Überlebende des IS-Terrors: „Niemand soll sagen können, er habe von diesen Verbrechen nichts gewusst“

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Vor bald einem Jahr berichteten wir von dem Projekt „Sonderkontingent“ des Landes Baden-Württembergs, welches unter der Leitung von Dr. Michael Blume durchgeführt wurde (Als Religionswissenschaftler ein Projekt in Kurdistan-Irak leiten?, man vergleiche auch seinen Eröffnungsbeitrag in der öffentlichen REMID-Gesprächsrunde „Religion in Öffentlichkeit und Medien“, vom 19. November 2016, im Video ab Minute 11:47, zum Thema „Verschwörungsmythen“ und dabei zu dem Massenmord an den Yeziden im Irak kommt es ab Minute 16:00). Das Projekt ist jetzt abgeschlossen. Die zur UN-Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel ernannte Nadia Murad sprach als erste Yezidin vor einem deutschen Parlament kürzlich im Stuttgarter Landtag (SWR: Aus der Hölle nach Baden-Württemberg. Nadia Murad sagt Danke, Stuttgarter Zeitung: UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad spricht im Stuttgarter Landtag, alles 1. Dez. 2016).

 

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Demonstration von Yeziden vor dem Weißen Haus (August 2014).

Bild von Kaitlynn Hendricks unter Creative-Commons-Lizenz CC BY 2.0.

„…dass wir doch noch eine Zukunft haben werden…“

 

„Daesh, die Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates, haben mein Dorf, meine Familie und auch meine Träume zerstört. Die Terroristen haben unsere Familien auseinandergerissen, viele ermordet – vor allem die Männer – und uns Frauen und Kinder behandelt als wären wir keine Menschen, als hätten wir keinen Wert. Sie haben das alleine aus dem Grund gemacht, weil wir Yeziden in ihren Augen „Ungläubige“ sind. Sie wollten uns vernichten. Sie verübten einen Völkermord.
Manchmal habe ich gedacht, dass sie auch mich zerstört haben. Und manchmal habe ich Gott gefragt, warum Er mich nicht auch sterben ließ wie meine Mutter und meine Brüder. [S.3f.; …]
Wir glauben, dass wir auch deswegen überlebt haben, um der Welt von den Verbrechen von Daesh zu berichten, um die Welt um Hilfe zu bitten und um dafür einzutreten, dass die Täter vor internationale Gerichte gestellt werden. Niemand soll sagen können, er habe von diesen Verbrechen nichts gewusst!
Dabei geht es um Gerechtigkeit, nicht um Rache. Und es geht uns darum, dass wir Jugendliche auch in Europa davor bewahren, sich dieser Ideologie des Hasses anzuschließen. [S. 6; …]
Und erlauben Sie mir auch, besonders die Menschen anzusprechen, die ihr eigenes Leben eingesetzt haben, um uns zu retten und in Sicherheit zu bringen: das Team des Sonderkontingentes unter Leitung von Dr. Michael Blume. Heute anwesend sind aus seinem Team Prof. Ilhan Kizilhan, Hes Sedik, Mirza Dinnayi und Simone Helmschrott. [S. 13; …]
Sie alle haben uns gezeigt, dass die Welt uns nicht vergessen hat, dass wir doch noch eine Zukunft haben werden und dass das Unrecht am Ende nicht siegen wird. Im Namen aller Opfer des Terrors und aller 1.100 Frauen und Kinder, die Sie in Sicherheit gebracht haben, danke ich Ihnen aus tiefstem Herzen!
Für Deutschland mag es dabei Alltag sein, dass Frauen und Männer, Christen, Yeziden, Muslime und auch Menschen ohne Religion zusammenarbeiten. Doch die ehrenwerten Botschafter des Irak und der Region Kurdistan-Irak werden Ihnen bestätigen, dass dies leider alles andere als selbstverständlich ist. [S. 14f.; …]
Ich danke daher auch Bundeskanzlerin Angela Merkel für ihren Vorschlag einer Autonomie des yezidischen Volkes mit internationaler Hilfe und Aufsicht [S. 17; …]
[M]ir ist die große Ehre bewusst, die Sie mir erwiesen haben, als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen vor Ihnen zu sprechen. Und ich will dies nicht nur im Namen meines Volkes und aller Opfer von Daesh tun, sondern auch im Namen aller Flüchtlinge, die Deutschland bei sich aufgenommen hat [S. 19f.].“ (s. Rede von Nadia Murad als PDF oder Video).

