Rechte Ideologie im esoterischen und neureligiösen Bereich

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Eine erprobte PR-Strategie in Überlegungen mit Praktikant_innen bei REMID bestand darin, in einigen Online-Medien eigene Kommentar-Accounts (die dann auch meistens „REMID“ heißen) zu unterhalten und gelegentlich zur Platzierung eines Kommentars zu nutzen. Ein Kommentator im Forum der zum Heise-Verlag gehörenden Online-Zeitung „Telepolis“ reagierte darauf mit einer ausgeklügelten Fantasie. In seiner Antwort stellt er mehrere Desinformationspraktiken vor, die wir angeblich verwendet hätten. Er schließt damit, „[m]an findet hier in der Tat sehr viele professionell vorgehende Kommentatoren, die ganz offensichtlich intensiv geschult wurden, um massiv im Interesse ihrer Auftraggeber auf unliebsame Meinungen einwirken zu können. Dazu verwenden sie vermutlich die bereits mehrfach erwähnte, von US-Programmierern entwickelte Sockenpuppen-Software, mit der sich zahlreiche Accounts für alle gängigen Social-Media-Plattformen verwalten und steuern lassen“. Es ging darum, inwiefern bestimmte Äußerungen des Montagsmahnwachen-Aktivisten und „alternativen“ Journalisten Ken Jebsen antisemitisch sind oder antisemitische Denkmuster bedienen. Jutta Ditfurth spricht bezüglich der Montagsmahnwachen für den Frieden von einer neurechten völkischen Bewegung. Entscheidend für diese sind „alternative“ Medien wie Blogs, Youtube-Channels, Facebook-Gruppen uvm. Dabei spielt auch ein Teil des esoterischen und neureligiösen Bereichs eine Rolle. Sowie eine spezielle Art von Metaphysik des Bösen.

 

Neue Weltordnung / 666 = Illuminati / Satanist

Graffiti „Neue Weltordnung / 666 = Illuminati / Satanist“ am Bahnhof Stadtallendorf / Hessen (2016). Der oder die Künstler_innen haben ähnliche Graffiti im Umkreis angebracht, welche die Stichwörter IS, Vatikan, NATO, dritter Weltkrieg usf. ergänzen – neben dutzenden Gleichheitszeichen.

 

Begriffsbestimmung

Zunächst gilt es zu klären, was genau hier unter rechter Ideologie verhandelt werden soll. Es kann nicht darum gehen, sämtliche „konservative“ Positionen einzubeziehen. Das würde beim Thema Religion und Spiritualität ein absurdes Ergebnis liefern, das außerdem keine Differenzierungen erlaubt. Insofern gilt es genau abzugrenzen, welche Phänomene bzw. Ideologeme gemeint sind. Und es ist zudem Vorsicht geboten, nicht mit zweierlei Maß zu messen, und etwa einen besonderen „Guruismus“ eher zu kritisieren als die päpstliche Autorität. Insofern soll sich beschränkt werden auf bestimmte dann „rechtspolitisch“ aufgeladene Diskriminierungspraxen und -diskurse (Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Islamfeindlichkeit), davon unterschieden das besondere Phänomen einer Mythisierung der Verherrlichung des Nationalsozialismus (vgl. Von Aldebaran bis Vril. Interview über esoterischen Neonazismus) und schließlich ist eine spezielle Vorliebe für letztlich menschenverachtende libertäre bis faschistische Utopie-Entwürfe zu nennen.

Dabei soll hier auch nicht von einer grundsätzlichen Regressivität der Esoterik ausgegangen werden (zu ihr allgemein: siehe unsere Kurzinformation und den Artikel „Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?“, 2013). Frühe Debatten der Hermetic Studies simplifizierend – stellte sich als deren Tenor die Ansicht heraus, dass die Hermetik der Frühen Neuzeit progressiv gewesen sei und die Aufklärung vorbereitet und begleitend kreativ angetrieben habe, während die Esoterik der Moderne regressiv, also rückständig geworden sei (vgl. kritisch überhaupt zu der Idee einer eigenständigen „Hermetic Tradition“ Wouter J. Hanegraaff: Beyond the Yates Paradigm. The Study of Western Esotericism between Counterculture and new Complexity, Aries, 2001). Als Beispiele dienten dabei zumeist die Theosophie mit besonderer Betonung ihrer Rassenlehre, die Bedeutung mancher esoterischer Denkmuster für den Nationalsozialismus und einige seiner Vorgänger – insbesondere die Idee des arteigenen Religionsempfindens (vgl. Der „arische“ Jesus und „arteigene Religion“: Neue Studie zu einem spirituellen deutschen Sonderweg) und die besondere eigene Esoterik, die sich um ihn in seiner Nachfolge gebildet hat (das deutlichste Beispiel ist vermutlich Miguel Serrano, Adolf Hitler – el Último Avatãra, 1984; vgl. auch Eva Kingsepp: The Power of the Black Sun. (Oc)cultural Perspectives on Nazi/SS Esotericism, Zeitschrift für Anomalistik, 2015, Vol. 15).

