchem Sinne sehen Sie Ihr Engagement für gerechtes Wirtschaften im Christentum?

Herrmann: Ein Beispiel hat der Referent zum Christentum ja genannt, als er betonte, dass manche engagierte Christen ihren Kirchengemeinden den Rücken kehren, weil sie die politische Arbeit vermissen. Politisches Engagement steht in Kirchengemeinden nicht sehr weit oben auf der Tagesordnung. Insofern ist noch Einiges zu tun.

Wir hatten ja heute nicht nur die sozialen Themen, sondern auch mit Umweltfragen zu tun. Es gibt ja auch Bibelstellen wie „Machet Euch die Erde untertan“ (Gen 1,28; verlinkt ist ein entsprechender Kommentar aus befreiungstheologischer Perspektive), die erstmal eher nach Umweltzerstörung klingen. Was sagen Sie dazu?

Herrmann: Es gibt ja zwei Schöpfungsberichte im Alten Testament. Den einen haben Sie erwähnt, in dem auch die Stelle „Machet Euch die Erde untertan“ zu finden ist. Im anderen Schöpfungsbericht steht zumindest sinngemäß, dass der Mensch in einen Garten gepflanzt ist, den er bewahren und bebauen soll. Also wie im Koran so auch in der Bibel, man kann unterschiedliche Stellen finden. Die Kunst und der Geist machen es vielleicht möglich, dass man zum richtigen Zeitpunkt die richtige Stelle zitiert. Dass das nicht immer gelingt, ist unbestritten.

Kommen wir zum Islam und fairen Handel in Deutschland. Es gibt einige Leuchtturmprojekte, einige sehr engagierte Gemeinden. Gibt es denn auch Kritik aus den muslimischen Gemeinden heraus, was solche Projekte betrifft?

Herrmann: Also ich habe an dem Workshop mit Frau Akida Azizi von Hima e.V. teilgenommen [Anm. Red.: Der Workshop hatte den Titel „Gerechter Handel im Islam: Theorie und Praxis am Beispiel der Organisation HIMA – Umwelt und Naturschutz aus islamischer Perspektive“. In der Selbstdarstellung auf ihrer Webseite schreibt der Verein: „Hima ist ein alter Begriff aus der islamischen Lehre, und bezeichnete das, was man heute ‚Naturschutzgebiet‘ nennen würde“]. Frau Azizi hat deutlich gesagt, dass ihr Engagement, das Engagement des Vereins Hima, die Muslime in den Moscheevereinen als Zielgruppe hat. Eine Frage eines Teilnehmers war, ob sie denn mit ihrer Arbeit ankommt, ob Hima in den Moscheevereinen erfolgreich sei. Frau Azizi gab zu, dass es sehr schwer ist, und dass viele Muslime auch andere Sorgen haben; dass sie sich z.B. ums Fasten, Beten, um die Moschee kümmern. Ich sage mal etwas überspitzt, dass diese Bereiche [wie fairer Handel; Anm. Red.] eher vernachlässigt werden. Aber es ist eben die Message von Frau Azizi, dass das, was den gerechten Handel ausmacht, schon zutiefst muslimische Prinzipien seien.

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„Haben wir nicht andere Probleme?“, fragt die Startseite des Web-Angebotes von Hima e.V. Der Verein versteht sich als islamische Umweltschutzorganisation. In der Selbstdarstellung auf ihrer Webseite schreibt der Verein: „Hima ist ein alter Begriff aus der islamischen Lehre, und bezeichnete das, was man heute ‚Naturschutzgebiet‘ nennen würde“.

 

Brunn: Ich denke auch, dass es eine verbreitete Stimmung unter jungen Muslimen gibt, dass gerechter Handel, gerechtes Wirken zwischen Nord und Süd, wichtig sind.

Losse: Um auch eine migrantische Perspektive einzubringen, könnte man nochmal überlegen, wie die Moscheegemeinden zusammengesetzt sind. Gerade für Migranten geht es oft erstmal darum, den Alltag zu bestreiten. Die Frage ist: Welche Ressourcen habe ich, um mir über Themen wie fairer Handel noch Gedanken zu machen? Außerdem scheinen die meisten muslimischen Gemeinden komplett ehrenamtlich aufgebaut zu sein und leisten mit viel Zeit und Engagement soziale Arbeit. Man muss einfach schauen, wie christliche und muslimische Gemeinden personell und finanziell ausgestattet sind, das hat einen Einfluss darauf, mit welchen Themen man sich über die originäre Arbeit hinaus zusätzlich noch auseinandersetzen kann.

