Religion und Vorurteil von A bis Z


Wie kann man religionswissenschaftliche Arbeit kurz und prägnant vermitteln? „Wer bloggt hier eigentlich, und wenn ja, wie viele?“, fragt der Blog „Marginalien – Religionswissenschaftliche Randbemerkungen“ und stellt unterschiedliche Blogkonzepte vor. Um also auch hier mal etwas Neues auszuprobieren, hat sich das REMID-Team zusammengesetzt, um einige Stichwörter für ein „Religion und Vorurteil von A bis Z“ zu versammeln. Dabei geht es insbesondere um die Begriffe und Kategorien, mit denen in der Alltagssprache und in manchen Medien bestimmte religiöse und weltanschauliche Phänomene angesprochen werden, obwohl sie oft versteckte Werturteile enthalten, die denjenigen, die sie verwenden, oft gar nicht bewusst sind.

vorurteile

Religion ist immerschon ein Thema, wo Polemik regiert. Es wird gerne abgewertet oder verklärt. Diese Collage kombiniert drei Titel-Kupferstiche aus Werken der Frühen Neuzeit – Johann Heinrich Feustking: Gynaeceum haeretico-fanaticum, oder Historie und Beschreibung der falschen Prophetinnen, Quäckerinnen, Schwärmerinnen, und anderen sectirischen und begeisterten Weibes-Personen, 1704; Karl von Eckartshausen: Entdeckte Geheimnisse der Zauberey zur Aufklärung des Volkes über Aberglauben und Irrwahn, 1790 (Jörg Paulus bezeichnet ihn in „Der Enthusiast und sein Schatten“, 1998, S. 12, als „enttäuschten Illuminaten“); Historia Americae, Pars Quarta, 1634. Klicken Sie zur Vergrößerung auf das Bild.

 

Aberglauben. Bereits das römische Recht nannte „illegitime“ Kultpraxen superstitio. Allerdings gibt es nunmal keine „objektiven“ Kriterien für einen „guten“ Glauben. Jeder Versuch, zwischen „echter“ oder „wahrer“ Religion und „Aberglauben“ zu unterscheiden, nimmt selbst bereits Grundsätze eines religiösen Weltbildes vorweg. Eine pluralistische Gesellschaft, die Religionsfreiheit und Toleranz hochhalten möchte, kann nicht länger mit dem Argument des „Aberglaubens“ operieren. Insofern sollten auch Skeptiker_innen übersinnlicher Annahmen genau überlegen, mit welchem Vokabular sie ihre Kritik vorbringen, denn ansonsten liefern sie nebenbei eine versteckte Theologie, welche bestimmte Religionen (das Christentum, die „Weltreligionen“) hervorhebt (und mit deren Vertretern gemeinsam gegen „Aberglauben“ ins Feld zieht, vgl. auch Religion versus Wissenschaft – ein Osterspiel).

Besessenheit. Die Diabolisierung von anderen Religionen aus insbesondere christlicher Perspektive führte dazu, dass bei der früneuzeitlichen Expansion Europas mit diesem Begriff auch zahlreiche Trance- und Ekstase-Phänomene anderer Religionen bezeichnet worden waren. Tatsächlich unterscheiden sich sowohl die psychischen Merkmale als auch die symbolische Einbettung z.B. in ein Mensch-Geist- bzw. Mensch-Gott-Verhältnis je nach religiöser Praxis. Allerdings tendiert bei letzterem ein monotheistischer Dualismus zu Austreibungspraxen, während ansonsten auch Befriedung und Dienstbarmachung eine mögliche Option darstellen. Wenn man nicht eine intolerante Innenperspektive einer stark exklusivistischen Religiosität widerspiegeln möchte, sollte man nicht fremde Symbolsysteme mit Begriffen wie „Besessenheit“ im eigenen Sinne umdeuten (man vgl. auch Großhirn-Voodoo und Voodoo-Politik – Kritik einer Metapher).

