Was ist eigentlich eine Weltanschauung?

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Ursprünglich hatte REMID nur eine Religionsstatistik Deutschlands. Buddhismus, Hinduismus, Islam, Freikirchen und Orthodoxie, neue religiöse Bewegungen – alles das ist ansonsten gerne einfach als „Sonstige“ verhandelt worden, und das wollten wir ändern. Und streng genommen waren oft nur diejenigen Gemeinschaften, welche Körperschaft des Öffentlichen Rechtes sind, einbezogen worden. Dabei sind viele kleine Gemeinschaften als Verein organisiert – oder noch informeller. Inspiriert durch die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (2008) listen wir auch säkulare und „skeptische“ Gemeinschaften und Organisationen (seit 2012). Damit wird der Begriff der „Weltanschauung“ wichtig, schließlich geht es jetzt um eine Religions- und Weltanschauungsstatistik. Also was ist eigentlich eine Weltanschauung?

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Bild von Manuel Heinemann unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Disclaimer: In diesem Beitrag werden einige Organisationen oder Vereine genannt, bei denen lediglich zur Debatte steht, inwiefern sie als „weltanschaulich“ eingestuft werden könnten. In vielen Fällen wird zudem diese Frage verneint.

 

Update der Statistik

Noch gehen die Säkularen nicht in das Datenblatt „Religionen in Deutschland“ ein, welches neben besagtem Buddhismus, Hinduismus, Islam etc. ca. 0,8 Mio. „Neue Religionen und Esoterik“ verzeichnet (Bezugsjahr 2013). Damit wird eine bisher angegebene geringfügig weitere Schätzung ersetzt doch eine neue Hochrechnung am Material: Seit 2012 sind wir bemüht, eben auch sonstige Weltanschauungen sowie Esoterik und freie Spiritualität zu listen. Aktuell kommen wir also auf folgende Rechnung:

Automatische Addition (Skript): 48590 Org. Konf. (16 Werte) + 5210 Skeptiker_innen (8 Werte) vs. 81580 Rel. (vor 1800 entst., 8 Werte) + 95880 Rel. (nach 1800 entst., 93 Werte; 7250 West. Hind.) + 40000 Freireligiöse + 18450 Freimaurer + 7575 Sonst. Weltans. (5 Werte) + 59079 Esot./Spirit. (71 Werte) + 244020 Umfeld = 546584 * 1.5 Dunkelziffer ~ 800000. [Sie sehen dieses Skript, wenn Sie bei den „Sonstigen“ ganz nach unten scrollen und dabei Javascript im Browser aktiviert ist].

Die spezifisch säkularen oder „skeptischen“ Gruppen gehen dabei – das sei noch einmal betont – nicht in die Gesamtrechnung ein (allerdings gliedern wir „religiöse“ Teilorganisationen wie die Freireligiösen oder die Unitarier aus, und diese werden wiederum gezählt). Wir behalten uns allerdings vor, das erwähnte Datenblatt künftig um eine weitere Größe für „Organisierte Konfessionsfreie“ zu ergänzen. Noch vernachlässigbar erscheint die Rubrik „Sonstige Weltanschauungen“ – und wir werden später sehen, wer in dieser etwas hilflosen Rubrik gelandet ist. Warum „hilflos“? Der Weltanschauungsbegriff ist alles andere als exakt.

Definitionen und Setzungen

Nach dem Artikel von J. Edgar Bauer im Handwörterbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe (Band V, 2001, S. 351-354, Zitat S. 352) bezeichnet „Weltanschauung“

„die auf die Totalität des Wirklichen in seiner Bezogenheit auf das letzte Erklärungsprinzip und auf den ‚anschauenden‘ Menschen selbst gerichtete Einstellung, die zu einer das Leben, Handeln und Werten bestimmenden geistigen Haltung wird. Die Weltanschauung stiftet Ordnung in der Wirklichkeit aus einer in sich einheitlichen und die Mannigfaltigkeit der Welt vereinheitlichenden Sicht heraus, so daß die Wirklichkeit als organische Ganzheit erfaßbar wird.“

