Buddhas Drittes Auge – Populäre religionsgeschichtliche Irrtümer von A bis Z


Während beim allerersten A-Z hier im Blog „Religion und Vorurteil von A bis Z“ beleuchtet wurde, geht es heute um religionsgeschichtliche Irrtümer. Manches, was religionswissenschaftlich betrachtet nichts anderes darstellt als eine Fehleinschätzung historischer Zusammenhänge, einen Irrtum, ist heutzutage gleichsam eine eigene Deutungstradition geworden – allerdings eine, die man selbst als „religiös“ bzw. „esoterisch“ bezeichnen muss. Zugleich sollte nicht ausschließlich im Fokus stehen, dass hier für eine historisch-kritische Perspektive zu kreativ mit der Vergangenheit umgegangen wird (vgl. auch Die Kopie ist das wahre Original: Aura-Kopierer, Religionswissenschaft, Falsifikation und Don Quijote). Das Mythos-Werden bzw. Religion-Werden von etwas zunächst Fiktivem war auf seine Weise ja auch bereits beim Cthulu-Thema angesprochen worden (vgl. Lovecraft goes Magick: Cthulhus Ruf in Phantastik und (neuer) Religion). Sieben populäre Irrtümer über Religionsgeschichtliches werden im Folgenden vorgestellt.

 

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Die urna (Stirnlocke) ist eines von 32 Kennzeichen Buddhas, hier beim Daibutsu von Kamakura in Japan.

Bild von muza-chan.net unter Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.

 

Buddhas Drittes Auge. Im Westen insbesondere durch die „hinduistische“ Tradition des Kundalini-Yoga bekannt, gibt es die Vorstellung eines dritten Auges inmitten der Stirn (ajna chakra). Man sieht es etwa in Darstellungen des Gottes Shiva. Allerdings wurde auch Buddhadarstellungen ein solches dritte Auge angedichtet. Tatsächlich handelt es sich bei dem Stirnelement hier aber um eine Haarlocke (urna), welche zu den 32 Kennzeichen Buddhas gehört. Manchmal wurde diese bei Buddhastatuen nur durch eine Vertiefung angedeutet. Kompliziert wird es, da zu den sechs abhijnâs oder besonderen Geisteskräften des historischen Buddha ein „Auge der Weisheit“ oder „himmlisches Auge“ gerechnet wird. Aber dieses „ist kein körperliches Merkmal des Buddha, das künstlerisch dargestellt werden könnte, sondern die metaphorische Umschreibung seiner Fähigkeit, die Fährten der Wiedergeburt und das in ihnen wirksame Gesetz des karma wiederzuerkennen“ (Peter Weber-Schäfer: Exotismus und Esoterik; in: Den Fremden gibt es nicht. Xenologie und Erkenntnis, 2004, S. 97).

Huna. 1935 übernahm der Amerikaner Max Freedom Long das hawaiianische Wort für seine esoterische Lehre. Nach seinen Angaben handele es sich um die Weitergabe einer alten Tradition von kahuna (religiöse Experten auf Hawaii). Long gab dabei zu, einen solchen nie getroffen zu haben, und beruft sich auf persönliche Mitteilungen des Direktors des Bishop Museum in Honolulu, William Brigham. Eine Begegnung zwischen beiden ist nicht überliefert und auch das Brigham Zugeschriebene passt in keiner Weise zu dessen tatsächlichen schriftlichen Zeugnissen, die sich stattdessen durch rassistische Geringschätzung auszeichnen (vgl. Makana Risser Chai: „Huna, Max Freedom Long, and the Idealization of William Brigham„, in: The Hawaiian Journal of History, Vol. 45, 2011, S. 101-121). Auch Lisa Kahaleole Hall schreibt, dass Huna „bears absolutely no resemblance to any Hawaiian worldview or spiritual practice“ („‚Hawaiian at Heart‘ and Other Fictions„, in: The Contemporary Pacific, Volume 17, Number 2, S. 404-413, 2005; insg. vorbereitet durch eine Recherche von ‚Pona Aloha‘ auf newagefrauds.org). Allerdings scheint heutzutage auch unter jungen Nachkommen hawaiianischer Ethnien der Glaube Bestand zu haben, Huna sei eine alte hawaiianische religiöse Praxis (siehe auch Medizinrad).

Keltisches Baumorakel. In populären Büchern finden sich Sätze wie: „[D]ie Kelten z.B. hatten ein Baumorakel, nach dem jeden Sternzeichen ein Baum zugeordnet ist“ (H. Heidler, Wesen und Heilkraft der Fichte, 2014, S. 21). Tatsächlich hat es seinen Ursprung im Buch „The White Goddess“, 1948 (deutsch „Die weiße Göttin“, 1981) von Robert Graves, „in dem der Autor durch eine meist willkürliche etymologische Zuordnung von Ogham-Zeichen zu einzelnen Bäumen einen keltischen Baumkalender entwickelte“ (vgl. Helmut Birkhan: Nachantike Keltenrezeption, 2009).