Gehirnwäsche. Fälschlicherweise suggeriert dieser Begriff eine problematische Vorstellung von Identitätsaustausch, welche modernen Theorien über die menschliche Psyche entgegensteht. Im Rahmen von Kriegsverbrechen mittels Folter oder dem Einsatz von Drogen werden zwar gezielt Traumatisierungen verursacht, aber die Vorwürfe gegenüber neuen Religionen beziehen sich in den meisten Fällen auf eine „mentale Manipulation“, deren behauptete sozusagen „hypnotische“ Wirkung wissenschaftlichen Überprüfungen nicht standhält. Andererseits können Rituale außergewöhnliche Erfahrungen evozieren, die sich somit nachhaltig auswirken. Retraumatisierungen sind also grundsätzlich möglich, aber dies gilt für jede Form eines religiösen Rituals. Außerdem hat das nichts mit dem behaupteten Identitätsaustausch zu tun. Der Begriff „Gehirnwäsche“ suggeriert – aus der Perspektive eines maximalen Unverständnisses der_m Konvertit_in/en gegenüber – zudem notwendig ein Täter-Opfer-Verhältnis, wie als ob die Anwerbung und „Überzeugung“ nur mit Anwendung von körperlicher oder psychischer Gewalt habe möglich gewesen sein können. Für Re-Konvertit_innen (oder „Aussteiger“, vgl. die Geschichte eines einstigen Modewortes) bietet der Gehirnwäsche-Begriff die Möglichkeit einer einseitigen Schuldzuweisung an die „Sekte“ (siehe dort).

Gnosis. Als „Gnosis“ werden teilweise heterogene einzelne Gemeinden bzw. Gruppierungen des 2. und 3. Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung bezeichnet, die eigene heilige Texte (u.a. Evangelien biblischer Figuren wie Maria oder Judas) hervorbrachten und nach ihren Gruppenbegründern z.B. Valentinianer oder Simonianer genannt wurden. „Gnostiker“ war zunächst eine Fremdbezeichnung für (christliche, jüdische wie hellenistische) Intellektuelle. Die meisten der Gruppen dürften sich selbst als christlich interpretiert haben. Ähnlich wie beim Corpus Hermeticum wurde lange Zeit von einer Minderheit angenommen, die gnostischen Texte wären älter als die Bibel. Auch diese vermeintliche Anciennität brachte ihr bereits in der Frühen Neuzeit eine gewisse Popularität. Insofern wendet man den Ausdruck „Gnostizismus“ auch auf solche Philosophien an, die seitdem unter Rückgriff auf gnostische Texte entstanden sind. Ähnliches gilt für gnostische Einflüsse bei Katarern, Bogomilen, Manichäern, Mandäern, Alawiten usf. Auszeichnend ist zumeist ein starker Dualismus. Bekannt ist diejenige Variante, nach welcher ein unbekannter jenseitiger Gott in Gestalt der Schlange Eva die Erkenntnis (griechisch: Gnosis) brachte, worauf der negativ stilisierte Schöpfergott (und seine Archonten-Helfer) die Menschen aus niederen Motiven aus dem Paradies warf und in das Elend der schlechten Welt entließ (Die Schrift ohne Titel; NHC II,5).

Heidentum. Insbesondere aus christlicher Perspektive galten zunächst alle Religionen außer Judentum und Islam (letzterer wurde zumeist eher als christliche Häresie bekämpft) als „Götzendienst“ bzw. „Heidentum“. Zwar wurde den „Heiden“ in der europäischen Frühen Neuzeit bereits eine Art „natürliche Religion“ zugesprochen (im Gegensatz zum Offenbarungswissen der Schriftreligionen, vgl. „Kult“). Insgesamt ist „Heidentum“ aber ein abwertender Sammelbegriff, der stark heterogene Religionsformen unter ein Dach bringt. Und es macht die Sache auch nicht besser, stattdessen von „Naturreligionen“ oder „Schamanismus“ zu sprechen (siehe jeweils dort). So wie vielleicht einst Internetreligionen die Gleichförmigkeit von vordigitalen Buchreligionen belächeln werden, ergibt sich die vermeintliche Ähnlichkeit „heidnischer“ bzw. „ethnischer“ Religionen aus einer Ignoranz gegenüber deren Primat der Praxis. Bereits die Religionen der mediterranen Antike sowie später die Entzifferung der Schriften des alten Ägyptens sowie der mesoamerikanischen und mesopotamischen Kulturen führen den Stadt-„Heide“-Gegensatz ad absurdum. Dennoch gibt es heute (seit dem 19. Jahrhundert) Religionsformen, die sich positiv als „Heidentum“ verstehen und die keltische, germanische, slawische, römische oder aztekische Religionen wiederbeleben. Es ist alleine deshalb schon nicht sinnvoll, diese ein „Neuheidentum“ (oder Neopaganismus) zu nennen, weil damit suggeriert wird, es wäre weiterhin sinnvoll, von einem „Altheidentum“ zu sprechen (vgl. auch die Beiträge zum Stichwort „Paganismus“).

