Ambivalentes Verhältnis zur Moderne: Was ist eigentlich die Pfingstbewegung und warum ist sie global so erfolgreich?


Dass es außerhalb Europas eine sehr stark wachsende Pfingstbewegung gibt, ist oftmals unbekannt. REMID stellte den Religionswissenschaftlern Dr. Sebastian Schüler (Leipzig) und Martin Radermacher (Bochum), den Sprechern des Arbeitskreises „Evangelikale, Pentekostale und Charismatische Bewegungen“ (AK EPCB) der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW), einige Fragen über die globale Bewegung der Pfingstkirchen. Schüler ist außerdem Mitglied im Interdisziplinären Arbeitskreis Pfingstbewegung. Die beiden haben uns jetzt ihre Antworten geschickt.

 

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Zur Größe der Pfingstbewegung (Pentekostalismus) liegen sehr unterschiedliche Schätzungen vor. Diese zeigen wir in einer weiteren Grafik. Diese Tabelle listet konfessionale Strömungen des Christentums. In den meisten Fällen handelt es sich um Selbstauskünfte. Die beigefügte Jahreszahl ist das Datum der jeweiligen Schätzung oder Zählung. Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Grafik.

Bild von REMID e.V. unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Evangelikalismus, freikirchliches Christentum, charismatisches Christentum – viele Begriffe begegnen, wenn man beginnt, sich mit der Pfingstbewegung alias dem Pentekostalismus zu beschäftigen. Wie verorten Sie die Pfingstbewegung?

Der Protestantismus besteht seit jeher – anders als der deutsche Kontext und die Institution der EKD manchmal suggerieren – aus einer Vielzahl von Kirchen, Bewegungen und Denominationen. Entsprechend schwer ist es, eine konkrete Bezeichnung zu finden, zumal nicht selten Fremd- und Eigenbezeichnungen sich überschneiden.

Das sogenannte charismatische Christentum, zu dem auch der Pentekostalismus zählt, wird in Deutschland in der Regel von den evangelischen Landeskirchen unterschieden. Charismatisch-christliche Gemeinden werden oft auch als Freikirchen bezeichnet, weil sie sich unabhängig von der Institution der EKD organisieren und auch finanzieren. Nichtsdestotrotz lassen sich charismatische Glaubensstile auch in vereinzelten Gemeinden der Landeskirche finden und umgekehrt ist nicht jede Freikirche zugleich charismatisch in ihrem Auftreten. Ein charismatischer Gottesdienst ist zudem nicht einmal der gemeinsame Nenner all dieser Bewegungen. Als Gemeinsamkeit kann vielmehr seit der pietistischen Reformbewegung im 17. Jahrhundert der Fokus auf das Subjekt genannt werden, wobei die persönliche Entscheidung für Jesus und für einen frommen Lebensstil die Frage nach der reinen oder richtigen Lehre abgelöst hat.

Während also allgemein die charismatischen Bewegungen und Kirchen bis zum Pietismus und Methodismus im 17. und 18. Jahrhundert zurückreichen, wird die Pfingstbewegung (Pentekostalismus) gern historisch mit dem sogenannte Azusa Street Revival von 1906 in Verbindung gebracht. Der Prediger William J. Seymour veranstaltete in der Azusa Street in Los Angeles Gottesdienste, bei denen sich sogenannte pneumatische Erscheinungen des Heiligen Geistes (sog. Geistesgaben) manifestierten. Erfahrungen wie die Geistestaufe oder Zungenrede (Glossolalie) gab es jedoch schon früher und das Azusa Street Revival war nicht die einzige Erweckungsbewegung zu dieser Zeit, so dass man heute von verschiedenen parallelen Entstehungsorten und -momenten der globalen Pfingstbewegung ausgeht. Die Pfingstbewegung hat sich zudem sehr schnell in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet und es wurden eigene Kirchen gegründet (wie etwa die Church of God oder Assemblies of God), die heute als klassische Pfingstkirchen gelten. Allgemein unterscheiden sich pfingstliche Kirchen etwa von evangelikalen Kirchen oftmals durch die Betonung der Geistesgaben, während sie sich sonst theologisch und politisch nicht so sehr unterscheiden.

