Das moderne Verhältnis von Coach und Weltanschauung und seine mögliche Bedeutung für die Zukunft neuer religiöser Bewegungen

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(Bild von wikihow.com: How to Become a Certified Life Coach unter Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 3.0).

Letztes Jahr ging es um die Frage, was denn eigentlich eine „Weltanschauung“ sei. Eine solche sei – nach dem Handwörterbuch religionwissenschaftlicher Grundbegriffe – eine „auf die Totalität des Wirklichen in seiner Bezogenheit auf das letzte Erklärungsprinzip und auf den ‚anschauenden‘ Menschen selbst gerichtete Einstellung“ (J. Edgar Bauer). Vielleicht aber ist so etwas – das zeigte schon die damalige Notwendigkeit von Setzungen, Ausschlüssen und Grenzfällen – möglicherweise ein Sonderfall menschlicher Assoziation. Damals ging es um praktische Fragen, Inhalte für unsere Religions- und Weltanschauungsstatistik zu bestimmen oder zu verwerfen. Als entscheidende Kriterien erschienen dabei entweder eine explizite Opposition zu allem Religionsähnlichen, ein affirmativer Bezug zu etwas, das „religiös“, „spirituell“ oder „esoterisch“ genannt werden kann, oder eine metaphysische Setzung (allerdings konnte das bereits die These sein, es existiere intelligentes außerirdisches Leben mitten unter uns). Verlässt man diese synchrone Gegenwartsanalyse und versucht, eine diachrone historische Perspektive einzubringen, klingen Konzepte wie „Weltanschauung“, aber auch „Neue Religiöse Bewegung“ oder ehedem „Sekte“ aber nach spezifischen historischen Erscheinungen, die sozusagen kommen und gehen. Insofern wäre die gerne von Religionswissenschaftler_innen vorgebrachte Korrektur der konservativ motivierten Deutung der modernen religiösen Vielfalt als Verfallserscheinung, nämlich dass das Entstehen neuer religiöser Bewegungen der „Normalfall“ der Religionsgeschichte sei, auf eine andere Weise infragezustellen: Könnte eine solche Analyse zu dem Schluss gelangen, dass es sinnvoll sein könnte, von einem „Zeitalter“ der neuen religiösen Bewegungen zu sprechen? Was hat es mit dem dahinter stehenden Anfangsverdacht auf sich, also dass die Wahrnehmung möglich wird, die Entstehung neuer religiöser Bewegungen könnte (wieder?) zur „Ausnahme“ werden? Wie sieht das bei „Weltanschauungen“ aus? Und was haben Coaching und Lebensberatung damit zu tun?

Einleitung

Der erste Einwand liegt nahe. In einer universalistischen Perspektive erscheint es erstmal absurd, an eine sich abschließende Phase neuer religiöser Bewegungen zu denken. In einer Bildunterschrift des Interviews Quo vadis Religionswissenschaft? Wissenschaftliche ‚turns‘ und die Nabelschau Europas mit Prof. Dr. Christoph Kleine findet sich der Satz: „Wenn man nach der Entstehung neuer religiöser Bewegungen fragt, gehören zu den derzeit produktivsten Gegenden sicher Japan, Südkorea, das subsaharische Afrika, Mittelamerika, Brasilien, Indien und Russland“. Ich will zeigen, dass trotz dieser scheinbar zu den Ausgangsthesen gegenläufigen Faktenlage nach den Bedingungen der Möglichkeit zur Entstehung entsprechend verstanderer neuer religiöser Bewegungen (und Weltanschauungen) gefragt werden muss. Und da es unmöglich ist, für alle möglichen Weltregionen zugleich Experte zu sein, sind folgende Überlegungen auch vorläufig und bedürfen weiterer Arbeit am Material.

Die folgende Argumentation ist insofern „eurozentrisch“ (vgl. Interview mit Dr. Angelika Rohrbacher: Quo vadis, domine? Eurozentrismus(kritik) in der Religionswissenschaft), als dass der westlichen Hegemonie bei a) ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnissen, b) philosophisch-wissenschaftlichen Diskursen und c) missionarischer Tätigkeiten Rechnung getragen wird. Außerdem wird mit einem philosophisch vorbelastetem Innovationsbegriff gearbeitet.