Heilige, das. Man vgl. Stichwörter „Religion im Singular“ und „Religionswissenschaft“.

Hinduismus. In der mediterranen Antike und im europäischen Mittelalter war „Indien“ ein Grenzbegriff, abgeleitet vom Namen des Flusses „Indus“ (letztlich vom Sanskrit-Wort „sindhu“ für „Fluss“). So bezeichneteten Seefahrer der europäischen frühen Neuzeit Süd- und Südostasien überhaupt als „Indien“ bzw. – man denke an ost- und westindische Handelskompanien – auch die neuentdeckten amerikanischen Kontinente. Die Religionen „beiderlei Indiens“ wurden als heidnischer Götzendienst interpretiert – in Unkenntnis schriftlicher Aufzeichnungen ebendieser. Aber auch der im 18. Jahrhundert aufkommende Begriff des „Hinduismus“ versammelt weiterhin unterschiedliche religiöse Traditionen. Deshalb sprechen Religionswissenschaftler_innen auch von „hinduistischen Religionen“ im Plural (vgl. das Buch „Der Hinduismus. Geschichte und Gegenwart„, München 2006, von Axel Michaels sowie die Artikel Übersetzer als Konquistadoren. Eine Geschichte der “Eroberung” heiliger Texte durch den Westen sowie Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik). Komplizierter wird der Sachverhalt heute dadurch, dass auch eine konservative politische Aufwertung von „Hinduismus“ als einem bestimmten Traditionsgefüge dem Differenzierungsinteresse der Wissenschaftler_innen entgegenarbeitet.

Der Romantiker August Wilhelm Schlegel brachte 1823 eine zweisprachige Bahagavad-Gita-Ausgabe heraus, den Sanskrittext des indischen Gesangs des Erhabenen mit lateinischer Übersetzung. Bereits im Werk „Die Weisheit der Indier“ seines Bruders Friedrich von 1808 findet sich eine deutsche Übersetzung (1785 die erste englische durch Charles Wilkens). Indien und der Orient waren damals Grenzbegriffe, die stellvertretend für eine wundersame und geheimnisvoll-poetische Welt eingesetzt wurden (etwa wenn im Goldenen Topf von E.T.A. Hoffmann der Archivarius Lindhorst dem Studenten Anselmus zuruft: „Wir müssen in das Zimmer, wo Bhogovotgita`s Meister unsrer warten“; Fantasiestücke in Callots Manier, Bd. 2, Bamberg 1819, S. 169f.).

 

Hochreligion. Man vergleiche die Stichwörter „Volksfrömmigkeit“, „Besessenheit“, „Kult“, „Naturreligion“, „Schamanismus“, „Mystik“ und „Weltreligionen“.

Islamophobie. Manche assoziieren bei diesem Begriff Klaustrophobie und ähnliche psychische Störungen. Dass aber auch die sozialwissenschaftliche Vorurteilsforschung mit dem Begriff der Phobie arbeitet (vgl. Xenophobie, Homophobie), wird dabei übergangen. Zudem muss unterschieden werden zwischen einer vorurteilhaften pauschalen Abwehr, welche den Islam negativ essenzialisiert und welche Sozialwissenschaftler_innen „Islamophobie“ nennen (vgl. Darf man den Islam kritisieren?) und einer positiven Festlegung z.B. auf ein „Wesen“ des Hinduismus (siehe dort), aus welchem heraus Vertreter_innen eines neokonservativen Hindu-Nationalverständnisses auch manche Ergebnisse historisch-kritischer Forschung (z.B. Datierungsfragen indischer Mythologie) als „Hinduphobie“ abqualifizieren.