Bauers Artikel schließt mit der Kritik von Ernst Topitsch (der den sich anschließenden Artikel zum „Weltbild“ verfasst hat). Demnach führten Säkularisierung und „Entzauberung“ dahin, dass die „weltanschaulichen Probleme“ nicht mehr mit „Antworten“ versehen würden, sondern sie würden einfach „gegenstandslos“ (Bauer zitiert hier Topitsch aus „Vom Ursprung und Ende der Metaphysik„, S. 313). Außerdem sei noch hervorgehoben, dass dieser Begriff der „Weltanschauung“ selbst ein Ergebnis einer besonderen deutschen Philosophiegeschichte ist und in andere Sprachen als Germanismus übernommen wurde.

Der empirisch erfassbare Aspekt, welcher auch vom „Weltbild“ (world view) abhebt, ist dabei die Vergemeinschaftung. Gerade in Hinblick auf bestimmte Gruppen ist es bewährt, von „Weltanschauungsgemeinschaften“ zu sprechen – sowohl in rechtlicher Literatur als auch in deren Selbstdarstellungen (so etwa beim KORSO-Mitglied Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften). Allerdings genügt das nicht. Wie ist mit denen zu verfahren, welche zufällig nicht diesen Begriff im Munde führen? Wie dort vorgehen, wo nicht aus einem „säkularen“ Selbstverständnis heraus Opposition zu allem Religionsähnlichen markiert wird? Einfach ist es dabei noch dort, wo es um etwas geht, das „religiös“, „spirituell“ oder „esoterisch“ genannt werden kann.

Allerdings so wie eine Unterscheidung von „alten“ und „neueren“ Religionen mittels der Zeitgrenze vor bzw. nach 1800 beliebig gesetzt ist, ist auch die Differenz bei der Gegenüberstellung von aktuell 93 Werten unter „neueren religiösen Bewegungen“ und 71 Werten als „esoterisch“ / „spirituell“ eine solche beliebige Setzung. Im Grunde handelt es sich bei dieser nur im Quellcode des erwähnten Skripts nachvollziehbaren Trennung um eine Unterscheidung von Organisationstypen. Erstere – die neuen Religionen oder spirituellen Gruppen – sind eher eine Gemeinschaft, die allerdings Laien und Experten kennen kann (in manchen Fällen nur die losere Laienanhängerschaft des sogenannten, aber noch konkreten „Umfeldes“). Letztere sind eher ein Fachverband für Experten oder verwandte Formen (z.B. ein Laienverein zur Unterstützung entsprechender Expertenverbände wie bei Hahnemannia – Deutscher Verband für Homöopathie und Lebenspflege e. V., ein Dachverband einer Laienbewegung).

Insgesamt ist dabei wichtig, dass es weiterhin ausschließlich um Vergemeinschaftungsformen, also Gruppenzugehörigkeit geht, nicht um Einstellungsfragen. Fragt man nach einer spirituellen Haltung, werden weitaus größere Zahlen als 800.000 ermittelt (man vgl. dazu Spirituelle Atheisten? Statistische Einblicke in aktuelle Formen weltanschaulicher Selbst-Verortung sowie den Artikel zum Zensus 2011).

Dieses Kriterium schließt zwar Einzelpersonen aus (selbst wenn sie als Autor oder Autorin über eine nicht-organisierte Anhängerschaft verfügen). Aber bezüglich der Frage, welche Gruppierungen nun „weltanschaulich“ die „Totalität des Wirklichen“ betreffen, hilft es nicht weiter.

