Des Pudels Kern: Kritik eines Vier-Schichten-Modells zur Beurteilung von Religionsgemeinschaften

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Im Materialdienst Nr. 9 / 2015 der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) entwickelt Yukio Matsudo „Das Vier-Schichten-Modell für die Einschätzung einer Glaubensgemeinschaft. Dargestellt am Beispiel der Soka Gakkai„. Dabei fungiert der Text zugleich als eine kritische Replik auf die REMID-Publikation „Soka Gakkai International-Deutschland. Geschichte – Struktur – Mitglieder“ von Robert Kötter (2006). Das besagte Vier-Schichten-Modell wird schließlich mit einer Tabelle erläutert und generalisiert. Auf „offizielles Gesicht“, „quasi-innerer Blick“ und „innerer Blick“ folgt der „Einblick in die Tiefenstruktur“. Hier geht es „methodologisch“ darum, „problematische[] Tiefenstrukturen“ zu erfassen, und das mittels Erfahrungsberichten von „kritischen Mitgliedern und Aussteigern sowie von betroffenen Familienmitgliedern“. Zwar vermeidet der Text grundsätzlich Begriffe wie „Sekte“: der Aufsatz spricht immer von „einer Glaubensgemeinschaft“, wenn es um die Beschreibung des Modells geht. Doch bleibt ein fader Nachgeschmack, denn hier lauert das Grauen in der Tiefe bereits qua Modell bzw. das Modell ist bereits diskriminierend, denn es unterstellt eine willentlich herbeigeführte Diskrepanz zwischen den oberen Modellschichten der Selbstaussagen und derjenigen der besagten „Tiefenstruktur“.

Matsudos Vier-Schichten-Modell: eine Hommage an Wilhelm Reich?

Wilhelm Reich entwickelte seiner Zeit ebenfalls ein Vier-Schichten-Modell (1942). Es ist in der Beratungs- und Coachingszene beliebt:

Das Vier-Schichten-Persönlichkeitsmodell wird an vielen Stellen gelehrt und stammt ursprünglich von Wilhelm Reich. Menschen reagieren oft mit Widerständen und Übertragungen[,] die scheinbar wie eine Panzerung schützen. Übertragungen sind Projektionen von alten Erlebnissen und Gefühlen in die Gegenwart. Reich ging davon aus, dass der Charakterpanzer das Resultat der erstarrten Lebensgeschichte eines Menschen ist, also „die funktionelle Summe aller vergangenen Ereignisse“ (Ronald Schnetzer: Achtsame Selbsterkenntnis: Work-Life-Balance kompakt und verständlich, 2014, S. 16, dort auch Vorlage Abb. 3.3, Hervorhebungen im Original).

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Nachzeichnung der Abb. 3.3 bei Ronald Schnetzer: Achtsame Selbsterkenntnis, 2014, S. 16. Das Vier-Schichten-Persönlichkeitsmodell nach Wilhelm Reich ist in der Beratungs- und Coachingsszene beliebt.

 

Die Ähnlichkeit der beiden Vier-Schichten-Modelle kann allerdings auch zufälliger Natur sein. Matsudo bezieht sich nicht auf Wilhelm Reich. Er verzichtet auf eine Herleitung seines Modells. Auch ist es zweifelsohne in einem Aspekt weniger raffiniert als bei Reich: Statt eines besonders auch unbewusst wirksamen „Charakterpanzers“ ordnet Matsudo lediglich „methodologische Sichtweisen“ einer Schicht zu – einschließlich einer „Innensicht der Organisation“ (offizielle Selbstdarstellung der Organisation, Rede- und Verhaltensweisen gegenüber Außenstehenden, Selbstverständnis der Mitglieder gegenüber der eigenen Organisation, Konflikte innerhalb und außerhalb der Organisation) und „Zugängen zur Informationsquelle“ (S. 349). Die „problematische Tiefenstruktur“ scheint sich allerdings eher in Aspekten einer ideologischen Verblendung (in Kontakt mit der Mehrheitsgesellschaft) und in unterstellter bewusster Täuschung von den für oberflächlich befundenen Schichten bzw. Zugängen und Methoden grundsätzlich zu unterscheiden, weniger im Sinne von z.B. unbewussten Diskursbedingungen nach Michel Foucault oder im psychoanalytischen Sinne des Reich’schen Persönlichkeitsmodells.

Das Beispiel der Soka Gakkai

Es gibt noch eine zweite Besonderung der vierten Schicht, denn in der Tiefe scheint notwendig das Grauen zu lauern: Die Idee dahinter, mit „ein[er] komplementäre[m] Spannungsverhältnis zwischen der Innen- und der Außensicht soll eine optimale Einschätzung ermöglich[t]“ werden (S. 337), ist zu würdigen. Dennoch ist die Durchführung und Methode zu prüfen. Und das nicht nur, weil der Aufsatz von Matsudo auch darum bemüht ist, einer REMID-Publikation zu widersprechen. Und insofern soll es hier nur am Rande um die Soka Gakkai gehen. Dennoch geben wir kurz Matsudos Referat über die von REMID verlegte Arbeit von Robert Kötter wieder:

„Kötter hat 2005 im Rahmen seiner religionssoziologisch angelegten Untersuchung über die SGI-D eine Umfrageaktion innerhalb der Organisation durchgeführt und das Ergebnis vorgelegt. In seiner Rezension über das Buch Kötters zitiert Dehn einige positive Ergebnisse: ‚Entscheidend ist nicht mehr die Abhängigkeit von Japan, die große Mehrheit der Mitglieder sind Deutsche und es hat eine erhebliche Assimilation stattgefunden‘ [Ulrich Dehn, in: MD 10/2007, S. 392]. Ähnlich übernimmt Werner Höbsch in seiner kurzen Beschreibung der SGI-D eine Schlussfolgerung aus dem Ergebnis: ‚Mit dem immer größer werdenden Anteil der Deutschen, die heute mit 82% die Mehrheit bilden, hat sich auch die Struktur des Vereins verändert‘ [Höbsch: Hereingekommen auf den Markt. Katholische Kirche und Buddhismus in Deutschland, Paderborn 2013, S. 140]. Neben diesen als positiv dargestellten Ergebnissen berichtet Kötter selbst jedoch auch über die ‚Überpräsentation der Japaner‘ gerade in den oberen Rängen der Hierarchie der Glaubensgemeinschaft sowie in der Leitung des Vereins (SGI-D e.V.) [Kötter, S. 29]. […Es folgt eine Schilderung des „von außen unsichtbare(n) ‚Schattenkabinett(s)'“…]. Daher war es für Kötter verständlicherweise unmöglich, dieses typisch japanische Kulturmuster der versteckten Kontrolle und Macht hinter den offiziellen Darstellungen zu erkennen“ (Matsudo, S. 340f.).

