„Wenn es wirklich eine fünfte Grundkraft gäbe, sähe unsere Welt vollkommen anders aus“

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„Würde der homöopathische Wirkmechanismus funktionieren“, überlegt Vince Ebert aktuell im „Spektrum der Wissenschaft“ unter dem Titel „Alternative Medizin: Das Wunder der Homöopathie“ (10. Dez. 2016), „so stünde dieser im Widerspruch zu einer Vielzahl von fundamentalen physikalischen und biochemischen Naturgesetzen. Allein die Existenz eines Wassergedächtnisses und einer ‚geistartigen Kraft‘ hätte eine fünfte – bisher vollkommen unbekannte – physikalische Grundkraft zur Folge“. Ebert macht daraus ein Argument gegen die Homöopathie: „Wenn es wirklich eine fünfte Grundkraft gäbe, sähe unsere Welt vollkommen anders aus. Sie würde nach komplett anderen Naturgesetzen funktionieren, die man dann auch in vielen anderen Bereichen beobachten würde. Und weil das eben nicht der Fall ist, existiert der postulierte Mechanismus der Homöopathie nicht“. Dabei kommt es regelmäßig in der Physik vor, dass über die Möglichkeit einer fünften Grundkraft nachgedacht wird, wenn auch z.B. eher in der Art, „dass hinter den Unregelmäßigkeiten in den Daten des Experiments ein sogenanntes protophobes X-Boson steckt, das – so glauben die Physiker weiter – eine bisher unbekannte nur sehr lokal wirkende Kraft überträgt“ („Physiker finden Hinweise auf fünfte Grundkraft der Natur“, Der Standard, 27. Mai 2016).

 

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Bei „Grundkräften“ wurde lange an kosmische Mächte der Art gedacht, wie sie als Planetengötter oder Sternzeichen auf dieser historischen Rathausuhr in Heilbronn zu sehen sind, 1580 durch Isaac Habrecht gefertigt.

Bild von Joachim Köhler (2007) unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

„…und nannte sie Seele“

Nun soll es nicht darum gehen, pro oder contra alternativer Medizin die Pforte der kreativen Spekulation zu öffnen oder zu schließen (aber grundsätzlich ist auf die Frage der Spekulation und den Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ zurückzukommen). Interessanter ist doch, wie ein altes religiös-philosophisches Thema in der Naturwissenschaft immer wiederkehrt: „daher nahm er [Aristoteles] eine fünfte Grundkraft an, und nannte sie Seele“ (Johann Gottlieb Lindemann, Geschichte der Meinungen älterer und neuerer Völker, im Stande der Roheit und Cultur, von Gott, Religion, und Priesterthum: nebst einer besondern Religionsgeschichte der Aegypter, Perser, …wie auch von der Religion der wilden Völker als: Brasilianer, Mexicaner, Peruaner etc, 1787, S. 67). Oder:

„Zu jener Zeit formten sich die Geister der fünf Grundkräfte, und es wurden fünf Alte daraus. Der eine hieß der gelbe Alte, das war der Beherrscher der Erde. Der zweite hieß der rote Herr, das war der Beherrscher des Feuers. Der dritte hieß der dunkle Herr, das war der Beherrscher des Wassers. Der vierte hieß der Holzfürst, das war der Beherrscher des Holzes. Die fünfte hieß die Metallmutter, das war die Beherrscherin der Metalle“ (Richard Wilhelm, Chinesische Volksmärchen, 1927, S. 29, 15. Die Menschwerdung der fünf Alten).

Oder: „Die fünfte Grundkraft: Die tierische Seele (kama)“ als Kapitelüberschrift im Werk es des Theosophen Herrmann Rudolph (Das Geheimnis der Menschennatur, 1929; hier sind es insgesamt sieben Grundkräfte). Oder: „Weiterhin zeichnet Böhme [Jacob Böhme, Mystiker des 16. Jh.; Anm. C.W.] mit der ‚Liebe‘ die Fähigkeit beziehungsweise Tätigkeit des harmonischen Zusammenwirkens als eigene – fünfte – Grundkraft aus“ (Christian Steineck, Grundstrukturen mystischen Denkens, 2000, S. 144).

Die aus Tradition kosmosophischer Numerologie aufgeladene Rede von vier „Grundkräften“, die durch eine fünfte ergänzt oder vollendet wird, mit ihren Ankern in antiker Elemente- und Säftelehre (in Berücksichtigung der zitierten chinesischen Variante), aristotelischer Vermögenspsychosophie sowie entsprechender Rezeption in Hermetik, Alchemie und Magie der Frühen Neuzeit bzw. überhaupt die jeweils fortgesetzte Verwendung von Begiffen wie „Grundkräfte“ in Physik und kosmosophischen Philosophien über das Verhältnis von Geist und Materie lassen auch Physiker bisweilen zu entsprechendem Vokabular greifen: „[Prof. Christof] Wetterich zufolge ist die Kraft, die das Universum seit etwas mehr als 6 Milliarden Jahren auseinandertreibt, eine neben den bekannten vier Grundkräften existente fünfte Grundkraft. Sie wird auch Quintessenz genannt“ (Klaus Becker, Modell Universum: Wie Kosmologen unser Universum modellieren, 2016, S. 463). Oder sie setzen zumindest eine Grenze: „Man muss eine fünfte Grundkraft annehmen, wenn man die Superstring-Theorie akzeptiert“ (Peter Eisenhardt, Dan Kurth, Horst Stiehl: Du steigst nie zweimal in denselben Fluss. Die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis, 1988, S. 87).