Die Ausgeschlossenen

Verfahren wird nach wiederum beliebigen Setzungen: Ausgeschlossen sind z.B. Parteien, Organisationen, die sich für die Rechte Benachteiligter einsetzen, politische Verbände, Gewerkschaften, Stiftungen (allerdings ist die Giordano-Bruno-Stiftung u.a. KORSO-Mitglied und hat auch ansonsten mit ihren Regionalgruppen genügend Ähnlichkeit zu anderen säkularen Organisationen, um dennoch aufgeführt zu werden – im Gegensatz zur z.B. Humanistischen Union). Ebenso nehmen wir für gewöhnlich keine Heilpraktiker-, Psychologen- oder Pädagogen-Verbände auf – es sei denn, z.B. die Satzung ist eben als spezifisch „weltanschaulich“, „esoterisch“ oder „spirituell“ gedeutet worden – und es handelt sich nicht um eine bereits durch andere Kategorien der Statistik eindeutig abgedeckte Gruppe, also wie z.B. beim Verband für evangelischen Religionsunterricht und Pädagogik. Aufgenommen wurde z.B. das Spiritual Emergence Network mit einer Zahl der Therapeuten:

“Ziel des Vereins ist die Begleitung einzelner oder kleiner Gruppen auf dem spirituellen Weg und bei etwaigen Krisen … (unsachgemäße Anleitung oder ungenügende innere Vorbereitung …, paranormale Erlebnisse, Nahtodeserfahrungen oder plötzliches Erwachen der ‘Kundalinienergie’…)“.

Es handelt sich um einen von mehreren Verbänden zur transpersonalen Psychotherapie. Trotzdem ist diese offenbar eine Therapiemethode, die nicht notwendig auf metaphysischen Annahmen fußt – schließlich wird nur „das Spirituelle“ nicht ausgeschlossen, sondern – auf welche Weise auch immer – einbezogen. Bei der 2013 gegründeten Gesellschaft für Bewusstseinswissenschaften und Bewusstseinskultur (GBB e.V.), welche das Deutsche Kollegium für Transpersonale Psychologie (1999 gegründet) ablöst, scheint durchaus ein offener Ergebnisrahmen bezüglich der dort besprochenen oder gekürten Studien zu bestehen (vgl. Satzung von 2014). Es werden keine derart konkreten Hinweise gegeben wie das „Unsachgemäßsein“ einer spirituellen Anleitung, das „Ungenügendsein“ einer inneren Vorbereitung, die Existenz von „Kundalinienergie“. Andererseits resultiert diese Einschätzung auch aus dem Fehlen näherer Informationen (für deren Einholen sich noch keine Zeit genommen wurde).

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Screenshot der Webseite der Gesellschaft für Bewusstseinswissenschaften & Bewusstseinskultur e.V., einem „gemeinnützige[n] Verein zur Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit und den Austausch zwischen Wissenschaftlern, Forschern und Anwendern auf dem Gebiet der Bewusstseinswissenschaften und der Bewusstseinskultur.“ Nur der Begriff der „spirituellen Krisen“ taucht auf der Webseite auf, kann als solcher aber noch lange nicht als „weltanschaulich“ begriffen werden. Kaum jemand dürfte die Existenz solcher Krisen infragestellen.

 

Ebenso besteht Unsicherheit bezüglich „systemischer“ Beratungs- und Psychotherapie-Angebote. So fehlen bislang die 900 Einzelmitglieder der Systemischen Gesellschaft in der Statistik. Zu weitläufig erscheint die theoretische Schwerpunktsetzung, um daraus bereits eine „Weltanschauung“ zu erdeuten:

Paradigma statt Theorie: ‚Systemisches Denken‘ kennzeichnet ein allgemeines wissenschaftliches Programm oder Paradigma und keine in sich abgeschlossene Theorie. Es umfasst heterogene Denkansätze aus verschiedenen Disziplinen, deren Gemeinsamkeit der nichtreduktionistische Umgang mit Komplexität ist: Allgemeine Systemtheorie, Autopoiesetheorie, Kybernetik (2. Ordnung), Synergetik, Kommunikationstheorie, Konstruktivismus, sozialer Konstruktionismus, Theorie der Selbstreferentialität, der Selbstorganisation und dynamischer Systeme, Chaostheorie usw.