Die Verbreitung des Christentums – einschließlich des Vergemeinschaftungsmodells „Kirche“ – im Kolonialismus (subaltern auch des Hinduismus in Afrika, afrikanischer Religionen in der neuen Welt) geht parallel mit der Entwicklung des sogenannten „Frühkapitalismus“ der Frühen Neuzeit und der allmählichen Transformation von Produktionsprozessen. Zwar werden manche historische Erscheinungen auf dem Gebiet des Protestantismus gerne als „vor-“ oder „frühsozialistisch“ gehandelt, dennoch ist eher die Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft in den Städten der Frühen Neuzeit in ihrer Relevanz für die Reformation bis hin zum Pietismus nicht zu unterschätzen und daher zu betonen. Der Erfolg einer frühen „Esoterik“ um 1800 hängt eng mit technischen Revolutionen im Buchdruck zusammen, die auch weniger gut finanziell ausgestatteten Bürgern erlaubten, Bücher zu produzieren oder zu konsumieren. Diejenigen sich im 19. bis 20. Jahrhundert als Vereine mit interkontinentalen und/oder internationalen Dachverbänden realisierenden neuen religiösen Bewegungen könnten schlicht von sich reproduzierenden Mittelschichten abhängig sein.

 

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„L.C.S.“ (1752): Hermaphroditisches Sonn- und Mondskind, Tabelle „Caballistica Salomonis Sigilla“.

 

Unabhängig von der hier nicht erörterbaren empirischen Frage, ob Mittelschichten rückläufig sind, besteht zudem die Möglichkeit, dass die philosophischen Bedingungen einer „Totalität des Wirklichen in seiner Bezogenheit auf das letzte Erklärungsprinzip und auf den ‚anschauenden‘ Menschen selbst“, wie sie für neue religiöse Bewegungen noch deutlicher wiegen als bei „Weltanschauungen“ keine historische Universalie darstellen. Zugleich ist zu fragen, ob dieser so bestimmte Totalitätsgedanke als geistiges Exportprodukt des Westens dasjenige ist, welches jenes angedachte Zeitalter neuer religiöser Bewegungen prägt (vgl. auch die Theorien von Jan Assmann und Francois Jullian).

Um das etwas zu veranschaulichen, werden zunächst diejenigen (teilweise global verbreiteten) neuen religiösen Bewegungen differenzierend in Blick genommen, welche REMID in seiner Statistik verzeichnet. Im Anschluss wird gefragt, in welchem Verhältnis Coachs und Berater_innen heute zu Weltanschauungen und Religionen stehen. Am Ende folgen Überlegungen zu religiöser und weltanschaulicher Innovation und Vergemeinschaftung in Hinblick auf die erläuterten Eingangsthesen.

Profile neuer religiöser Bewegungen

Die Entstehung von nach dem Vorbild der Freimaurerei organisierten Logensystemen (1915 A.M.O.R.C., vergleiche unsere Kurzinformation zu den Rosenkreuzern; 1905/15 Ordo Templi Orientis; inhaltiche Nähen: 1926 Gralsbewegung; 1945 Lectorium Rosicrucium) ist genauso Ausdruck einer bestimmten historischen Bedingtheit wie bei dem Erfolg reformhinduistischer (sikhistischer und tantrischer) Guru-Bewegungen (1920 Self-Realization Fellowship; 1937 Brahma Kumaris; 1950 Sai Baba; 1955 Ananda Marga; 1957 Tranzendentale Meditation; 1966 Sri Chinmoy; 1966 Hare-Krishna-Bewegung; 1970 Osho; 1970er Divine Light Mission / Elan Vital; 1976 Sant Mat Meditation / Holosophische Gesellschaft) oder bei der Entstehung heute global aktiver neuer religiöser Bewegungen in Japan (1930 Seicho-No-Ie; 1936 Shinnyo-En; 1937 Soka Gakkai; vgl. auch zum Stichwort „Religionsproduktivität im 19. Jahrhundert“ – mit einem Höhepunkt um 1900 – die erwähnte Forschungsliteratur in Das ist ja voll 19. Jahrhundert! „Moderne“ und „Religion“ nicht nur im Kino). Ein besonderer Fall ist die Tenrikyo. Es könnte kein Zufall sein, dass die Tenrikyo 1854 in dem Jahr erste Anhänger versammelte, in dem ein Aufstand begann, der zum Ende der Abschließung Japans führen sollte. Jedenfalls habe ich Zweifel an einer vollkommen unabhängig vom Westen entstandenen monotheistischen neuen Religion aus dem Shintoismus. Das Schlagwort einer „Abschließung“ ist irreführend, da durchaus Handelsbeziehungen (insb. über die „vier Münder“ Matsumae, Tsushima, Nagasaki, Satsuma/Ryūkyū) bestanden.