„Quantenmystische Privatphysik“

Jenseits der institutionellen Wissenschaftsbetriebe ist die Idee einer fünften Grundkraft unter Rückgriff auf aktuell klingende alternative Physik noch nicht allzu sehr verbreitet worden. Ein Beispiel liefert Otto Höpfner (Die verstärkte kosmische Energie als ideale Hilfe gegen chemische und digitale Umweltverschmutzung: Spektakuläre Hilfen für die Gesundheit, sowie für Wasser- und Landwirtschaft, 2008, S. 47f.):

„Es ist ein Traum der Menschheit diese unendliche Strahlungsenergie [anzuzapfen] als Ersatz für die irdischen Energie-Ressourcen, die immer weniger werden. Von unzähligen solcher Versuche wird seit Jahren berichtet, doch bis heute ohne Erfolg. So hat zum Beispiel das Schweizer ‚Institut für Raum-Quanten Forschung‘ im Jahr 2005 bekannt gegeben, dass es die ‚Verborgenen Parameter‘ Einsteins entdeckt […] habe und bezeichnet diese als ‚Fünfte physikalische Grundkraft‘. Gleichzeitig wird erklärt, dass mit einer neuen Supertechnologie der elektromagnetischen Kernresonanz-Kopplung diese ‚Dunkle Energiequelle‘ angezapft und in elektrischen Strom umgewandelt werden soll. Nach 2 Jahren ist nichts passiert, denn die Firma wartet noch auf weitere Sponsoren“. (Auf Psiram heißt es dazu: „Das CHRQF Institut für Raum-Quanten-Forschung, auch EUIRQP Europäisches Institut für Raum Quanten Physik oder EUIRQF – Europäisches Institut für Raumquantenforschung, vertritt die quantenmystische Privatphysik des Schweizer Buchautors, Verlegers und Physiklaien Hans Lehner. […] Hans Lehner postuliert so genannte Lehneronen, die – durch Supernovae erzeugt – ständig von allen Seiten auf uns einströmen sollen“).

 

Wortwolken.com verwandelt Webseiten in Wortwolken, hier eine Seite „Was ist Quantenmedizin?“. Auffällig ist die Vermischung von religiös-spirituellem und medizinisch-naturwissenschaftlichen Vokabular als Ausdruck einer vom Selbstanspruch her „menschlicheren“ Therapie – mit Überbetonung von z.B. Disziplinbezeichnungen wie Physik und (Energie-)Medizin. Eine Vergleichsseite „Was ist die Quantenpyhsik?“ von phyx.at (die Inhalte entstehen in Schulprojekten) zeigt weitaus mehr konkrete „gegenständliche“ Begriffe in häufiger Verwendung, etwa „Elektronen“, „Teilchen“, „Zustand“ und – da das Gedankenexperiment von Erwin Schrödinger Verwendung findet – die „Katze“.

Vergleiche „Was ist die Quantenpyhsik?“ (phyx.at) mit „Was ist Quantenmedizin?“ (energeticmedizin.com) bei Wortwolken.com

 

Nun ist die Idee einer unendlichen Energiequelle noch nicht in der Weise spirituell gefärbt wie die eingangs beschriebene Idee eines Wassergedächtnisses im angenommenen homöopathischen Wirkmechanismus. Samuel Hahnemann und Masaru Emoto mit seiner „Botschaft des Wassers“ sind zwei Beispielprotagonisten, die sich dabei noch relativ unreligiös geben (je nach Definition dieser Adjektive). Weiter geht es bei der neureligiösen Gemeinschaft Ananda Marga (vgl. Helen Crovetto, Ananda Marga and the Use of Force, in: Nova Religio: The Journal of Alternative and Emergent Religions, Vol. 12 No. 1, August 2008, S. 26-56; eine psychologische Untersuchung mit u.a. Mitgliedern dieser reformhinduistischen Gemeinschaft bringt Wolfgang Kuner, New Religious Movements and Mental Health, in: Of Gods and Men. New Religious Movements in the West. Proceedings of the 1981 Annual Conference of the British Sociological Association, Sociology of Religion Study Group; herausgegeben von Eileen Barker, 1983, S. 255-263). Mit dieser Neureligion verbunden ist die Society for Microvita Research and Integrated Medicine in Indien – nach Prabhat Ranjan Sarkar unter besonderer Berücksichtigung der Microvita Theory:

„According to this intuitional theory microvita are entities which come within the realms both of physicality and of psychic expression. They are smaller and subtler than physical atoms and subatomic particles, and in the psychic realm they may be subtler than mind–stuff, and contribute to ‚pure consciousness‘. The author predicts that they will soon be recognized by conventional science“ (eb.).

