Vom Ursprung des Sikhismus bis zum Traum von Khalistan

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Kaum jemand kennt den Sikh Verband Deutschland e.V. (gegründet 2013) oder das kürzlich neu eröffnete Deutsche Informationszentrum für Sikhreligion, Sikhgeschichte, Kultur und Wissenschaft. Vielleicht aber kennt man „die mit dem Turban“ von einem indischen Restaurant. Oder das Kundalini Yoga der 3H Organisation Deutschland e.V. Aber man muss selbst auf der 3HO-Webseite Bezüge zum Sikhismus suchen: „Die Mantras im Kundalini Yoga stammen aus dem Gurmukhi, der Sprache des Sikh Dharma, so wie die Mantras im Hatha Yoga im Hinduismus wurzeln. […] Eine Hinwendung zum Sikh Dharma ist nicht erforderlich“. REMID hat bei religioholic.de – Faszinierendes und Spannendes aus der Welt der Religion(en) nachgefragt. Mit Erlaubnis der Autorin, der Religionswissenschaftlerin und Bloggerin Sabine Liesche, bringen wir einen Gastbeitrag über Sikhismus (im Original mit Teilen I und II).

 

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Sikh-Familie im indischen Agra. Die älteren Männer tragen den Turban, die jüngeren den sogenannten „Patka“.

Bild von Thomas Schoch unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

I: Entstehung und Geschichte

Auf Indiens Straßen erkennt man einen orthodoxen Sikh recht einfach am ungeschnittenen Bart und dem farbenfrohen Turban. Doch auch in Europa ist dieser Anblick nicht mehr fremd, denn der Sikhismus hat sich schon längst über die Grenzen seines Entstehungslandes hinaus ausgebreitet. Der Sikhismus fasziniert mit der Synthese hinduistischer und islamischer Elemente, die sich in dieser recht jungen Religion zu einem ganz eigenen Mix verbunden haben.

Am Ursprung des Sikhismus steht die mystische Erfahrung eines Jungen. Er stammte aus einer Hindufamilie und wurde 1496 in der Nähe von Lahore im heutigen Pakistan geboren. In seiner Offenbarung sprach eine göttliche Stimme zu dem Hindujungen namens Nanak. Nach dieser Erfahrung war Nanak vom Glauben an einen Gott überzeugt, dem er sich mit Barmherzigkeit, in Andacht und Reinheit widmen wollte.

Doch seine Überzeugungen standen im Gegensatz zu den hinduistischen Glaubensvorstellungen seiner Familie. Wo Nanak an einen formlosen Gott glaubte, der nur innerlich erfahrbar war, standen im Hinduismus eine Vielzahl von Göttern, die nicht nur unterschiedliche äußere Erscheinungsformen, sondern auch Charaktere haben.

Nanak verließ sein Elternhaus und unternahm weite Reisen. Sie führten ihn über den indischen Subkontinent und angeblich sogar bis Mekka und Medina. Er ließ sich von hinduistischen und muslimischen Heiligen inspirieren und verfasste Predigten in Form von Gedichten und Hymnen. Dabei halfen ihm zwei Jünger, ein muslimischer Lautenspieler und ein hinduistischer Bauer.

 

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Guru Nanak trifft heilige Hindu-Männer (Bild entstand zwischen 1828 und 1830).

 

Die Konkurrenz und zeitweise Feindschaft zwischen Hindus und Muslimen – besonders in Nanaks Heimatregion Punjab – versuchte Nanak zu überbrücken und beide Religionen miteinander zu versöhnen. Aus seiner Sicht gab es keine Hindus oder Muslime, sondern nur Menschen, die auf der Suche nach Erlösung sind. Als Guru (Lehrer) lehnte Nanak eine institutionalisierte Gottesverehrung ab, äußere Rituale und Vorschriften würden einer tiefen, inneren Religiosität im Weg stehen. Seine zusätzliche Ablehnung von Praktiken, die auf Unterscheidung und Dualität beruhen (wie das verbreitete Kastenwesen in Indien), zog viele Schüler (Sikhs) an.

Als Guru Nanak 1539 starb, hinterließ er eine Gemeinschaft, die noch an ihren Anfängen stand. Dem von Nanak designierten Nachfolger Angad kam die Aufgabe zu, die Gemeinschaft zu festigen. Guru Angad sammelte alle bestehenden Hymnen und Gedichte. Unter seiner Führung wurde sogar eine eigene Schriftsprache entwickelt. Eine eigene Sprache stärkte die gemeinschaftliche Bindung und legte, gemeinsam mit der Hymnensammlung, den Grundstein für das heilige Buch der Sikhs, den Granth Sahib.

Bereits unter dem dritten Guru Amar Das wurde die Gemeinschaft zunehmend institutionalisiert: Pilgerzentren wurden eingerichtet, eigene Feiertage und Rituale eingeführt. Die Institutionalisierung war notwendig für die Festigung der Gemeinschaft, stand aber im Widerspruch zu den Lehren des ersten Gurus. Gerechtfertigt wurde dieser Schritt mit dem Guru Nanak selbst, der Guru Amar Das im Traum erschienen sei.

 

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Der Goldene Tempel in Amritsar.

Bild von Julian Nyča unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Der Nachfolger Amar Das‘, der vierte Guru Ram Das, begründete das heute wichtigste Glaubenszentrum der Sikhs in Amritsar. Dort steht heute der Goldene Tempel, in dem der Granth Sahib aufbewahrt wird. Der Granth Sahib wurde in seiner heutigen Form erst unter dem fünften Guru, Arjun Dev, vollendet. Er beinhaltet die überlieferten Hymen sowie Schriften muslimischer und hinduistischer Heiliger. Zu diesem Zeitpunkt in der Sikh-Geschichte (16. Jahrhundert) grenzte sich die gefestigte religiöse Gemeinschaft zunehmend bewusst von anderen Religionen ab, besonders vom Hinduismus und Islam.