Kult. Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam betonen in besonderer Weise die Rolle Heiliger Schriften. Zwar spielen auch in Hinduismus, Buddhismus, Zarathustrismus, Daoismus und Konfuzianismus u.a. sogenannte „Heilige Texte“ eine besondere Rolle, aber nur die drei erstgenannten (und auf ihnen aufbauende neue Religionen wie die Bahai) verknüpfen mit ihrem heiligen Buch einen Offenbarungsbegriff, das also ein bestimmtes Wissen von Gott exklusiv bereitstellt. Mit dem „Wort Gottes“ ist eine bestimmte „Orthodoxie“ (das rechte Meinen) verbunden. Daher erscheint bei einem offenbarungsreligiösen Hintergrund alles, was sich über eine bestimmte Praxis definiert, als fremd – d.h. als „Kult“. Die damit verbundenen Werturteile stehen also auf einer Ebene mit Zuordnungen von Gefühl und Verstand zu Geschlechterstereotypen (vgl. auch Warum unser Toleranzbegriff ein Update braucht).

Mystik. Eigentlich und im engen Sinn handelt es sich um eine christlich-mittelalterliche Tradition, welche unter Bezug auf Schriften von Plotin und Pseudo-Dionysius von Aereopagita eine Vereinigung mit Gott (unio mystica) anstrebte und mitteilte (wie Margarete Porete, Meister Eckart, Heinrich Seuse, Mechthild von Magdeburg). Dabei spielte auch negative Theologie und der sensus mysticus eine Rolle, welcher in der Lehre des vierfachen Schriftsinns dem buchstäblichen Sinn drei weitere beigesellte: den allegorischen oder heilsgeschichtlichen Sinn, den moralischen Sinn und den anagogischen oder eschatologisch-endzeitlichen Sinn. Ursprünglich bestand keine inhaltliche Verknüpfung mit der Tradition der antiken Mysterien und ihren Einweihungen. Da der lateinische Ausdruck „mysterium“ (Geheimnis) aber ebenfalls eine Rolle als christlicher terminus technicus erhielt und etymologische Bemühungen bei beiden Begriffen eine gemeinsame griechische Wurzel ausmachten, wurde bereits in der Frühen Neuzeit ein weiterer Mystikbegriff üblich. Schließlich William James prägte in seinem Werk „Die Vielfalt der religiösen Erfahrung“ 1902 einen Mystikbegriff, der ebenfalls jüdisch-kabbalistische (vgl. hier Elisabeth Hamacher: Gershom Scholem und die allgemeine Religionsgeschichte, Berlin 1999), islamisch-sufistische, hinduistische, buddhistische, daoistische u.a. tradierten religiösen Erfahrungspraxen „Mystik“ zu nennen pflegt – und selbst in Psychiatrien „bei wahnhaften Geistesstörungen, die man auch Paranoia nennt“ eine „Art diabolischer Mystik, eine[] auf den Kopf gestellte[] Form religiöser Mystik“ (dt. Übers., Frankfurt a. M. 1997, S. 421) ausmacht.

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Das rekonstruierte Heiligtum der Isis und Mater Magna in Mainz. Die Verehrung der Isis stammt ursprünglich aus Ägypten (Mysterien von Isis und Osiris), die Gottheit Mater Magna geht zumindest bis auf die kleinasiatische Göttin Kybele zurück. Die Tötung und Zerstückelung von Osiris durch Seth und die neue Zusammensetzung der Teile durch Isis wurde auch für die Freimaurerei im 18. Jahrhundert zur interessanten Allegorie für ihr System gradueller Einweihungen (vergleichbar der ähnlichen Hiramslegende).

Bild von Martin Bahmann unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Naturreligion. An dieser Stelle könnte einfach ein Verweis stehen auf die Einträge zu „Kult“, „Heidentum“, „Schamanismus“ usf. Doch die Angelegenheit bedarf einer zusätzlichen Erläuterung, denn es ist beliebt, den Ausdruck „Naturreligion“ so zu gebrauchen, als ob damit ein besonderes Umweltbewusstsein im Sinne der westlichen Öko-Bewegungen seit dem 20. Jahrhundert verbunden sei. Zwar ist der Ausdruck Ergebnis eines evolutionistischen Verständnisses einer Entwicklung der Religionen, bei der sogenannte „primitive“ „Stammes“-Religionen am Anfang standen, – und er hatte anfangs noch keinen ökologisch-alternativen Touch – heute aber sind naturliebende Vertreter_innen einer indianischen Religion Sinnbild einer menschlichen Lebensform im Einklang mit der Natur. Dabei ist weder das Fehlen eines philosophischen Natur-Technik-Gegensatzes oder von biologisch schlecht abbaubaren Artefakten z.B. aus Plastik ein Garant für gutes Umweltmanagement (man denke auch an die Theorien über das Ende der Maya-„Hochkultur“ durch eine künstlich provozierte Umweltkatastrophe). Noch rechtfertigt die Selbstbeschreibung einer solchen indianischen Spiritualität durch eine_n indigene_n Vertreter_in als „Naturreligion“ – in Vereinnahmung als Werbefigur für westliche NGOs und als Romantisierung fehlender Teilhabe – die Verwendung dieses Begriffs zur Klassifikation durch Wissenschaftler_innen oder Journalist_innen.