Evangelikalismus schließlich wird oft als Sammelbegriff für die schon genannten pentekostalen (pfingstlichen) und charismatischen Christen sowie Neo-Evangelikale und Neo-Charismatische verwendet. Als Neo-Evangelikale werden dabei jene christlichen Strömungen bezeichnet, die sich seit den 1950er Jahren, prominent vertreten durch Billy Graham, verstärkt der nicht-christlichen Gesellschaft zuwenden – sowohl missionierend als auch im Sinne einer Anpassung an populärkulturelle Trends. Sie beharren dabei zumeist auf ihren konservativen Werten. Als neo-charismatisch oder neo-pentekostal gelten wiederum solche Kirchen und Bewegungen, die seit den 1980er Jahren entstanden sind und sich durch einen pentekostalen Stil auszeichnen, ohne die gesamte pfingstliche Theologie zu übernehmen. Sie können daher zwischen klassischen Evangelikalen und Pfingstlern angesiedelt werden und gehören heute zu den am schnellsten wachsenden Bewegungen. Ihr Fokus liegt oft auf Heil und Heilung.

Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die begrifflichen Abgrenzungen und Definitionen äußert problematisch und umstritten sind. In der Realität werden sich immer wieder Überschneidungen ergeben.

 

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Diese krass divergierenden Zahlen finden sich in der Literatur über die Pfingstbewegung. Die Angaben sind in Millionen. Die Definition der Kategorien unterscheiden sich dabei allerdings auch erheblich.

Bild von REMID e.V. unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Auch was Zahlen zur weltweiten Verbreitung betrifft, scheiden sich die Geister. In der REMID-Zusammenstellung „Selected worldwide adherents of religions“ finden sich Angaben von 178 Mio. (J. Mandryke, 2010, innerhalb einer Kategorie „Renewalists“ mit 426 Mio. neben einer teilweise überlappenden Kategorie „unabhängiger“ Kirchen mit 257 Mio.) über 250 Mio. (D. Martin, 2002) bis 500 Mio. (Barrett & T. Johnson, Annual Statistic Table on Global Mission, 2003: „Pentecostal/Charismatics/Neocharismatics“) bzw. 612 Mio. (T. Johnson, ebd., 2012). A. H. Anderson (Introduction to Pentecostalism, 2013) weist dabei darauf hin, dass die Zahlen von Barrett und Johnson „Han Chinese independent churches with an estimated 80 million members, and the African Independent Churches […] with 55 million members“ enthalten. Wie kommt es zu dieser Unsicherheit in der Kategorisierung? Was zeichnet die afrikanischen und chinesischen „Neo-Charismatischen“ aus?

Die unterschiedlichen Zahlen resultieren in erster Linie daraus, dass hier – wie schon angedeutet – ganz verschiedene Gruppen gezählt werden. Wie eben schon deutlich wurde, gibt es keine eindeutigen Klassifikationen und keine allgemeinverbindlichen Organisationen. Dadurch gibt es auch keine offizielle Mitgliederkartei, der man die Zahlen entnehmen könnte. Die unterschiedlichen Fremd- und Selbstbezeichnungen führen dazu, dass gerade quantitative Studien nie ganz vollständig bzw. reliabel sein können. Dies liegt auch daran, dass viele der Gläubigen sich einfach als Christen bezeichnen ohne zwingend zwischen pentekostal, evangelikal oder liberal zu unterscheiden.

Afrika und China gehören sicherlich neben Südamerika und Südostasien zu jenen Gebieten, in denen sich sogenannte neo-pentekostale oder neo-charismatische Bewegungen in den letzten Jahrzehnten am meisten verbreitet haben. Ein Unterschied zwischen Afrika und China muss in den jeweiligen sozio-politischen Ausgangssituationen gesucht werden: Während Pfingstkirchen sich in vielen Staaten Afrikas institutionell freier etablieren konnten, organisierten sich in China vor allem charismatische Kirchen seit der Kulturrevolution oft als Hauskirchen. Seit den 1950er Jahren bis zum Beginn der Kulturrevolution 1966 gab es nur eine offizielle, vom Staat anerkannte, sogenannte patriotische Einheitskirche. Aber auch nach der Kulturrevolution 1976 wurde die Einheitskirche weitergeführt, was zur Folge hatte, dass sich vor allem charismatische Bewegungen in den nicht reglementierten Hauskirchen rasant ausbreiten konnten. In den letzten Jahren wurde der Druck auf solche Hauskirchen sogar erhöht, um dem Wachstum des charismatischen Christentums und damit dem ‚westlichen‘ Einfluss entgegenzuwirken.

