Lovecraft goes Magick: Cthulhus Ruf in Phantastik und (neuer) Religion


Cthulhu – aus den Erzählungen Howard Philips Lovecrafts – ist populär. Auch in der Comic-Serie „Southpark“ taucht der „dunkle Lord“ auf, um sich mit Cartman alias the Coon zusammen die Welt untertan zu machen („Es steht alles in den Prophezeiungen des Necronomicon“, in: Staffel 14, Folge 12, Mysterion schlägt zurück, 2010, 3:40), nachdem Bohrungen eines bekannten Ölförderungsunternehmen auf dem Mond dazu führten, den „mächtigen Cthulhu“ „heraufzubeschwören“. Allerdings nicht nur im Comic erhält dieses Phantastik-Motiv eine reale Gestalt, auch im zeitgenössischen Okkultismus. REMID interviewte dazu Friedemann Rimbach-Sator (Religionswissenschaft Marburg, vgl. auch seine Gastbeiträge zur Dialogforschung und Religionskritik).

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Neben Kinofilmen und – wenn man so will – Fan-Fiction gibt es künstlerische Impressionen von Cthulhu. Dieses Werk von Silberius alias Edouard Noisette heißt „Cthulhu rises“ (2014).

Bild von Silberius unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 3.0.

 

In Ihrer Arbeit geht es um die Integration phantastischer Motive in den Okkultismus am Beispiel von Howard Philips Lovecrafts Erzählstoffen (insb. The Call of Cthulhu, 1926). Handelt es sich dabei um eine Ausnahmeerscheinung?

Nein, es handelt sich hierbei weder im Okkultismus noch sonst im Zusammenhang mit Religion um eine Ausnahmeerscheinung. Vermutlich nehmen Dichtung oder phantastische Erzählungen von Anfang an ebenso Einfluss auf religiöse Systeme, wie auch religiöse Thematiken auf die Phantastik Einfluss nehmen. Neu ist allerdings die systematische Erforschung. Ich möchte Sie hierfür kurz auf die Arbeiten des Religionssoziologen Adam Possamai hinweisen sowie auf dessen häufig zitierte Definition von, wie er sie nennt, ‚hyper-real religion‘:

„A hyper-real religion is a simulacrum of a religion created out of, or in symbiosis with, commodified popular culture which provides inspiration at a metaphorical level and/or is a source of belief for everyday life” (Adam Possamai: Yoda goes to Glastonbury: An introduction to Hyper-Real Religions, in: derselbe: Handbook of the Hyper-Real Religions, Boston: Brill Verlag 2012, S.20).

Nach Possamai bedingen sich die Vermischungen von Populärkultur und Religion besonders in der Postmoderne. Als einzige Autorität über eine unkontrollierbare Fülle kommerzialisierter Weltauffassungen bastelt sich der religiöse Sucher die Bausteine seiner persönlichen religiösen Erzählung selbst zusammen. Die Grenzen verschiedener Bereiche wie Phantastik oder Religion werden dabei obsolet. Possamai spricht in Zusammenhang der Entstehung von fiktions-basierten Religionen auch von einem Prozess des Verliebens in die Populärkultur und demonstriert dies am Beispiel der Erzählung von Ovids Pygmalion. Dieser widmet sich nach negativen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht der Bildhauerei und erschafft sich darin seine perfekte Frau aus Elfenbein. Durch seine Liebe zu ihr und der Gunst von Aphrodite erwacht seine künstliche Geliebte schließlich zum Leben.

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Pygmalion und Galatea von Jean-Léon Gérôme, ca. 1890, Öl auf Leinwand, Schenkung von Louis C. Raegner, 1927 an das Metropolitan Museum New York, Accession-Nr.: 27.200.

Bild des Metropolitan Museum of Art, Open Access for Scholarly Content.