Okkultismus. Aus manchen (z.B. freikirchlich-christlichen) Perspektiven ist „Okkultismus“ heute ähnlich wie „Satanismus“ (siehe dort) eine Ausgestaltung einer Abkehr von Gott. Ursprünglich war okkultes Wissen im Sinne des 19. Jahrhunderts ein geheimes Offenbarungswissen Gottes aus einer universalreligiösen Perspektive westlicher Autor_innen, das in Religionszeugnissen vermutet wurde, die älter als das Christentum waren (oder dieses angenommen wurde). Im Zuge von Biedermeier und Viktorianismus trafen Menschen sich in kleinen Zirkeln, um ein europäisches Magie-Konzept neu zu reaktivieren, kombiniert aus Hermetik-Überlieferungen seit der Renaissance, antiker Gnosis, christlicher Kabbala, Yoga, Buddhismus oder dem altägyptischen Pantheon uvm. (vgl. Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus? und “Le Christianisme c’est le Communisme”: Sozialismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts). Darüber hinaus wurde der Okkultismus-Begriff am Anfang des 20. Jahrhunderts von Kunst, Psychologie und Pädagogik aufgegriffen (vgl. Bildungsarbeit mit der “Erfahrung des Krisenhaften, des Unvollständigen, des (noch) Unerklärlichen”).

189

Auszug aus der Zeitschrift „Psychische Studien: Monatliche Zeitschrift vorzüglich der Untersuchung der wenig gekannten Phänomene des Seelenlebens“, 52. Jahrgang, 1925, Heft 3 (März), S. 189. Zu dieser Zeit konnten „Parapsychologie“ und „Okkultismus“ noch synonym verwendet werden.

Bild von Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, Bibliothek, Frei122-Z5, unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Religion im Singular. In ihrer Frühzeit war in der Religionswissenschaft die sogenannte „religionsphänomenologische“ Schule stark. Ähnlich der Art, wie Literaturwissenschaftler_innen einzelnen Autor_innen ein „Genie“ zuschrieben, wurde unter Titeln wie „Das Heilige“ (vgl. Artikel über Rudolf Otto und Friedrich Heiler) eine aus dem persönlichen Gefühl gewonnene Einordnung religiöser Phänomene betrieben. „Religion“ im Singular wurde dabei als Begriff zu einem essenzialistischen Prinzip, angereichert durch diverse teilweise gegensätzliche Elemente aus der Religionsgeschichte, ergänzt um einen Entwicklungsgedanken von den „Kulten“ zur „Hochreligion“. Manche Religionswissenschaftler_innen gingen aus kritischer Distanz zur Schule der Religionsphänomenologie dazu über, nur noch von Religionen im Plural zu sprechen.