 

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Snake handling oder serpent handling (Schlangenprüfung) gehört zu den Ritualen einiger weniger christlicher Kirchen der Pfingstbewegung in den USA. Es wurde von George Went Hensley (1880–1955) in die „Church of God“ von Cleveland, Tennessee eingeführt (das Bild zeigt eine „Church of God“-Gemeinde in Harlan County, Kentucky, 1946). Im Jahr 2001 wurde snake handling noch von rund 40 kleineren Pfingstgemeinden in den USA, hauptsächlich im Gebiet der Appalachen, und vier Gemeinden in Kanada praktiziert (Wikipedia-Paraphrase). Innerhalb der Pfingstbewegung handelt es sich allerdings um ein Nischenphänomen.

Bild von Russell Lee, Public Domain.

 

Eine interessante Episode fand sich in einem neueren Band der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen über Besessenheit (Henning Wrogemann: Dämonologie und Exorzismen als Thema Interkultureller Theologie, S. 57–73). Im Unterkapitel „Dämonologie und kultureller Wandel – Beispiel Hexenkinder“ spielen „Exorzismen in Erweckungskirchen und Pfingstkirchen“ (S. 63) eine Rolle: „Vom Phänomen Hexenkinder kann man eigentlich erst seit den seit den 1980er Jahren sprechen. Es geht grundsätzlich darum, dass für alle nur erdenklichen misslichen Ereignisse wie etwa Krankheit, Arbeitslosigkeit, Gewalt, Kinderlosigkeit, Fehlgeburt, Unfälle, schlechte Schulabschlüsse, wirtschaftliche Erfolglosigkeit oder Streit in der Nachbarschaft angeblich verhexte Kinder verantwortlich gemacht werden“ (S. 61 f). Die Standarderzählung beim Exorzismus in erwähnten Kirchen verlaufe so, dass die angeklagten Hexenkinder von einem Erwachsenen tagsüber etwas geschenkt bekommen haben, dass diese Person ihnen dann nachts erschienen sei und nach einem Gegengeschenk verlangt habe, und zwar in Form von Menschenfleisch (S. 64). Welche Rolle spielen Magie bzw. traditionelle Religionen in Erweckungs- und Pfingstkirchen?

Das evangelikale und pentekostale Christentum ist meist exklusivistisch in seiner Weltanschauung, da nur Jesus als wahrer Erlöser der Menschheit akzeptiert wird. Dies hat bei einzelnen Akteuren und Bewegungen immer wieder dazu geführt, dass gezielt andere religiöse Traditionen oder auch sogenannte magische Vorstellungen und Praktiken als teuflisch angesehen werden. Allgemein wird auch von der Existenz von Engeln und Dämonen ausgegangen, die in der sogenannten „unsichtbaren Welt“ gegeneinander kämpfen und versuchen, Menschen jeweils für Gott oder den Teufel zu gewinnen. Im Alltag kann dann sündhaftes Verhalten als von Dämonen beeinflusst interpretiert werden. Der Dämonenglaube ist vor allem in solchen Gegenden weit verbreitet, wo in der religiösen Umwelt ein aktiver Geister- und Dämonenglaube bereits vorhanden war, wie in vielen Teilen Afrikas. Entsprechend gehört der Umgang mit Geistern und Dämonen ohnehin zu den entsprechenden Kulturen und wird in den Pfingstkirchen aufgenommen und christlich uminterpretiert, wobei meist alle lokalen Geistervorstellungen als teuflisch bzw. dämonisch verstanden werden. Ebenso spielen Besessenheitskulte in solchen Kulturen meist eine größere Rolle als etwa im europäischen Kontext und werden entsprechend in Pfingstkirchen in Form von Dämonenaustreibungen praktiziert, wobei oft eine (christliche) Person angibt, zeitweise von einem Dämon besessen zu sein und dieser von einem Pastor mit Hilfe des Heiligen Geistes ausgetrieben wird.