 

Häufig ist dieses Phänomen der Transformation von Populärstoffen in neuen religiösen Bewegungen und der westlichen Esoterik nachzuweisen. Eine sehr bekannte fiktions-entlehnte religiöse Bewegung besteht aus den Strömungen des Jediismus, in welchen die Ausbildung als Jedi und Arbeit mit der ‚force‘ häufig an buddhistische oder daoistische Praktiken angelehnt werden. Bekanntheit fand auch Oberon Zell Ravenheart, der sein magisches Schulungssystem ‚the Gray School of Wizardry‘ an J. K. Rowlings Hogwarts aus „Harry Potter“ anlehnte. Viele Vorbilder seines Denkens gewann dieser darüber hinaus auch aus Robert A. Heinleins Roman ‚Stranger in a Strange Land‘ (1961). Insgesamt werden innerhalb der neopaganen Szene häufig Einflüsse aus zum Beispiel „Die Nebel von Avalon“ (Marion Zimmer-Bradley 1982) oder „Der Herr der Ringe“ (John Ronald Reuel Tolkien 1954/5) integriert.

Grundlegende Forschung im deutschsprachigem Raum unternahm in diesem Zusammenhang der Theologe, Literatur- und Religionswissenschaftler Marco Frenchkowski. Er untersuchte unter anderem die phantastischen Einflüsse in den Werken von Helena Petrovna Blavatsky oder auf die Lehre von L. Ron Hubbard [Anm. Red.: vgl. auch Artikel Erinnerungen an die Zukunft: “Science-Fiction” oder “Scientology”]. Maßgeblich für Blavatsky sind beispielsweise die Erzählungen von Edward Bulwer-Lytton, auf den sich bestimmte Konzepte wie die Elemetarkraft „Vril“ oder die Lehre der aufgestiegenen Meister zurückführen lassen [Anm. Red.: vgl. auch Interview Von Aldebaran bis Vril. Interview über esoterischen Neonazismus].

Viele okkulte Autoren sind ja bekanntlich Verfasser phantastischer Texte. Man denke hier an Aleister Crowley, Eugen Grosche (bekannt als Gregor A. Gregorius, u.a. Gründer der Fraternitas Saturni) oder Kenneth Grant (u.a. Gründer des Typhonian Ordo Templi Orientis). Bestimmte Konzepte aus der Phantastik zu übernehmen erscheint mir hierbei oft nicht unplausibler als eine philosophische Idee aus einem Roman aufzugreifen.

Um den Bogen vom Okkultismus in Frankreich [Anm. Red.: vgl. auch Interview “Le Christianisme c’est le Communisme”: Sozialismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts] zu Kenneth Grant zu spannen: Das ursprünglich von Agrippa von Nettesheim im 16. Jahrhundert geprägte Verständnis von okkulten, d.h. verborgenen Wirkkräften wurde in französisch-sozialistischen Netzwerken nach der Grande Revolution zu einer Vision des „Okkultismus“, hauptsächlich bekannt durch Alphonse-Louise Constant alias Éliphas Lévi. Lévi befand sich nun zeitweise in direktem Kontakt mit den sich in jener Zeit rasant entwickelnden freimaurerähnlichen Initationsorden, durch die das okkulte Wissen schließlich nach England gelangte. Aus dem Milieu der am Okkultismus interessierten höheren Freimaurerkreise stammend, gründete sich dort der Hermetic Order of the Golden Dawn. Nachdem darin Aleister Crowley die höchsten Grade erreichte und Theodor Reuss 1910 kennenlernte – den Gründer des Ordo Templi Orientis (O.T.O.) – wurde Grant auf den Meister Perdurabo (Crowleys Logenname im Golden Dawn) aufmerksam. Schließlich leitete Grant nach dem Tod Crowleys den englischen Zweig des O.T.O, dessen Lehrgebäude er bald darauf durch Ergänzungen wie den Cthulhu-Mythos erweiterte.

Um sich dem von Ihnen untersuchten Beispiel zu nähern: Was verstehen Sie unter Phantastik und Okkultismus?

Um die Erklärung von Antoine Faivre aufzugreifen, handelt es sich bei Okkultismus vereinfacht gesagt um eine Transformation der westlichen Esoterik gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Frankeich. Westliche Esoterik wiederum lässt sich nach Wouter Hanegraaff etwa als eine bestimmte Denkart, beziehungsweise ein bestimmtes Wissen beschreiben, welches von etablierten Religionen abgelehnt und in einem gewissen Konflikt mit dem aufgeklärten Realitätsverständnis steht [Anm. Red.: man vgl. auch das Interview Bildungsarbeit mit der “Erfahrung des Krisenhaften, des Unvollständigen, des (noch) Unerklärlichen”].