Die Idee einer „Autonomie des yezidischen Volkes mit internationaler Hilfe und Aufsicht“ bedarf dabei einer Erläuterung. Im Juni berichtete Thomas Schmidlinger aus Erbil für „Die Zeit“, der Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebietes, „[b]ald schon soll eine offizielle Freundschaftsgruppe mit den Jesiden im Europäischen Parlament gebildet werden, die die vergessenen Opfer der Angriffe des IS wieder in den Mittelpunkt rücken und Europa in die Pflicht nehmen will“ (Die Vergessenen von Sindschar, 13. Juni 2016). Bereits im August 2014 war auf der Webseite des Zentralverbands der assyrischen Vereinigungen in Deutschland und europäischen Sektionen sowie des Assyrischen Jugendverbands Mitteleuropa eine ähnliche Forderung aus christlicher Perspektive zu lesen: „Nach Meinung von Johann Roumee, Vorsitzender des Zentralverbandes der Assyrer in Deutschland kann der Exodus nur durch die Errichtung einer UN-Schutzzone in der Ninive-Ebene gestoppt werden. Innerhalb der Vertreter der irakischen Christen bestehe hier eine große Einigkeit“ (Humanitäre Katastrophe im Irak. Schutzzone jetzt!, 12. Aug. 2014). Am 16. Juli sprachen in Erbil der Präsident der Autonomen Region, Masud Barzani, und Vertreter christlicher Parteien und Bewegungen miteinander: „Bei den Gesprächen wurde auch in Betracht gezogen, die Ninive-Ebene zu einer ‚autonomen Provinz mit christlicher Mehrheit zu machen‘; die Provinz soll im Rahmen einer unabhängigen kurdischen Regierung entstehen und nicht von der Zentralregierung in Bagdad abhängen“ (Evangelische Allianz: Irak, Christen der Ninive-Ebene. Barzani wirbt bei Christen um Unterstützung für die Unabhängigkeit, 19. Juli 2016). Die Nachrichten der evangelikalen Evangelischen Allianz wiederholten im September diese Idee: „In Washington fand zum Beispiel in den vergangenen Tagen (7.-9. September) eine Konferenz des christlichen Hilfswerks ‚In Defense of Christians (IDC)‘ zum Thema ‚Beyond Genocide: Preserving Christianity in Middle East‘ statt, bei der die Teilnehmer anregten, man müsse Druck auf den US-amerikanischen Kongress ausüben, damit eine ‚Schutzzone‘ für religiöse Minderheiten in der Ninive-Ebene geschaffen wird und zwar mit der Zustimmung der örtlichen Behörden und in Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung und mit den politischen Verantwortlichen der Autonomen Region Kurdistan“ (US-amerikanisches Hilfswerk regt eine “Schutzzone” für Christen in der Ninive-Ebene an, 10. Sept. 2016). Auch John Brennan, der Chef des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, äußerte sich in einem Interview mit dem CTC Sentinel, dass er keine „Etablierung von Zentralregierungen“ in Syrien und Irak mehr erleben werde, dass sich in diesen Ländern aber autonome Regionen etablieren könnten, „wie es bereits in den syrischen und irakischen Kurdengebieten geschehen sei“ (zitiert nach Junge Welt: CIA-Chef fürchtet Staatszerfall, 10. Sept. 2016). Auch das weltliche Oberhaupt der Yeziden hat erneut im September seine Forderung nach einer internationalen Schutztruppe für die nordirakische Shingal-Region als unabhängiger „eigene[r] Provinz“ bekräftigt (Êzîdi Press: Mîr Tahsîn Beg fordert internationale Schutztruppen für Shingal-Region, 27.Sept. 2016; Quellen tw. nach Elke Dangeleit, 5. Okt. 2016).