Ein anderes neureligiöses bzw. esoterisches Profil

Vielmehr ist die These, dass erst in den letzten Jahren allmählich bestimmte Netzwerke entstanden, welche eine bestimmte Mischung esoterischer und rechtsideologischer Ideen anbieten.

Während in den Neunzigern im REMID-Archiv vorhandene Flyer von Antifa-Gruppen damaligen Wicca-Gruppen (Neuen Hexen) u.a. vorwerfen, dass in ihrer Zeitschrift auch der Armanen-Orden („offen völkisch, rassistisch und antisemitisch orientiert“) Anzeigen schaltet, warten aktuell die Leser_innen der Zeitschrift des Armanen-Ordens, „Irminsul – Stimme der Armanenschaft“, seit 2011 auf eine neue Ausgabe. Die Paganismusszene hat sich differenziert, nicht nur in ihren Medien. Beim germanischem Neopaganismus (bzw. Ásatrú) gibt der Eldaring heute den Ton an, der sich gegen Rechts abgrenzt und auch wegen „mangelnder Distanz der Organisatoren zu ariosophen Vereinen“ 2009 nach vier Jahren Mitgliedschaft wieder aus dem World Congress of Ethnic Religions (WCER) austrat (seit 2010: European Congress of Ethnic Religions). Dieses neureligiöse Profil scheint auch ansonsten im entsprechenden publizistischen Bereich in Deutschland an Bedeutung verloren zu haben (vgl. Studie über Junge Freiheit: Christentum und Islamfeindlichkeit statt Heidentum). In osteuropäischen Ländern kann das anders aussehen (vgl. zum Beispiel Polen Mittendrin: Rechtspopulistische Parteien in Mittelosteuropa).

Demgegenüber hat sich ein anderes neureligiöses bzw. esoterisches Profil etabliert bzw. ist diskursbestimmend geworden, das sich vom pagan-ethnisch definierten Anderen abhebt. Während ein Armanen-Orden noch ein elitärisches Bewusstsein kultivierte – man denke auch an die erwähnten „ariosophischen“ Vereine – und sich in einer bündlerischen Ordenstradition initiatorischer Gesellschaften (vgl. für solche z.B. die Kurzinformation zu Rosenkreuzern) verortete, argumentiert dieses Profil „verschwörungstheoretisch“, sieht mehr oder weniger menschliche Mächte am Werk und ist damit deutlich anti-elitär orientiert. Wo um 2000 in der Gothic-Szene (vgl. unsere Kurz-Information) eher gnostisch anmutende Otherkin-Konzepte populär waren, nach denen ein Seelenteil nicht-menschlich sei, sondern z.B. eine Elfe oder ein Vampyr, mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet (vgl. „Otherkin Timeline: The Recent History of Elfin, Fae, and Animal People“, 2011; Joseph P. Laycock: “We Are Spirits of Another Sort”: Ontological Rebellion and Religious Dimensions of the Otherkin Community, 2012) – diese besonderen Menschen also ähnlich der Gnosis über einen besonderen Seelenteil verfügen, dort als „Pneuma“ bekannt – , fallen heute Gruppierungen wie „Transinformation – Information zum Wandel“ in den Blick, welche – interessanterweise aus der Lichtarbeiter- und Channelingszene kommend – in einer eher anti-gnostischen Tendenz bei bestimmten Menschen – insbesondere z.B. Politiker_innen – einen reptiloiden Seelenanteil vermuten. Transinformation ist in gewisser Weise eine Art esoterischer Zerrspiegel der eingangs erwähnten Montagsmahnwachen für den Frieden. Die Orientierung am Begriff des Friedens findet sich auch, in „weltweiten“ Friedensmeditationen. Aber entscheidender ist, dass gerade bei Transinformation die antisemitischen Denkmuster deutlich erkennbar werden, wenn nach dem reptiloiden „Shapeshifting“ in den Aufnahmen der Pupillen der Kanzlerin gesucht wird. Mehr noch: Die letztlich auf David Icke zurückgehenden Reptiloiden beziehen sich grundlegend auf eine wesentliche Quelle des modernen Antisemitismus, nämlich die Protokolle der Weisen von Zion, nur dass die „Juden“ als „Illuminaten“ gedeutet werden (vgl. Strothmann: Protokoll der „Protokolle“. Ein Kapitel aus der Geschichte des Antisemitismus, Zeit 1970; über Norman Cohn: „Die Protokolle der Weisen von Zion“, Köln 1969).