Interessant ist nun, dass sich in eben jenem Frankreich Ende des 19 Jahrhunderts in fließenden Übergangen mit dem Okkultismus auch die phantastische Literatur und ebenso der Spiritismus entwickelten. Als Reaktion auf die industrielle Revolution sowie die Aufklärung drückte sich in allen drei Strömungen das Interesse an übersinnlichen Phänomenen aus sowie an den Übergängen von dieser Welt in eine andere, welches in jener Zeit als etwas „Ultramodernes“ gehandelt wurde.

Wenn es um eine Definition des Begriffes „Phantastik“ geht, möchte ich kurz auf die Erklärung der Literaturwissenschaftler Hans Richard Brittnacher und Uwe Durst eingehen. Nach wie vor wesentlich für eine Phantastikdefinition ist ihnen der Ordnungskonflikt. Innerhalb der so in einem Text konstruierten Realitätssysteme bricht das Phantastische darin quasi wie durch einen Riss von einer Realitätsebene in die andere hinein.

Ich denke bereits an diesen Ansätzen zu einer Definition wird die Nähe dieser beiden Phänomene Phantastik und Okkultismus deutlich, die beide mit dem Ausschluss aus der Öffentlichkeit etablierter Meinungen und dem konflikthaften Übergang fremder Elemente in das allgemeingültige Weltverständnis zu tun haben. Weiter in diesem Verständnis geht nun Frenchkowski. Nach ihm verwischen die Grenzen zwischen Phantastik und Religion bzw. Okkultismus vollständig, lösen sich als gemachte Kategorien auf und werden austauschbar. Welche Elemente dabei noch Wahrheitsansprüche besitzen und somit als Religion gelten und welche schon Phantastik sind, entscheidet dabei allein der Konsens. Dantes Göttliche Komödie kann so im Mittelalter als Abbild der Wirklichkeit gelten, heutzutage aber durchaus in den Bereich der Phantastik zugeordnet werden.

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Gustave Doré, Rosa Celeste: Dante and Beatrice gaze upon the highest Heaven, The Empyrean. Illustration der Dante-Ausgabe von Henry Francis Cary von 1892, „Canto XXXI“ in The Divine Comedy, London, Paris & Melbourne: Cassell & Company.

 

Wesentlichere Charakteristik der Phantastik ist ihm, dass Phantastik gleichzeitig sowohl religiös als auch phantastisch sein kann, je nachdem von wie vielen und in welchem Kontext sie erzählt wird. Ein Beispiel hierfür ist das von Lovecraft beschriebene „Necronomicon„, welches aus literarischer Sicht fiktiv ist, aus religionswissenschaftlicher Perspektive für Strömungen wie die von Grant aber durchaus plastische und religiöse Realität erhält.

Ihnen geht es insbesondere um den „Cthulhu-Mythos“ in den literarischen Werken Lovecrafts. Sie sprechen von „Beglaubigungsstrategien“ des Autoren selbst, aber es gibt auch eine spezielle Rezeptionsgeschichte, welche schließlich in den Okkultismus führte?

Originell an Lovecraft ist ja bereits, wie sehr seine Methoden der Manipulation, um den Leser vom Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen zu überzeugen, mit seiner Rezeptionsgeschichte verbunden sind. Ich möchte an dieser Stelle drei dieser Strategien, die ich nach Ingo Gatzer Beglaubigungsstrategien (Analyse der Wirkungsstrategien in H.P. Lovecrafts Erzählungen des Cthulhu-Mythos, Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld, 2004) genannt habe, erwähnen:

Die wirksamste Strategie, uns Stück für Stück mit dem Phantastischen in Verbindung zu bringen, ist meiner Meinung nach seine Synthese des Fiktiven mit dem Faktischen. Lovecraft flechtet in sein Universum beispielsweise viele historische Ereignisse und reale Orte ein, wie seine Heimatstadt Providence, die er bis ins Detail kannte. Der Übergang in Regionen, in denen das Phantastische möglich wird, ist dabei ein fließender. Nach Gatzer sind diese imaginativen Orte stets so exakt wiedergegeben, dass der Leser nicht in der Lage ist, zwischen Erdachtem und Realen zu unterscheiden. Auch hierfür ist das Necronomicon als „Grimoire“ der „Großen Alten“ ein sehr gutes Beispiel, das in seiner Verwobenheit mit fiktiven und realen Autoren stets wie im Zusammenhang realer, okkulter Literatur erscheint. Der gedankliche Dreischritt dieser Authentifizierung kann, angelehnt an einen Dreischritt Gatzers, beschrieben werden als: A ist wahr. B (fiktiv) steht mit A in Verbindung. Also könnte auch B wahr sein.

