Religionswissenschaft & Gender Studies: Selbstbestimmungsrechte und Theorie

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Dieser Essay ist vielfach motiviert: Die neue Meta-Diskussion, die Prof. Christoph Kleine kürzlich eröffnete, gehört dazu (auf dieses Interview werden alsbald weitere folgen); Überlegungen zum Thema Religion und Journalismus; das zuletzt erschienene Interview mit Dr. Dana Fennert, insofern dort neben islamischem Feminismus über eine global und interreligiös vernetzte Pro-Familie-Bewegung berichtet wurde; und schließlich eine Art Kampagne der lokalen Marburger Presse über einen Vortrag, der teilweise wegen Ausladung des Referenten und teilweise wegen Absage durch den Referenten gar nicht stattfinden wird. Was diese unterschiedlichen Dinge miteinander zu tun haben könnten, möchte ich im Folgenden eruieren. Damit aber die Stoßrichtung unmittelbar klar wird: Die Gender Studies liefern so etwas wie das theoretische Rüstzeug für gesellschaftlich-politische Akteur_innen, welche das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung stärken wollen; die Religionswissenschaft könnte eine ähnliche Rolle in ihrem Feld von Religion, Spiritualität, Weltanschauung übernehmen. Dann ginge es um religiöse und weltanschauliche Selbstbestimmung. Die angedeutete Theorie- und Methoden-Diskussion hängt damit aber zusammen, denn die Analogüberlegung mit den Gender Studies zu Ende zu denken bedeutet, entsprechend den sexuellen Minderheiten gerade auch die Belange der religiösen und weltanschaulichen Minderheiten ernstzunehmen. Das hat theoretische Konsequenzen. Das wäre auch eine normative Entscheidung.

 

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Dieser „inclusive restroom“ wurde 2015 in der Miraloma Elementary School in San Francisco eingerichtet. Der Fotograf Ted Eytan hat seine Aufnahme unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht, mit der Einschränkung, dass die Verwendung in einem homophoben, transphoben oder mit diskriminierenden Kontext untersagt ist.

Bild von Ted Eytan unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 2.0.

 

Einleitung

Um es vorab zu sagen: Dies ist eigentlich kein Artikel über Religion und Gender. Zu diesem Thema empfehle ich die Interviews mit Dr. Fennert über islamischen Feminismus, mit Kristina Göthling über die Hexe als Transformationsgeschichte der Diskriminierungsfigur des Ketzers und mit Dr. Jeannette Spenlen über religiöse Erziehung im Islam Deutschlands und Ägyptens sowie den Essay „‚All inclusive‘ optimiert: Lebensergänzungsmittel ‚Psychokult'“. Im Zentrum steht stattdessen die Wahrnehmung eines ‚Streits der Fakultäten‘ (so bereits der Titel einer Schrift des Philosophen Immanuel Kant von 1798). Dabei ist diese Bezeichnung eigentlich unzutreffend und zielt eher auf die Polarisierungen in der Debattenkultur ab, die etwa im versprochenen Beispielfall aus der Lokalpresse Marburgs längst weit unter der Gürtellinie stattfindet.

Kutschera und die „Feministensekte“

So veranstaltet die Philipps-Universität seit 1999 ein „Studium Generale“, das auch insbesondere für ein interessiertes außerakademisches Publikum ausgerichtet ist. Dieses Sommersemester lädt der Fachbereich Biologie in dieser besonderen Reihe ein zum Thema „Evolution“. Prof. Dr. Stefan Rensing hatte dabei ursprünglich als Eröffnungsvortrag Prof. Dr. Ulrich Kutschera (Universität Kassel) vorgesehen. Es hätte um „Evolutionstheorien und der kreationistische Grundtypen-Glauben“ gehen sollen. Kutschera ist aber gerade wegen eines anderen Themas in aller Munde, denn er tritt seit einiger Zeit vehement als Gegner der Gender Studies auf. In der Pressemitteilung des Zentrums für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung vom 4. April wird betont: „Kein Podium für diffaminierende Pauschalisierungen“; ergänzt um die Empfehlung der Frauenbeauftragten Silke Lorch-Göllner, dass „[w]echselseitige Diffamierungen […] der Wissenschaft und dem Dialog der Disziplinen über die Fächergrenzen hinweg [schaden]. Die Universität kann daher nicht akzeptieren, dass bestimmten wissenschaftlichen Disziplinen, wie beispielsweise den Gender Studies, generell die Kompetenz und Legitimität abgesprochen wird“. Die Oberhessische Presse scheint nun daraus ein Dauerthema machen zu wollen; mit ziemlich einseitiger Überrepräsentation der Kutschera-Position.