 

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Sri Chinmoy eröffnet mit einer Meditation das Weltparlament der Religionen in Chicago 1993.

Bild von D. Alaimo unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Ohne diese näher bestimmen zu wollen und zu können, lässt sich auch ein besonderes historisches Zeitfenster für die Entstehung von neuen religiösen Bewegungen aus dem Islam vermuten (1852 Bahai, 1880er Ahmadiyya), die sich zwar auch stark unterscheiden, aber beide als verfolgte Minderheiten internationale Verbreitung und Organisation realisierten. Während die Bahai sich eher als neue Weltreligion stilisieren und klassische Religionsstifter in ihre Lehre integrieren, ist der Reformislam der Ahmadiyya durch die Islamische Weltliga (und insbesondere in Pakistan) geächtet – bei gleichzeitiger Neu-Betonung der Figur Jesus Christus (und seines „neuen“ Grabes im Kaschmir). Beide Phänomene haben stark mit kolonialen Bestrebungen Europas zu tun. In Pakistan werfen orthodoxe Muslime der Ahmadiyya vor, sie seien von den Briten „gepflanzt“ worden (Surendra Nath Kaushik: Ahmadiya Community in Pakistan. Discrimination, travail and alienation. In: South Asia studies series. Band 33. South Asian Publishers, Neu-Delhi 1996, S. 12-14). Demgegenüber eher antikolonialistisch (bzw. antiwestlich), aber regressiv scheint derjenige Salafismus dschihadistischer Gruppen heute, der bewusst weniger Differenz zu einem orthodoxen Islam markiert und die erst dadurch sichtbar wird, dass abwegige rechtstraditionelle (hanbalitische) Bezüge genau herausgearbeitet werden, das popislamische (quasi-evangelikale) Element der ahistorischen Laiendeutungen verstanden und die veränderten neuen grundlegenden Begriffspaare erkannt werden (Halal und Haram in Zeiten von Boko Haram; Mekka und Medina als Ausdruck „heidnischer Tempel“; vgl. Islamkritik und Rassismus. Ein Briefwechsel über einen Essay von Ahmad Mansour sowie Der Salafismus und die dschihadische Idee).

Universale Religionsgeschichten, Antikolonialismus und nonkonforme Totalität

Überhaupt kann eine Art Typus neuer Religion ausgemacht werden, der eine universale Religionsgeschichte evolutionistisch zur eigenen Vorgeschichte erklärt. Dazu kann sowohl die genannte Bahai-Religion gezählt werden als auch die vietnamesische Caodai (1926), welche mit dem Import des Offenbarungskonzeptes Moses, Laozi, Konfuzius und Buddha zu ihren Vorstufen erklärt und unter ihren „hohen Geistern“ Sun Yat Sen, Isaac Newton, die Jungfrau von Orleans und Victor Hugo korporiert. Ähnliches gilt für die brasilianische Umbanda (1920er), welche afrikanische, indianische, christliche und spiritistische Traditionen in ein System integriert.

 

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Eine Figur des Exu, eines besonderen Orishas mit Trickster-Eigenschaften innerhalb der Umbanda (2009). Der Orisha-Begriff vereint Ahnen und Götter (die mit katholischen Heiligen assoziiert wurden).