Keltisches Stonehenge. „Die außerhalb der Wissenschaft noch heute gängige Zuschreibung von Stonehenge an die Kelten begegnet erstmals bei dem Natur- und Altertumsforscher John Aubrey (1626-1697)“ (Bernhard Meier: Die Anfänge der walisischen Altertumskunde, in: Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2000, S. 236). Während ältere pagane Druidengesellschaften der Neuzeit noch von diesem Irrtum geprägt wurden, korrigierte die moderne Archäologie die Datierung des Steinkreises und stellt eigentlich sämtliche Adaptionen von Elementen der steinzeitlichen Megalithkulturen und bronzezeitlichen Kulturstätten durch moderne „Kelten“ infrage. So soll auch „das Vorbild heutiger Druiden, sich in Kapuzenkutte zu kleiden, auf einen irischen Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert zurückgehen“ (Naturglauben: Briten erheben Druidentum zur Religion, Spiegel online, 2010). Aktuelle pagane Gruppen versuchen zwar einerseits „die Schaffung einer Traditionslinie bis möglichst weit in die prähistorische Vergangenheit, also noch über die Eisenzeit hinaus“ (Jutta Leskovar: Alte Kelten – neue Druiden. Archäologie, Neuheidentum und der Keltenbegriff, 2010, S. 126), andererseits geht es der heutigen keltischen Spiritualität stark um die Beziehung zur Natur, welche sich in einer Suche nach sogenannten „Kraftorten“ konkretisiert. Neben „natürlichen“ Orten werden auch allgemein prähistorische Stätten in entsprechenden Angeboten des Buchmarktes katalogisiert. Über das Konzept des „Kraftorts“ bleibt Stonehenge ein ideales Zentrum der neuen Kelten (vgl. auch Isabel Laack: Religion und Musik in Glastonbury. Eine Fallstudie zu gegenwärtigen Formen religiöser Identitätsdiskurse, 2011, insb. S. 501f., Stonehenge und die kollektive Identität „Paganismus“).

 

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Das „Medicine Wheel“ / „Sacred Hoop“ auf der National Historic Landmark in Wyoming.

Bild von Djonson5 unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Medizinrad. Komplizierter als die Beispiele Huna und das vermeintlich „keltische“ Stonehenge ist der Fall des „indianischen“ Medizinrades. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erregte eine Steinformation der Big Horn Mountains in Wyoming Aufsehen in der amerikanischen Öffentlichkeit – unter dem Namen „Medizinrad“. Diese wurde ursprünglich für sehr alt gehalten, bis über 1.000 Jahre. Neuere Untersuchungen datieren sie allerdings in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Gleichwohl gibt es vergleichbare Steinformationen, die auch heute noch für weitaus älter gelten. In der Mitte des 20. Jahrhunderts begannen diverse Publikationen, Theorien über die eigentliche Bedeutung der Big-Horn-Formation zu entwerfen – darunter insbesondere solche, welche astronomische Verwendungsweisen wahrscheinlich machen (vgl. für eine vergleichende Durchsicht dieser Theorien Reinhold Emilie Meissner: Medicine Wheel. An ancient symbol in modern society, 1993). Am Populärsten wurde aber ein Autor, der sich selbst „Sun Bear“ nannte (eigentlich Vincent LaDuke), und in den 1970ern den „Bear Tribe“ (Bärenstamm) gründete. Die heutigen Bedeutungen, welche den sogenannten „Medizinrad-Schamanismus“ bestimmen, stammen aus Visionen Sun Bears. Heute herrscht ein Dissens um Authentizitätsvorstellungen des Medizinrades. Es gibt z.B. Andrea Bear Nicholas (Native Studies, St. Thomas University, Fredericton, Kanada), welche 2007 einen Brief an „our people“ formuliert, in welchem sie das Medizinrad als einen „Hoax“ bezeichnet: „The medicine wheel is not a Maliseet or Mi’kmaq tradition, nor, it seems, was it a Cheyenne tradition“. Andere wie Alice Kehoe rekonstruierten, das Medizinrad sei ursprünglich lediglich ein Ringreif aus Holz gewesen, der bei einem Geschicklichkeitsspiel unter den Cheyenne Verwendung fand (in: The Invented Indian, ed. J. A. Clifton, 1990, S. 193-209). Da das Medizinrad allerdings inzwischen zu einem Symbol panindianischer Identität avanciert ist, wird Kritikern ohne „indianischem Hintergrund“ auch Neo-Kolonialismus bzw. „new racism“ (Ward Churchill) vorgeworfen (vgl. Eintrag „Medicine Wheel“ im „Historical Dictionary of Shamanism„, hg. v. Graham Harvey und Robert J. Wallis, 2007, S. 134f.). Auch bezüglich der angeblich durchgängig praktizierten Zeremonien am ursprünglichen Big-Horn-„Medizinrad“ kann mit Jay Ellis Ransom betont werden, dass es keine Belege dafür gibt, dass Native Americans im 20. Jahrhundert die Big-Horn-Formation vor 1985 besuchten.