In der Ausgabe vom 7. April wird der Angelegenheit zum wiederholten Mal eine ganze Seite gewidmet: Ein Interview mit Kutschera („Forscher warnt vor ‚Gender-Ideologen'“), ergänzt um einen Schaukasten „Das sind die strittigen Thesen“, umrahmt von zwei Leserkommentaren. Ein Marburger wirft unter dem Titel „Diktatur des Mainstreams“ dem Senat und der „Universitätsspitze“ vor, eingeknickt zu sein vor dem „Protest der Feminismusfraktion“ – ein Text, dem es gelingt, außerdem Immanuel Kant, NS-Terror und „Islamkritik“ zu verknüpfen. Dass der andere Beitrag von Prof. Dr. Bernhard Dressler (Theologie Marburg) eigentlich Kutschera kritisiert, verrät die Überschrift „Höchst umstritten“ nicht. Allerdings nennt dieser Verteidiger der Genderforschung auch die darwinistische Evolutionstheorie nebenbei das „bislang (!) [Ausrufezeichen im Original] plausibelste[] Erklärungsmodell der Evolution“. Zwar hat er damit recht, der Satz ist wissenschaftstheoretisch banal, doch könnte es im Kontext passieren, dass Leser_innen auch eine Verteidigung des Kreationismus an dieser Stelle angedeutet sehen, etwa durch diese einmalige Verwendung eines Ausrufezeichens.

Und Kutschera? Der Autor des Buches „Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen“ (2016), das dieser auch umfangreich auf den Seiten der (atheistischen) Richard-Dakwins-Foundation für Vernunft und Wissenschaft bewerben konnte, schafft es – auch wenn er im Interview mit eigentlich antireligiöser Stoßrichtung die „Gender-Ideologen“ mit „bibeltreuen Kreationisten und Zeugen Jehovas“ in Beziehung setzt – mit dieser Marburger Episode auch in religiöse Medien. Idea, die evangelikale Nachrichtenagentur, titelte am 24. März: „Evolutionsbiologe: Universität Marburg lädt Genderkritiker aus“. Auch kath.net, ein in Österreich betriebenes privates Online-Magazin mit katholischen Nachrichten, kopiert diese Nachricht, welche auch zur Quelle der Schilderung der Angelegenheit im Wikipedia-Artikel Kutscheras (Version 3. April) wurde.

Bei kath.net wird der Beitrag ergänzt um ein Video „Birgit Kelle im Gespräch mit dem Evolutionsbiologen Professor Ulrich Kutschera“ (2015, Speicherort auf kathtube.com). Es ist durchaus interessant, die diversen beteiligten Akteur_innen hier etwas näher zu beleuchten, die hier an der Aufbereitung und medialen Platzierung eines ursprünglichen Radio-Features beteiligt waren. Die Interviewerin Birgit Kelle gilt als eine wichtige Protagonistin der antifeministischen Szene, Andreas Kemper findet in einem taz-Artikel von 2014 Verbindungen von ihr zu den „erzkonservativen“ Legionären Christi. Auf Nicht-Feminist.de wiederum, die das Video für das Internet aufbereitet haben, schreiben diverse Autoren, darunter der Schriftsteller Bernhard Lassahn, der zuletzt 2013 für Aufsehen sorgte, als er ein homophobes „Plädoyer für die Liebe“ hielt, auf der „2. Compact-Konferenz für Souveränität“ (vgl. Jens Mühling: „Unter Rechtspopulisten – Thilo Sarrazin als Stargast bei Homophoben-Treffen“, Tagesspiegel). Es ist nicht der einzige Schriftsteller in dieser Autorenliste.