David Icke ist dabei nur eines der Produkte des Kopp-Verlages (Jochen Kopp), der neben Querdenken.TV (Michael Vogt), „Compact – Magazin für Souveräntität“ (Jürgen Elsässer), KenFM (Ken Jebsen), u.a. (vgl. Kopp, Sputnik, Epoch Times & Co: Nachrichten aus einem rechten Paralleluniversum, Meedia, März 2016) mit Esoterik, alternativer Medizin, Ufologie u.a. lockt, um einzuführen in ein Universum alternativer Nachrichten. Dazu gehören Autor_innen, welche das Weltgeschehen als Ergebnis geheimer Organisationen deuten. Soweit gefasst, fällt auch Icke in diese Kategorie. Das vergleichsweise „nüchterne“ Gegenstück wäre ein Udo Ulfkotte mit Titeln wie „Gekaufe Journalisten“, „Mekka Deutschland“ und „Die Asylindustrie“. Während beispielsweise Kopp und Compact das Pegida- und AfD-Islambild mit beliefern, beschränken sich andere wie Ken Jebsen eher auf Verschwörungstheorien. Deren anti-elitäre Ausrichtung lässt sich als sogenannter struktureller Antisemitismus deuten, der also antisemitische Muster übernehme, ohne von „den Juden“ selbst zu sprechen. Er macht aus der Frage Wir oder Die auch eine national-völkische Frage. „Wir sind das Volk“ sagt Pegida. „Der Papst ist kein Shapeshifter und auch kein Reptiloid. Er ist ein Archon der negativen Seite und stammt aus der Andromedagalaxie“, sagt Transinformation („Interview Cobra & Rob vom 12. Nov. Teil 2“, transinformation.net, 20. Nov. 2015; zitiert nach Marginalien-Blog [; Nachtrag 29. Aug. 2016: Cobra wirkt von Slowenien aus]). Es geht also auch nicht darum, dass es wirkliche Verschwörungen gibt und vielleicht ist „Verschwörungstheoretiker“ auch keine gute Bezeichnung. Die These, dass es bei einem bestimmten historischen Ereignis eine Verschwörung bzw. geheime Absprache bestimmter Menschen gegeben haben könnte, ist völlig legitim. Vielmehr geht es um die Tendenz, dass diese Verschwörungstheorien schließlich die mehr oder weniger heiligen Offenbarungen einer dann allgemeinen, mehr oder weniger säkularen Metaphysik des Bösen zu werden beginnen. Dann geht es auch nicht mehr um bestimmte Ereignisse oder bestimmte Menschen, sondern es werden transhistorische und translokale Genealogien des Bösen entworfen. Jan van Helsing (Jan Udo Holey), dessen „Geheimgesellschaften im 20. Jahrhundert“ bereits in den 1990ern zum überraschenden Bestseller wurde, bevor es wegen primärem Antisemitismus indiziert wurde, hatte das Bild einer pyramidalen Anordnung der Geheimgesellschaften im Sinne einer Befehlshierarchie populär gemacht, an der Spitze wiederum die Illuminaten (vgl. auch Jan Rathje: UFO-Nazis, „kriminelle Ausländer“ und BRD GmbH. Was schreibt die „Wahrheitspresse“?, vice.com, 22. Juni 2015).