Also alle die hier letztlich als „positiv“ gewerteten Ergebnisse der Kötter-Umfrage sind letztlich unwichtig, es wären und seien „kaum nennenswerte ‚interne Reformen und Strukturveränderungen‘ zu erwarten, da die ‚Abhängigkeit von Japan‘ de facto weiterhin bestand und noch besteht“ (S. 341). Und Kötters Arbeit erhält noch eine weitere Rolle als wesentlicher Gegenstand des Unterkapitels „3. Die instrumentalisierte Innensicht“; es geht um einen „eventuellen Missbrauch dieser Arbeit zu Propagandazwecken der SGI-D“ (S. 342). Schließlich sollen anonymisierte Zitate von (Re)-Konvertiten bzw. „Aussteigern“ (vgl. Aussteiger. Zur Geschichte eines einstigen Modewortes und “Intensivgruppen”? Alter Wein in neuen Schläuchen) und kritischen Mitgliedern zeigen, was als zu erwartendes Ergebnis der „Analyse“ von Anfang an von Matsudo vorbereitet worden war: die „problematische Tiefenstruktur“ der Sokai Gakkai Deutschland.

Wir haben auch Robert Kötter gefragt, ob er uns ein Feedback zu Matsudos Artikel geben könnte:

„Mein Eindruck ist, dass der vorliegende Artikel nur vorgibt ein Modell zur Einordnung von Religionsgemeinschaften zu liefern und stattdessen eine persönliche Abrechnung mit der SGI-D darstellt. Natürlich ist der Blick von Aussteigern eine Facette, die bei einer Betrachtung einer Religionsgemeinschaft wichtige Daten liefern kann, allerdings ist es methodisch und epistomologisch unsauber, diese Perspektive als die ‚wahre‘ Beschreibung einer Gemeinschaft anzusehen.
In Bezug auf meine Studie über die SGI sehe ich die von Herr Matsudo als eine sinnvolle Ergänzung an, die allerdings nicht einen ‚wahren‘ Kern beschreibt. Wieso sollter der Blick von Aussteigern ‚wahrer‘ oder ‚tiefer‘ sein als der Blick von organisationeller Seite und der der aktiven Mitglieder. Diesen Fokus habe ich für meine Arbeit gewählt. Gleichzeitig habe ich ausführlich die Veränderungen, die durch einen kritischen Diskurs innerhalb der SGI-D seit den 90er Jahren passiert sind, dargestellt.“ (Email vom 22. September 2015).

 

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Buchcover der Kötter-Studie (2006), REMID-Schriftenreihe Nr. 11.

 

Funktion der „Kritik“ im Modell

Trotzdem gilt die Frage in beide Richtungen: Was kommt der Wirklichkeit näher? Welchen Stellenwert haben die Aussagen welcher Kritiker? Ist es andersherum repräsentativ genug, sich methodisch auf die Aussagen aktiver Mitglieder zu konzentrieren (Kötter, S. 10, in Zitation bei Matsudo, S. 341)?

In meinem religionswissenschaftlichen Studium wurde betont, dass im Grunde mindestens zweimal der Fehler begangen wurde, nicht mit den andersreligiösen Menschen zu sprechen, sondern nur über sie: einmal zur Entstehungszeit des Faches um 1900 bei den nicht-christlichen Religionen, und in jüngerer Zeit mit den neuen religiösen Bewegungen – in der sogenannten „Sektendebatte„. Erst durch Einbezug soziologischer und ethnologischer Methoden sowie durch die philologische Aufarbeitung ihrer Schriften waren „Weltreligionen“ und später „Sekten“ adäquater beschrieben worden, und so manches stellte sich als Vorurteil heraus. Es kommt also nicht von ungefähr, die Aussagen aktiver Mitglieder bereits ins Design der eigenen Untersuchung einzuschreiben. Zumal Kritiker wie „Aussteiger“ sehr divergente Positionen einnehmen können, was ja auch Matsudo einräumt:

„Generell gilt es dabei, von solchen Äußerungen Abstand zu nehmen, die sich in Form von Feindseligkeit, Verleumdung oder übler Nachrede gegen einzelne Personen oder die gesamte Organisation richten. Diese Art von Äußerungen erscheinen als zu emotional motivierte, negative und unbegründete Unterstellungen und überschreiten die Grenze einer sachbezogenen Diskussion“ (S. 342).

Trotz der potenziellen Heterogenität sind Zeugnisse von Ex-Mitgliedern neuer religiöser Bewegungen auch für Religionswissenschaftler_innen interessant – oder auch von denjenigen, welche aktuell aus der z.B. katholischen Kirche austreten, bzw. im Sinne des Konzepts des „spirituellen Wanderers“ von Menschen mit diversen neureligiösen Erfahrungen.

Allerdings in diesen Zeugnissen Belege zu suchen, dass hier die Dinge zugegeben werden, welche aktive Mitglieder nicht äußern, wegen der „versteckten Kontrolle und Macht“, ersetzt den Reich’schen „Charakterpanzer“ mit einer Verschwörungstheorie, die zudem problematische Stereotype bedient („typisch japanische Kulturmuster der versteckten Kontrolle und Macht“), um ein genügend anschauliches Gegenüber von oberflächlichen Schichten und „problematischer Tiefenstruktur“ zu suggerieren.