Der erwähnte Videobeitrag selbst ist – wie bereits eingangs erwähnt – ein Radiomitschnitt, die Sendung von KingFM – namentlich möglicherweise orientiert an dem Youtube-Format „KenFM“ von Ken Jebsen, Hauptredner der sogenannten Montagsmahnwachen für den Frieden, deren politische „Brauntöne“ vielfach problematisiert worden sind. Bei KingFM, so schließt sich der Kreis, gehören Birgit und Klaus Kelle zum Redaktionsteam. Inhaltlich wird Kutschera eingangs von Kelle zitiert, er spreche von einer „Feministensekte“, und gefragt, ob er bereits Personenschutz benötige. Kutschera ist dabei ‚radikaler‘ Naturalist, insofern es „keinen Sinn“ mache über „das Menschsein“ zu diskutieren, wenn man „keine Ahnung von Biologie“ habe (2:20) bzw. „ohne naturwissenschaftliches Grundstudium“ (3:05).

Soweit zu den heterogenen Akteur_innen, welche Kutscheras Position rezipieren. Aber die Argumente beider Positionen, die hier mit den vermeintlich einheitlichen akademischen Fächer Gender Studies und Biologie assoziiert werden, können hier nur angerissen werden. Die seltsamen Netzwerke, die sich offenbar um Kutschera auftun, könnten noch weiter in ihrer Tiefe analysiert werden. Auch Fragen, etwa wie sehr dieser Autor dafür verantwortlich sein könnte, welche Arten Fans er versammelt, oder warum er die Interviewanfrage von Frau Kelle bzw. KingFM annahm, sollen an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. An dem konkreten Fall bleibt spannend, wie dieser Mann von konservativen Netzwerken ‚instrumentalisiert‘ wird, der vermutlich doch eher weltanschauliche Nähe zu Dawkins und den neuen Atheisten haben wird, als dass er einer religiös motivierten Pro-Familie-Bewegung argumentativ zu Hilfe eilen wollen könnte. Interessant ist ebenfalls, dass religiöse und antireligiöse Akteur_innen gerade einen „dekonstruierenden“ Aspekt der Gender Studies zum Ausgangspunkt ihrer Kritik machen. „Evolution ist aus deren Sicht nur ein Glaubenskonstrukt“, klagt Kutschera in der Oberhessischen Presse, im konservativen Milieu spricht man von „Auflösung“ der Geschlechter, der Familie. „Dekonstruktion“ meint hier weniger einen intensiven Methodenbezug zu Arbeiten von Jacques Derrida und Paul de Man, es geht schlicht um den Hinweis, dass die Wirklichkeit (auch und insbesondere) sozial konstruiert sei, und um eine auf diese Weise motivierte Sprachkritik. Es handelt sich also zunächst um eine wissenschaftstheoretische Grundsatzentscheidung. Erst im zweiten Schritt wird daraus das theoretische „Rüstzeug“ für eine politische Agenda. Entsprechend werden auf unterschiedlich intensive Weise von den diversen „antifeministischen“ Akteur_innen „biologische objektive Tatsachen“ und/oder eine „göttliche Natur“ herangezogen, um aus einem „Sein“ auf ein „Sollen“ – sei es eine religiöse Agenda oder eine normativ aufgeladene Interpretation der Evolutionstheorie – zu schließen (man bedenke aber das Sein-Sollen-Problem in der Philosophie). Das „Recht auf sexuelle Selbstbestimmung“ wird am Ende gar missgedeutet als „Propaganda“ für nicht-heterosexuelle Orientierungen sowie als „Ursache“ einer „Früh“- oder „Übersexualisierung“.

 

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Gender Equality und Religion müssen nicht notwendig Gegensätze sein: Muslimische Männer der damals neugegründeten Studentenverbindung Alif Laam Meem Muslim Fraternity sprechen sich bei einer Demo 2013 im texanischen Dallas gegen Gewalt an Frauen und für Frauenrechte aus. In einem Artikel der New York Daily News aus dem September 2013 wird der Gründer und Präsident Ali Mahmoud damit zitiert, dass die Verbindung für alle Männer offen sei, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.  Klicken Sie auf das Bild, um zu dem Artikel gelangen.