In die maroden und verfallenen Landschaften mischt Lovecraft mehr und mehr das Gefühl der Präsenz von etwas absolut Fremdartigem. Wie er in seinen Briefen erwähnt, ist ihm für Klimax und Glaubwürdigkeit seiner Erzählung das authentische Gefühl, wahrhaftig mit unbekannten Kräften in Kontakt gekommen zu sein, oft wichtiger als die Handlung. Die Legende über die Großen Alten, die ebenso häufig als Mischformen aus anderen Quellen übernommen wurde, übermittelt er dabei selten direkt – Dagon entstammt beispielsweise von dem Getreidegott der Philister aus 1. Samuel 5. Wie Robert M. Price eindrucksvoll erklärt, gewinnt seine Legende viel eher dadurch Überzeugungskraft, dass Lovecraft die Informationen über Hinweise und Andeutungen weit über seine Bücher hinaus verstreut. Der geneigte Leser wird dadurch in die Lage versetzt, sich selbst die „erschreckende Wahrheit“ zusammen zu suchen. So ermunterte Lovecraft zeitlebens befreundete Autoren im sogenannten „Lovecraft-Circle“ sein schwarzes Pantheon weiterzuentwickeln und fortzuschreiben, wodurch spielerisch auch gegenseitig der Wahrheitsgehalt erhöht werden sollte.

Durch diese und viele andere Strategien ist es nicht verwunderlich, dass schon während Lovecrafts schriftstellerischer Tätigkeit verschiedene Menschen von den realen Hintergründen seiner Legenden überzeugt waren. Der hervorragende Lovecraft-Biograph Sunand Tryambak Joshi berichtet von drei Begebenheiten, in denen Lovecraft mit aufrichtigen Anhängern seiner Legende konfrontiert wurde. Darunter beispielsweise eine Frau, die 1929 angab, mit mehreren Okkultisten in einem Hexenzirkel in Salem tätig zu sein.

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Astounding Stories, Februar 1936. Enthält von Lovecraft: At the Mountains of Madness, Pulp Magazin der Street & Smith Publications, Inc. Cover von Howard V. Brown.

 

Entscheidenden Wandel verursachte schließlich Lovecrafts enthusiastischer Epigone August Derleth. Als Verleger von Lovecrafts Werken bestimmte dieser 30 Jahre bis zu seinem Tod maßgeblich die Lovecraft-Rezeption. Nach seinem Verständnis besaßen dessen Erzählungen dabei nicht nur Wahrheitsgehalt – wohlgemerkt, entgegen Lovecrafts eindringlichen Briefen, dass seine, sowie alle anderen Götter, erfunden sind – er interpretierte sie auch in einem christlichen Gut-Böse-Schema. Als ein Beweis seiner Thesen fügte Derleth in folgenden Lovecraft-Veröffentlichungen die sogenannte ‚Black-Magic-Quote‘ ein – ein angebliches Zitat, das er, höchstwahrscheinlich unwissend über dessen unzutreffende Paraphrasierung, zugesendet bekam. Diese lautet:

„All my stories, unconnected as they may be, are based on the fundamental lore or legend that this world was inhabited at one time by another race who, in practicing black magic, lost their foothold and were expelled, yet live on outside, ever ready to take possession of this earth again.” (Robert Price: Lovecraft’s Artificial Mythology, in: David Schultz u. S.T. Joshi, Hrsg.: En Epicure in the Terrible – A Centennial Anthology of Essays in Honor of H.P. Lovecraft, Rutherford, Madison, Teaneck: Associated University Presses 1991, S. 255).