In einer solchen Diskrepanz zwischen öffentlichem Profil und inneren tatsächlichen oder unterstellten Beweggründen bewegen sich ansonsten neben erdachten, vermuteten und tatsächlichen Verschwörungen nur öffentlich als Teile des organisierten Verbrechens verdächtigte Vereinigungen. Gemeint sind öffentlich agierende Gruppen, die „seit Jahrzehnten regelmäßig durch Behörden und Medien mit verschiedenen Straftaten in Verbindung gebracht [werden] und es kam weltweit immer wieder zu Verurteilungen einzelner Mitglieder“ (Wikipedia-Formulierung im Artikel über eine der größeren – als solche dort kategorisierten – „Outlaw Motorcycle Gangs“). Beziehungsweise: Es handelt sich um Clubs, in denen insbesondere Männer sich treffen, die Motorräder und Rockmusik mögen, das Gesetz achten und die Einzelfälle, wo schwarze Schafe sich mit Prostitution, Waffen- und Drogenhandel verdingten, kritisch aufarbeiten. Außerdem bemühen sie sich darum, dem schlechten Ruf entgegen zu arbeiten, das mit dem organisierten Verbrechen gehöre zu ihrer Sache dazu. In diesem Fällen existiert also eine öffentliche Selbstdarstellung mit eigenen Webseiten im Internet oder in Gestalt der Zusammenarbeit mit Journalisten bei Dokumentationen für das Fernsehen zur Vermittlung eines positiven Selbstbildes. Besagter „schlechter Ruf“ gehört in Gestalt von O-Tönen von Ermittlungsbeamten und „Experten“ mit hinein in den entsprechenden Mediendiskurs über diese Clubs. Und in diesem Diskurs existieren also zwei ziemlich gegensätzliche Bilder solcher Gruppen. Aus der Perspektive derjenigen, die glauben, es mit einem sich tarnenden organisierten Verbrechen zu tun zu haben, handelt es sich um eine mafiöse (Tiefen-)Struktur – und für sie haben „Aussteiger“ tatsächlich eine Schlüsselrolle. Deutlicher noch als bei Diskursen um real-existierende Gruppen ist eine solche mafiöse Tiefenstruktur in Kino-Narrativen auszumachen. Dann geht es um die mediale Figur des Kinofilm-Mafiosos, welcher ein Doppelleben führt, einerseits als Akteur der mafiösen „Unterwelt“, andererseits als angesehener Bürger der jeweiligen Stadt. Eigentlich weiß aber jede(r), dass dieser angesehene Bürger zugleich ein Mafioso ist – zuallerst die Polizeikräfte, welche aber nie etwas gegen ihn in der Hand haben oder gekauft sind. Gerade diese doppelzüngige, aber doch integrale Aura macht den Antihelden des Kinofilm-Mafiosos aus.

 

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Ausfahrt eines (beliebigen) russischen Motorradclubs (2012). In Abgrenzung von der überwiegenden friedlichen Masse der Mitglieder von Motorradclubs nennen sich sogenannte Outlaw-Biker seither auch Onepercenter in Anspielung darauf, dass ihr Anteil an Motorradfahrern insgesamt nur 1 Prozent betragen soll (Wikipedia-Paraphrase von: Christian Ertl: Macht’s den Krach leiser! Popkultur in München von 1945 bis heute, 2010, S. 30).

Bild von Koneco unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

In der Tat hat „die Sekte“ als mediale Figur – als Mythos – ähnliche Züge (vgl. auch Überall “Sekten”? – Religionsbezogene Diskriminierung [nicht nur] in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten). Tatsächlich aber ist das, was ehemalige Mitglieder neuer religiöser Bewegungen kritisieren, in den mir bekannten Fällen zugleich mit anderer Bewertung Teil des öffentlich erfahrbaren Profils der Gruppe – und es handelt sich nicht um durch Macht und Kontrolle gesicherte geheime Machenschaften jenseits des bzw. im Widerspruch mit dem – z.B. frommen – öffentlichen Profil der Gruppe.

Fazit

Selbst bei der unautorisierten Veröffentlichung von Scientology-Dokumenten durch die Plattform Wikileaks im März 2008 kamen keine geheimen Pläne oder andere Anzeichen einer gesteigert problematischen und ansonsten unsichtbaren „Tiefenstruktur“ ans Licht, sondern lediglich teilweise peinliche Initiationslektüren zu höheren „Operating Thetan“-Leveln. Und diese stellen gerade keinen radikalen Bruch mit demjenigen Bild dar, welches Scientology selbst medial vermittelt. Dabei geht es nicht um die Verteidigung dieser Kirche, sondern darum, im hier betrachteten Vier-Schichten-Modell von Matsudo einen Konstruktionsfehler auszumachen. Das Modell lässt im Prinzip zu, dass eine Religionsgemeinschaft keine „problematische Tiefenstruktur“ aufweisen muss (jedenfalls wäre ansonsten der evangelische Bezug des Periodikums der Veröffentlichung merkwürdig). Trotzdem hat dieses Modell grundsetzlich eine diskriminierende Tendenz, insofern es von einem ‚Wolf im Schafspelz‘ ausgeht, dessen wölfisch-mafiöses ‚wahres Selbst‘ als „problematische Tiefenstruktur“ zu entlarven ist.

Christoph Wagenseil

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11 Kommentare:

  1. Thomas Carmichael

    Hallo Herr Wagenseil,

    mit Interesse lese ich Ihre Kommentare zum 9/15 Artikel der EZW. Sie sind vom ganzen Tenor her die Fortsetzung einer ganzen Reihe sehr ähnlicher Blogger-Kommentare von Ihnen, speziell zum Thema Sekten. Von all dem, was Sie zum Thema in der Vergangenheit schon schrieben (und regelmäßig selbst zitieren), ist abzuleiten, dass Sie im Grunde jedwede Kritik an Sekten ablehnen und obendrein sämtliche Begrifflichkeiten dazu konsequent in Anführungszeichen setzen (z. Bsp. „Gehirnwäsche“, „Aussteiger“), vielleicht um längst erhärtete wissenschaftliche Erkenntnisse zu diskreditieren.
    Sie unterschlagen dabei jedoch, dass diese Begriffe wie viele andere von Ihnen weder erfunden noch definiert wurden, sondern von Wissenschaftlern wie R. Lifton , M. Singer etc. (Allein die Nennung dieser Namen dürfte Sie wohl alarmieren, s.u., damit müssen Sie leben).