Bild von AliMMahmoud94 unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Religiöse und weltanschauliche Selbstbestimmung

Spätestens an dieser Stelle, wenn nicht bereits beim Stichwort „Feministensekte“, dürften Ähnlichkeiten mit dem Verhältnis von Religionswissenschaft und öffentlichen Debatten erkennbar werden. Auch Religionswissenschaftler_innen betreiben Sprachkritik, man vgl. etwa die Zusammenstellung Religion & Vorurteil von A-Z. Auch hier geht es um essenzialistische (und damit normative) Aufladungen von Begriffen, nur eben nicht um „Mann“, „Frau“, „Geschlecht“, „Familie“, sondern um „den Islam“, „Sekten“ und „Weltreligionen“. Und auch hier besteht die Kritik in einer Neubestimmung von Begriffen, nach der es eben – normativ, aber aus dem Motiv einer wissenschaftstheoretischen Korrektur heraus – nicht mehr darum gehen sollte, wann etwas ein „wahrer“ Mann oder eine „wahre“ Religion, ein „wahrer“ Islam sei, gerade weil damit ideologische oder weltanschauliche Implikationen bereits in den Begriffen mitschwingen, welche aber letztlich eine neutrale Perspektive verunmöglichen. Dabei scheint die Person, welche die Einheit „des Islams“ betonen möchte, über das Verhältnis zur Gewalt sprechen zu wollen (und je nach Seite ist diese Gewalt dann gerade oder gerade nicht islamisch). Und „Sekten“ sind nicht einfach relativ kleine und relativ neue Religionen, sondern von „Sekten“ zu sprechen bedeutet in öffentlichen Debatten eigentlich immer, auf „Probleme“ aufmerksam machen zu wollen. Mit „Weltreligionen“ betreibt man interreligiös „Dialog“, mit „Sekten“ eher nicht. Und auch bei den evangelischen Landeskirchen ist jeweils eine andere Einrichtung für diese anderen Religionen zuständig. Die geringe gesellschaftliche Akzeptanz von religiöser und weltanschaulicher Selbstbestimmung scheint sogar soweit zu gehen, dass es für eine Journalistin des Hessischen Regionalfernsehens naheliegend erscheinen kann, aus einer REMID-Zahl der Religionen in Deutschland eine Zahl der „Sekten“ zu machen (vgl. Video vom 20. April 2015). Schließlich gibt es auch in diesem Feld eine internationale „Anti Cult Movement“, welche einer entsprechend internationalen (aber weitaus geringer vernetzten) „Pro Cult Movement“ gegenübersteht. Wie auch bei Feminismus versus Pro-Familie-Bewegung (Fennert) gibt es in beiden Lagern vereinzelt Tendenzen zu verschwörungstheoretisch wirkenden Netzwerkanalysen des Gegners. Die Gender Studies liefern dabei nicht nur das theoretische Rüstzeug, die Kritik und Analyse von z.B. Geschlechterbildern in Geschichte und Gegenwart zeigt Vorurteile und Diskriminierung auf. Genau das ist das Selbstverständnis von REMID als Religionswissenschaftlichem Medien- und Informationsdienst in Bezug auf religiöse und weltanschauliche Vielfalt. Die Erkenntnisse der Religionswissenschaft sollen dem gemeinnützigen Zweck zugeführt werden, mit ihrer Hilfe zu deeskalieren, Vorurteile abzubauen und Diskriminierung zu reduzieren – in anderen Worten ein tolerantes Miteinander mit dadurch zu ermöglichen. Und auch Religionswissenschaftler_innen bzw. REMID wurde schon wiederholt vorgeworfen, Teil einer „Kult-Lobby“ zu sein oder eine Unterorganisation von Scientology usf.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es sollte bei Religions- und Weltanschauungsfreiheit nicht um ein (religiös oder weltanschaulich begründetes) Recht auf Diskriminierung (anderer Gemeinschaften oder Selbstverständnisse) gehen. Problematische Aspekte von Weltanschauungen religiöser oder nicht-religiöser Art müssen weiterhin thematisiert werden, ob es dabei nun um sexuelle Selbstbestimmung oder antidemokratische politische Elemente dieser Weltanschauungen geht. Sicherlich wird es Fälle geben, wo beide Rechte in Konflikt miteinander geraten können, z.B. bei der Frage einer Übernahme des Verkündigungsamtes im Katholizismus durch Frauen, welche in der Moderne ein wichtiges Motiv für die Entstehung einiger katholischer Kirchen darstellt, die nicht oder nicht mehr mit Rom in Union sind (man vgl. auch unseren Trendreport 2013). Also es bleibt ein Missbrauch von Religionsfreiheit, mit ihrer Hilfe die Diskriminierung von Homosexualität legalisieren zu wollen wie aktuell im US-Staat Mississippi.

