Was glaubt, wer nicht glaubt? Vergleichende Studie untersucht konfessionsfreie Identitäten

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Eine neue vergleichende Studie von Prof. Dr. Tatjana Schnell (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Hans Alma (University of Humanistic Studies, Utrecht), Dr. Elpine de Boer (Universität Leiden) und Dr. Peter La Cour (University of Copenhagen; hier geht es direkt zum Online-Fragebogen; Sie können bis Ende Dezember 2016 teilnehmen) versucht mittels sehr elaborierter Frageskalen das Feld der sogenannten Konfessionslosen oder Konfessionsfreien (vgl. z.B. Wer sind die Konfessionsfreien?) in fünf europäischen Staaten zu erschließen. Dabei geht es sowohl um die als „Ismen“ vertrauten philosophischen Selbstverortungen als etwa Atheist oder Agnostiker (vgl. die Interviews mit Dr. Heinz-Werner Kubitza, Religion und Öffentlichkeit III: Säkularer Humanismus und Religionskritik, und mit Arik Platzek, „Abbau der systematischen Benachteiligung für Menschen ohne Religion“, sowie zur religionsphilosophischen Debatte um die Existenz Gottes mit PD Dr. Stamatios Gerogiorgakis, (A)Theismus und Religionsphilosophie: Aktuelle Streiflichter zur Debatte um die Existenz Gottes) als auch um diejenigen, welche ihre eigene Position zwar als nicht-konfessionsgebundene Weltanschauung verstehen, aber nicht aus jeder Perspektive als religionsfrei gedeutet werden. REMID interviewte Tatjana Schnell zu diesem besonderen Forschungsprojekt.

 

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Schild an einer Kirche in Marburg (2016, Symbolbild). Welche Gründe haben AtheistInnen und AgnostikerInnen, „kirchliche Wege“ zu meiden? Welche Wege bevorzugen Konfessionsfreie?

 

Sie haben da einen sehr in die Tiefe gehenden Test entworfen. Ich habe beim Ausfüllen des Formulars den Weg eines Agnostikers gewählt. Welche Differenzierungen haben Sie insgesamt vorgenommen? Was ist Ihr genaues Forschungsinteresse?

Wir haben – nach Diskussion mit ExpertInnen aus dem Bereich – die folgenden Differenzierungen verwendet: Anti-TheistInnen, AtheistInnen, AgnostikerInnen, HumanistInnen, FreidenkerInnen, Säkulare, Religionslose, Sonstiges (mit offenem Antwortformat). Dabei geht es uns darum, die Verteilung verschiedener Identifikationen zu erfassen – welche sind wie häufig in den verschiedenen Ländern vertreten? Dies ist u.a. deshalb relevant, weil BürgerInnen zu verschiedensten Anlässen gebeten werden, ihre konfessionelle/weltanschauliche Bindung anzugeben. Im Allgemeinen gibt es die Möglichkeit, sich zu den großen Religionsgemeinschaften zu bekennen, sowie den Punkt „andere“. Dies wird von Konfessionsfreien bemängelt, da eine nicht-konfessionsgebundene Weltanschauung nicht angegeben werden kann.
In den Benennungen verschiedener Gruppierungen findet man unterschiedliche Begriffe (wie oben genannt). Es ist jedoch oft nicht ersichtlich, ob hinter den unterschiedlichen Begriffen auch unterschiedliche Überzeugungen stehen. Auch dies versuchen wir durch die Antwortprofile im Bezug auf die Selbstbezeichnungen herauszufinden.

Oft ging es in Fragen um höhere Mächte, besondere Gefühle z.B. des Eins-Seins mit der Natur, Praktiken wie Meditieren. Inwiefern handelt es sich also dabei auch um eine Spiritualitätsstudie (vgl. z.B. Spirituelle Atheisten? Statistische Einblicke in aktuelle Formen weltanschaulicher Selbst-Verortung)?

Es gibt zwei Gründe, warum wir auch solche Skalen einbezogen haben. Einer ist ein pragmatischer: Für die Erfassung nicht-religiöser Weltanschauungen stehen erst sehr wenige validierte (wissenschaftlich überprüfte) Instrumente zur Verfügung. In der internationalen Forschung zum Thema arbeiten viele KollegInnen – wie z.B. das Atheist Research Collaborative – mit Skalen, die religiöse und spirituelle Inhalte erfassen, um Konfessionsfreie zu identifizieren und erkunden (in dem Sinne, dass niedrige Werte auf ein nicht-religiöses oder nicht-spirituelles Selbstverständnis hinweisen). Hier ist es hilfreich, mit unseren Ergebnissen anschlussfähig zu sein.

Der zweite Grund ist der, dass in den letzten Jahren vermehrt von Konfessionsfreien darauf hingewiesen wurde, dass auch bei Religionsfreiheit Gefühle des Eins-Seins mit der Natur oder des Staunens erlebt oder ein spirituelles Bewusstsein entwickelt werden können. Es sei ein reines Vorurteil, wenn dies Religionsfreien abgesprochen würde. Verschiedene einflussreiche Veröffentlichungen vertreten diese Position, wie z.B. André Comte-Sponvilles „Woran glaubt ein Atheist“, Dworkins „Religion ohne Gott“, oder de Bottons „Religion für Atheisten“. Uns interessiert, wie verbreitet diese Erfahrungen und Einstellungen sind.