    Ich werde das Wort Sekte (und andere von Ihnen benutzte Wörter) bewusst nicht in Anführungszeichen setzen. Abgesehen davon, dass der Begriff in der deutschen Sprache existiert, ist er im vorliegenden Fall auch weitestgehend zutreffend. Sie liegen zudem falsch mit der Behauptung (an anderer Stelle), dass der Begriff Sekte dehnbar sei („.Dagegen mit dem sehr dehnbaren Begriff der “Sekte” zu “bashen”, ist religionsbezogene Diskriminierung.“).
    Versuchen Sie nicht dem Leser etwas vorzumachen: Wenn Etwas aussieht wie eine Ente, wenn es läuft wie eine Ente und wenn es quakt wie eine Ente, dann ist es nach gängigen Standards der Logik und Vernunft eben eine Ente. Oder würden Sie auch Scientology als „Kirche“ oder „Religion“ bezeichnen, den gescheiterten Science-Fiction Autor L.R. Hubbard als geistige Lichtgestalt oder Erlöser der Menschheit?

    Für Sie, ganz sicher aber für alle Leser dieses Blogs, ist der BBC- Dokumentarfilm über Soka Gakkai, „The Chanting Millions“, wohl interessant und aufschlussreich: https://www.youtube.com/watch?v=yP2-D0UHPpI
    Darin gibt es zahlreiche Aussagen und tiefe Einsichten über bzw. in diesen Kult.

    Was an Ihren Kommentaren besonders auffällt und irritiert ist, dass Sie auf wesentliche Inhalte des EZW Artikels ein überhaupt keiner Weise eingehen und sich stattdessen u.a. an kleinlichen Formalien des dargelegten Schichtenmodells mühsam abarbeiten, es mit noch einem anderen zu vergleichen und dann sogar noch den völlig abstrusen Irrweg zu irgendwelchen Rockerbanden (einschließlich Bildmaterial) zu finden. Ernsthaft, wer soll Ihnen denn auf diesem Irrweg folgen? Für wie verwirrt halten Sie eigentlich die hiesigen Leser?

    Ihr grober methodischer Mangel betrifft insbesondere das sehr auffällige Schweigen zu den zahlreichen expliziten Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Soka Gakkai, einschließlich der eigenen Erfahrungen des Autors mit der Soka Gakkai. Selbstverständlich sind diese Aussagen auch ein Ankerpunkt der Argumentation dafür, dass die Soka Gakkai, übrigens genau wie andere Sekten, einen wahrlichen Januskopf hat, d.h. sie weist überaus widersprüchliche Erscheinungsformen nach Innen und Außen auf.
    Das liegt selbstredend in der Natur der Sache, denn welche Sekte würde wohl vorbehaltlos auch Alles nach Außen preisgeben? Kein Mensch würde doch einem schlechten Verein beitreten, wenn er gleich zu Begin von den schädlichen Folgen wüsste. Angefangen von den meist dubiosen Finanzen (“Spenden“) über Indoktrinations- oder Einschüchterungsmethoden bis zu finanziellen, seelischen und/oder psychischen Schäden.

    Ob es im Falle der Soka Gakkai um, geradezu lächerliche, hunderte „Ehrenwürden“ des „ewigen Meisters“ (hier benutze ich die Anführungszeichen bewusst!) Ikeda handelt, die mehrfach explizit erwähnte Intoleranz der Soka Gakkai gegenüber allen anderen Religionen (auch gegenüber allen anderen buddh. Traditionen), die Induktion von massiven Ängsten und Schuldgefühlen per Doktrin oder um massive Probleme im familiären Umfeld einiger der Mitglieder geht:
    Rein gar nichts davon findet Ihre Beachtung. Das ist gelinde gesagt äußerst schwach.

    Ihre Kritik geht deswegen an der Kernaussage des EZW-Artikels glatt vorbei. Indem Sie einen dicken Vorhang von nutzlosen Binsenweisheiten und abwegigen Betrachtungen ausbreiten verschleiern Sie die hilfreiche und wahre Intention des EZW-Artikels: Ganz einfach die Soka Gakkai hierzulande kritischer als bislang zu hinterfragen. Wesentlich kritischer wird der Kult in seiner japan. Heimat gesehen. Fragen Sie einmal einen Durchschnitts-Japaner, was er von der Soka Gakkai hält. Seine Ablehnung dürfte sogar Sie noch überraschen.

    Ob freiwillig und bewusst oder unbewusst, Ihre Methodik und Argumentationsweise entspricht praktisch exakt der des CESNUR, ein einflussreicher Verein, der selbst den wirklich übleren Sekten regelmäßig unter dem scheinheiligen Vorwand von Religionsfreiheit und Toleranz das Wort redet, sich noch dreist und verlogen im Titel mit der Christlichkeit (“Katholische Allianz“!) schmückt, obwohl der ganze Verein Null und Nichts mit irgendeiner offiziellen Kirche zu tun hat, ganz bestimmt nicht mit der Katholischen Kirche!

    Genauso wie Sie mit Goethe’s „Des Pudels Kern“ in Ihrer eigenen Überschrift versuchen den Autor Y. Matsudo zu diskreditieren, müssen Sie nun auch die ursprüngliche Auslegung dieses bekannten Spruchs hinnehmen:
    Der Pudel, der Faust und Wagner begegnet, ist eine Erscheinung des Teufels Mephisto, was der gelehrte Faust erkennt und spricht, „Das also war des Pudels Kern!“. Der Hund, insbesondere der Pudel, ist eine altüberlieferte, abergläubische Vorstellung vom Teufel oder dessen Begleitern.
    Wenn Sie wirklich Bezug darauf nehmen wollten, müssen Sie auch erkennen, wer hier der Pudel ist und wer der Gelehrte. Y. Matsudo ist jedenfalls der erkennende und erfahrene Gelehrte, insbesondere hinsichtlich Soka Gakkai, deren Innenleben er schließlich aus eigener Erfahrung kennt, ganz im Gegensatz zu Ihnen. Schon dies allein sollte Sie davon abhalten mit abschweifenden und verallgemeinernden Erklärungen ein erkennbar oberflächliches Urteil abzugeben, dessen Basis eine freiwillig sehr eingeschränkte Lebensweisheit (Tenor: “Es gibt überhaupt keine Sekten und Aussteiger“) ist.