Aber es ist entscheidend, wem das Recht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit zugestanden wird und welcher religiösen oder weltanschaulichen Minderheit nicht. Und aus welchen Gründen. Solange auch beim Themenkomplex „Religionen“ weiterhin essenzialisiert aufgeladene Begriffe – z.B. in den Zeitungen – die Debatten dominieren, werden auch hier Vorurteile und Diskriminierung vorherrschen. Und das ist auch kein Kritikverbot. Statt über das unteilbare Wesen des Islam theologische Sätze zu formulieren (und selbst als „Islamkritiker“ damit ein wenig einen „auf Imam“ zu machen, also die Heiligen Schriften theologisch für die Gläubigen zu deuten) und über die Gesamtverderbtheit dieser Weltreligion zu spekulieren, könnte man besser Personen und Organisationen etc. beim Namen nennen, auch wenn das Mühe und Differenzierung erfordert. Entsprechend darf man eine neue religiöse Bewegung kritisieren, aber auch hier gilt, Tatsachen vor vermuteten Sektenklischees, konkrete Personen benennen statt eine übermächtige dunkle Welt der Sekten zu konstruieren. Denn in einer solchen Perspektive geht es nicht um religiöse oder weltanschauliche Emanzipation und Selbstbestimmung, sondern die Summe der Minderheiten wird zum Ausweis eines Analogons der vermeintlichen „Früh“- oder „Übersexualisierung“ durch Gender-Diversität, also zu einem Anzeichen eines wahrgenommenen gesellschaftlichen Werte-Verfalls. Den Anschauungen der Minderheiten wird die Essenz (Wahrhaftigkeit) abgesprochen. Entsprechend scheint es vermutlich nicht allein für Ulrich Kutschera nur einen „wahren“ Sex zu geben, in Hinsicht auf seine Äußerungen zum Thema „Homosexualität und Evolution“ im Humanistischen Pressedienst 2008, z.B.: „Der Begriff ‚Homo-Sex‘ ist, evolutionsbiologisch betrachtet, fragwürdig“; „Die wenigen gut belegten tierischen ‚Same-Sex-Interaktionen‘ erfüllen vermutlich den Zweck einer ‚Übung für den Ernstfall‘ bzw. Gruppen-Bindungen und sind auf menschliche Verhaltensweisen nicht übertragbar“.

 

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Youtube-Screenhot des Kanals „Klagemauer.TV“ von Ivo Sasek, Gründer der „Anti-Zensur-Koalition“ und der „Organischen Christus-Generation“ (OCG). Die von Sasek verantworteten Youtube-Beiträge (zu denen auch Jugend-TV.net gezählt wird) berichten häufig in einer ablehnenden Art und Weise über „Genderismus“ oder „Gender-Mainstreaming“. Die Kritik an diesen Medienformaten konzentriert sich aktuell häufig darauf, dass Saseks OCG „typische Merkmale einer Sekte“ (Wikipedia) aufweise. Dabei dürfte inzwischen deutlich geworden sein, dass die problematisierten Inhalte (Sexismus, Rassismus, Verschwörungstheorien) gerade nicht auf das Moment religiöser oder weltanschaulicher Innovation zurückzuführen sind, sondern auch in weiten Teilen der (nicht-„sektiererischen“) Gesellschaft verbreitet.