An anderer Stelle behauptet Derleth auch, Lovecraft musste nur deshalb sterben, da er zu viele Details über die Großen Alten veröffentlicht hatte. Erst den Arbeiten von hauptsächlich Robert M. Price und S.T. Joshi ist es zu verdanken, dass die ‚Black-Magic-Quote‘ heute als Erfindung erkannt ist und vollkommen entgegen der atheistischen und antireligiösen Haltung von Lovecraft konzipiert wurde.
Wie dem auch sei, innerhalb der nächsten hundert Jahre verbreitete sich der Lovecraft-Stoff in so ziemlich alle denkbaren Bereiche. David Nikolas Schmidt zählt in seiner Dissertation von 2012 etwa 2.600 literarische Einzelwerke, die von Lovecraft inspiriert wurden. Neben den Einfluss auf die Literatur, die Musik, den Film, oder auf Computerspiele, wurde für viele junge Leser die wortstarke Lovecraft-Biographie von Michel Houellebecq ein Schlüssel, um erstmalig mit dessen Werken in Kontakt zu kommen. Den Prozess der spielerischen Vermischung zwischen Fiktion und Realität unterstützte dabei sicherlich auch das Lovecraft-Rollenspiel des Chaosium-Verlages. Als ein schönes Anschauungsbeispiel ist darin das Hintergrundwerk „Malleus Monstrorum“ zu nennen.

Den direkten Weg in die okkulte Szene fand Lovecraft schließlich maßgeblich durch die Werke von Kenneth Grants „Wiederbelebung der Magick“ (The Magical Revival, 1972) und Anton Szandor LaVeys „Die satanischen Rituale“ (The Satanic Rituals, ebenfalls 1972). In gewisser Weise ist auch das sogenannte Simon-Necronomicon rund um den Okkult-Shop „Magickal Child“ zu nennen. Letzteres war nach John Wisdon Gonce III aller Wahrscheinlichkeit nach aber mehr eine bewusste „Fälschung“, die auf die Gutgläubigkeit und große Nachfrage der Fangemeinde setzte. Während LaVey den Lovecraft-Stoff in der Bearbeitung von Michael Aquino [Mitglied in LaVeys Church of Satan, später Begründer des Temple of Set] eher szenisch für die atmosphärische Steigerung seiner Rituale verwendete, verwob Kenneth Grant im Laufe seiner Tätigkeit den Lovecraft-Stoff überaus vielschichtig und originell in sein okkultes Weltbild. Die Ergebnisse seiner Erforschungen der Qlippoth bzw. Qliphoth – einer aus der jüdischen Kabbalah entlehnten Vorstellung der Rückseite unserer zugänglichen und erfahrbaren Welt, in der hier vor allem Cthulhu und Yog-Sothoth als Vorsteher ihrer Kräfte residieren – hatte wiederum wichtigen Einfluss auf die Lehre des „Dragon Rouge“ unter Thomas Karlsson [Anm. Red.: explizit „schwarzmagischer“ bzw. Left-Hand-Path-Orden, gegründet 1989 in Schweden]. Aus diesen Ursprüngen verzweigte sich der Stoff, nun bereits in mehreren forschreitenden Variationen, beispielsweise in die polnische Dragon-Rouge-Loge „Magan“ unter Asenath Mason, den „Esoteric Order of Dagon“ – welcher nach Grant an der Wiedererweckung Cthulhus arbeitet -, den „Order of the Nine Angels„, der „Voudon-Gnosis“ von Michael Bertiaux, dem esoterischen Vampirismus, der „Ancient Alien-Forschung“ [Anm. Red.: vgl. Interview Prä-Astronautik: Religionsgeschichte als unheimliche Begegnung der dritten Art] und vieles weitere mehr. Sehr starke Rezeption erfährt die Lovecraft-Magie in der Chaosmagie, in welcher sehr häufig auf phantastische Motive zurückgegriffen wird; je nachdem wie brauchbar sie für die bezweckte Ziele sind.

In meiner Untersuchung überraschte mich immer wieder, wie unmittelbar Kenneth Grant Motive nicht von Lovecraft, sondern von Derleth übernimmt. Anscheinend waren diese für seine Zwecke geeigneter; sodass es mir manchmal schien, als ob er keinen Unterschied zwischen Derleth und Lovecraft sah. Sehr ausgefeilt empfand ich die Arbeiten von Asenath Mason, die zuweilen sehr nah am Originaltext viele Elemente von Lovecraft direkt übernimmt oder als Mediationen adaptiert.