Bild von Julius unter Creative Commons Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Antikolonial-nonkonformistisch und zugleich nationalistisch gedeutet werden können Bewegungen wie Black Muslims (1930) und Rastafari (1930er). Das vergleichsweise hegemonial-konformistische Pendant besteht aus einer romantisch bis nationalistisch inspirierten Rückbesinnung auf vorchristliche Traditionen (1937 Bund für deutsche Gotterkenntnis; 1976 Armanen-Orden; vgl. Der „arische“ Jesus und „arteigene Religion“: Neue Studie zu einem spirituellen deutschen Sonderweg), nach dem 2. Weltkrieg auch als Ausdruck einer (neo-romantischen) ökologischen Spiritualität in Opposition zur Kirche (1954 Wicca; 1994 Rabenclan; 2001 Eldaring; vgl. auch Wicca: eine performative „Naturreligion“ und die (re)konstruierte Tradition). Heute gibt es einen neuen Typus postsowjetischer neuer religiöser Bewegungen, der aber zugleich zumindest in seiner Rezeption in Deutschland kaum konkrete Bewegungen unterscheiden lässt, sondern eher sich in überschneidenden Szenen ausprägt, in denen jede(r) Protagonist(in) spezifische Mischungen unterschiedlicher Strömungen anbietet, welche pagane und esoterische Konzepte mit Ethnopluralismus, einem „völkischen“ Anti-Elitarismus mit Verschwörungsvorstellungen und ökologischen Lokalismus kombinieren (1991 Kirche des Letzten Testaments; 1992 Ynglism; 1997 Anastasia-Bewegung; 2012 Transinformation; in Deutschland mit gewissen Nähen: 2012 Keltisch-Druidische Glaubensgemeinschaft; vgl. Rechte Ideologie im esoterischen und neureligiösen Bereich).

Auch die Dramen um apokalyptische Gruppierungen lassen sich zeitlich eingrenzen (1978 Peoples Temple; 1989 Community of Christ; 1993 Branch Davidians; 1994 Sonnentempler; 1997 Heaven`s Gate; 2007 Wahre Russisch-Orthodoxe Kirche; 2007 Adam House; 2008 Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-day Saints). Auch wenn diese keinesfalls repräsentativ für neue religiöse Bewegungen sind und per se keine Zukunft hatten, stehen sie für einen besonderen Höhepunkt des nonkonformen Totalitätsgedankens.

Ende der totalitätsbezogenen Weltanschauungen?

Es entstehen zwar auch weiterhin neue religiöse Gemeinschaften (z.B. 2003 Kryonschule, 2005 Awakening Women Tempelgruppen, 2006 Esoterik-Freunde / „Spirit & Friends“, 2006 Orden der Hoffnung / Order of Hope [Jediismus nach Star Wars], 2010 Brotherhood of the Eternal Light / Zentrum für Qabbalah e.V., 2011 Keltische Kirche in Deutschland, 2014 Kristallfreude-Gemeinschaft COCO), dennoch deutet der Hinweis auf sich überschneidende Szenen bereits an, dass diese radikale Abgeschlossenheit jener apokalyptischen Gruppen mehr oder weniger passé scheint. Und das könnte bereits für die bloße Abgeschlossenheit eines weltanschauliches Lehrgebäudes gelten. Die Rolle der sozialen Medien heutzutage ist dabei sicherlich nicht zu unterschätzen, ihre Überbetonung lässt aber aus dem Blick geraten, dass diese diversen Konzepte bereits selbst in ihrer Kombinierbarkeit den Totalitätsgedanken verabschiedet haben (oder ihn ironisch brechen, wie das ein wenig im Jediismus und bei der Keltischen Kirche der Fall ist).

Neu gegründet werden allerdings Verbände, die sich bestimmte Praktiken zertifizieren (1954 Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin; 1967 Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland; 1995 Gemeinnütziger Verein zur Förderung und Erforschung der Edelstein-Heilkunde; 1995 Dachverband Geistiges Heilen; 1999 Vereinigung zur Förderung der Schwingungsmedizin; 1999 Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin; 2001 Ergosom Deutschland; 2003 Deutscher Dachverband für Qigong und Taijiquan; 2003 Tarotverband; 2005 Reiki Verband Deutschland; 2007 Akademie für Traditionelle Tibetische Medizin Deutschland e.V.; 2010 Verband Reconnection® e.V.; 2012 Bundesverband Tierkommunikation).