Religionswissenschaft. Da „Religionswissenschaft“ kein geschützter Begriff ist, kann es gelegentlich zu Missverständnissen kommen. Die meisten universitären Standorte einer Religionswissenschaft in Deutschland gehören zur Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft, welche die Disziplin als „bekenntnisunabhängige Gesellschafts- und Kulturwissenschaft“ versteht. Das gilt auch für REMID, es geht um eine empirische Untersuchung von Religionsgemeinschaften unter Einbezug der diversen aus insbesondere Sozial- und Geisteswissenschaften stammenden Methoden. Umstritten ist die Schule der Religionsphänomenologie (siehe Religion im Singular), so findet sich in der Satzung der DVRW noch das zu erforschende „Wesen der Religionen“ (§2, 1), allerdings steht die Mehrzahl der heutigen Religionswissenschaftler_innen zumindest im deutschsprachigen Raum solchen und ähnlichen Methoden kritisch gegenüber (vgl. Was forschen ReligionswissenschaftlerInnen in Deutschland?, Religionswissenschaft im Aufwind? und Mit Religion provozieren: Nach Russell T. McCutcheon radikaler Perspektivwechsel notwendig). Zwar hat auch die heutige akademische DVRW-gemäße Religionswissenschaft Ursprünge in der insb. evangelischen Theologie (neben Religionssoziologie, Ethnologie, Kulturanthropologie, Indologie etc.) und gehört auch an manchen Standorten weiterhin theologischen Fakultäten an (vgl. auch Religionswissenschaftler und Stellenmarkt). Aber es handelt sich nicht um ein aus der Innenperspektive einer Religion erarbeitetes religiöses Wissen über Religionen – wie bei manchen katholischen Theologien, die eine „Religionswissenschaft“ als Hilfswissenschaft der Missionswissenschaft betreiben (man vgl. auch Quo vadis, domine? Eurozentrismus(kritik) in der Religionswissenschaft).

Satanismus. Aus christlicher Perspektive kann sehr vieles „Satanismus“ sein, z.B. Rockmusik, Harry Potter oder Freimaurerei. Alte Vorstellungen von einer „Sekte“ (siehe dort) von Teufelsbündlern, wie man sie zur Zeit der Hexenprozesse annahm, die nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit stattfanden, spielen hier eine Rolle – teilweise auch Verschwörungstheorien. Tatsächlich gab es zunächst seit der Epoche der (Schwarz-)Romantik einen literarischen Satanismus. Zwar spielten einige okkulte Orden bereits um 1900 mit Elementen einer Deutung der antiken Gnosis (siehe dort) als „Satanismus“ (bzw. umgekehrt), aber im engen Sinn beginnt die Geschichte eines organisierten Satanismus als Religion erst mit der Church of Satan in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts (im weiteren mit den Hellfire Clubs und der Verwendung des satanischen Sujets bei der systematischen Kirchenschändung durch Bolschewist_innen während der Oktoberrevolution). Organisierter Satanismus besteht heute aus mehreren Klein- und Kleinstgruppen, welche entweder rationalistisch unter „Satan“ ein Prinzip verstehen oder Satanismus als eine Neo-Gnosis ausgestalten oder eine integrative Philosophie entwickeln (hier bietet die von Charles Manson gegründete „The Family“ ein extremes, bislang nicht-repräsentatives Beispiel). Daneben gibt es Satanismus als Jugendphänomen und als romantisch inspirierte Privatphilosophie. Hier erfolgten international wenige gewalttätige Medienereignisse. Die meisten Religionswissenschaftler_innen interpretieren die Berichte von „satanischem rituellen Missbrauch“ als moral panic und verweisen auf fehlende Verurteilungen (auch sei laut Gerald Willms das dabei im Pädophil_innen-Milieu vermutete satanische Material nie bei Ermitter_innen aufgetaucht; „Die wunderbare Welt der Sekten“, Göttingen 2012, S. 264; vgl. insgesamt auch Des Teufels Netz – Italien und interreligiöse Toleranz).

Schamanismus. Über Schamanismus gibt es bei REMID eine Kurzinformation. Diese nennt „Schamanismus“ ein weltweites Phänomen (bzw. eine „Technik“). Historisch zunächst von „lappländischen Zaubertrommeln“ und sibirischen Schamanen inspiriert, wurde aus dieser Figur des Anderen für die (christlich-)westliche Perspektive eine Art positives Gegenbild zur „Besessenheit“ (siehe dort). Mircea Eliade entwarf einen Ur-Schamanismus, den er für die Urform aller Religion (im Singular, siehe dort) hielt (wiederum andere konstruierten einen Ur-Monotheismus). In der Forschung finden sich unterschiedlich weite Schamanismus-Begriffe, die engsten beschränken sich auf Sibirien, die weiteren beziehen asiatische und amerikanische religiöse Praxen ein oder differenzieren danach, ob psychotrope Substanzen rituell verwendet werden oder nicht (man vgl. für eine Kritik von urschamanistischen Vorstellungen auch Gespenster – festliche Dekonstruktion einer Universalkategorie).