  2. Dr. Yukio Matsudo

    Des „Pudels Kern“ weit verfehlt. Kommentar zur „Kritik“ an meinem Artikel über die SGI-D
    Christoph Wagenseil nimmt kritisch Stellung zu meinem Artikel, der im Materialdient Nr. 9/2015 der EZW erschienen ist. Meine Antwort lautet- kurz zusammengefasst- folgendermaßen:
    1. Ich fühle mich von seiner angeblichen „Kritik“ in keinster Weise angesprochen, da er mit diversen Vergleichen hantiert, die meiner Ausführung vollkommen fremd sind. So wird das von mir in meinem Artikel verwendete Modell einmal mit dem „Vier-Schichten-Persönlichkeitsmodell nach Wilhelm Reich“, dann wiederum mit einer Mafioso-Struktur, einem russischen Motorradclub und letztendlich mit der Scientology Church verglichen. Sämtliche Vergleiche verfehlen die Thematik aufs äußerste, so dass es Wagenseil nicht gelingt, auf die eigentlichen Aussagen meines Aufsatzes thematisch einzugehen oder diese zu bewerten.
    2. Der Grundtenor seiner Vorgehensweise besteht darin, mir durchgehend zu unterstellen, ich hätte mich an der fertigen Vorlage eines Vier-Schichten-Modells“ nach Wilhelm Reich orientiert. So soll am Ende das „wahre Selbst“ der SGI-D „als problematische Tiefenstruktur zu entlarven“ sein. Dieser „wahre Kern“ stellt in meiner Verfahrensweise jedoch nicht das „Ergebnis der Analyse“ dar, sondern gerade umgekehrt die Ausgangssituation. Der Ausgangspunkt bestand für mich in der Leidensgeschichte vieler Menschen, die unter den im Artikel angesprochenen „unheilsamen Strukturen“ der Organisation gelitten haben. Somit besteht von Anfang an ein großer Widerspruch zwischen der Selbstdarstellung der Organisation an der Oberfläche und den Erfahrungen einer bestimmten Anzahl von Mitgliedern im verborgenen Inneren. Dies zeigt sich beispielsweise wie in meinem Artikel erwähnt, in dem Widerspruch in Form von Streben nach Weltfrieden vs. die Bekämpfung von Andersdenkenden sowie in „der Bereitschaft für den interreligiösen Dialog vs. die abwertende Haltung gegenüber allen anderen buddhistischen Schulen und anderen Religionen. Erst in diesem Prozess der Ausformulierung der verschiedenen Beobachtungen „haben sich vier verschiedene Schichten ergeben, die für eine umfassende Einschätzung der Organisation erforderlich sind.“ Es ist daher komplett verfehlt zu behaupten: „Das Modell sei bereits diskriminierend, denn es unterstellt eine willentlich herbeigeführte Diskrepanz zwischen den oberen Modellschichten der Selbstaussagen und derjenigen der besagten Tiefenstruktur”.
    3. Wagenseil scheint sich zur „Kritik“ an meinem Artikel verpflichtet zu fühlen, „weil der Aufsatz von Matsudo auch darum bemüht ist, einer REMID-Publikation zu widersprechen.“ Dies war absolut nicht meine Intention und eine solche übertriebe Behauptung kann auch nicht stimmen: „Alle die hier letztlich als positiv gewerteten Ergebnisse der Kötter-Umfrage sind letztlich unwichtig, es wären und seien kaum nennenswerte ‘interne Reformen und Strukturveränderungen’ zu erwarten, da die ‘Abhängigkeit von Japan’ de facto weiterhin bestand und noch besteht”. An vielen Stellen habe ich die Arbeit von Kötter gewürdigt und auch an dieser Stelle geht es lediglich um den Hinweis auf einen Trugschluss, dass die Struktur der SGI-D sich positiv in Richtung auf die Assimilation an die deutsche Mehrheit geändert hätte. Kötter hat zwar auf der anderen Seite die „Überrepräsentation der Japaner in den oberen Rängen der Hierarchie der Glaubensgemeinschaft sowie in der Leitung des Vereins“ mit Recht zur Kenntnis genommen. Dennoch war es Kötter als Außenbeobachter „verständlicherweise“ nicht möglich, die Schlüsselrolle eines japanischen SGI-Europaleiters und SG-Vize-Präsidenten für alle wichtigen Angelegenheiten der Organisation zu erkennen. Dies spricht allerdings in keinster Weise gegen seine wissenschaftliche Kompetenz, sondern resultiert einfach aus der Tatsache heraus, dass diese verborgene Struktur für ihn wie jeden anderen Außenbeobachter schlichtweg nicht einsehbar war. So habe ich ebenfalls auf diese Macht- und Kontroll-Struktur hinter den Kulissen hingewiesen, die gerade alle Verbesserungsvorschläge vonseiten der deutschen Mitglieder seit Jahrzenten verhindert hat.
    4. Ich wundere mich sehr darüber, dass Kötter mit dem absolut gleichen Wortlaut wie die SGI-D-Leitung seinen Eindruck äußert, mein Artikel stelle „eine persönliche Abrechnung mit der SGI- D“ dar. Das ist genau die gleiche Taktik, mit der beispielsweise oft die kritische Sichtweise von Islamwissenschaftlern abgetan wird, denen es als „persönliche Abrechnung“ angelastet wird, wenn sie sich kritisch über den Propheten Mohammed äußern. Eine solche Behauptung dient letztendlich einzig und allein dem Zweck, es zu vermeiden, sich inhaltlich mit den genannten kritischen Punkten auseinandersetzen zu müssen. Daraus ergibt sich dann allerdings weder die persönliche Reflexion eines Einzelnen noch eine gemeinsame Diskussion über die angesprochenen Themen. Ein ernstzunehmendes Problem stellt dabei dar, dass Kötter gleichermaßen in keinster Weise thematisch auf die von mir angesprochenen „unheilsamen Strukturen“ der SGI-D eingeht und diese nicht nur ignoriert, sondern auch noch rechtfertigt. Damit macht er sich jedoch zum Komplizen solch unheilsamer Strukturen. Dies würde dann allerdings wirklich eine ernstzunehmende, fatale Folge seiner „positiven“ Darstellung der SGI-D bedeuten, wenn er diese ausschließlich anhand der aktiven, linientreuen Mitglieder vornimmt.
    5. Es fällt mir auf, dass Wagenseil von einem „wahren Kern“, Kötter zusätzlich noch von der „wahren Beschreibung einer Gemeinschaft“ spricht. Im Gegensatz dazu unterbreite ich lediglich den methodologischen Vorschlag, eine Religionsgemeinschaft als ein vielseitiges und vielschichtiges Gebilde möglichst unter verschiedenen Gesichtspunkten zu analysieren. Daher erhebe ich auch keinen Wahrheitsanspruch auf die letzte Tiefenschicht allein. Natürlich gibt es unterschiedliche Aspekte, unter denen man eine religiöse Gemeinschaft betrachten kann. Daher stellt sich für mich auch nicht die Frage in der Art, wie Kötter sie stellt: „Wieso sollte der Blick von Aussteigern ‘wahrer’ oder ‘tiefer’ sein als der Blick von organisationeller Seite und der der aktiven Mitglieder.“ Gerade an dieser Stelle bin ich der Meinung, dass beide Perspektiven gleichermaßen benötigt werden, um zu einer optimalen, umfassenden Beschreibung einer religiösen Gemeinschaft zu gelangen.
    Wagenseil ist daher leider nicht auf die wichtige inhaltliche Auseinandersetzung mit den unheilsamen Strukturen selbst eingegangen. So hat er des „Pudels Kern“ weit verfehlt.