Rekursivität statt Kausalität: Vor dem systemischen Denkhintergrund werden Menschen als autonom und prinzipiell unverfügbar betrachtet. Sie bleiben füreinander in sozialen Interaktionen grundsätzlich undurchschaubar. Sie werden mithin als weder vollständig erfassbar, noch beliebig veränderbar bzw. instruierbar verstanden. Kognition und Kommunikation werden als rekursive Prozesse aufgefasst. Somit weicht das Konzept der Kausalität dem der rekursiven Vernetzung und Multifaktorialität. Erkenntnis wird als beobachterabhängig verstanden, so dass Objektivität als Kriterium ‚guten‘ Wissens entfällt.“ (Selbstdarstellung der Systemischen Gesellschaft)

Leichter fällt die Einschätzung bei Transformationstherapie, energetischer Therapie, Reinkarnationstherapie oder „Mesologie“, deren Verbände jeweils aufgenommen worden sind.

Wie bei psychotherapeutischen Angeboten gibt es auch bei pädagogischen Angeboten eine vergleichbare Unsicherheit. Einfach macht es da einem höchstens der Verein zur Förderung vorgeburtlicher Erziehung e.V. Neben dem Konzept einer „bewussten Schwangerschaft“ (Zitat: „Die Frau besitzt eine sehr starke Vorstellungskraft, mit der sie ihr Kind formt“) und Ernährung wird von einem „Zellgedächtnis“ des ungeborenen Kindes ausgegangen – unter Bezug auf Masaru Emotos Buch „Botschaft des Wassers“. Er wurde aufgenommen.

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Screenshot von der Webseite des Vereins zur Förderung vorgeburtlicher Erziehung e.V. Es handelt sich um eine Seite eines Flyers. Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Abbildung. Diese dient ausschließlich zu Zwecken der wissenschaftlichen Dokumentation.

Schwieriger sieht es aus bei z.B. der sogenannten „konfrontativen Pädagogik“. Erkenntnisse pädagogischer Forschung werden als „feminisiert“ verworfen, ein väterliches Prinzip der Erziehung solle wieder stark gemacht werden. Gerade „Coolness“-Trainings kamen in Verruf und werden in der ursprünglichen Form wohl auch nicht mehr angeboten (vgl. Taz-Artikel Schüler sollen auf heißen Stuhl, 2010). Dabei ist das, was hier zu einer Beurteilung als „weltanschaulich“ verleiten kann, eher die Art der Argumentation:

„Was mir verdächtig ist bei der so genannten konfrontativen Pädagogik, ist die Behauptung, es wäre notwendig zwischendrin eine mit Demütigung mindestens verwechselbare Strenge pur zu zeigen, und dann mit Positivität pur und riesigen Harmonisierungsdruck eine Einigkeit herzustellen, die einem ursprünglich gewalttätigen Straftäter gar keinen anderen Weg zu gehen erlaubt, als ein angenehmer Gentleman (Weidner) zu werden“ (Zitat Stephan Becker: Eine Bemerkung zur so genannten „Konfrontativen Pädagogik“, S. 340).

„Auch wenn die ›Konfrontative Pädagogik‹ nun sicher keine Sekte darstellt, ist die Nähe der Argumente ihrer Vertreter zu einigen der dort aufgeführten Aspekte doch unverkennbar“ (Zitat Peter Röder: Alternative zur „Kusstherapie“?, S. 343, Anm. 3; REMID verwendet den problematischen Sektenbegriff nicht).

Beide Aufsätze aus der Zeitschrift „Behindertenpädagogik“, 44. Jg., Heft 4/2005.