Brunn: Und es ist auch das Gefühl da, im Angesicht einer Welt voller Konfrontation, die mit Religion, speziell mit dem Islam, verbunden wird, dass es gut ist, wenn man gewisse Themen hat, die unstrittig sind.

Welche Rolle spielt der interreligiöse Dialog? Geht es eher um den fairen Handel oder steht die Begegung zwischen Christen und Muslimen im Vordergrund?

Herrmann: Natürlich geht es darum, dass Christen und Muslime sich begegnen, sich kennenlernen. Beides, ich würde mich da jetzt nicht entscheiden wollen.

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: Ich weiß nicht, ob das ein gutes Beispiel ist, aber nehmen wir mal die Deutsche Islamkonferenz und die Vorgaben der Bundesinnenminister der letzten Jahre. Da wurde das Thema Sicherheit in Bezug auf Muslime in den Mittelpunkt gestellt: Das hat dem Dialog nicht sehr gut getan. Jetzt sagt der Minister: Lasst uns den Sozialbereich in den Mittelpunkt stellen, denn es ist offensichtlich, dass das ein Problem ist, das viele Millionen Menschen bald betreffen wird, wenn sie alt sind. Offensichtlich ist das aber auch ein relativ unstrittiges Thema, mit sehr viel Arbeit verbunden, aber wo jeder einsieht, dass man was machen muss. Da muss man sich nicht streiten, man kann eigentlich sofort und überall an der Basis anfangen.

Welche Resonanz hat dieser Studientag?

Losse: Aus der klassisch entwicklungspolitischen Szene waren die Weltläden aus Darmstadt, Marburg und Frankfurt anwesend. Auch migrantisch-diasporische Organisationen waren heute durch Leute vertreten, die sich bereits für den fairen Handel interessieren.

Brunn: Es ist offensichtlich, dass am heutigen Tag die Muslime sehr stark vertreten waren, im Gegensatz zur Veranstaltung in Frankfurt im April 2014 [Anm. Red.: „Interreligiöses FairTrade Seminar – FairTrade und Religionen Hand in Hand„]. Es zeigt auch, dass man weitergekommen ist, über diese allgemeine Sympathie für die Idee hinaus. Das Thema „Faire Moschee“ ist ausgesprochen anspruchsvoll. Und es wäre wirklich toll, daran weiterarbeiten zu können. Auch wenn NourEnergy e.V für eine muslimische Solarwirtschaft fünfjähriges Jubiläum hat im September, ist das wieder ein toller Knotenpunkt, diese Themen voranzubringen.

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Auch die Webseite von NourEnergie e.V. verbindet Islam mit Umweltschutz. Das Angebot besteht aus Photovoltaikanlagen. Unten rechts ist auch die Photovoltaikanlage der Mevlana-Moschee in Weinheim abgebildet. Die Fertigstellung erfolgte im März 2012.

 

Herrmann: Es ist vielschichtig. Ein wichtiger Aspekt liegt darin, dass die Muslime sich untereinander wahrgenommen haben, Initiativen anderer Muslime kennengelernt haben, die in ihre Richtung gehen, die mit Ökologie oder fairem Handel zu tun haben. Ein anderer Aspekt war, dass die christliche, westliche – wie auch immer herkunftsdeutsche – Seite wahrnimmt: Da passiert ja was. Da steht so eine junge Muslima für Umweltschutz ein – das ist ja weitgehend unbekannt. Diesen muslimischen Initiativen haben wir eine Stimme gegeben, das ist gelungen, zwar in einem bescheidenen Rahmen, da brauchen wir uns nichts vormachen, aber der Anfang ist gemacht.

Losse: Ich fand gerade die Arbeitsatmosphäre sehr intensiv. Ich fand das toll, vor allem was Vernetzung angeht, aber auch den Austausch hier im Plenum. Das hat man nicht immer. Für mich ist das ein großer Erfolg.