 

Dieses yezidische Gräberfeld auf dem Stadtfriedhof Hannover-Lahe mit einem Melek Taus („Gottes Engel“) im Schaukasten auf dem Grab hat keinen Bezug zu den Opfern des IS-Terrors, aber es mag einen Kontrast bilden zu den im Artikel angesprochenen Massengräbern, zu deren Bild- und Filmzeugnissen Links führen.

Bild von Bernd Schwabe (2011) unter Creative-Commons-Lizenz CC BY 3.0.

 

„Manchmal habe ich gedacht, dass sie auch mich zerstört haben“

 

Unabhängig von diesen Interessen ist aber zu konstatieren, dass nur mehr eine Minderheit der yezidischen Religion im Irak lebt, viele können sich eine Flucht schlicht nicht leisten. In Deutschland sind die Yeziden inzwischen vermutlich eine religiöse Minderheit in der Größenordnung von Hindus oder Juden (ca. 0,1 Mio.). Unabhängig davon, wie man die Zukunft der yezidischen Religion verortet, es ist dieser eine Satz von Nadia Murad, der hängenbleibt: „Niemand soll sagen können, er habe von diesen Verbrechen nichts gewusst“. Und vielleicht folgt Murad hier Dr. Blume, der die historische Dimension auch in erwähnter Gesprächsrunde veranschaulichte, indem er in seinem Beitrag über Verschwörungsmythen die antisemitischen (gefälschten) „Protokolle der Weisen von Zion“ mit einem Massengrab im Irak in Beziehung setzte. Auf dem Foto waren die Schatten von ihm und seinen Mitarbeitern, unter ihnen die Toten einer vom „Daesh“ für „Teufelsanbeter“ und für verfolgungswürdig angesehenen Minderheit. Der herausgegriffene Satz erinnert an die Shoa, ohne zu vergleichen. Auch Dr. Blume verwendete ihn an anderer Stelle:

„Und dann war da also der Filmabend. Düzen Tekkals ‚Hawar‘ [Untertitel: „Meine Reise in den Genozid“; 2015] hatte ich selbst noch nicht gesehen und war bewegt – nicht zuletzt aufgrund all der Geschehnisse und Orte, die auch ich in Kurdistan-Irak gesehen und besucht hatte, sondern auch aufgrund vieler persönlich bekannter Menschen wie zum Beispiel Nadia Murad (im Film noch ‚Madlib‘). Ich hoffe sehr, dass noch viele, viele Menschen ‚Hawar‘ sehen werden – denn wer diese Dokumentation gesehen hat, kann danach nicht mehr behaupten, von nichts gewusst zu haben…“ (IS-Überlebende brechen das Schweigen – Farida Abbas bei Terre des Femmes und SWR, 26. Nov. 2016).

Der Satz gilt aber nicht nur für die konkreten Verbrechen an Angehörigen der yezidischen Religion. Die historisch spät einsetzende deutsche Erinnerung an die Shoa ist verbunden mit sekundärem Antisemitismus, nämlich „die Judenfeindschaft aus dem Motiv der Erinnerungsabwehr heraus“ (Philipp Gessler, Sekundärer Antisemitismus. Argumentationsmuster im rechtsextremistischen Antisemitismus, bpb 2006). Konkret kann das die Holocaustleugnung sein, aber auch das Fordern eines „Schlussstriches“, die Idee einer (Mit-)Schuld der Juden am Antisemitismus wie auch eine Abwehr des Antisemitismus als eines damals gesamtgesellschaftlichen Faktors bzw. innerhalb der eigenen Familie.

Der Satz mahnt aber darüber hinaus, dass Verschwörungsmythen zu Massengräbern führen können. Das gilt für die islamistische Ideologie eines salafistischen Dschihadismus. Ebenso gilt es für die international stärker werdenden „weißen Nationalisten“ (so nennt sie Jean Peters vom post-satirische Peng Kollektiv in der Taz, in: Humor in Zeiten politischer Polarisierung. Sonst ist das Lachen bald vorbei, 4. Dez. 2016). Sie haben sich in vielen westlichen Ländern auf die Muslime bzw. „den Islam“ als ein primäres Feindbild festgelegt.