 

freimaurer

Ein frühes Beispiel für eine verschwörungstheoretische Schrift (Eduard Emil Eckert: Der Freimaurer=Orden in seiner wahren Bedeutung. Dresden: Selbstverlag, 1852).

 


Exkurs: „Geheimnis der Freimaurerei“

Im übrigen handelt es sich auch um ein konservatives Geschichtsbild, nach dem wenige Menschen (gesteigert dadurch, dass sie im Hinter- oder Untergrund agieren) „Geschichte machen“, nicht etwa gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie die Soziologie untersucht, eine entscheidende Rolle zukommt. Als Unheilsgeschichte skizzieren sie eine gefallene Welt, die Kritik am Kapitalismus als einem von Marx und Engels strukturalistisch und materialistisch gedachten Theorems wird hier zu einer personenzentrierten Moralkritik, der immer das Lösungsangebot innewohnt, das Problem mit der Vernichtung dieses einen Prozents unmoralischer Menschen, historisch der „Endlösung der Judenfrage“, zu beseitigen (vgl. auch Lothar Galow-Bergemann: Israel und die deutsche Linke, 2015). Während im 19. Jahrhundert der Volksmund glaubte – wie in Georg Büchners „Woyzeck“ (1837) rezitiert – , dass sich die Freimaurer unterirdisch treffen würden, gerieten sie als Wegbegleiter der aufstrebenden bürgerlichen Gesellschaft in den konkreten Verdacht, hinter der Französischen Revolution zu stecken (z.B. „so erkennen wir klar, daß die Revolution nur von einer, in allen Volksklassen zahlreich vertretenen Verschwörungsgesellschaft getragen wurde…“; Eduard Emil Eckert: Magazin der Beweisführung für Verutheilung des Freimaurer-Ordens. Als Ausgangspunkt aller Zerstoerungstaetigkeit: gegen jedes Kirchenthum, Staatenthum, Familienthum und Eigenthum mittelst List, Verrat und Gewalt, Band 1, Schaffhausen: Friedrich Hurter 1857, S. 5). Dass das Verhältnis ihrer Weltanschauung zu den Idealen der Aufklärung, zum Prinzip der Toleranz, das Interesse diverser Intellektueller an ihren Riten und Inhalten – oder an ihrem Ruf – vorhanden und komplex waren, und entsprechende biographische Episoden wissenschaftlich aufgearbeitet wurden, lässt trotzdem nicht zu, dieser zeitgenössischen Ansicht einfach das Wort zu reden: Ja, die Freimaurer steckten hinter der Französischen Revolution. Ebensowenig wäre es sinnvoll, das Gegenteil zu behaupten: Die Freimaurerei habe – darauf liefe es hinaus – überhaupt keine, ja nicht die geringste historische Relevanz für die Französische Revolution. Ihre Logen haben ein wichtiges Netzwerk gebildet, eine eigene Salonkultur, in welcher Intellektuelle verkehrten („Kommunikationszentren, Orte des persönlichen Kontaktes, […] Anlaufstellen und Transmissionen für die Ideen der Aufklärung“; Helmut Reinalter, „Die Freimaurer“, München 2011, S. 129; Formulierung bereits in seinem Artikel zur „Freimaurerei“ im Lexikon zu Demokratie und Liberalismus, 1993, S. 112). Überhaupt käme bei der Verschwörungsthese noch einiges hinzu: Zunächst wären die Werke der Philosophen, die Taten der Revolutionäre – alles das wäre in der Verschwörungsthese insbesondere Teil des freimaurerischen Planes gewesen, als jeweils verinnerlichte Ideale der Aufklärung werden sie also eher nicht verstanden bzw. der Beschreibung liegt die Kritik nahe, es handele sich um Inhalte der Verblendung, der Täuschung. Darüber hinaus geschieht in dieser Art der den Gegner überhöhenden „verschwörungstheoretischen“ Kritik ein interessantes Unsichtbarwerden des Geheimnisses im Zuge seiner vermeintlichen Entschleierung. Das Verschwörungs- und Geheimnishafte an der Französischen Revolution wäre in unserem Beispiel am Schluss nur mehr, dass sie a) nicht einfach geschah, sondern dass sie „geplant“ war, dass sie b) auch mit Menschen zu tun hatte, die bereits in Freimaurerlogen verkehrten oder auf Mitgliederlisten der Freimaurerei ausfindig gemacht werden können und vielleicht noch, c) dass die Freimaurerei als initiatorische Gesellschaft an und für sich auch Geheimnisse kennt. Es geht also eigentlich nur darum, dass jemand nicht wahrhaftig und aufrichtig ist, denn im Herzen geht es ihm gar nicht um die aufklärerischen Ideale, sondern um einen freimaurerischen Plan. So wie es damals analytisch unsauber war, aus der Freimaurerei als Phänomen eines aufstrebenden Bürgertums dessen eigentliche Ursache zu machen, ist es ähnlich problematisch, heute am anderen Ende weiterzumachen und in der Freimaurerei oder anderen initiatorischen Gesellschaften die eigentlichen Gestalter einer neuen (kapitalistischen) Weltordnung zu sehen. Die Freimaurerei, die vermeintlich unterirdisch tagt, ist in dieser konspirativen Perspektive Ausdruck einer säkularen Dämonologie des 19. Jahrhunderts, noch bevor der Nationalsozialismus das „Geheimnis der Freimaurerei“ neu besetzte: mit dem Judentum (Erich Ludendorff).