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Ernst Manker identifizierte 1938 die im Besitz des Münchner Museums für Völkerkunde (heute Museum Fünf Kontinente) befindliche „lappländische Zaubertrommel“ (Sign. 5783) als diejenige Trommel, die im 18. Jahrhundert in der Universität Altdorf ausgestellt wurde. Mathias Steuchius, Bischof von Lund in Schweden, hatte sie vermutlich um 1701 zum Geschenk gemacht.

 

Sekte. Früher war es üblich, neue Religionen als „Sekten“ zu bezeichnen. Der soziologische (kleine Gruppe) und religionsgeschichtliche Mehrwert (Abspaltung von …) verliert allerdings an Bedeutung, wenn einerseits Pluralisierung die tradierten Mehrheitsverhältnisse modifiziert und andererseits eine inzwischen mehr oder weniger historische „Sektendebatte“ den Begriff dazu verwendete, grundsätzlich vor religiöser Innovation zu warnen und eine solche besonders negativ zu zeichnen. So finden sich heute noch Eigenschaftskataloge einer angeblichen „Sekte“, welche ausgerechnet von teilweise extremen Negativbeispielen abgeleitet worden sind (die schon deshalb nicht repräsentativ sind, da sie die erste Generation zumeist nicht überdauern) und zudem in manchen Punkten von Empfindungen des teilnehmenden Beobachters abhängig sind (etwa das „Charisma“ eines „Sektenführers“). Daher sind Listen, welche sämtliche neue Religiosität als Erscheinungsform von „Sekten“ aufführen, diskriminierend und der Ausdruck „Sekte“ selbst oft alles andere als „neutral“ (vgl. alle Artikel zum Stichwort „Sektendebatte“).

Sondergemeinschaften. Aus Perspektive der Amtskirchen und ihrer evangelischen oder katholischen Theologie heraus sind „Sondergemeinschaften“ diejenigen christlichen Gruppierungen bzw. Denominationen, welche „Sonderlehren“ in den Mittelpunkt stellen. Der Begriff ist damit nur knapp oberhalb von „Sekte“ (siehe dort) in der Distanzrhetorik – und enthält noch eine teilweise Anerkennung einer Zugehörigkeit zum Christentum. Das Christentum aber kann immer nur von einem konfessionellen Standpunkt aus beschrieben werden (als katholisch, protestantisch, lutherisch, calvinistisch, orthodox, freikirchlich…). Es gibt nicht ein einziges „spezifisches“ Merkmal des Christentums, sondern nur ein „Ensemble von Merkmalen“ (vgl. Was ist eigentlich christlich?). Wahrscheinliche Kandidaten für „Sondergemeinschaften“ sind z.B. diejenigen Kirchen, welche nicht das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel unterschreiben wollen, welches in Deutschland die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) als kleinsten gemeinsamen Nenner von orthodoxen, katholischen und evanglischen Christ_innen zur Mitgliedschaftsvoraussetzung machte – etwa bei den Zeugen Jehovas, welche die Idee der Dreifaltigkeit (Trinität) ablehnen (man vgl. auch Wessen Geistes Kind? Neue Religionen, alte Traditionen und die Crux des Systematikers).

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Volksfrömmigkeit. Eine ethnologische Feldbeobachtung „des Islams“ unterscheidet sich mitunter stark von einer theologisch-philologischen Erörterung anhand des Korans, der Hadithe etc. Und das gilt für das Christentum genauso. Trotzdem besteht die Tendenz, zumeist eine „hochreligiöse“ Theologie der Experten einer Laienpraxis gegenüber aufzuwerten, als ob letzteres eigentlich nicht zur betreffenden Religion hinzugehöre und als „Aberglauben“, Überbleibsel von „Heidentum“ (siehe jeweils dort) oder ähnliches einen nachgeordneten Status erhält. Für diese unterschiedliche Bewertung gibt es aber keine sinnvolle Legitimation. Das gilt auch für Übertragungen, welche etwa einen Buddhismus der Philosophie von einem ritualbezogenen „Lamaismus“ abgrenzen oder zwischen „philosophischem“ und „religiösen“ Daoismus unterscheiden wollen.