    Yukio Matsudo

  3. Herr Carmichael, Sie treffen die Angelegenheit richtig: Wie unser Kooperationspartner CESNUR sehen auch wir keine Gründe, warum kleineren neuen religiösen Gemeinschaften nicht das Recht auf Religionsfreiheit zustehen sollte. Die Eigenschaftslisten, die „Sekten“ nachgesagt werden, sind jedenfalls durchaus widerlegt, siehe z.B. das Interview mit Prof. Murken: Die Menschen sind experimentierfreudiger geworden. Es muss im Einzelfall geprüft werden, ob eine Gemeinschaft „destruktiv“ oder „gefährlich“ ist. Das kann nicht verallgemeinert werden. Auch gibt es nicht überall einen Religionsstifter. Und einen solchen als „charismatischen“ Führer zu beschreiben, macht diese Einschätzung von der subjektiven Beurteilung als „charismatisch“ abhängig. Entsprechend schwierig sind andere „gefühlsmäßige“ Einschätzungen, etwa durch Abstraktion von einer sehr kleinen nicht-repräsentativen Zahl von befragten „Aussteigern“. Den Begriff „Aussteiger“ kritisiere ich, weil er suggeriert, es gebe diese beiden Gruppen, die Insider und die Aussteiger – ja und, als ob nur mittels Hilfe von außen ein solcher Ausstieg möglich sei. Im Grunde handelt es sich aber nur um eine besondere Teilgruppe von Rekonvertiten, neben denen es aber zumeist andere (Re-)Konvertiten, spirituelle Wanderer (die unterschiedliche Gruppenbegegnungen als Erfahrungen sammeln) etc. gibt. Eine Kritik des Begriffs der „Gehirnwäsche“ finden Sie hier: A Critique of „Brainwashing“ Claims About New Religious Movements (James T. Richardson).
    Weil eben mit diesem problematischen Instrumentarium „Sektenlisten“ (die gesellschaftliche Stigmatisierung nach sich ziehen) eine sehr heterogene Bandbreite umfassen von Scientology und Gruppensuiziden bis hin zu neuen Hexen (Wicca), Gothic Jugendkultur (als „Einstieg“ in den Satanismus), reformhinduistischen Gruppen wie Hare Krishna u.v.m. , ist der Begriff aber eigentlich nichtssagend und reduziert sich auf das polemische Gehalt, diese eine Gruppe, ja: die ist eine Sekte. Da ist gerade nicht lediglich gemeint, dass diese Gruppe klein oder neu ist. Abgesehen davon unterstützt der Sektenbegriff ein Denken, nach dem eben jegliche religiöse Innovation gefährlich sei. Es handelt sich also um ein antipluralistisches Denken. Und im übrigen: Ja, es gibt auch bei Scientology Gründe, diese eine neue religiöse Bewegung zu nennen. Alle Religionen sind Teil eines Marktes und alle haben eine ökonomische Dimension. Man darf dennoch und mit jedem Recht eine Gemeinschaft – ob nun Soka Gakkai oder Scientology – kritisieren. Aber es gibt nunmal eine Grenze zwischen Kritik und Diskriminierung. Verschwörungstheorien (XYZ unterwandert die Gesellschaft) oder Pauschalisierungen (XYZ ist eine Sekte) helfen da nicht weiter.
    Herrn Dr. Yukio Matsudo möchte ich an dieser Stelle nur entgegen, dass es um eine prinzipielle Kritik dieses Vier-Schichten-Modells gegangen war, welches durchaus mit der Herausstellung als besonderer vierter Schicht die Aussagen der „Aussteiger“ höher gewichtet als alle anderen, es geht also mitnichten lediglich darum, „dass beide Perspektiven gleichermaßen benötigt werden“. Und methodisch ist nunmal schwierig, eine „verborgene Struktur[, die] für ihn [Kötter] wie jeden anderen Außenbeobachter schlichtweg nicht einsehbar war“, zu behaupten. Deshalb ging es in den weiteren Überlegungen des Artikels um Fälle, wie etwa „mafiöse Strukturen“, wo tatsächlich nur ein undercover agent zu deren genauer Kenntnis kommen kann. Das soll nicht die einzelnen kritischen Stimmen, die Sie anführen, schmälern, aber sie sind damit nicht notwendig repräsentativ und eignen erst recht nicht zu einer grundsätzlichen Einschätzung der Religionsgemeinschaft als von einer „verborgenen“ problematischen Tiefenstruktur bestimmt.