Brunn: Allerdings muss man jetzt sehen, in dem ganzen Arbeitsprozess, aber das ist ja wahrscheinlich im Dialog immer so, die mangelnde Kontinuität von muslimischer Seite, da sie kaum Hauptamtliche haben, werden immer wieder Sachen angestoßen, bleiben liegen, und das, was man jetzt von den entwicklungspolitischen Netzwerken kennt oder bei den Kirchen, dass täglich dran gearbeitet wird, das kann man leider bei den muslimischen Institutionen nicht erwarten. Da ist viel Ehrenamt.

Was könnte oder sollte bis zum nächsten Treffen passiert sein? Aus Sicht der Organisatoren dieser Veranstaltung?

Brunn: Das Entscheidende ist, dass die Muslime wirklich diesen Ball aufnehmen, sagen, sie haben jetzt die Initiative und die Verantwortung, und die verschiedenen Akteure müssten sich vernetzen und einen gemeinsamen Vorschlag vorbringen.

Einen gemeinsamen Vorschlag für…

Brunn: Erstmal ein Treffen. Da sollten solche Sachen wie die „faire Moschee“ im Mittelpunkt stehen, das umzusetzen ist eine Riesen-Arbeit, könnte aber auch eine große Ausstrahlung haben. Also ich glaube, was man wahrnehmen muss, es gibt diese eine Arbeitsgruppe in NRW, die jetzt so ein wenig durchgeschimmert ist, aus der kommt – glaube ich auch – der Vorschlag zur „Fairen Moschee“ [Anm. Red.: Die Wali-Moschee in Dortmund engagiert sich im Bereich Fairer Handel/Umweltschutz mit dem Projekt „Die faire Moschee“] und es gibt – glaube ich – ebenfalls eine Arbeitsgruppe in Hannover, die Umweltschutz und Interreligiösität kontinuierlich aufnimmt. Auch ein Ergebnis einer Tagung der evangelischen Akademie Loccum [Anm. Red.: „Coole Muslime? Was wollen und können muslimische Jugendorganisationen zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen?„, 2009].

Losse: Ich finde es wichtig festzustellen, dass letztes Jahr in Frankfurt eher die christlichen Gemeinden da waren, heute waren jedoch die muslimischen Gemeinden stärker vertreten. Vielleicht können wir das nächste Mal ein ausgeglicheneres Verhältnis schaffen und somit auch einen noch intensiveren Dialog.

Brunn: Es war ja letztes Mal sehr eigenartig: Diese 75 oder 80% der hardcore-alten Fairtrade-Leute und diese 10 bis 20% junger muslimischer Newcomer haben irgendwie einen Geschmack dran gefunden, aneinander. Die Älteren finden es natürlich toll, wenn da was nachkommt.

Losse: Es ist ja sowieso spannend, da viele entwicklungspolitische Gruppen und christliche Gemeinden mit dem Problem kämpfen, dass ihnen der Nachwuchs ausgeht. Eine engagierte junge muslimische Szene steht dem gegenüber. Es wäre doch klasse, könnte man das zusammenbringen.

Herrmann: Bornheim und IIS – das ist ja exemplarisch, einmalig, und die Frage ist schon, inwieweit das nochmal klappt. Also dass ein klassischer Weltladen und ein Moscheeverein zusammenpassen. Das ist für viele ja erstmal kaum vorstellbar.

Danke für das Interview.

Am Ende der Veranstaltung wurde darüber gesprochen, wie der Dialog und der Arbeitsaustausch weitergehen kann. Klar war, dass man sich an einem anderen Ort in Hessen treffen wolle und dann die muslimischen Organisationen einladen werde. Aus Darmstadt haben sich das Bilal Zentrum und NourEnergy bereit erklärt, das nächste Treffen auszurichten. Die Beziehung zum Weltladen Darmstadt, der in diesem Jahr übrigens 40ten Geburtstag feiert, ist bereits vorhanden, die Kollegen sind auch gemeinsam nach Kassel angereist. Weitere Treffen und Veranstaltungen werden auf der Homepage des EPN Hessen angekündigt.

Lydia Koblofsky / Christoph Wagenseil

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