Aber eine weitere Nuance des Satzes ergibt sich aus der Kombination der beiden vorigen Ableitungen. Zu leicht schiebt sich die Verantwortung auf radikale Kleingruppen und man selbst kann sich persönlich nicht angesprochen fühlen. Die Diskurslage ist aber komplexer.

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John Ussher (1865): A journey from London to Persepolis; including wanderings in Daghestan, Georgia, Armenia, S. 454: Gate of Yezeedi Temple Sheikh Adi. Schon früh waren die Yeziden für westliche Orientinteressierte ein Faszinosum. Zu der Unterstellung, die Yeziden wären Teufelsanbeter, heißt es in einer Stellungsnahme von Eziden Weltweit e.V.: „Eziden sind keine Anbeter des Bösen. Das Böse in Form der Hölle existiert im Ezidentum nicht, da im Ezidentum keine weitere Gestalt neben Gott und den 7 Engeln existiert. Stattdessen verehrt das Ezidentum, das eine monotheistische Religion ist, die vier Elemente der Natur sowie die Allmacht Gottes und die Kraft der Engel. Aus den vier Elementen wurde letztlich die Welt und das Leben erschaffen“.

Stellungnahme: PDF, vgl. auch die Rezension zu „Celalettin Kartal: Deutsche Yeziden. Geschichte – Gegenwart – Perspektiven“ von Prof. Manfred Hutter, EZW-Materialdienst 10/2016.

 

„…dass diese Frage so schon falsch gestellt und diese Zuspitzung bereits Teil des Problems ist“

 

Düzen Tekkal, deren Vater SPD wählt, ist in die CSU eingetreten. In ihrem aktuellen Buch mit dem sarrazinesken Titel „Deutschland ist bedroht: Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen“ (München: Piper 2016) schreibt sie auch vom NSU-Terror und der Gefahr von rechts. Eines ihrer späteren Kapitel endet mit etwas, was sie „der deutschen Gesellschaft“ vorwirft, nämlich

„dass es für diese Jugendlichen [bei denen Integration scheitere; Anm. C.W.] gar nichts gab, keine Chancen, keine Möglichkeiten und noch nicht einmal Härte. Denn auch eine Sanktion ist eine Antwort, die ein Gefühl bei den Menschen erzeugt: Ich werde wahrgenommen, ich bin nicht egal, ich bin nicht unsichtbar. Diese Menschen dürfen uns nicht egal sein und fehlende Santionen sind auch eine Form der Vernachlässigung. Die Vernachlässigung dieser Jugendlichen ist auch eine Folge des Multikulturalismus, eine Folge falsch verstandener Toleranz.“ (S. 192; es folgen noch die Kapitel „Das Erbe von Multikulti“, „German Dream statt German Angst“ sowie der Schluss „Vom Ich zum Wir“; bereits zuvor heißt es im Buch: „Denn was innerhalb der ‚Kulturen‘ passiert, hat uns laut der Idee des Multikulturalismus nicht zu interessieren“).

Geschenkt, dass Tekkal auf der aktuellen Welle eines Revivals autoritärer Pädagogikkonzepte – gerade in der Extremismus-Prävention – reitet (vgl. Artikel Was ist eigentlich eine Weltanschauung?, Abschnitt über konfrontative Pädagogik und ihre Rezeption; sowie zur anti-autoritären Erziehung: Peter Pan und die zwölf Stämme. Das Spiel als Paradigma). Geschenkt, dass Tekkal als Nachfahrin von yezidischen Migranten die Generationenkonflikte kennt, zwischen den Alten und den Jungen – „Du bist für mich wie ein Sohn“, so wird ihr Vater 2014 in der Taz zur Veranschaulichung einer Zwiespältigkeit anzitiert (Friederike Gräff: Jesiden in Norddeutschland. Eine Gemeinschaft im Übergang, 17. Aug. 2014). Doch dann folgen zwei Formeln, ohne direkte weitere Begründung: „Multikulturalismus“ und „falsch verstandene[] Toleranz“. Formeln, die zumindest ursprünglich in dieser Bedeutung etwas einem links-liberalen Milieu unterstellen wollten (bevor es so etwas gab wie die holländische Partei „DENK“; vgl. Joes de Natres, The Long Needed Multicultural Party?, Independent Media International, 14. Juli 2016).