 

antisemitismus

Antisemitismus-Beispiele aus der Zeit des Nationalsozialismus mit Bezug zum Verschwörungstopos: „Weltverschwörer. Die enthüllten Geheimnisse der Weisen von Zion“ (Der Stürmer, 1939), „Wirtschaft und Judentum. Ohne Lösung der Judenfrage keine Erlösung der deutschen Wirtschaft“ (Der Stürmer, 1937), „Der Boykott – ein Sieg Hitlerdeutschlands über das Weltjudentum“ (Westdeutscher Beobachter, 1933).

 

Chemtrails und Reichsbürger

Als besonders wichtig für das Erreichen der heutigen alternativen Szene waren und sind gerade zwei Ideologeme: Chemtrails und die Idee, dass Deutschland nicht souverän sei. Sie entsprechen beide dem bisher beschriebenen „verschwörungstheoretischen“ Denken, insofern einerseits jemand Entsprechendes die Chemikalien in der Luft versprühen soll, um die Bevölkerung zu vergiften, zu betäuben oder zu hypnotisieren (das sei an den „Chemtrails“ erkennbar, deren Fotografien ausgetauscht werden; so Dominik Storr und sein Verein „Sauberer Himmel“ mit angeblich 2.000 Mitgliedern, 2012 wurde ein vorheriges Urteil aufgehoben, das verbot, Storrs Denken „rechtsradikal“ zu nennen). Andererseits werde vermeintlich totgeschwiegen, dass Deutschland eigentlich eine „BRD GmbH“ sei bzw. nicht wirklich legal oder legitim als Staat existiere (durch zuerst 1985 Kommissarische Regierung des Deutschen Reiches, 2004 Exilregierung Deutsches Reich, 2005 Reichsbewegung – Neue Gemeinschaft von Philosophen, 2005 Volks-Bundesrath, 2007 Germanitien, 2009 Fürstentum Germania, 2012 Peter Fitzeks Königreich Deutschland, 2012 Deutsches Polizei Hilfswerk, 2012 Republik Freies Deutschland, an deren Argumentationsmuster anschließend seit 2010/11 der Welt-Netzwerk-Staat Terrania). Dabei wird ein Souveränitätsbegriff verwendet, der offenbar keine oder nur wenige internationale Beziehungen vorsieht (insofern aktuell eigentlich die Allierten, Amerika, „USrael“, ein Atlantic Council herrschten, und entsprechende echte oder fiktive vertragliche Vereinbarungen offenbar aufzukündigen wären). Allerdings gibt es eine gewisse Orientierung am Russland unter Putin und einer „russischen Weltanschauung“, die sich bewusst von den humanistischen Idealen des Westen – und überhaupt von vielem Westlichen – abgrenzen möchte. Auch hier geht es um ein überhöhtes Souveränitätskonzept, eingebettet in einen neurechten Ethnopluralismus.