  4. Gunther Peukert, BSc (Hons), MArch

    Das Lesen des Diskurses hier finde ich in Teilen recht amüsant. Natürlich besteht in diesem Land Religionsfreiheit. Doch gerade deshalb muss es auch erlaubt sein zu hinterfragen, ob und wann ein Missbrauch der Religionsfreiheit stattfindet. Natürlich gibt es, nebst einer Herablassenden Haltung gegenüber andersgläubigen Buddhisten, von Heilversprechen bis hin zu einem Überlegenheitsanspruch gegenüber Außenstehenden, Indizien für sektenartige Strukturen in der Soka Gakkai. Es gibt im Übrigen keine Zentralstelle für die Klassifizierung von Sekten. Eine wissenschaftliche Diskussion beginnt jedoch auch immer mit einer korrekten Annahme. Falls sich die Struktur der SGI-D nicht grundlegend verändert hat so hat die SGI-D e.V. nicht wesentlich mehr Mitglieder als es das deutsche Vereinsrecht vorgibt, nämlich sieben. Somit muss man von ca. 5000 Anhängern und nicht Mitgliedern der SGI-D e.V. sprechen. Auch unter Nichtbeachtung vereinsrechtlicher Spitzfindigkeiten hat jedes Mitglied einer katholischen oder evangelischen Gemeinde mehr Mitspracherecht als es ein Anhänger der SGI-D je erfahren wird. Ob die Sicht ehemaliger Anhänger der SGI mehr Wert ist als die der „Insider“ ist müßig, denn es ist schlicht weg eine die nicht mehr den „Soka Gakkai-Dogmen“ unterliegt. Ob man wie Herr Matsudo sagt von mafiösen Strukturen bei der SGI sprechen kann bleibt dahingestellt. Auch welche Strukturen sich in dem von Herrn Matsudo selbst gegründeten Verein bilden werden wird erst die Zukunft zeigen. Die Strukturen der Soka Gakkai in Japan, als Mutterorganisation der Soka Gakkai International sowie der SGI-D, sind zumindest die eines streng hierarchisch geführten Unternehmens mit einem enormen Anlagevermögen. Der politische Arm der SG in Japan, die Komeito-Partei, ist in einer Koalition der Steigbügelhalter einer nationalistisch-konservativ geprägten Regierung. Somit finde ich nicht die Diskussion von Kreisdiagrammen befremdlich sondern, dass Erscheinungen wie die des Herrn Kötter, nebst denen von Bryan Wilson und Daniel Metraux in den Buchläden der SGI zum Kauf angeboten werden. Kritikfähigkeit, egal ob von innen oder von außen, gehört nicht gerade zu den Stärken die der SG und SGI nachgesagt werden. Als ehemaliger Anhänger der SGI Frage ich mich somit, ob diese Veröffentlichungen nicht vielmehr dem Zweck dienen der SG und SGI ein seriöseres Erscheinungsbild zu verpassen. Bei einigen dieser Autoren, inklusiver der Verlage, derartiger Werke frage ich mich in welcher Nähe sie zur Soka Gakkai stehen? Sollte die Redensart „Wes Brot ich ess des Lied ich sing“ hier zutreffen?

    • REMID oder Herr Kötter haben jedenfalls zu keiner Zeit Gelder von der Soka Gakkai angenommen. Allerdings sind aktuell zwei der 150 Mitglieder des REMID tatsächlich Religionsgemeinschaften und zahlen einen „Institutionsmitgliedsbeitrag“ von 150 Euro im Jahr: Die Deutsche Buddhistische Union (DBU) und die Ahmadiyya Frankfurt. Aber die Zusammenarbeit besteht gerade nicht in einer Einflussnahme auf unsere Inhalte. Von der DBU haben wir etwa zuletzt Zahlen zu den Mitgliedsorganisationen erhalten. Es geht hier in dieser Diskussion in der Tat lediglich um Religionsfreiheit und ihre Einschränkung am Beispiel eines Modells (das wiederum am Beispiel der Soka Gakkai von Matsudo erläutert wurde). Sicherlich geht es – in Ihren Worten – damit auch um die Frage, ab wann es sich um „Missbrauch“ von Religionsfreiheit handelt. Das schließt ein, sich darüber Gedanken zu machen, welchen Begriff von Religion man überhaupt zugrundelegt, wie man deren Grenzen ausloten möchte, nach welchen Kriterien und unter welchen theoretischen Vorannahmen. Dazu gehören auch Aspekte von Verfolgung und Diskriminierung. Anstelle von „Missbrauch“ möchte ich davon sprechen, dass es Rechtsgüter geben muss, die einen höheren Stellenwert haben als das Recht auf Religionsfreiheit. Es darf etwa keine Menschenopfer aus religiösen Gründen legal geben. Die in der „Sektendebatte“ behauptete „mentale Manipulation“ ist aber kritikwürdig, aus psychologischen Gründen, inwiefern das überhaupt die Sachlage einer Konversion trifft, wie aus solchen der Rechtsgüte, denn: Das kann ja jeder einfach behaupten.

    • Yukio Matsudo

      Ich möchte nur eins klastellen: Den Ausdruck „mafiöse Strukturen“ habe ich selbst nicht in meinem EZW-Artikel verwendet, sondern er stammt von Herrn Wagenseil.