Nun gibt es allerdings noch keinen Dachverband für konfrontative Pädagogik. Es gibt diverse Anbieter wie den Verein für konfrontative Pädagogik GewaltStopper e. V. in Boppard. Wichtiger erscheint das von Prof. Dr. Jens Weidner, Reiner Gall und Markus Brand gegründete „Institut für konfrontative Pädagogik“ in Hamburg, welches etwa der Berufsverband Heilerziehungspflege als Fortbildungsanbieter direkt auf dem zweiten Platz nach dem Fortbildungsinstitut Ebenried der Diakonischen Akademie auflistet. Auch ist noch völlig unklar, wie viele Organisationen wie etwa das Violence Prevention Network e. V. in Berlin sich in welcher Weise auf diese konfrontativen Methoden beziehen. Und dieser genannte Fall bezieht sich auf konfrontative Pädagogik dreimal – in seiner Zeitschrift „Interventionen – Zeitschrift für Verantwortungspädagogik“, Erstausgabe 1/2012, im „Tagungsband Praktische Arbeit mit rechtsextremistisch gefährdeten Jugendlichen“ (2008) und in einem „Infobrief“, Ausgabe 2 & 3/2011. Aber nach seinem Leitbild hat das Network ein eigenes Konzept der Verantwortungspädagogik® entwickelt:

„Rechtsextremismus, Islamismus und Neo-Salafismus stellen eine zunehmende Bedrohung der inneren Sicherheit dar. Genaue Angaben zur Anzahl der in Deutschland lebenden Extremisten sowie deren Grad der Radikalisierung fehlen. Extremistische Netzwerke werden von der Politik unterschätzt. Bürgerinnen und Bürger sind verunsichert.

Die Arbeit von Violence Prevention Network zielt darauf ab, Radikalisierungen möglichst früh zu erkennen und unterschiedlich fortgeschrittene Grade von Radikalisierung einzuordnen und mit geeigneten (präventiven) Maßnahmen Radikalisierungsprozesse umzukehren sowie einen Deradikalisierungsprozess einzuleiten“ (Zitat Startseite von violence-prevention-network.de).

Hier lässt sich also auch noch keine abschließende Einschätzung abgeben.

Grenzfälle

Während bei manchen Angeboten eines – im weitesten Sinne – Gesundheitsmarktes (einschließlich Pädagogik und Psychotherapie) die Weltanschaulichkeit (wenn nicht gar direkte Nähe zu esoterischen Anschauungen) noch mehr oder weniger leicht einleuchtet, ist ein anderes schwieriges Gebiet der Sport. Nun mag der Religionsvergleich etwa bei Fußballvereinen inzwischen schon eine altbewährte Tradition sein. Dennoch bleibt es fahrlässig oder absurd, bei einem sportbezogenen Interesse anzunehmen, es könnte die „Totalität des Wirklichen“ betreffen (wenn auch dieser Begriff – ähnlich dem des Totalitären – eben nunmal gerade nicht exakt bestimmbar ist, und daher eine gewisse Interpretationsfreiheit bestehen bleibt). So wird nur beiläufig beim Stichwort „Shintoismus“ erwähnt, dass es nach Bender (2012: Sport, Kunst oder Spiritualität?) 332.000 Praktizierende von budō-Disziplinen in Deutschland gibt. Bei Kampfsport schätzen wir also den weltanschaulichen Hintergrund für diese Praktizierenden (aber auch für die Trainer) bislang als weniger entscheidend ein als etwa bei Yoga oder gar Qigong.

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Bild von Joel Nilsson unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 2.0.

 

Dabei wurde versucht, diese Diversität der Einschätzung der eigenen Weltanschaulichkeit z.B. bei Yoga-Verbänden wiederzugeben:

“Yoga” im Westen kann vom Selbstverständnis der Lehrenden wie der Praktizierenden her sowohl ausschließlich als Sport oder Gesundheitsmaßnahme interpretiert werden als auch eine spirituelle oder religiöse Komponente einschließen. Manche der im DYV zusammengeschlossenen Vereine vertreten ein spirituelles oder religiöses Yoga-Verständnis per Satzung – von der “Pflege der vedischen Religion” (SYVZ) über Yoga als spirituelle wie gesundheitliche “Volksbildung” (BYV) hin zur satzungsmäßig erklärten Unabhängigkeit von einer “Konfession” (BDY, auch BYV). […]