Anastasia und die Ahnen

Illustrieren lässt sich das am Beispiel der aus Russland kommenden Anastasia-Bewegung:

„Der Mainstream der Bewegung ist radikalalternativ, im weitesten Sinne [sic!] linksliberal. Dazu gesellen sich aber intensiv[.] rechtsextreme und nationalistische Kräfte, die ihre Ansichten esoterisch verbrämt verbreiten. Ihnen kommt entgegen: Die Bewegung sieht im Christentum und der orthodoxen Kirche eine Droge oder ‚ausländische‘ Ideologie. Neuheidentum ist angesagt. Die Gegner der Anastasia sind immer und überall: Mächtige internationale Konzerne, ausländische Sicherheitsdienste, geheime Priester, die die Welt regieren … Zu den absolut Bösen zählen auch die Sektenbeauftragten, die ‚als eine kleine, gemeine, alte und ausländische Sekte der Bioroboter‘ beschimpft werden. Alle Misserfolge der uneinheitlichen Bewegung werden von Autor Megre dunklen Kräften und Sektenbeauftragten angelastet“ (Vladimir Martinovich, http://www.religio.de/dialog/114/bd31_s08.pdf, 09.06.2015; zitiert nach InfoSekta, 30. Juli 2015).

Der zitierte Text meint dabei insbesondere Oleg Pankow, der seine Seminare auch über „Urahnenerbe Germania“ (Frank Willy Ludwig) bewirbt, eine „wedische Rassenkunde“ lehrt und esoterische „Ahnenreisen“ anbietet. Das auch von Ludwig betriebene Webangebot familienlandsitz.com [Nachtrag: Korrektur vom 13.11.16] scheint zwar nicht Teil des Netzwerks Familienlandsitz-Siedlung mit Densberger Impressum, aber laut einem REMID-Informanten kommen bei den jährlichen Anastasia-Festspielen (seit 2014) auch die deutlich rechten Protagonist_innen der Szene. Jedenfalls gilt für Oberhessen wie offenbar für die Steiermark, dass „die Mischung skurriler esoterischer und rechtsextremer Ideologien mit systemkritischen Kräften, neuem Regionalismus und aufblühenden Tauschkreisen, die zu neuen ungewohnten Koalitionen am Rande der Gesellschaft führt, […] immer wieder zu beobachten ist“ (ebd.). Dabei ist das Stichwort „Neuheidentum“ im Zitat ungenau, denn gerade im Unterschied zu dem eingangs besprochenen germanischen Neopaganismus erlaubt die Familienlandsitz-Bewegung über ihre transnationale fiktive Heilige Anastasia der Romanreihe des russischen Autors Wladimir Megre den Einbezug diverser esoterischer und neureligiöser Praxen und Deutungsmuster, insofern sie dem naturmystischen Grundstil anpassbar sind. Die Bewegung bleibt anschlussfähig an ethnopluralistische Vorstellungen eines identitären regionalistischen Nebeneinanders der Kulturen und wäre damit – vergleichbar der so genannten „Identitären Bewegung“ selbst – typischer Ausdruck der neurechten Verschmelzung von Nationalismus und Internationalismus.

 

wedenland

Screenshot der Webseite „Staatenbund der Königreiche Wedenland“ alias „Galaxiengesundheitsrat“ alias „DoctorFood Institut“ von Thomas Patock von Wedenland, Rubrik Videos. Hier tauchen fast alle beschriebenen Elemente auf: die Rede von der „BRD GmbH“, das Ausrufen eines eigenen „Reichs“, Reptiloide, Familienlandsitze im Sinne der Anastasia-Bewegung. Neben einem „Erklärvideo über Familienlandsitze und Siedlungen nach Anastasia“ erläutert ein Videobeitrag, „warum die arische Rasse immer wieder angegriffen wurde“. Eine andere Grafik zeigt eine Karte von Europa mit der Beschriftung: „Familienlandsitzbewegung / Die Menschen werden das irdische Paradies erleben / weil dieses durch die Bodenreform erschaffen wird! / Staatenbund der Königreiche Wedenland. Das Content Management System der Webseite hat aktuell 76 „Mitglieder“.