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Paul Ritz alias Paulus Riccius, lateinische Übersetzung von „cha’arej ora“ von Josef ben Abraham Gikatilla (1248–1305), „Portae lucis : haec est porta Tetragrammaton, iusti intrabunt per eam“, Augsburg: Johann Miller 1516 (VD16 J 954). Der Mann auf dem Titelbild hält einen kabbalistischen Lebensbaum (Sephiroth) in der Hand. Klicken Sie zu einer Auswahl an Digitalisaten auf das Bild.

 

Was macht Kenneth Grant bzw. der Thelemismus aus der Lovecraft’schen Phantastik? Mit welchen weiteren Mitteln der Beglaubigung wird sozusagen am Mythos gearbeitet?

Einfach ausgedrückt isoliert Grant lovecraftsche Motivik durch unterschiedliche, Lovecraft zuweilen sehr ähnelnde Methoden aus ihrem fiktiven Ursprung und rekontextualisiert sie in sein okkultes Weltbild. Der Schwierigkeit darin, zum einen die lovecraftschen Figuren glaubhaft als Bestandteil des thelemitischen Weltbilds von Aleister Crowley zu identifizieren und andererseits zu erklären, wie es sein kann, dass ein antireligiöser Autor aus Amerika diese thelemitischen Figuren verwendet, begegnet Grant dabei außerordentlich innovativ.

Aufschlussreich sind daher zunächst Grants Gedanken, wie er sie in „Aleister Crowley und der verborgene Gott“ (Aleister Crowley and the Hidden God, 1973) äußert. Demnach sei der Künstler in der Regel nicht für seine Werke verantwortlich, sondern bekomme sie im besten Falle in Abwesenheit des Egos übermittelt, wie beispielsweise im Traum. Lovecraft, der viele seiner Motive tatsächlich aus Träumen entlehnte, soll diese Möglichkeit der Kommunikation mit fremden Präsenzen beispielsweise in „Cthulhus Ruf“ (1926) verarbeitet haben.

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Danielle Kirby zur sogenannten „Otherkin„-Bewegung. Nach ihr gibt es zwei wesentliche Methoden, fiktive Hintergründe religiöser Überzeugungen zu legitimieren: Zum einen die Umgestaltung des Autors zu einem Medium oder Kanal anderer Existenzwelten, oder zum anderen die Erschaffung der jeweiligen Welten oder Kreaturen durch die Aufmerksamkeit der Leser.

Wie es sich zeigt, folgt Grant dem erstem Weg und erkennt Lovecraft als einen Propheten wider Willen an. Irdischen Kontakt mit dem Kraftstrom, aus dem sich auch Aleister Crowleys Offenbarung des „Liber Al vel legis“ durch das Wesen Aiwass 1904 gespeist haben soll, solle er unter anderem durch seine Weggefährten Algernon Blackwood und Arthur Machen bekommen haben, die beide tatsächlich Mitglieder im „Order of the Golden Dawn“ waren. Quelle seiner Kreativität sei Lovecraft jedoch das Necronomicon selbst. Dieses wurde ihm entweder durch den Geist Abdul Al-Hazred übermittelt – eigentlich ein Kosename, den Lovecraft als Kind vom Anwalt der Familie, Albert Baker, bekam – oder er las darin unbewusst in den Verbindungstunneln der Qlippoth. Wie Grant weiter herausstellt, habe Lovecraft in einem früheren Leben schwarze Magie mit dem Necronomicon betrieben. Die Gräuel, die dadurch verursacht worden seien sowie sein Unvermögen, mit klarem Bewusstsein die eigentlichen Ursachen seiner Schriften anzuerkennen, hätten letztlich seine ihm zugetragene Rolle als Prophet und Verbreiter des Necronomicon verhindert und ihn anstelle seiner Initiation zu seinem frühen Tod geführt.

Um die Ähnlichkeit der Motive von Crowley und Lovecraft zu demonstrieren, oder in Grants Worten die Darstellungsarten der gleichen archetypischen Muster, stellte Grant sie bereits in „Wiederbelebung der Magick“ in einer Korrespondenztabelle gegenüber. Dadurch wird beispielsweise das Necronomicon mit Crowleys „Liber Al vel legis“ oder durch bestimmte Aufschlüsselungsmethoden Lovecrafts Yog-Sothoth mit Crowleys Schutzengel Seth und dem Tor „Daath“, das hier zur Rückseite des Lebensbaumes führen soll, identifiziert [Anm. Red.: Aus dem Sefer Jetzira stammt die Vorstellung der Sephiroth, die als zehn göttliche Emanationen oder Lichtkreise im kabbalistischen Lebensbaum auch im nicht-jüdischen Kontext stark rezipiert worden sind; Da’at gilt als die elfte oder verborgene Sephirah; Isaak Luria fügte im 16. Jahrhundert das erwähnte System der Qliphoth ein, welche als dunkle Schalen die Lichtkreise verdecken sollen]. Je tiefer Grant durch seine eigene Forschungen vordringt, desto klarer identifiziert er dabei die verschiedenen Motive Lovecrafts entweder als Visionen, die durch Crowley erklärbar werden, oder er verdeutlicht andersherum Motive Crowleys durch Schriften von Lovecraft – oder Derleth.