Für weitere “Yoga”-Richtungen außerhalb des Dachverbands z.B. im Kontext neuer religiöser Bewegungen s.u. auf dieser Liste. Laut BDY (2009) gibt es 20.000 Yogalehrende in Deutschland insgesamt (und 5 Mio. Praktizierende bzw. 2,6 Mio. nach einer vom BDY beauftragten GfK-Studie 2014). Keine Zahlen liegen vor für u.a. die Deutsche Yoga-Gesellschaft e.V. im Ring Deutscher Yoga-Lehrer (Mitglied DYV; 1973: 200, 1988: 500), den Berufsverband Unabhängiger Gesundheitswissenschaftlicher Yogalehrender (BUGY) und den Berufsverband der freien Yogalehrer (BdfY), beide unabhängig, sowie für Yogalehrende nach der Ausbildung des ehem. Mahindra-Instituts (heute: Rosenberg GmbH; 1990: ca. 900). [Für eine Auflösung der Abkürzungen siehe die Version dieses Textelements in der Statistik].

Als „sonstige Weltanschauungen“ (5 Werte) firmieren übrigens aktuell der Verband der Osteopathen Deutschland, die Deutsche Initiative für Exopolitik (Disclosure; vgl. den Trendbericht 2013 über diese Gruppe), der Independent Order of Odd Fellows, La Leche Liga Deutschland e.V. und das Deutsche Amt für Menschenrechte / öffentlich-prärogative Gebietskörperschaft des universal-originären Menschenrechts (Mustafa-Selim Sürmeli) mit einem Selbstverständnis als Religion bzw. Weltanschauungsgemeinschaft (aber eigentlich ein Teil der bereits anderweitig erfassten „Reichsbürgerbewegung“, vgl. auch das Interview Von Aldebaran bis Vril. Interview über esoterischen Neonazismus). Diese Kategorisierung als weltanschaulich sei am Beispiel der Exopolitiker veranschaulicht:

Im Gegensatz zu Vereinen wie MUFON-CES (2012: 70-80 M.) oder DEG-UFO geht es weniger um eine vorgeblich offene Untersuchung des UFO-Phänomens, sondern es wird von der weltanschaulichen Prämisse ausgegangen, es existiere intelligentes außerirdisches Leben unter uns. Zusätzlich besteht eine Affinität zu esoterischen und parapsychologischen Themen oder alternativen physikalischen Konzepten (Quelle: Statistik).

 

Schwierig einzuschätzen: Slow Food

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Aufnahme von einer Aktion von Slow Food USA in San Francisco 2006.

Bild von Alexis Madrigal unter Creative Commons Lizenz CC BY 2.0

 

Schließlich sei mit „Slow Food Deutschland“ ein ganz besonders schwieriger Fall angesprochen. Auf den ersten Blick geht es um Engagement für soziale Gerechtigkeit, fairen Handel, Umweltschutz und Rechte – Aspekte eines nichtparteimäßigen Politischen (vgl. auch Religionen und fairer Handel: Interreligiöser Dialog, Islam und Gerechtigkeit). Wie oben verdeutlicht, so gesehen würde eine Gruppe dieser Art nicht in die Statistik aufgenommen – zumal sie mit ihren 13.000 Mitgliedern in Deutschland durchaus ein besonderes Gewicht in dieser einnähme. Andererseits sprechen sie selbst gelegentlich von „Weltanschauung“ oder „Gemeinschaft“. Ihre Regionalgruppen nennen sie „Convivien“. Man könnte gelegentlich auftauchende Begriffe wie „Harmonie“ als im weiten Sinn „esoterisch“ deuten, etwa wenn es heißt:

„Die Gemeinschaften von Terra Madre [Slow Food Projekt] teilen die Einstellung, dass die Lebensmittelerzeugung eine harmonische Beziehung zur Umwelt wahren und die Bedeutung der traditionellen Praktiken für Kultur, Wissen und Wirtschaft anerkennen muss“ (so in einer Selbstdarstellung).