Nicht ohne Grund führt eine Suchmaschineneingabe dieses Teilsatzes „ist auch eine Folge des Multikulturalismus, eine Folge falsch verstandener Toleranz“ in unmittelbarer Nachfolge von Tekkals Buch zu mehreren Versionen eines Artikels von Birgit Rommelspacher, „Islamkritik und antimuslimische Positionen – am Beispiel von Necla Kelek und Seyran Ates“ (in: Thorsten Gerald Schneiders [Hg.]: Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Berlin 2011, S. 447-469). Die Einleitung schließt mit:

„Zugleich werfen sie den sog. Multikulturalisten vor, dass sie aus falsch verstandener Toleranz, Gewalt und Frauenunterdrückung in Kauf nehmen, wenn nicht gar billigen würden.
Dem wird entgegen gehalten, dass es bei einer solch pauschalisierenden Argumentation nicht in erster Linie um die Unterdrückung der Frauen ginge, sondern um die Diskreditierung der Kultur und Religion muslimischer EinwanderInnen. Die Auseinandersetzung spitzt sich damit auf die Frage zu, ob man eher die Frauenrechte schützen oder die Kultur bzw. Religion der anderen anerkennen solle. Es scheint um einen Konflikt zu gehen, der eine Abwägung zwischen diesen Werten erfordert. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass diese Frage so schon falsch gestellt und diese Zuspitzung bereits Teil des Problems ist. Deshalb müssen zunächst einmal die Voraussetzungen genauer geklärt werden und gefragt, um welche Probleme es sich tatsächlich handelt bzw. wie sie definiert werden und welche Erklärungsmuster den entsprechenden Argumentationen zugrunde liegen. Schließlich gilt es zu fragen, welche unterschiedlichen Motive mit den verschiedenen Positionen verbunden sind“ (zitiert nach birgit-rommelspacher.de; vgl. auch Islamkritik und Rassismus. Ein Briefwechsel über einen Essay von Ahmad Mansour im REMID-Blog).


Fazit

 

Da in Marlene Pfaffenzellers Buch „Todeangst und Überleben nach extremer Gewalt. Interviews mit traumatisierten Menschen in der Türkei, Südamerika und Ruanda“ (Berlin: Kulturmaschinen 2014) auch jeweils in den Interviews das Thema Religion zur Sprache kommt, wurde REMID seiner Zeit gefragt, ob wir ein Rezensionsexemplar haben wollten. Die Angelegenheit war keinesfalls eindeutig. Im Kontext Ost-Türkei (2011) war Religion etwas, das eher mit den Tätern assoziiert wurde (S. 33, Gespräch 1: „Ich glaube nicht an Gott, ich bin Atheist“; S. 36, Gespräch 2: „Ich bin normal religiös und habe auch im Gefängnis gebetet, das hat etwas geholfen“; S. 38, Gespräch 3: „Früher war ich fromm, dann wurde ich gleichgültig und jetzt bin ich völlig gegen jede Religion“; S. 38, Gespräch 4: „Von meiner Familie her bin ich Alevitin, aber ich bin Atheistin“; S. 42, Gespräch 5: „Ich gehöre einer kommunistischen Bewegung an, die Mehrheit der Mitglieder dieser Bewegung sind Atheisten, aber liberal und mit Respekt vor den Religionen. Ich habe keine Scheu im Fernsehen zu sagen, dass ich Atheist bin“). Diese Fälle bringt Pfaffenzeller in Verbindung mit zwei Gesprächen in Argentinien (2012); ihr scheint „die Existenz einer gemeinsamen Folterschule wahrscheinlich“ (S. 47), allerdings dürfte auch hier Religion bzw. „die Kirche“ eher mit der Militärdiktatur 1976-1983 assoziiert worden sein (S.48, Gespräch 1: „Von der Kirche habe ich mich total abgewendet“; S. 51, Gespräch 2: „Die Kirche spielt für mich keine Rolle, obwohl ich schon irgendwie religiös bin. Durch die Erfahrungen im Gefängnis fühle ich mich in gewisser Weise geläutert“).