Inwiefern die hier angedeutete Tendenz auch für klassische Weltanschauungsgemeinschaften gilt (letzte bedeutendere Neugründung: 2004 Giordano-Bruno-Stiftung), ist schwierig zu ermessen. Sie haben jedenfalls nicht mehr die Mitgliederzahlen der Freidenker Anfang des 20. Jahrhunderts mit „bis zu 600.000 Mitgliedern in der Weimarer Republik“ (Fink, Säkulare Organisationen in Deutschland, AuK 3/2012; 2010: 3.000 Mitglieder im Dt. Freidenker-Verband; insgesamt um die 60.000 organisierte Konfessionslose, Atheisten etc., vgl. REMID-Statistik). Ein wichtig gewordenes Thema der Verbände heute betrifft Rechte und Diskriminierungsfreiheit von säkular eingestellten Menschen (vgl. Bericht Gläserne Wände 2015). Demgegenüber ist aber die Frage, inwiefern sie weiterhin positive (d.h. auch sinnvermittelnde) Weltanschauungen repräsentieren. Man mag den Einsatz für die Unterrichtung und Akzeptanz der Evolutionstheorie (und die zugehörige Kritik an kreationistischen Konzepten) oder Schlagwörter wie „evolutionärer Humanismus“, „Transhumanismus“, „Posthumanismus“ als einer aktuellen antireligiösen Antwort auf Fragen nach dem Sinn des Lebens zugehörig einordnen (vgl. Eine kleine Geschichte vom Sinn des Lebens). Die sozialistische Utopie, welcher u.a. die hohen Mitgliederzahlen in der Weimarer Zeit zu verdanken waren, hatte aber offenbar eine stärkere Nähe zum Gedanken der „Totalität“ einer Weltanschauung.

Von der Couch zum Coach

Scientology (1950) wurde bislang absichtlich ausgelassen. Nun steht diese spezielle neue Religion nicht am Anfang des Abschnittes über das Coaching, weil eine besondere weltanschauliche Gefahr von diesem ausginge, es also – wie allerdings gelegentlich vermutet wird – darum ginge, inwiefern Coachs die Methoden von L. Ron Hubbard oder Scientology oder ähnlich arbeitende Techniken verwenden. Vielmehr ist die Geschichte von Scientology möglicherweise ebenso ein Teil der Geschichte vom Ende der neuen religiösen Bewegungen. Scientology verfeinerte einen Optimierungsgedanken, verblieb aber zugleich im festen Dogmengerüst einer Glaubensgemeinschaft, mit eigener Science-Fiction-Metaphysik. Zentral aber für die Optimierung, deren Erfolg auch über den jeweiligen Rang innerhalb der Kirche entscheidet, ist das berüchtigte Persönlichkeitsprofiling. Die ebenso aus Psychoanalyse und Psychologie übernommenen Techniken des heutigen Coachings sind weniger selbst weltanschaulich, vielmehr dienen sie dazu, persönliche Weltanschauungen zu verbessern.

 

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Mit Hilfe des E-Meters versucht ein Auditor die Rückstände von negativen Erfahrungen (Engrammen) in seinem Klienten (Pre-Clear) aufzuspüren. Ziel ist es diese Engramme zu löschen und den Clearzustand zu erreichen (Kalifornien, 1970er; ausgestellt in der Sonderausstellung der REMID-Jubiläumstagung 2014).

 

Ein Blick auf den Coachingmarkt kann also die vielfachen Distanzierungen („[h]iermit versichere ich, weder aktives noch passives Mitglied einer Sekte oder Scientology-Org. zu sein, noch deren Gedankengut zu verbreiten oder nach den Methoden L. Ron Hubbard zu arbeiten“ [Qualitätsring Coaching & Beratung]; „Mitglieder des DFC [Deutscher Fachverband Coaching] distanzieren sich ausdrücklich von Sekten, rechten Gruppierungen, die die Freiheit und Gleichheit der Menschen in Frage stellen oder gefährden, sowie speziell von der Scientology-Organisation“) eher als ein historisches Relikt ausmachen, vielmehr geht es darum, die jeweiligen weltanschaulichen Prämissen und persönlichen Präferenzen des Klienten zu verbessern, sei es durch sogenannte Positive Psychologie oder die systemische Analyse negativer prägender Muster. Weltanschauung und Religion des Klienten werden geachtet bzw. Coachs „beabsichtigen ebenso wenig, die religiöse und/oder spirituelle Weltanschauung des Klienten zu beeinflussen“ (Coaching Experts Europe e.V.). Der Einfluss eines Coaches auf diese ist eher indirekter Natur und kommt vielleicht in folgendem 13. Punkt der „Minimalen ethischen Sollens-Grundsätze für DFC-Coaches“ zum Ausdruck:

„Coaches sind zum einen ehrbare ‚Kaufleute‘, die wirtschaftlichen Erfolg anstreben. Zum anderen sehen sie sich in einer besonderen Verantwortlichkeit für diese Welt (alle Menschen, Natur, Tiere). Das Ziel ihrer Arbeit ist es nicht ausschließlich Geld zu verdienen – da Geld kein Ziel sondern nur ein Mittel ist. Stattdessen dienen sie mit ihrer Arbeit drei Zielen: Mehr Frieden, mehr Wohlergehen, mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu ermöglichen – für die Klienten, ihr soziales Umfeld, für den Coach selbst, für die belebte und unbelebte Welt. Diese Ziele setzten voraus, dass die Coaches sich an einem Werte-Set orientieren, das das Wohlergehen der Menschheit, der Welt und der Natur mit einschließt. Coaches leben diese Werteorientierung vor und regen ihre Klienten unaufdringlich an, über ihre eigenen Werte und Verantwortlichkeiten nachzudenken. Coaches unterstützen und fördern keine Maßnahmen, Coaching-Ziele oder Aufträge, die dieser Werteorientierung offensichtlich widersprechen.“

 

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Eine Netzwerkanalyse des Coaching-Verbände-Marktes (anhand der ersten acht Google-Treffer-Seiten einschließlich einer Liste „Verbände Coaching & Coaching-Randbereiche“ von coaching-kompass.de). Besondere Mitgliedschaften oder Teilnahmen sind farblich markiert (grün, orange, dunkelblau). Der ockerfarbige Kasten links listet isolierte Verbände auf – sowie solche, welche spezielle Zielgruppen bedienen oder mit besonderen Methoden (etwa „horse assisted coaching“) arbeiten. Gelistet sind nicht nur Coaching-Verbände, sondern es werden auch über die Coaching-Szene hinausgehende Verknüpfungen aufgezeigt (der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland ist Mitglied in zwei größeren Verbänden allgemeiner Qualitätssicherung, in denen auch Coaching-Verbände Mitglied sind). Im Allgemeinen ist vor einer Überbewertung der angedeuteten Netzwerke zu warnen. Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Grafik.

Die Grafik als bubbl.us.

 

Der Coach als Lehrer und Vorbild ist so etwas wie ein „unaufdringlicher“ Manager von Lebensphilosophien und Entscheidungsinteressen. Die entsprechenden Verbände versuchen ebenfalls Techniken – häufig mehrstufig – zu zertifizieren. Zugleich besteht dabei auch ein Unterschied zwischen den Mitgliedsverbänden des Roundtable Coaching (grün), denjenigen deutschen Coachingverbänden, die mit dem Erdinger Coaching-Kongress 2016 kooperierten (orange), dabei auch der Deutschsprachige Dachverband für Positive Psychologie, und etwa diejenigen, die isoliert erscheinen (ocker). Das neuro-linguistische Programmieren hat dabei sicherlich einen besonderen Status als häufig problematisiertes Methodenset; es taucht beim Roundtable nicht auf, in Erding war es durch die European Coaching Association vertreten. Dafür ist der Deutsche Verband für Neuro-Linguistisches Programmieren Mitglied im Dachverband der Weiterbildungsorganisationen, im Forum Werteorientierung in der Weiterbildung und kooperiert mit Trainerversorgung e.V. Letzeres macht allerdings auch der Deutsche Quantum Verein, dessen deutlich esoterische Praktiken umstritten sind und dessen Mitgliederzahl in die REMID-Religions- und Weltanschauungsstatistik aufgenommen werden würde, wenn sie bekannt wäre (vgl. Oliver Koch: Die „Chinesische Quantum Methode“ von Gabriele Eckert, EZW-Materialdienst 6/2016).