Auch die Betonung von traditionellen Praktiken erklärt sich nicht vollständig mit einem einfachen politisch-ökologischen Interesse. Und es ist ebensowenig lediglich Kulturpflege wie bei einem Kutscherverein. Ähnlich schwierig ist die Frage, ob hier eine allgemeine Technik- bzw. Industrialisierungsfeindlichkeit vorliegt. Ist das beworbene Video „Agrarkonzerne klopfen nicht“ des Slow-Food-Partners Inkota nur eine besonders bildliche (und witzige!) Verdeutlichung der Machenschaften von insbesondere Firmen wie Monsanto und zum Einsatz für die Rechte der Kleinbauern des globalen Südens oder eine Back-to-Primitivity-Philosophie? Schließlich scheint auch ein Fernziel zu sein, „[d]ie Landwirtschaft wieder zu einer lokalen Dimension zurückzubringen“. Dabei gibt es einen Bezug zur Rechte-Frage, denn nur so sei „eine freie Nutzung der Erde zu garantieren“:

„Die Förderung lokaler Wirtschaft schafft eine Alternative zu einem hyperproduktiven System, das Land und Wasser verschmutzt, die kulturelle Identität ganzer Völker zerstört und die biologische Vielfalt drastisch reduziert hat. Die Lebensmittelproduktion in kleinem Maßstab achtet die lokalen Kulturen, und basiert auf dem Können und auf der Weisheit der Gemeinschaften.“

„In einer lokalen Wirtschaft werden die Beziehungen im Umfeld ausgebaut und es entstehen Vertrauensverhältnisse zwischen Erzeugern und Verbrauchern.“ (Zitate aus Slow Food: Terra Madre : Die Ziele)

Offenbar gibt es eine „Utopie“, die aber nur an einigen Stellen (hier im Projekt Terra Madre) auftaucht, und deren genaue Gestaltung undeutlich bleibt. Ist es verkürzend, für einen Moment das Bild einer lokalisierten Zukunft zu erahnen, in welcher nicht nur im Agrar-Bereich personal überschaubare Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften „naturverbunden“ in Dörfern jegliches Konzept von „Weltmarkt“ und internationaler Vernetzung hinter sich lassen? Handelt es sich um eine Entfremdungsphilosophie, deren Grundbegriffe von „Tradition“, „Natur“, „Technik“, „Sinneserfahrung“ ähnlich undeutlich klingen wie oft im Schulmedizin-vs.-Alternative-Heilmethoden-Diskurs? Was haben „Schnippeldiskos“ eigentlich mit dem politischen Programm der Gruppe zu tun? Oder ist das eine Selbsterfahrungsveranstaltung? Jedenfalls die Indizien für eine Weltanschaulichkeit wiegen weitaus stärker als bei Vergemeinschaftungen von Veganern (vgl. Essay Veganismus ist keine Religion! Ein Essay über demokratische Kultur). Von einer Listung wird abgesehen, solange unklar bleibt, wie die oben aufgeworfenen Fragen zu Slow Food zu beantworten sind.

Fazit

Die „Totalität des Wirklichen“ bleibt ein undeutlicher Begriff – und oft sind es bestimmte Bezüge, welche zur Orientierung bei einer Einstufung entscheidend werden. Dabei ist bei aller Unexaktheit des Begriffes davon auszugehen, dass eben geistige Grundlagen einer wie auch immer gearteten Vergemeinschaftungsform unterschiedlich stark diese „Totalität des Wirklichen“ betreffen. Während für gewöhnlich die Mitgliedschaft in einem Sport-, Musik- oder Kunstverein eben nur bestimmte Aspekte des menschlichen Daseins anspricht, sollen Weltanschauungen äquivalent wie Religionen eher das Ganze im Blick haben. Faktisch mag zwar auch eine Zugehörigkeit zu einem expliziten Religionsverein nicht das ganze Leben ausmachen und ist beschränkt auf bestimmte Zeiten des Bezugs, aber dennoch läßt sich eher ein entsprechender Anspruch ausmachen. Dass ein solches Verfahren dabei bald an Grenzen stößt und schwierige Grenzfälle vorfindet, wurde im Artikel erläutert.