 

Fazit

Aus einer klassischen Perspektive, die sich eher um den reichen Traditionsfundus der großen „Weltreligionen“ bemüht, mögen die Streitereien der Religionswissenschaftler_innen um den Religionsbegriff (oder aktuell um den Islambegriff) ermüdend und nebensächlich wirken. Die über Jahrhunderte entwickelte Systematik stößt erst an Grenzen, wenn es um Randphänomene, neue religiöse Bewegungen und konfessionslose Weltanschauungen geht. Sind die Aleviten eher eine neue Religion mit islamischem Hintergrund oder schiitischer Islam? Sind die „Mormonen“ eine christliche Gemeinschaft oder eine neue religiöse Bewegung? Was ist noch „Protestantismus“? Wie kann es „unabhängige“ katholische Kirchen geben? Ab welchem Preis-Leistungs-Verhältnis ist etwas keine religiöse Dienstleistung mehr, sondern Scientology? Hat Europa insofern vielleicht eine Sonderrolle in der Welt der Religionen und Weltanschauungen, insofern gerade im „Westen“ eine besondere Traditionsferne oder eine bemerkenswerte Qualität der religiösen und weltanschaulichen Innovationen erreicht worden ist, welche sich in welcher Weise auch immer von demjenigen spirituellen Erfindungsreichtum Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas unterscheidet? Oder: Welche Rolle haben eigentlich erkenntnistheoretische Konzepte wie Naturalismus versus Konstruktivismus bei Weltanschauungen? Ist es nur Polemik, Kutscheras Bezugnahme auf „objektive Tatsachen“ mit der philologisch gleichsam naiven „Bhagavad-gītā, wie sie ist“ von Hare-Krishna-Begründer Pradhupada zu vergleichen (Vorwort, S. 5: „Unsere Bewegung für Kṛṣṇa-Bewußtsein ist unverfälscht, geschichtlich autorisiert, natürlich und transzendental, da sie auf der Bhagavad-gītā Wie Sie Ist gründet“)?

Sicherlich ist auch klar, dass eine solche (normative) Entscheidung, dass die Religionswissenschaft das theoretische Rüstzeug dafür liefern könnte, damit Religions- und Weltanschauungsfreiheit nicht nur den üblichen Verdächtigen zuteil wird, zu einem noch größeren Bruch mit den Theologien führen wird. Zwar sind hier die „objektiven Tatsachen“ nur traditionelle Prägungen von Begriffen, die aber trotzdem vergleichbar wirkmächtig sind. Auch wenn Theologien sich heute gerne als „wissenschaftlich“ begreifen und darstellen mögen, bleibt ihr Interesse doch die Verkündigung „wahrer“ (metaphysischer) Tatsachen. Sie können also gar nicht den hier mit dem Wort „Dekonstruktion“ markierten Weg zu Ende gehen. Man mag den Weg der Auseinandersetzung nicht gut heißen, der aktuell scheinbar auch weite Teile der Gesellschaft spaltet, etwa wenn es um die Anliegen der Gender Studies oder von politischen Akteur_innen geht, die sich für Frauen- oder LGBT-Rechte einsetzen. Von der Tendenz eines Auseinanderdriftens der Gesellschaft in Fragen von kulturalistischem Rassismus versus Antirassismus und „Willkommenskultur“ gar nicht erst zu sprechen. Oder von der jeweiligen Tendenz, die Netiquette gepflegter Debattenkultur weit hinter sich zu lassen. Aber diese Tendenz ist ja auch nicht zufällig, sondern eben eine hilflose Reaktion auf die Bezeichnung als „Sexist_in“ oder „Rassist_in“. Und es ist eben nicht trivial, auf z.B. Alltagsrassismus oder Alltagssexismus hinzuweisen, sondern das ist ein Akt der Emanzipation. Insofern ist es für ein Fach wie die Religionswissenschaft relevant, sich zu überlegen, ob es diese Auseinandersetzung wagen will. Dafür müssen die Begriffe so operationalisiert werden, dass sie nicht an der Vielfalt der Minderheiten scheitern, und Diskriminierung könnte von politischen Akteur_innen leichter angesprochen werden. Dann klappt es übrigens auch besser mit den Medien, dass Journalist_innen und deren Leser_innen zu unterscheiden lernen, zwischen Religionswissenschaft und Theologie oder zwischen Islamwissenschaft und Islamischen Studien.

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

  1. Zur Kutschera-Debatte sei auch noch auf folgenden neueren Kommentar auf den Seiten des Marburger Zentrums für Gender Studies hingewiesen. Die Autorin, Dr. Marion Näser-Lather wurde hier zu früherer Zeit interviewt über Wicca: eine performative „Naturreligion“ und die (re)konstruierte Tradition.

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