Weltreligionen. Es gibt kein sinnvolles Kriterium, das „Weltreligionen“ von anderen Religionen unterscheidet (selbst lokale Heiligtümer spielen in den meisten üblichen „Weltreligions“-Kandidaten eine Rolle und scheiden als potenzielles Kriterium aus). Sicherlich ist es eine Art Ruhmeszeichen, in eine Liste von „Weltreligionen“ aufgenommen zu werden, was dem Sikhismus eher in England gelingt und den Bahai bei Wikipedia. Zwar haben Religionen einen unterschiedlichen Verbreitungsgrad, aber allein die Zuordnung einer bestimmten Gemeinschaft (Denomination) z.B. zum Christentum ist bereits ein politischer Akt (besonders spannend dort zu beobachten, wo etwa in Deutschland einzelne z.B. Kirchen nicht in die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen integriert sind, und nur in seltenen Fällen von anderen Kirchenrepräsentant_innen – wie die Zeugen Jehovas in manchen Berichten über Christenverfolgung in anderen Ländern – zum Christentum gezählt werden). Letztlich beerbt der Begriff der „Weltreligionen“ ein evolutionistisches Konzept der Entwicklung der Religionen von „primitiven“ Formen hin zu „höheren“ – eben „Weltreligionen“. Damit werden die diversen Ethnien, ihre Kulturen und Religionen ahistorisch einsortiert in ein (rassistisches) Entwicklungsschema, wie als ob ausgerechnet die Aborigines erlaubten, einen Blick auf steinzeitliche Verhältnisse werfen zu können. Dabei haben auch diese Kulturen eine eigene Geschichte durchlebt – und es ist zudem grob fahrlässig anzunehmen, ihre religiöse Praxis sei über die Jahrhunderte hinweg gleich geblieben (vgl. auch Wer zählt was? Statistiken aller Religionen der Welt und ihre Probleme).

 

Zusammenstellung von Christoph Wagenseil mit Unterstützung des REMID-Netzwerks

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8 Kommentare:

  1. Jens M. Gutmann

    Mich wundert sehr, den Begriff „Islamophobie“ in dieser Aufstellung zu lesen. Es ist ein Propagandawort, das der berüchtigte Ex-Präsident des Iran und Holocaustleugner Achmadinedshad einst salonfähig machte. Der Term wird von islamistischen Hardlinern gerne verwendet, um Kritiker zu stigmatisieren bzw. mundtot zu machen. Religions- und Weltanschauungskritik – auch überzogene! – muss eine Demokratie um ihrer selbst Willen aushalten, zumal es mit radikalen Ausprägungen des politischen Islam nun wirlklich in verschiedenen Teilen der Welt ernste Probleme gibt. Ich halte es nicht gerade für eine Einladung zu einer sachlichen Diskussion, Andersdenkende für psychisch krank zu erklären – zumal es die Begriffe „Judophobie“, Christophobie“ und „Buddhophobie“ auch nicht gibt.

    • Der Begriff stammt nicht von Achmadinedschad. Vermutlich prägte Tariq Modood, ein muslimischer Forscher am britischen Policy Studies Institute, die heutige Verwendungsweise in den Sozialwissenschaften Ende der 1980er. Wie oben geschrieben, hat das nichts mit psychischen Störungen wie Klaustrophobie zu tun, sondern ist eine übliche Benennungspraxis in der sozialwissenschaftlichen Vorurteilsforschung, welche mittels Fragebögen Einstellungen misst. Auch „Homophobie“ ist so gebildet. Alternative Konzepte bzw. Begriffe zu Islamophobie sind antimuslimischer Rassismus und Islamfeindlichkeit. Dass dieser Begriff auch missbräuchlich verwendet werden kann, wurde oben im Text am Beispiel der „Hinduphobie“-Vorwürfe an Wissenschaftler_innen, die den Hinduismus erforschen, erläutert. Bei anderen Religionen haben sich nur andere Termini wie „Antisemitismus“ oder „Christenverfolgung“ innerhalb der öffentlichen Debatten durchgesetzt.

  2. Heinz-Jürgen Loth

    Lieber Herr Wagenseil,
    der Begriff „Islamophobie“ findet sich in der französischen Sprache bereits 1910 in dem Werk von Alain Quellien, La politique musulmane dans l’Afrique Occidentale Française, Paris 1910, p. 133 (siehe frz. Wikipedia & http://rue89.nouvelobs.com/2013/08/04/islamophobie-entretien-marwan-mohammed-244734). Demnach gibt es auch wohl kein persisches Äquivalent zu "Islamophobie".

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