In deren „Bulletin on Microvita Research and Integrated Medicine“ veröffentlichte im August 2015 (S. 29-35) der Deutsche Bernd Kröplin einen Artikel „Memory and communication in water“. Dieser dient seiner Webseite weltimtropfen.de als wissenschaftlich klingende Publikation in einer vermeintlich angesehenen internationalen Fachzeitschrift (und umgedreht profitiert das Bulletin von dem europäischen Gastautoren). Das und die weitere Berufung auf seinen Professorentitel am Institut für Statik und Dynamik der Luft- und Raumfahrtkonstruktionen an der Universität Stuttgart, das er 2010 verließ. Am Ende stehen in sozialen Netzwerken stark verbreitete Videos mit Titeln wie „Scientists From Germany Show That Water Has Memory. This Video Blows My Mind“ von LifeBuzz (2014; zur Sache Kröplin s.a. “Water memory” – a myth that wouldn’t die, 2011).

 

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Dieses mit „Petunienblüte“ beschriftete Bild von Wasser unter Mikroskop gehört bei Kräplin analog zu den Kristallbildern von Emoto zum Beweis-Inventar. Diese Artefakte gelten als nicht reproduzierbar (bzw.es konnten noch keine korrelativen Verhältnisse nachgewiesen werden).

 

Fazit

Solche Methoden sind unredlich. Aber genauso unredlich – um doch darauf nochmal zurückzukommen – ist die eingangs zitierte Haltung von Vince Ebert, welche im Grunde auch der wissenschaftlichen Neugierde eine Absage erteilt. Die fantastischen Romane eines Jules Verne beflügelten noch die angehenden Naturwissenschaftler und Ingenieure, die Träumer von heute scheinen ihnen Angst zu machen. Dabei sind ihre Anleihen bei Physikbegriffen selten so theoretisch ausgereift, dass Folgeschritte einer Operationalisierung etc. möglich wären. Es handelt sich eher um naturmystische Signaturen, deren Korrespondenzen intuitiv-assoziativ bestimmt werden (bzw. ästhetisch, wenn Kristall- oder Aurenbilder produziert werden). Andererseits hat auch manche heute anerkannte „Naturwissenschaft“ auf eine solche Weise angefangen. Dementsprechend wurden auch genügend Verfahren aussortiert, und manche haben selbst als esoterische Praxis nicht überlebt.

Jedenfalls sollten Skeptiker_innen vielleicht nicht über das Ziel hinausschießen. Das Problem ist nicht, dass Homöopathie oder überhaupt die auf „Infomation“, „Gedächtnis“ etc. ausgerichtete Esoterik eine fünfte Grundkraft im Universum voraussetzt. Das erklärt immer noch keinen dieser Begriffe physikalisch, das konkurriert also aktuell sowieso nicht mit den drei tatsächlich aus der Physik stammenden Ideen zu einer fünften Grundkraft auf einer Ebene von ausgefeilter Theorie (protophobes X-Boson, Ausdehnung des Universums, Superstring-Theorie). Es geht dabei auch nicht darum, ob diese letztgenannten Physiker-Ideen einen Taug haben und aktuell sind, sondern um den zum Ausdruck kommenden bemerkenswerten Tunnelblick einer Kritik, die nicht nur letztlich immer vorläufige Theorien zu Fakten erklärt, sondern sogar auf Fluchtpunkte wissenschaftlicher Spekulation verzichtet, also das, was gemeinhin unter den offene Fragen einer Disziplin verstanden wird (hier konkret: Lösungsangebote dafür, die allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik zu vereinigen bzw. eine allgemeine widerspruchsfreie Theorie der Grundkräfte bzw. eine Theory of Everything). Übertragen auf andere allgemeingesellschaftlichere Diskurse verdeutlicht diese Tendenz eine problematische Entwicklung, unter dem Vorzeichen der Polarisierung von Debatten radikalere „Alternativen“ mit einer radikal zugespitzten Alternativlosigkeit zu beantworten. Im hiesigen Beispiel könnte die Folge solcher Abwehr-Rhetorik (in scheinbarer Unkenntnis der tatsächlichen Reichhaltigkeit des Fachdiskurses) sein, dass künftig das Nachdenken über eine fünfte Grundkraft grundsätzlich bereits als etwas Anrüchiges betrachtet wird, schließlich klingt es schon fast wie ein faktisches Wissen: „Wenn es wirklich eine fünfte Grundkraft gäbe, sähe unsere Welt vollkommen anders aus“.

Christoph Wagenseil

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