Letztlich konstruiert Grant eine Welt, in der Lovecrafts Mythos vollkommen mit seinen und Crowelys Vorstellungen verschmolzen ist. Von der Erschaffung des Menschen unter Seth-Hulhu (einer Form des Cthulhu), ihrer Funktion als Religionsstifterin, der Verbannung im Autonomiestreit mit dem Menschen bis schließlich zu ihrer Wiederkunft in einem apokalyptischen Szenario, worin allein diejenigen überleben, welche die Kräfte der Großen Alten vollständig in sich integriert haben. Ein schönes Beispiel für diese vollkommene Verschmelzung ist die in „Hekates Brunnen“ (Hecate’s Fountain, 1992) veröffentlichte Darstellung des kabbalistischen Lebensbaumes, deren einzelnen Reiche nun mit Kreaturen von Lovecraft bevölkert sind [Anm. Red.: Reihungen von Teilbereichen der Sephiroth werden als „Reiche“ oder „Welten“ begriffen, z.B. Welten der Erhabenheit, der Schöpfung, der Formgebung und der Tat].

Einen „objektiven“ Beweis, dass Crowley schon zwanzig Jahre vor den Schriften Lovecrafts mit dessen Entitäten in Kontakt gekommen sei, beschreibt Grant in „Jenseitspforten“ (Outer Gateways, 1994). So finden sich in Crowleys „The Vision and the Voice – Liber 418“ [Anm. Red.: zuerst in Equinox, Volume 1, Supplement to No. 5, März 1911] die kryptischen Worte: „ARARNAY OBOLO MAHARNA TUTULU (…)“. Tutulu als ursprüngliche Form des Wortes Cthulhu bürge somit nachvollziehbar für eine Unabhängigkeit von Lovecrafts Motiven außerhalb seiner Werke.

Die Suche nach solchen Verbindungen, die auch als „Lovecraft/Crowley Axis“ bekannt sind, führte zu einer akribischen Suche vieler Okkultisten. Ein anschauliches Beispiel hierfür gibt Peter Levenda in seinem Buch „The Dark Lord„. Nach Darstellungen verschiedener Koinzidenzien, beispielsweise einer orgiastischen Feier in Lovecrafts „Ruf des Cthulhus“, die 1907 zur angeblich selben Zeit stattfand, in der auch Crowley eine Vision mit „dämonischen Tentakeln“ hatte, folgert er:

„Either was Lovecraft in some kind of telepathic communication with Crowley, or both men were in telepathic communication with… Something Else“ (Peter Levenda: The Dark Lord – H. P. Lovecraft, Kenneth Grant and Typhonian Tradition in Magic, Lake Worth:Ibis Press 2013, S. 103).

5. Ist es insbesondere die mythisch-okkulte Ausgestaltung des Bösen, Dunklen, Schattenmäßigen, wo offenbar Leerstellen wahrgenommen werden, die es auf eine solche integrative Weise zu füllen gilt? Was ist das Moderne an diesem Trend?

Modern an Lovecraft ist zunächst das Gefühl der Entfremdung und des Ausgestoßenseins, das Lovecraft in seiner Mythos-Reihe verarbeitet. Lovecraft bietet uns eine Welt, in welcher der Protagonist vollständig aus der Bedeutungsmitte des Universums entfernt wurde und allein die Unwissenheit vor der unerträglichen Wahrheit und Unbedeutsamkeit des Menschen dessen Seelenheil bewahren kann. Hier gibt es keinen guten Gott, der den Menschen adelt, sondern allein übermächtige, fremdartige Wesenheiten, die sich nur mit ihm beschäftigen, wenn es sein muss.