Fazit: Innovation und Totalität

Sicherlich gelingt der Thesennachvollzug dieses Artikels nur mittels Ausblendung etwa der 612 Mio. Angehörigen eines pentekostalen Christentums, das gerade auch im Globalen Süden erfolgreich ist (Zahl nach T. Johnson 2012, zitiert nach: Anderson 2013, „[including] a large number of independent churches called ‚Neocharismatics‘, which in previous statistics have amounted to about three quarters of the total [;…] the majority of these ‚Neocharismatics‘ are Han Chinese independent churches with an estimated 80 million members, and the African Independent Churches […] with 55 million members“, vgl. Selected worldwide adherents of religions und Ambivalentes Verhältnis zur Moderne: Was ist eigentlich die Pfingstbewegung und warum ist sie global so erfolgreich?). Bei ihnen wie im Sammelbecken des Salafismus wird Totalität noch großgeschrieben – mit einem teilweise sehr deutlichen anti-modernistischen Vorzeichen. Deutlich pro-modernistisch – um nicht zu sagen: pro-kapitalistisch – erscheint dagegen das Konzept des Coaches, der nicht „beabsichtigt“, Klient_innen weltanschaulich, religiös oder spirituell zu beeinflussen, sie aber „unaufdringlich“ „anregt“, auch ihre Einstellungen zu überdenken und zu optimieren. Und dabei ist es letztlich irrelevant, ob z.B. etwas Zen-Buddhismus eine Rolle spielt, ob dieser von Klienten- oder von Coach-Seite eingebracht wurde, ob überhaupt „religiöse Systeme“ anzitiert werden oder es nur um eine „psychologische“ Arbeit am Selbst geht. Die Investition, die ein Coaching für Klient_innen darstellt, ist dabei zugleich eine wirtschaftliche Spekulation, die auf der Option, dass der Coach sich auszahle, aufbaut. Entsprechend ist die Erfolgsquote eines Coaches von Relevanz. Seine Rolle mag eine diesseitige sein, zugleich wird es nebensächlich, welche persönlichen Thesen mithilfe eines Coachings transformiert werden.

Dennoch wird der/die Coach zu einem Symbol für ein scheinbares Ende des Totalitätsgedankens, wenn quasi die Inhalte des eigenen Weltanschauungsgebäudes über ein Content-Management-System im Coaching optimiert werden und im Modus der Dienstleistung eher von funktionaler Bedeutung sind als Teil einer Klienten-Persönlichkeit, denn von essentieller. Und von Randbereichen abgesehen gelingt das ohne esoterischen Anruch. Nicht das Lehrgebäude ist die Dienstleistung, sondern das Beraten, Trainieren, Coachen. Der/die Coach steht insofern auf einer Metaebene im Verhältnis zu den weltanschaulichen Sätzen der Klient_innen.

Ist Coaching insofern eine besondere Innovation? Diese hätte Vorstufen in teilweise erwähnten intiatorischen Gesellschaften, deren „Selbstvergottung“ den Graden eines Einweihungssystems folgte, bis zum Auditing der Scientology. Doch es besteht kein Lehrgebäude mehr, kein mehr oder weniger non-konformistisches Design, kein religiöser Überbau, keine eigene spezielle Utopie bzw. all das mag auf Klientenseite eine Rolle spielen – und nur insofern interessiert es im Coaching. Der Innovationsbegriff hat eine geschichtsphilosophische Dimension, denn er bewertet Novizität im Gegensatz zur Variation des Bestehenden. Und beim Thema „Coaching“ als „technischem“ Fortschritt liegt das Stichwort eines „Spätkapitalismus“ nahe. Entscheidender als eine solche geschichtsphilosophische Einordnung – die damit auch Bezug auf eine weltanschauliche Deutung der Geschichte nähme – ist die Frage, inwiefern feste Mitgliedschaften in einem Konzept „Neue religiöse Bewegung“ einschließlich des Gedankens einer „Totalität“ der Weltanschauung allmählich durch neue Assoziationspraxen abgelöst werden, von denen neben dem Coaching bereits einige in diesem Artikel angesprochen worden sind.

Christoph Wagenseil

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