Auch die Furcht vor „schwarzer Magie“ spielt in gewissen afrikanischen Regionen eine entscheidende Rolle im Alltag, wenn etwa Krankheiten oder Unglücke vermeintlichen Hexen zugeschrieben werden (seltener Hexern) [Anm. Red.: man vgl. auch das Interview Hexe und Gender: Eine Transformationsgeschichte der Diskriminierungsfigur des Ketzers]. Diese religiösen Zuschreibungen prägte aber die kulturelle Umwelt oft auch schon vor dem Einzug pentekostaler Kirchen.

Im europäischen und US-amerikanischen Kontext spielen Dämonenaustreibungen eine kleinere Rolle, kommen aber auch vor. Insbesondere die neo-charismatische Bewegung der „New Apostolic Reformation“, die in den 1980er Jahren in den USA gegründet wurde, betont den Kampf zwischen Engeln und Dämonen und praktiziert auch Dämonenaustreibungen. Ansonsten werden in westlichen Ländern vor allem Magie und magische Praktiken im evangelikalen Milieu thematisiert. Die Frage, ob Kinder die Romane um den Zauberer Harry Potter lesen sollten, treibt viele Christen um. Als magisch werden hier oft Vorstellungen und Praktiken verstanden, bei denen der Mensch selbst Einfluss auf seine Umwelt und Mitmenschen nehmen möchte und Gott dabei unberücksichtigt bleibt.

Ob es sich bei dem genannten Beispiel von „Hexenkindern“ um eine weit verbreitete Praxis oder eher um eine Nischenpraxis handelt, können wir nicht beurteilen, da uns diese Fälle nicht bekannt sind. Oftmals werden aber solche Beispiele von Seiten der Großkirchen hochgespielt, um vor bestimmten Glaubensgruppen zu warnen.

Wie sehen die Forschungsmeinungen zu der Frage aus, warum gerade diese Form von Christentum global so erfolgreich ist? Wo ist sie es nicht, und warum?

Das pentekostale und evangelikale Christentum gilt allgemein als sehr anpassungsfähig, indem es lokale Gebräuche und Wertvorstellungen aufgreift und diese christlich uminterpretiert. Dies wird nicht selten als ein Erfolgsfaktor angesehen. Als wesentlich stärkeren Faktor für dessen Verbreitung sehen wir jedoch die Betonung des sogenannten Wohlstandsevangeliums (in der Selbstbezeichnung „Word of Faith“, manchmal auch als Prosperity Gospel oder etwas abschätzig als Health and Wealth Gospel bezeichnet). Gerade in sozial und ökonomisch schwachen Regionen in Südamerika, Afrika und Asien verheißt diese Theologie einen sozialen Aufstieg und ökonomische Besserung für Konvertiten. Typischerweise sind es zuerst Frauen, die solche Gemeinden aufsuchen und dann später ihre Männer ebenfalls zur Konversion bewegen.

Auch in den ehemaligen sogenannten Ostblockstaaten lässt sich ein zunehmendes – wenn auch etwas verhaltenes – Interesse am charismatischen Christentum beobachten. In die ‚weltanschauliche Lücke‘, die der Sozialismus dort hinterlassen hat, drängen heute viele religiöse Angebote, wobei die Pfingstbewegung durchaus Erfolge verzeichnet.
In den ‚westlichen Ländern‘ sind es wohl hauptsächlich der adaptive Umgang mit populärkulturellen Trends sowie die Anpassungsfähigkeit an ‚moderne‘ Ideale wie Selbstoptimierung und Individualismus, die den Evangelikalismus zu einer vergleichsweise anschlussfähigen Bewegungen machen. Dennoch ist das Wachstum dieser Gemeinschaften in Europa und in Deutschland im Besonderen verhältnismäßig gering, was in der Regel auf allgemeine ‚Säkularisierungstrends‘ sowie die traditionell starke Position der christlichen Großkirchen zurückgeführt wird.

 

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Sänger und Chor in der Pfingstkirche De Levende Steen (der lebende Stein) in Spijkenisse (Niederlande) 2013.

Bild von Peter van der Sluijs unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Wie ist das Verhältnis von Pfingstlern zur Moderne? Inwiefern sind sie ein modernes Phänomen?