Frenschkowski spricht hierbei, in Anlehnung an den Psychologen Yozan Mosig, von einem „gebrochenen Mythos“. Als Spiegel der Lebenssituation des mit seiner Umwelt uneins gewordenen aufgeklärten Menschen erscheinen uns Lovecrafts Werke in einer subtilen Art vertraut. Lovecraft führt die gewohnte Erzählstruktur des erlösenden Mythos ad absurdum – die Suche nach dem Elysium oder höherer Erkenntnis führt gezwungenermaßen in den Wahnsinn – oder bestenfalls ins Nichts.

Eine Quelle ist Mosig die traumwandlerische Erzählung „Das weiße Schiff“ (1919). Der Leuchtturmwärter Basil Elton wird darin von einem bärtigen Mann in einem weißen Schiff auf eine Reise zu den Geheimnissen der Meere eingeladen. Nach verschiedenen Sichtungen und längerem Aufenthalt im idyllischen Sona-Nyl bricht Basil, von Neugier getrieben, letztlich auf, um die sagenumwobene Insel Cathuria zu finden – das vollkommene Ideal all dessen, was andernorts zu finden sei. Anstatt Cathuria zu finden, stürzt sein Schiff jedoch in einen Abgrund. Wieder in seinem Leuchtturm aufgewacht, tun sich ihm die Meere nie wieder für ihre Geheimnisse auf.

Dieser gebrochene Mythos wird nun zu einem ’sakralen‘ Mythos weiterentwickelt. Im Prinzip kann dies als Zeichen der Desäkularisierung gelesen werden. Es bahnt sich die Sehnsucht nach einem höheren Sinn den Weg; der Mensch nimmt erneut seine verlorengegangene Stellung im Universum ein, und die Leere, wie sie Lovecraft im Universum vermutet, wird erneut bevölkert – um vielleicht auch die vermeintliche Leere in unserem Universum verschwinden zu lassen.

Die Leerstellen der Aufklärung werden in unserer Zeit nun nicht nur durch das Motivrepertoire der Phantastik gefüllt. Ein weiteres Beispiel sind Verschwörungstheorien, welche uns ebenfalls eine höhere Ordnungsstruktur hinter vermeintlichen Zufällen demonstrieren. Doch scheint sich auch in dieser Desakralisierung zu bestätigen, dass den Erfahrungsmöglichkeiten des Sakralen durch unsere Vorstellung und Ablehnungen bestimmte Aspekte – wie des Wahnhaften oder Unlogischen – abträglich werden und schattenhaft bleiben. Und in gewisser Weise bieten die fremdartigen Wesenheiten rund um Cthulhu eine Möglichkeit, diese wahnhaften, unzivilisierten, aber nichtsdestoweniger mystischen Erfahrungshorizonte erneut lebendig werden zu lassen. Oder, wie Sie, Herr Wagenseil, gesagt haben: sie vermögen es gerade, diese Leerstellen integrativ zu füllen.

Um es zu verdeutlichen: Es ist nicht ‚das Böse‘, das sich durch Cthulhu manifestiert. Die Dämonisierung von Cthulhu ist in diesem Sinne primär eine Idee von Derleth – weder bei Lovecraft noch bei Grant ließen sich die Großen Alten in die Kategorien von gut und böse einfangen. Bei Grant gelten die Wesenheiten als Verkörperung fremdartiger Kräfte und nur für denjenigen als böse, der nicht in der Lage ist, sie zu integrieren. Aber Cthulhu gibt durch seine Fremdartigkeit und Traumartigkeit die Möglichkeit des Abgesonderten, Verdrängten und Schattenhaften in einer religiösen Erfahrung erneut habhaft zu werden – und es spürbar zu machen. Sei dies nun das Unlogische, Animalische, oder Destruktive – alles was als böse verurteilt werden kann. Und es ist gerade diese Kreativität und Freiheit in der Erschaffung von Erfahrungshorizonten, die sich nicht von Genregrenzen oder nicht klar abgrenzbaren Kategorisierungen wie Phantastik oder Religion irritieren lassen, die diese Bereiche so überaus faszinierend und – ja „modern“ – machen.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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2 Kommentare:

  1. Raphael Päbst

    Sollte das nicht Arthur Machen und nicht Albert Machen sein?

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