Anders sieht es aber in Kolumbien (2011/12) aus (S. 61, Gespräch 1: „Außerdem hat mir mein Glaube geholfen. Ich gehe oft in die Kirche“; S. 63, Gespräch 2: „Das Weinen hat mir geholfen und mein Glaube hat mir geholfen. Ich glaube an einen persönlichen Gott, der immer bei mir ist. Gott wollte, dass ich weiter lebe, um anderen Menschen zu helfen. Besonders hat mich der Psalm 91 gestärkt“; S. 65, Gespräch 3: „Auch mein Glaube und die Lektüre der Bibel waren eine Hilfe für mich. Aber zur Kirche habe ich heute eine gewisse Distanz bekommen“; S. 68, Gespräch 4: „Aber die Gespräche mit anderen Opfern in den Selbsthilfegruppen und die Religion waren mir eine Hilfe“; S. 71, Gespräch 5: „Mein jüngerer Sohn ist abhängig von Drogen geworden. Ich gehe oft in die Kirche, um für ihn zu beten“; S. 72, Gespräch 6: „Aber auch mein Glaube hat mich gestärkt, ich bete viel und gehe oft zur Messe“; S. 77, Gespräch 7: „Ich mache keine Therapie, gehe aber regelmäßig zur Kirche und bete viel, das hilft mir etwas. Diese Zeit ist nicht Gottes Zeit“; S. 78, Gespräch 8: „Ich bin Mitglied einer Gebetsgruppe, der Glauben hat mir ein wenig geholfen. Ich hatte auch Gespräche mit einem Priester, weil ich mir Sorgen um meinen 15-jähigen Sohn mache. Er hat seinen Glauben verloren“; S. 82, Gespräch 10[!]: „Mein Glaube hat mir in der letzten Zeit auch geholfen. Ich bete viel“; S. 92, Gespräch 15 [11-14 waren Gespräche mit Minderjährigen bzw. wurden eher paraphrasiert]: „In der ganzen schweren Zeit hat mir mein Glaube geholfen. Eine Psychotherapie habe ich nie gemacht, aber ich bete viel“; S. 95, Gespräch 17: „Meine Eltern haben mir in den Jahren sehr geholfen und auch mein Glaube an Gott“).

In Ruanda (2012) lässt sich keine eindeutige Tendenz feststellen (S. 108, Gespräch 1: „Früher war ich katholisch, heute glaube ich an nichts mehr“; S. 110, Gespräch 2: „Die Religion spielt für mich keine Rolle mehr, ich bin Atheist. Ich habe keine Rachegefühle“; S. 112f., Gespräch 3: „Ich bin katholisch und gehe jeden Sonntag in die Kirche. Manchmal bete ich“; S. 114, Gespräch 4: „Unterstützt fühle ich mich durch meine Kirchengemeinde, die ich regelmäßig besuche“; S. 123, Gespräch 8[!]: „Ich habe viel Schweres erlebt, aber die Religion hat mir etwas geholfen, ich bin katholisch“; wo nicht anders vermerkt, wird in den ausgelassenen Gesprächen Religion nicht thematisiert).

Die yezidische Community und die Erfahrungen der Überlebenden des Terrors der IS-Miliz zeigen erst recht die vielfältigen Rollen, die auf Religion zukommen können – nicht nur in Bezug auf extreme Gewalt. Darin liegt ein besonderes Potenzial.

 

Christoph Wagenseil

Der Autor dankt dem REMID-Netzwerk für Hinweise.

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