Interview mit Buchautor Christian Röther: Islamfeindlichkeit von AfD und Pegida

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Christian Röther (Religionswissenschaft Göttingen) promovierte über die islamfeindliche Szene in Deutschland. Dafür recherchierte er mehrere Jahre über die Szene und führte ausführliche Interviews mit antiislamischen Aktivistinnen und Aktivisten. Seit 2009 arbeitet er als Hörfunkjournalist, u. a. für den Deutschlandfunk. 2016 wurde Röther mit dem Niedersächsischen Medienpreis ausgezeichnet. Zu seinem neuen Buch „Wenn die Wahrheit Kopf steht. Die Islamfeindlichkeit von AfD, Pegida & Co.“ (2017) hat REMID ihn interviewt.

 

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Bild-Copyright: Christian Röther.

 

Nach einem „Prolog in Dresden“ geht es in Ihrem Buch zunächst um den Islam selbst. Auch wenn die Formulierung des Titels mit der auf dem Kopf stehenden „Wahrheit“ plakativ gedacht ist, wie bestimmt Ihre religionswissenschaftlich reflektierte Hinführung zum Islam in Deutschland ihren Gegenstand? Wie kann die Religionswissenschaft dazu beitragen, um wie auch immer aufgeladene Verständnisse „des Islam“ zu versachlichen?

Bei Vorträgen und Diskussionen über Islamfeindlichkeit habe ich mehrfach festgestellt, dass viele Menschen im Publikum ein Bedürfnis haben, über „den Islam“ an sich zu sprechen, obwohl das Thema eigentlich die Abwertung von Islam und Muslimen ist. Deshalb wollte ich auch dem Buch ein Kapitel voranstellen, das eine Faktenbasis über Islam und Islam in Deutschland schafft, auf der das Buch aufbauen kann.

Die Religionswissenschaft könnte meiner Ansicht nach ganz wesentlich zu einer Versachlichung der Islamdebatte beitragen, indem sie den Blick weitet. Mediale Aufmerksamkeit bekommt „der Islam“ derzeit vor allem im Kontext von Terrorismus. So radikalisiert sich der Diskurs immer weiter. Es wäre wichtig, den Dschihadismus einerseits im Kontext anderer extremistischer Bewegungen zu sehen, die sich auf Religionen berufen. Zum anderen gilt es, den islamischen Pluralismus nicht aus den Augen zu verlieren: Der Dschihadismus und beispielsweise der islamische Feminismus sind eben zwei „Wahrheiten“ derselben religiösen Tradition. Das wird öffentlich aber nicht ausreichend gehört und verstanden, was sicherlich nicht nur an der Religionswissenschaft, sondern auch an Politik und Medien liegt.

Sie rekonstruieren auch eine Geschichte der antiislamischen Bewegung in Deutschland. Was waren die Voraussetzungen für Pegida und die Alternative für Deutschland?

Es gibt meiner Ansicht nach vier Voraussetzung für die antiislamische Rhetorik von AfD und Pegida. Zum einen die mediale Darstellung des Islams seit der Islamischen Revolution im Iran 1979 und dann noch einmal verstärkt seit 9/11. Medien in Deutschland und im Westen zeichnen oft vor allem negative Bilder vom Islam, das haben diverse Studien gezeigt. Islamisierung, Gewalt, Bedrohung: Das haben sich AfD und Pegida nicht ausgedacht, sondern das stand vorher schon im Spiegel, im Stern und im Focus und war im Fernsehen zu sehen.

Zweite Voraussetzung ist das negative Islambild in der Bevölkerung, das sicherlich mit der beschriebenen Berichterstattung zusammenhängt. Studien wie die „Deutschen Zustände“ oder die „Mitte-Studien“ zeigen seit über einem Jahrzehnt, dass viele Menschen in Deutschland Islam und Muslime negativ sehen. Daran knüpfen rechte Parteien an, sie kennen diese Studien. In der NPD etwa wurde damit argumentiert, um den Abschiebe-Wahlkampf auf Musliminnen und Muslime auszurichten.

Als drittes also die politischen Voraussetzungen: Seit Mitte der 2000er Jahre versuchen antiislamische Aktivistinnen und Aktivisten, sich in Deutschland politisch zu etablieren. Parteien wie die Pro-Bewegung oder Die Freiheit hatten aber kaum Erfolg. Dennoch ist die antiislamische Szene seitdem aktiv und vernetzt sich: mit Websites wie politically incorrect inklusive „Regionalgruppen“ oder Vereinen wie der Bürgerbewegung Pax Europa. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren Gruppen, die vor allem ein junges Publikum ansprechen sollen: die German Defence League und die Identitäre Bewegung.