Die Pfingstbewegung ist einerseits ein modernes Phänomen, da sie seit ihrer Entstehung im frühen 20. Jahrhundert recht schnell auf moderne Kommunikationsmedien setzte. So gründete etwa die Amerikanerin Aimee Semple McPherson bereits 1924 einen der ersten christlichen Radiosender in den USA. Andererseits gelten die Pfingstbewegung und der Evangelikalismus in vielen weltanschaulichen Belangen als rückständig bzw. reaktionär. So vertreten viele Anhänger dieser Bewegungen die Ansicht, dass die Evolutionstheorie nach Charles Darwin falsch sei und die Erde so geschaffen wurde, wie es im Buch Genesis beschrieben wird. Auch in vielen moralischen Fragen zu Ehe, Sexualität und Abtreibung vertreten Pfingstler und Evangelikale meist sehr konservative Ansichten, was ihnen einen antimodernen – im Sinne von nicht-fortschrittlichen – Ruf verliehen hat.

In den letzten zwei Jahrzehnten gab es auch immer wieder Versuche, postmoderne Ideale und modernekritische Theorien im Evangelikalismus aufzunehmen. Als postmoderne Evangelikale sehen sich etwa Anhänger der sogenannten Emerging Church Bewegung, die am klassischen Evangelikalismus und am Neo-Evangelikalismus kritisieren, dass diese sich zu sehr den Idealen der Moderne wie Fortschrittsgläubigkeit und Kapitalismus verschrieben hätten. Stattdessen vertreten sie einen reflexiven Umgang etwa mit Konsumgütern durch den Kauf von Fair-Trade-Produkten und durch ein erhöhtes Bewusstsein für Umweltschutz. Auch Institutionalisierungsprozesse wie etwa die Etablierung von Megakirchen oder soziale und ethnische Segregation werden unter emergenten Evangelikalen kritisch diskutiert.

In dieser Hinsicht kann man Pfingstlern und Evangelikalen ein ambivalentes Verhältnis zur Moderne attestieren, das zwischen Ablehnung und Anpassung oszilliert.

Wie sieht es mit Diskriminierung von Pfingstlern, aber auch durch Pfingstler aus? Was lässt sich von daher zu Religionsfreiheit betreffenden Aspekten sagen?

In pfingstlichen Kreisen finden sich immer wieder Diskurse zu „Christenverfolgungen“ vor allem in islamisch geprägten Ländern. Abgesehen von den realen Vorfällen von Christenverfolgung dient dieser Diskurs auch häufig der Selbstvergewisserung des eigenen Glaubens bzw. der Solidarisierung mit Christen weltweit. Pfingstler, die solchen Verfolgungen persönlich nicht ausgesetzt sind, können auf diese Weise sich selbst auch als Minderheit etwa in säkularen Gesellschaften stilisieren. Umgekehrt findet auch Diskriminierung durch Pfingstler im weitesten Sinne statt, etwa wenn offen gegen Homosexuelle oder Andersgläubige protestiert wird und dabei Beschimpfungen skandiert werden. Im Rahmen von Religionsfreiheit und Grundgesetz sind diese Formen der Diskriminierung zwar legal, tragen aber oft dazu bei, das Image der Evangelikalen als rückständig und fundamentalistisch noch zu vertiefen.

Unter welchen Fragestellungen untersuchen aktuell Religionswissenschaftler_innen die Pfingstbewegung?

Die Erforschung von Pfingst- und charismatischen Bewegungen ist wie andere Wissenschaften auch von wissenschaftlichen Trends abhängig. Dennoch lässt sich sagen, dass bestimmte Themen wie Gebet (und vor allem Glossolalie), Besessenheit und Exorzismus, Politik und kultureller Wandel sowie Globalisierungsprozesse immer wieder in den Fokus der Forscher rücken. Andere Themen, die in den letzten Jahren hinzukamen, untersuchen etwa Körperpraktiken in Gottesdiensten, Frömmigkeitsstile, Gender-Diskurse, Medien, Institutionen wie Megakirchen und institutionellen Wandel sowie Heilung und Wunder.

Im Allgemeinen ist das Christentum für die Religionswissenschaft im deutschsprachigen Raum aber ‚Neuland‘, weil sich die Disziplin seit ihren Anfängen um eine Emanzipation von den Theologien bemüht und daher ihren Fokus besonders auf die ‚fremden‘ und ‚exotischen‘ religiösen Traditionen legte. Umso erfreulicher ist, dass die Erforschung des Christentums nun auch in der Religionswissenschaft angekommen ist und sich auch international eine „Anthropologie des Christentums“ etabliert hat.

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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