Dass das Phänomen „Weltanschauung“ im übrigen möglicherweise allgemein unterschätzt werden könnte, legt eine Überlegung, angestoßen von Michael Blumes aktuellen Hinweisen zu Demographie-Debatten, nahe. So hänge nach Blume die Anzahl der Kinder in jeder Gesellschaft von 1. individuellen Wertentscheidungen, 2. sozialen Beziehungsmustern und 3. institutioneller Unterstützung ab. Zwar spricht Blume von einer „unverzichtbare[n] Funktion von Religionsgemeinschaften“, jedoch wenn man das allgemeiner unter Aspekten der weltanschaulichen Passung und in Beachtung von Graden der weltanschaulichen Vergemeinschaftung betrachtet, könnte das durchaus eine Relevanz haben für die Frage von Vergemeinschaftung überhaupt – nicht nur in Bezug auf Kinder- oder Demographie-Fragen. Zumal das auch die spannende Diskrepanz verstehbarer zu machen scheint, dass etwa in Umfragen der Partnerbörse Parship 2007 „[l]ediglich 6 von 100 deutschen Singles […] sich einen Partner mit gleicher Konfessionszugehörigkeit“ wünschen und 25 Prozent der Frauen aus Deutschland sagen, „sie würden bestimmte Konfessionen bei der Partnersuche ausschließen“ (Männer: 15 Prozent), demgegenüber aber 2013 nur 4% sich „seiner / ihrer Religion öffnen, oder auf Rituale der eigenen Religion verzichten“ wollen. Vielleicht wäre eine derartige Diskrepanz in solchen Umfragen unter Einbezug von Weltanschauungen überhaupt und im Allgemeinen nicht entstanden.

Christoph Wagenseil

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4 Kommentare:

  1. Die Natur (bzw. das Leben) ist Gott. Und es gibt Dinge in der Natur, die dem Menschen ewig verborgen sind. Gott ist nicht auf die Weise allmächtig, dass er z. B. einen unbelehrbaren Raucher, der Lungenkrebs bekommt, heilen kann. Die Welt (und der Mensch) wurde nicht “erschaffen”, sondern existiert von Natur aus (und seit ewig). Der “Sündenfall” hat sich nicht genau so ereignet, wie es in der Bibel geschildert wird. Es wurden vielmehr zu verschiedenen Zeiten viele verschiedene Fehler von Menschen gemacht, die noch heute eine negative Auswirkung haben. Christus ist ein sehr hochentwickelter Mystiker, aber nicht der “Sohn Gottes”. Christliche Mystik, (weiße) heidnische Mystik und (weiße) Esoterik sind gleichwertig.
    Es genügt, nur ab und zu Mitglied in der Kirche zu sein. Es besteht die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Mystiker (oder zur Mystikerin; auch im folgenden sind immer auch Frauen gemeint) oder Esoteriker zu machen. Z. B. durch ein Selbststudium oder ein Studium in Psychologie mit Schwerpunkt Jungsche Psychologie. […gekürzt…]

    Anm. Redaktion: Bitte beziehen Sie sich in Ihrem Kommentar auf den Artikel.

  2. Also was lediglich „politisch“ ist, und wann es darüber hinausgeht, das habe ich mich schon häufiger gefragt. Wie sieht es z.B. mit den seit 2013 immer zahlreicher werdenden „Hayek-Clubs“ aus (zähle gerade 48)? Credo: „Es gibt eben nur die eine und ungeteilte Freiheit.“ (Gerd Habermann, in: Die Welt, 5. März 2013). Google warnt bei der Originalseite übrigens: „Diese Website wurde möglicherweise gehackt.“

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