Darauf bauen AfD und Pegida auf: Aktivistinnen und Aktivisten, die jahrelang nur mäßig Gehör fanden, stehen nun regelmäßig bei Pegida in Dresden und anderen Städten auf der Bühne. Die antiislamische Partei Die Freiheit hat sich aufgelöst, weil sie ihr Anliegen durch die AfD repräsentiert sieht. Viele Mitglieder wechselten die Partei, etwa Uwe Junge, AfD-Chef in Rheinland-Pfalz.

Als vierte Voraussetzung sehe ich Islamismus, Salafismus und Dschihadismus selbst an. Der antiislamische Diskurs bezieht sich auf den islamistischen, nutzt etwa die Argumente radikaler Prediger. Auch Dokumente des Terrors, wie Enthauptungsvideos und ähnliches, werden von Islamgegnerinnen und -gegnern zur Verbreitung ihrer Botschaft verwendet – was ganz im Sinne der Urheber dieser Dokumente ist, die damit ja „die Ungläubigen“ erreichen und in Schrecken versetzen wollen. Dschihadisten und Islamfeinde sind also stillschweigend eine argumentative Allianz eingegangen, was ich als religionswissenschaftlich sehr relevant erachte.

 

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Screenshot der Webseite „Politically Incorrect“, Unterseite „PI-Gruppen“ mit aktuell 51 Emailadressen (23.02.2017). Die Emailadressen und die Webadresse wurden mit einem schwarzen Balken ausgeblendet. Die enthaltene Deutschlandkarte hat als Grafik einen Dateipfad, der die Jahreszahl „2009“ enthält; die JPG-Datei wurde laut der auslesbaren Eigenschaften zuletzt 2010 modifiziert.

 

Vom noch vergleichsweise simplen Anti-Islam eines Thilo Sarrazin (vgl. Interview: „Islamophobie: Pauschale Ablehnung einer gesamten Religionsgemeinschaft hat mit Religionskritik nichts zu tun“, 2011) bis zu rassistisch aufgeladenen Psychoanalysen des Islam durch Necla Kelek (vgl. „Islamkritik und Rassismus. Ein Briefwechsel über einen Essay von Ahmad Mansour“, 2016) gibt es inzwischen eine ziemliche Bandbreite an Möglichkeiten zur Abwertung des Islam. Mit Stichworten wie „antiislamische Theologie“ und „antiislamisches Geschichtsverständnis“ deuten Sie an, dass wir es mit einer kohärenten Weltanschauung zu tun haben. Wie lässt sich diese umreißen?

Wie wohl jede Weltanschauung ist auch die vieler Islamgegnerinnen und -gegner nicht frei von Widersprüchen. Zentral ist für viele allerdings, dass sie im Islam „das Böse an sich“ erkannt zu haben meinen – noch schlimmer als der Nationalsozialismus, das betonen sie immer wieder. Entsprechend legen sie den Koran maximal negativ aus: ein übergeschichtlicher Aufruf an alle Musliminnen und Muslime, den Rest der Welt gewaltsam zu unterwerfen. Wer sich nicht daran hält, ist kein „wahrer Muslim“. Das meine ich mit antiislamischer Theologie. Islamgegnerinnen und -gegner argumentieren ganz ähnlich wie Dschihadisten, worin man eine Wahrheit erkennen könnte, die Kopf steht.

Das antiislamische Geschichtsverständnis zeigt sich beispielsweise, wenn „dem Islam“ Millionen Tote angelastet werden. Oft 200 Millionen oder mehr. Hier addieren Aktivistinnen und Aktivisten die Opferzahlen von Kriegen der vergangenen 1.400 Jahre, an denen Muslime beteiligt waren. „Der Islam“ wird so zu einer übergeschichtlichen kämpfenden Bedrohung, zu einem singulären Akteur. Islamgegnerinnen und -gegner ordnen ihr Handeln zudem in die „europäische“ Abwehr „islamischer“ Eroberungsversuche ein. Nach „den Arabern“ auf der iberischen Halbinsel und den „Türken vor Wien“ würde „der Islam“ derzeit zum dritten Mal versuchen, Europa einzunehmen. Diesmal nicht durch eine militärische Offensive, sondern durch „Terror und Migration“ (Bernard Lewis). Jeder muslimische Flüchtling wird so als feindlicher Eroberer gebrandmarkt.

Wann ist eine Islamkritik nicht rassistisch bzw. kulturessenzialisierend?

Wenn sie nicht pauschal verurteilen will, sondern Für und Wider abwägt. Wenn sie differenziert. Das tun viele „Islamkritiker“ allerdings nicht. Obwohl sie um den islamischen Pluralismus wissen, lehnen sie „den Islam“ an sich ab, wollen ihn überwunden sehen. Das ist folgerichtig, wenn man im Islam das ultimative Böse erkannt zu haben meint. Es hat aber nichts mehr mit Kritik im Sinne der Aufklärung zu tun, auf die sich die Szene gerne beruft.