Ritualmord. Der ammonitische Gott Moloch, welchem Kinder durch Feuertod geopfert worden sein sollen, spielt in diversen Stellen des Alten Testaments bzw. des Tanachs eine Rolle als Negativfolie. Seine Kinder diesem Feuergott „zum Fraß“ vorzuwerfen gilt in dem Heiligen Text der Juden und Christen als besonders schwerwiegende Sünde. Genau das, eine solche rituelle Tötung eines Kindes, wurde Juden in Gestalt der antisemitischen Ritualmordlegende nachgesagt. Neben dem früher zum „Heiligen“ stilisierten Simon von Trient ist insbesondere noch die österreichische Verehrung des Anderl von Rinn zu nennen (vgl. Standard-Artikel „Totgesagte leben länger“, 2014). Auch Christen wurden in ihrer Frühzeit Ritualmorde an Kindern unterstellt, wie etwa Minucius Felix im „Oktavius“ die Sicht der Römer wiedergibt (2./3. Jh.): „Ein Kind, mit Teigmasse bedeckt, um die Arglosen zu täuschen, wird dem Einzuweihenden vorgesetzt. Dieses Kind wird von dem Neuling durch Wunden getötet, die sich dem Auge völlig entziehen; er selbst hält durch die Teighülle getäuscht die Stiche für unschädlich. Das Blut des Kindes — welch ein Greuel –schlürfen sie gierig, seine Gliedmaßen verteilen sie mit wahrem Wetteifer. Durch dieses Opfer verbrüdern sie sich, durch die Mitwissenschaft um ein solches Verbrechen verbürgen sie sich gegenseitiges Stillschweigen“.

 

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Figuren wie dieser Nkisi („Nagelfetisch“) wurden seit den ersten Kontakten mit den katholischen Portugiesen im Kongo populär, die neben Eisenbearbeitung den Heiligen Sebastian mitbrachten. Dieses Exemplar wird auf das 19. Jahrhundert datiert und seit 1922 ausgestellt.

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„Darstellung des Heiligen Sebastian in der Kirche St. Sebastian in Mannheim (Baden-Württemberg, Deutschland), Figur am Altar im rechten Seitenschiff“.

 

Bilder von Brooklyn Museum unter Creative Commons Lizenz CC BY 3.0 und von 3268zauber unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

Voodoo-Puppen. Als eine europäische Tradition gibt es die Vorstellung von z.B. Atzmännern oder Atzelmännern als eine Form des puppengestützten Bildzaubers, offenbar häufig eines Schadenszaubers – zumindest dürfte sich diese Deutung innerhalb Europas allmählich durchgesetzt haben (vgl. Bernhard Kretschmer: Atzmann, wächsern bildt. Eine Skizze zum aberglaubischen Crimen, in Iurratio 2008, Heft 1). Dem Voodoo oder Wodun auf Haiti steht dasjenige im westafrikanischen Benin gegenüber. Dort gibt es die Assets, kleine Figuren, welche die Verstorbenen einer Familie verkörpern (vgl. Frank Kaspar: Voodoo ist keine Hexerei, Deutschlandradio 2012). Daneben kennt man die sogenannten „Nagelfetische“ (eigentlich Nkonde, Nkisi) der Bakongo aus dem nordwestlichen Kongogebiet oder der Mossi aus Burkina Faso. Da erst die kolonisierenden Portugiesen Ende des 16. Jahrhunderts in Zentralafrika die Praxis der Metallbearbeitung einführten – und offenbar auch den katholischen Heiligen Sebastian, scheint es sich um einen christlichen Einfluss zu handeln: „Man kann zum Beispiel ein Gelübde ablegen, einen Nagel einschlagen, und wenn man das Gelübde erfüllt hat, den Nagel wieder raus ziehen“ (ebd.; vgl. auch Olga Grimm-Weissert: Stammeskunst. Messer im Leib, Handelsblatt 2010). Schließlich findet man Unterschiedliches zu Puppenähnlichem im haitianischen Voodoo. So sollen die Götter in Puppengestalt versteckt worden sein, um die eigene Religion unbemerkt von den Sklavenhaltern weiter pflegen zu können. Für die Gegenwart Haitis gilt, dass zumindest mit Nadeln durchstochene Voodoo-Puppen „eine rein fiktive Erfindung“ seien (Karibikjournal), dass es Voodoo-Puppen zwar gebe, sie aber kaum verbreitet seien, „[m]anche Priester nutzten sie, um Kranke zu heilen“ (NWZ zur Ausstellung im Bremer Übersee-Museum: „Vodou – Kunst und Kult aus Haiti“), oder dass zeitgenössische pagane Kreise aus dem Umfeld von Wicca und Asatrú (Nornirs Aett) spekulieren, dass auf Haiti die europäische Praxis der Atzmänner in den Voodoo erst integriert worden sei, also dass es sich um eine Ausbreitung einer europäisch-heidnischen Praxis handele. Auf jeden Fall ist aber ein Einfluss der esoterischen Voodoo-Puppen-Angebote sowie Hollywoods zurück auf die afroamerikanische Religionspraxis des Voodoo auf Haiti denkbar und nicht auszuschließen.

Eine Zusammenstellung von Christoph Wagenseil.

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