Wie ist eigentlich der Forschungsstand zum Thema Atheismus, Agnostizismus, Nontheismus?

Bisher kann man diesbezüglich noch kaum von einem „Forschungsstand“ sprechen, da säkulare Weltanschauungen sehr selten im Fokus der Forschung standen. Und wenn, dann vor allem über das ‚Fehlen‘ von Religiosität identifiziert, was der Sache sicher nicht gerecht wird. Man spricht diesbezüglich auch von den „Nones“ – also von denjenigen, die sich nicht bei den vorgegebenen Identifikationsmöglichkeiten (Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus etc.) wiederfinden. Sie werden dann also als die „Nichtse“ bezeichnen, wenn es denn das deutsche Wort gäbe. Die, die sich mit nichts identifizieren. Über diese Nones gibt es schon einige Studien. Solche aber, in denen zwischen Atheismus, Agnostizismus, Nontheismus oder ähnlich unterschieden wird, sind extrem rar. Ich selbst habe einige dazu durchgeführt, auf der Basis der von mir entwickelten Skalen, die Dimensionen von Säkularität messen (Schnell, 2015). Hier hat sich in einer Zufallsstichprobe, die wir aus der gesamten österreichischen Population gezogen haben, z.B. gezeigt, dass Atheismus einen stärkeren Bezug zu Wissenschaft und Technik aufweist als Agnostizismus. Auch ist die Ablehnung von religiösen Überzeugungen, religiöser Zugehörigkeit und Spiritualität viel stärker mit Atheismus als mit Agnostizismus assoziiert, obwohl sie sich bei beiden zeigt. Interessanterweise fanden wir den oft postulierten Geschlechtereffekt nicht, dass Atheismus eher eine männliche Position sei – bei uns bekannten sich Frauen genauso häufig zu einer atheistischen Haltung wie Männer. Auch zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Atheismus und Ausbildungsstand. Ob dies einen gesellschaftlichen Wandel ankündigt oder eine Spezifität unserer Stichprobe war, das hoffen wir durch die neue, international vergleichende Erhebung auch zu überprüfen.

 

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Eine aktuelle Veröffentlichung von Tatjana Schnell (vgl. auch die Texte des Portals Sinnforschung.org). Aus dem Klappentext: “ Auf der Grundlage empirischer Forschungsergebnisse erfahren die Leser, welche Dimensionen von Sinn es gibt und wie man sie für sich bzw. für Klienten entdecken kann“. Per Klick auf das Cover gelangen Sie zu der Darstellung des Werkes im Springer-Verlag.

 

Als politisch eher Linkem fiel mir auf, dass zumindest in meinem Durchgang der Gegensatz aufgemacht wurde zwischen Menschen, die eigenverantwortlich ihr Leben selbst in die Hand nehmen, und solchen, die sich eher fremdbestimmt sehen und dies mit eher übersinnlichen Mächten assoziieren. Die Möglichkeit, ganz gottlos durch gesellschaftliche Verhältnisse fremdbestimmt zu werden, kam nicht vor. Warum?

Es ist von außen vielleicht nicht ersichtlich, wie die verschiedenen Konstrukte analysiert werden (bzw. wird dies in der psychologischen Testentwicklung vermieden, da ansonsten die Tendenz zu sozial erwünschtem Verhalten die Ergebnisse stark verzerren könnte). Aber die Möglichkeit, gottlos durch gesellschaftliche Verhältnisse fremdbestimmt zu werden, kann gut identifiziert werden. Vielleicht hilft es, darauf hinzuweisen, dass eine Ablehnung der Aussage zu Fremdbestimmung durch übersinnliche Mächte NICHT so interpretiert wird, dass gar keine Fremdbestimmung angenommen wird. Sondern eben, dass keine Fremdbestimmung durch übersinnliche Mächte vertreten wird. Ebenso wird eine Ablehnung der Aussage, in Wissenschaft und Technik zu vertrauen, nicht so interpretiert, dass stattdessen in höhere Mächte vertraut wird. Das widerspräche der von uns verwendeten Methodik.

Ihre Studie ist europäisch vergleichend. Welche Länder fallen in den Blick und wie sehen Sie im Vorfeld die jeweiligen landesspezifischen Unterschiede?

Wir führen die Untersuchung in Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie in den Niederlanden und Dänemark durch. In den Niederlanden läuft sie zeitgleich mit der unseren, die dänische Studie beginnt aus organisatorischen Gründen etwas später. Die Niederlande sind dafür bekannt, dass säkularen Organisationen Mitspracherechte eingeräumt werden, dass verschiedenste Angebote – wie z.B. Beratung, Begleitung in Krisen, Palliative Care – selbstverständlich auch spezifisch für Konfessionslose entwickelt werden. Dänemark scheint diesbezüglich auch schon weiter zu sein als Deutschland und die Schweiz. In Österreich sind uns recht wenige Angebote bekannt. Es liegen jedoch wenige verlässliche Daten dazu vor. Auch über das persönliche Erleben der konfessionsfreien Menschen in den verschiedenen Ländern ist noch nichts bekannt. Stehen Wohlbefinden und Gesundheit von Konfessionsfreien mit gesellschaftlicher Anerkennung in Verbindung? Geht eine fehlende Anerkennung auch mit erlebten Vorurteilen und Benachteiligungen einher?

Danke für das Interview. Hier geht es zur Online-Befragung.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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