Viele „Islamkritiker“ sind in ihrer Kritik einseitig auf den Islam ausgerichtet und ignorieren ähnliche Phänomene in anderen Religionen oder Kontexten. Sie kritisieren beispielsweise das islamische Schächten und argumentieren mit dem Tierwohl, bemängeln ansonsten aber keine industriellen Tierquälereien. Es geht ihnen als nicht um die Tiere, sondern sie wollen „den Islam“ treffen, wo sie eben können.

Sie bringen aber noch andere weltanschauliche Elemente zur Sprache, die in rechten Weltbildern neben der Islamfeindlichkeit vorkommen. Inwiefern eignet das Thema zu einer „Fundamentalopposition“? Und was ist mit „transatlantischer Allianz“ gemeint?

Bei AfD, Pegida und anderen ist das Antiislamische eingewoben in eine Anti-Establishment-Haltung. Die „Merkel muss weg“-Rufe sind ein Ausdruck davon. Merkel ist nicht nur persönlich gemeint, sondern sie steht symbolisch für die etablierten Parteien, die „Mainstream-Medien“ und andere gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure. Die „Lügenpresse“-Rufe sind ein weiterer Aspekt dieser Fundamentalopposition gegen die angenommene herrschende Klasse der Bundesrepublik. Die drückt sich natürlich auch in der Ablehnung von Geflüchteten, Migrantinnen und Migranten aus, die wiederum als islamisch gebrandmarkt werden. Die einzelnen Aspekte sind also miteinander verwoben, auch, indem Politik und Medien vorgeworfen wird, seit Jahren eine vermeintliche Islamisierung des Landes voranzutreiben.

Die antiislamische Szene und ihre Argumente machen dabei nicht an den Landesgrenzen halt, sondern es handelt sich um eine europaweite Bewegung, die auch Akteurinnen und Akteure in den USA oder Australien einschließt. Das meine ich mit „transatlantischer Allianz“. Geert Wilders aus den Niederlanden beeinflusst die deutsche Szene seit Jahren inhaltlich und ist ein gern gesehener Redner bei antiislamischen Veranstaltungen in Deutschland, etwa bei Pegida in Dresden. Auch Islamgegnerinnen und -gegner aus den USA kamen schon zu Veranstaltungen nach Europa und Deutschland, wie Pamela Geller und Robert Spencer. Umgekehrt sprachen deutsche Aktivisten, wie Lutz Bachmann, Michael Stürzenberger und René Stadtkewitz, im europäischen Ausland und den USA. Mit Donald Trump hat es die antiislamische Rhetorik in den USA an die Spitze des Staates geschafft, was von der deutschen Szene gefeiert wird.

Sie haben eingangs die Medienberichterstattung insbesondere seit dem 11. September 2001 kritisch angesprochen. Hat sich da etwas verändert? Haben Sie einen Rat an Journalist_innen?

Jüngere Studien deuten darauf hin, dass sich an den medialen Islambildern in letzter Zeit nicht viel verändert hat, auch nicht durch den „Arabischen Frühling“. Es ist natürlich absolut notwendig, über den IS oder Boko Haram und dergleichen zu berichten. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass Opfer und Gegner dieser Gruppen zumeist auch Musliminnen und Muslime sind – aber das wissen und berichten vielen Medien auch. Das Problem sind eher die reißerischen Titelseiten und Bilder. Wenn Moscheen mit Waffen und Explosionen collagiert werden (Stern), über dem Brandenburger Tor der Halbmond droht (Spiegel) oder aus dem Reichstag Minarette wachsen (ARD), dann verfestigt sich in den Augen der Betrachtenden die Formel Islam = Gefahr. Da hilft es auch nicht viel, dass die Berichte dann zumeist ausgewogen ausfallen, weil die Titelbilder viel mehr Menschen erreichen und sie vor allem auch emotional ansprechen. Ein Rat wäre also, die Titelseiten zu deradikalisieren, auch wenn sich das mutmaßlich negativ auf die Verkaufszahlen auswirkt.

Ich habe mal gehört, dass Feindbilder ohnehin nur dadurch verschwinden, dass sie durch andere Feindbilder abgelöst werden – so, wie „der Islam“ in den 1980ern und 90ern „den Kommunismus“ abgelöst hat. Dass wir Menschen immer ein Anderes brauchen, von dem wir uns vermeintlich positiv abgrenzen können, ist aber auch kein schöner Gedanke und sicher kein konstruktiver Lösungsansatz.

Ich danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

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