 

Fazit

Diese genannten beiden Beispiele aus dem esoterischen und neureligiösen Bereich, Transinformation (750 Kontakt-Eintragungen auf einer Karte in 2015, einschließlich Österreich und Schweiz; Umfeld von mind. 3.000) und Anastasia (ca. 200 in 2014 nach Vladimir Martinovich, Berliner Dialog; größeres Umfeld von ca. 1.500), ließen sich durch diverse andere in Gruppen vorfindliche Rekombinationen entsprechender Ideologeme ergänzen (z.B. Neue Germanische Medizin, Impfkritik etc.). Sie sind nur ein kleiner Ausschnitt der zeitgenössischen Esoterik-, Spiritualitäts- und Neureligionsszene. Dennoch stehen sie stellvertretend für einen neuen Trend – und ein neues weltanschauliches Profil, das zugleich auf eine bestimmte Weise esoterisch und politisch ist und – wie an den Montagsmahnwachen für den Frieden deutlich wird – über eine immense Breitenwirkung in die Gesellschaft hinein verfügt.

Christoph Wagenseil

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11 Kommentare:

  1. Willkürgegner

    Verfassungsrechte sind Richtlinien für Staatsapparate. Das Grundgesetz sowie Worte wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Gewaltenteilung werden jedoch missbraucht, den Bürgern weiszumachen, dass „Staatsdiener“ sich an Recht und Gesetz halten, obwohl gerade der Machtbesitz zu schlechten Eigenschaften führt. […] Das edle Menschenbild des Demokratieprinzips […] ist falsch. Es funktionierte auch in der DDR nicht. Hobbes, Rousseau, Montesquieu, Beccaria und Locke hatten schon vor Jahrhunderten das Interesse an Tyrannei angeprangert.
    „Die Gefährdung der Verfassung geht vom Staat aus“- so der Grundrechte-Report. Daher muss der Schutz der Verfassung durch die Bürger selbst geleistet werden. Es ist somit auch notwendig, dass sich Bewegungen wie „Verfassungsgebende Versammlung“, Reichsbürger, Germaniten, Pegida u.ä. bilden, zumal mit Bürgerrechten keine Wahlen gewonnen werden. […]
    Es sind andere Strukturen notwendig, die nicht nur Menschenrechte vortäuschen, sondern sie auch bieten können. […]
    Die Diktatur hat sich schon hinreichend bewaffnet, stellte Prof. Dr. Schachtschneider fest, vgl. [Link Kopp-Verlag…].
    Wenn die Obrigkeit nicht einlenkt und weiter keine wichtigen Rechte wie bundesweite Volksabstimmungen und Bürgergerichte gewähren will, wird es zum Bürgerkrieg kommen, den verschiedene Experten voraussehen. Das Leben ist schon schwer genug. Der Bürger kann deshalb keine Herrschenden brauchen, die sich als Tyrannen aufspielen und die er noch finanzieren muss.
    PS: Kürzung und Weiterverbreitung gestattet!

    Anm. Red.: Stark gekürzt. Original enthielt viele Links. Zu Schachtschneider sei auch auf den zugehörigen Wikipedia-Artikel verwiesen. Gemeint ist außerdem vermutlich der Grundrechte-Report der Humanistischen Union und weiterer sieben Bürger- oder Menschenrechtsorganisationen.

  2. Nachtrag: Die im Artikel angesprochene „wedische Rassenkunde“ bezieht sich auf die sogenannten „Slawisch-Arischen Veden“ (oder „Weden“) oder „schwarze Bücher“. Entsprechende Webseiten (auch auf Transinformation, Galaxiengesundheitsrat, sich auf Anastasia beziehende Facebookseiten) erzählen u.a. folgende Herkunftsgeschichte:

    „So wurden schon kurz vor dem Milleniumswechsel dem Priester der altgläubigen Kirche Alexander Hinewitsch einige Teile gegeben. Sein grosser Wunsch, dass er als Beweis auch die Originale sehen darf, wurde erfüllt. Einige Hüter führten ihn an geheime Orte, wo er Einblicke in Teile der Weden erhielt. Seitdem übersetzt er diese alten Schriften ins Russische. Seit 2011 werden nun auch die ersten Schriften ins Deutsche gebracht.“