  5. Gunther Peukert, B.Sc (Hons), M.Arch, Betriebswirt (VWA)

    Ach, Herr Wagenseil das Zitat bezieht sich nicht nur auf Gelder, aber ich denke dessen sind sie sich sicher auch bewusst, auch wenn es Gelder nicht ausschließt. Menschenopfer sind auch sehr, sehr weit hergeholt – ich wüsste auch nicht ob dies auf viele, umgangssprachlich Sekten genannte, Gruppen zuträfe – außer denen, deren Anhänger selbst von einem Bedürfnis getrieben wurden ihrem irdischen Leben ein Ende zu bereiten oder zu viel von dem „Cool Aid“ tranken. Schlussendlich darf jeder glauben was er oder sie möchte. Unterstreichen möchte ich jedoch meine Kritik mit Hilfe von statistischen Erhebungen und „soziologischen“ Betrachtungen Gruppierungen, wie der SGI, willentlich einen seriösen Anstrich zu verschaffen. Die Fragen die offen bleiben und unter Kennern diskutiert werden, und für die Öffentlichkeit mangels Interesse meist nicht einsehbar sind, überwiegen zu denen die in solch, meiner Meinung nach, fragwürdigen Veröffentlichungen beantwortet werden. Eine vollkommen neutrale oder gar buddhologische Sichtweise auf die SG/SGI finde ich im deutschsprachigen Raum NICHT. Mit einer buddhologischen Sichtweise wären auch die meisten Anhänger der SGI-D sichtlich überfordert. Zu leicht ist es auch unter dem Deckmantel der Religion dem Treiben so mancher Gruppierung eine Allgemeinnützigkeit zu bescheinigen – die Steuerersparnis ist ja auch enorm. Ich würde auch den Begriff Sekte nicht überstrapazieren, denn streng religionswissenschaftlich kann man hier durchaus von einem Konsens sprechen. Im Englischen spricht man meist von „Cults“. Schnell findet man sich hier auf der gleichen Ebene wie Hersteller von Plastikwaren oder elektrischen Haushaltsgütern wo es darum geht, wie auch im Falle der Religion, schlicht weg ein Produkt zu verkaufen und zu verbreiten. Die Erlöse stehen meist einer verschwindend kleinen Gruppierung zu Verfügung – die Taktiken sind jedoch erschreckend ähnlich, egal ob ich ein Plastikschüssel oder einen Glauben verkaufe. Durch die Treue einer, sich selbst elitär empfinden Anhängerschaft, bleibt genug hängen um wirtschaftlich Gewinn zu machen – und auch im extremen Fall wirtschaftlich, als auch politisch, Einfluss zu gewinnen. Zu einem extremen Fall zähle ich persönlich hierbei die Soka Gakkai. Steigbügelhalter solche Gruppierungen hoffähig zu machen finden sich jedoch offensichtlich zu genüge.

  6. Gunther Peukert, B.Sc (Hons), M.Arch, Betriebswirt (VWA)

    Im Übrigen wünsche ich den unternehmerischen Anstrengungen des Herrn Robert Kötter, falls er diese unternimmt, alles Gute 🙂

    • Sehr geehrter Herr Peukert, danke für Ihren Kommentar. Unter deutschsprachigen Religionswissenschaftler_innen ist es nach meinem Eindruck durchaus Konsens bzw. mindestens eine Mehrheit, welche von einer Verwendung des Sektenbegriffes abrät. So auch der entsprechende Artikel im Handwörterbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Aber ich entdecke in Ihrer Antwort vielleicht so etwas wie eine grundsätzliche Kritik an der deutschsprachigen Religionswissenschaft. Man könnte auch von unterschiedlichen Wertehierarchien einschließlich der Frage, was „neutral“ wäre, sprechen. Etwa das Interesse an einer buddhologischen Sichtweise. Tatsächlich listet REMID in unserer Statistik die Soka Gakkai unter neue Religionen und nicht unter Buddhismus. Trotzdem bleibt die Frage, was damit gewonnen wäre, also mit einer normativen Folie, was noch oder schon Buddhismus ist und was nicht mehr oder noch nicht, an solche Gruppen zu gehen. Meist ist die Lösung des Religionswissenschaftlers ein Kompromiss: Das objektive Element des religionsgeschichtlichen Bezugs und das subjektive Element der Selbsteinschätzung der Gruppe bieten Anhaltspunkte. Denn es ist sein Interesse, nicht theologisch normativ zu sein und etwa Häresie im Christentum aus der religiösen Perspektive einer bestimmten Denomination oder Konfession zu beschreiben, welche andere christliche Gruppen theologisch einschätzt. Auch hier geht es um die Frage von „Neutralität“. Sollten die Zeugen Jehovas eher als ein antitrinitarisches Christentum diesem zugerechnet werden oder als neue Religion behandelt werden? Bei Ihrer Argumentation schwingt zudem ein zusätzliches moralisches Argument mit, nach dem bestimmte Gruppen Religion nur als eine Art Deckmantel benutzen würden, um metaphysische Tubberware zu verkaufen. Ich würde gerne von Ihnen wissen, wie Sie dies soziologisch operationalisieren wollen? Alle zumindest organisierten „Religionsgemeinschaften“, seien sie wie die Zeugen Jehovas oder die Ahmadiyya Muslim Jamaat oder die katholischen Bistümer Körperschaften des Öffentlichen Rechts, oder z.B. als eingetragener Verein haben einen Marktaspekt. Religionswissenschaftler sprechen vom „Markt der Religionen“. Die säkulare Szene und einige Journalisten waren im letzten Jahr (bzw. seit Tebartz-van Elst) sehr aktiv darin, die Vermögensverhältnisse von Bistümern oder einzelner Bischöfe zu kritisieren. Ich sehe hier eher Parallelen zu dem Kunst-vs.-Kitsch-Diskurs. Vielleicht erhellt das folgender Essay:
      http://www.remid.de/blog/2012/07/die-kopie-ist-das-wahre-original-aura-kopierer-religionswissenschaft-falsifikation-und-don-quichote/

      • Gunther Peukert, B.Sc (Hons), M.Arch, Betriebswirt (VWA)

        Sehr geehrter Herr Wagenseil, Ich glaube sie machen es sich sehr sehr einfach. Ich habe eigentlich eine ausführliche Antwort auf ihre Anmerkung angelegt, doch hat es wenig Sinn diese zu veröffentlichen. Nur so viel, wenn ich eine eingeschworene Gruppe von Plastikaware -Anhängern zu den Vorzügen eines Produktes befrage, gar ihren soziologischen Hintergrund in Erfahrung bringe, so bleibt es eine Befragung von Nutzern von Plastikaware.

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