    Die russische Staatsanwaltschaft klagt seit 2008 gegen Alexander Hinewitch (geboren 1961, russ. Александр Хиневич) als Verfasser dieser vermeintlich alten Schriften, welche zudem die einige Jahrzehnte ältere fiktionale Heilige Schrift des Buch von Veles sowie eine Übersetzung der isländischen Ynglingasaga integrieren. Allerdings ist diesbezüglich zu ergänzen, dass auch Schriften von Jehovas Zeugen und anderen neuen religiösen Bewegungen in Russland als „extremistische Literatur“ eingestuft wurden (vgl. Umgang mit anderen Religionen: Russen dürfen weiter Bhagavadgita lesen). Die von Hinewitch begründete Gemeinschaft heißt Ynglism:

    „Ynglism ist eine polytheistische Religion mit Sitz in Omsk, Russland, verschiedentlich als ein Zweig der Rodnovery eingestuft, aber oft nicht als solche von den Mainstream-Rodnover Gruppen anerkannt. Die Religion wurde im Jahr 1992 in eine [kirchenförmige Gemeinschaft?] organisiert und wurde offiziell in Omsk im Jahr 1998 registriert“

    Inhaltlich wird eine mythische Geschichte der weißen „Rasse“ erzählt, und diese Schriften seien die eigentlich älteren Veden, während die indischen Veden und der zarathustrische Avesta verfälscht seien. Die russische Buchversion ist mit schwarzem Einband und einem Hakenkreuz auf dem Cover versehen.

  3. Heinrich Wolf

    Liebes Redaktionsteam,
    Gegenwärtig wird innerhalb der „Identitären Bewegung“ der Autor Franz Sternbald als neuer „Oswald Spengler“ (Der Untergang d. Abendlandes) gehandelt. Dies geschieht mit einem rückgreifenden Bezug auf die konservative Revolution, die sich seit dem Ende d. 1. Weltkrieges verstärkt um eine intellektuale Selbstvergewisserung völkischer und nationaler Befindlichkeit bemühte, mit der Einbeziehung gesellschaftlicher Impulse eines allg. Unbehagens in der Kultur. Vergleichbare Parallelen hierzu finden sich indes heute in der Tat. Dazu lohnt es sich einmal „Das pyramidale Prinzip 2.0“ v. Franz Sternbald etwas eingängiger zu lesen. Die Argumentation ist überraschend schlagend, und nicht leichthin als unfundiert abzutun. L.G. Wolf

  4. Zu den Ynglings noch ein paar Infos
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Ynglism
    der deutsche Verbindungsmann zwischen den Ynglings und der Anastasia-Bewegung sowie zum Holocaustleugnernetzwerk „Recht und Wahrheit“ ist Frank Willi Ludwig (Urahnenerbe Germania)
    https://www.psiram.com/ge/index.php/Frank_Willy_Ludwig
    http://rechtundwahrheit.org/WP/wp-content/uploads/2016/05/sommersonnenwende-2016-knuell.pdf-vorlageferti.pdf

  5. Hallo team von Remid,
    toller Artikel vielen Dank!
    Allerdings ist euch ein kleiner Fehler unterlaufen. familienlandsitz.com ist nicht die Präsenz von Oleg Pankov – sondern der – im obigen Kommentar schon erwähnte Frank Willy Ludwig, der auch Urahnen Germania und „Schwarze Bücher/Schriften“ etc. betreibt.
    Oleg Pankov hat diese Seite: http://www.rodovyeistoki.ru/kontakty/
    Wir sitzen nämlich grad an einem Artikel 😉

  6. Pingback: Die Anastasia-Bewegung im deutschsprachigen Raum & ihre weitreichenden Vernetzungen – .матрёшка

  7. Auf der IAHR 2015 gab es ein Panel „The Anastasia Movement in Russia and Beyond: (Trans)formations, Adaptations and Manifestations“. Von den dort Vortragenden wurde dazu publiziert: J. Andreeva & R. Pranskevičiūtė (2010): The Meanings of Family Homestead in the Anastasia Movement: the Cases of Russia and Lithuania. Humanitāro zinātņu vēstnesis. Nr. 18. Daugavpils: Daugavpils Universitātes Humanitārā fakultāte, p. 94-107. Von Pranskevičiūtė stammen auch der entsprechende Part im Handbook of Nordic New Religions (2015) sowie weitere Veröffentlichungen zum Thema.

  8. Pingback: Trendreport 2017: Migration, Rezession, „Regression“ und Ressentiment – REMID Blog

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