Der Tod des Guru Arjun Dev war ein Wendepunkt in der Sikh-Geschichte. Da zunehmend auch Muslime zum Sikhismus konvertierten, fürchteten die Autoritäten, allen voran der Moghul-Kaiser Jehangir, den Einfluss der Sikhs. 1606 wurde Arjun Dev gefangengenommen und zu Tode gefoltert. Das Martyrium des fünften Guru hat nicht nur das Ideal des Märtyrers tief ins Sikh-Bewusstsein gepflanzt, sondern führte auch zur Transformation einer pazifistischen Gemeinschaft zu einem Kriegerbund.

Unter dem sechsten Guru Hargobind, dem Sohn des Märtyrers Arjun Dev, rüsteten sich Sikhs mit Waffen aus und prägten das Image der Sikhs als wehrhafte und stolze Gemeinschaft. Doch erst unter dem zehnten Guru Gobind Singh war die Transformation zu einem Kriegerbund abgeschlossen. Gobind Singh führte neue Riten und Eide ein, welche die männlichen Sikhs zum Khalsa, zu einer Bruderschaft der Reinen zusammenschweißte. Sikhs sollten fortan an den fünf K’s erkennbar sein.

 

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Drei der sogenannten fünf K’s, Kamm, Armreif und Dolch.

Bild von Hari Singh unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 2.5.

 

Kesh – ungeschorenes Bart- und Haupthaar

Kangha – das Haupthaar wird mit einem Kamm befestigt

Kara
– Eisenarmreif am Handgelenk

Kirpan – ein Säbel, den man zur Selbstverteidigung immer bei sich tragen sollte (heute oft nur noch symbolisch)

Kuchha – Hose, die über den Knien endet (heute von normalen Hosen abgelöst)

Darüber hinaus wurde eine Namenskennzeichnung eingeführt: Alle männlichen Sikhs wurde der Nachname Singh (Löwe) gegeben, alle weiblichen Sikhs wurden Kaur (Prinzessin) genannt. Diese Form der Namensgebung wird bis heute beibehalten, auch wenn oftmals ein zweiter Nachname beigefügt wird, der die Herkunft des Trägers kennzeichnet.

Mit dem Tod des zehnten Gurus endete die Linie der menschlichen Gurus. Gobind Singh erhob des heilige Buch, den Granth Sahib, zum neuen Guru. Damit fand die religiöse Lehre im 18. Jahrhundert ihren Abschluss. Hiermit begannen jedoch auch politische Entwicklungen, die mit eigenem Staatsgebiet der Sikhs sowie einer Zusammenarbeit mit den Briten begannen und ihren blutigen Höhepunkt im Sikh-Terrorismus und der Erstürmung des Goldenen Tempels in Amritsar 1984 fanden.

 

II: Der Traum von Khalistan zwischen Machtpolitik und Terrorismus

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Flagge der Khalistan-Bewegung.

Das Entstehungs- und Heimatland der Sikhs, der Punjab, nimmt im kollektiven Bewusstsein einen bedeutenden Platz ein. Nachdem der Punjab ab dem 18. Jahrhundert unter Sikh-Herrschaft stand, belebte sich unter der Fremdherrschaft der Briten wieder der Traum von einem eigenen Sikh-Staat: Khalistan. Im 20. Jahrhundert, mit dem aufkommenden nationalistischen Bewusstsein der Sikhs, sollte Khalistan auf blutigem Weg verwirklicht werden.

Im 18. Jahrhundert hatten sich – auch durch den großen Einfluss des zehnten Gurus Gobind Singh – in der Sikh-Gemeinschaft Stärke, Mut, Kampf- und Märtyrerbereitschaft als zentrale Werte herausgebildet. Dazu trug auch die Bedrohung von außen bei: Moghuln, Marathen und Perser griffen immer wieder an um die fruchtbaren Landstriche des Punjab einzunehmen. Um sich gegen die äußere Bedrohung zu wehren, entwickelten die Sikhs Guerilla-Taktiken. Dies führte nicht nur dazu, dass die Sikhs ihre Gebiete behielten, sondern sie gewannen sogar Land hinzu.

Das Sikh-Reich Ranjit Singhs

Die Milizen der einzelnen Fürstentümer brachte der Lokalführst Ranjit Singh unter seine Kontrolle und eroberte nicht nur umliegende Sikh-Gebiete sondern zusätzlich vertrieb er die Paschtunen aus dem West-Punjab und dehnte seinen Machtbereich auf indische sowie afghanische Gebiete aus. 1799 verzeichnete den Höhepunkt politischer Macht dieses Reichs. Durch die Modernisierung seiner Armee gelang es dem selbst ernannten Maharaja Ranjit Singh sogar, dem Druck der Briten standzuhalten und eine drohende Besatzung abzuwenden.

Erst nach dem Tod Ranjit Singhs und zwei Anglo-Sikh-Kriegen (1845/46 und 1848/49) kann die britische Herrschaft im Punjab konsolidiert werden. Pläne, nach denen die Sikh-Armee zerschlagen werden sollte, wurden rasch verworfen. Stattdessen wurden Sikhs für die Kolonialarmee angeworben, um deren militärisches Potential für sich nutzen zu können. Bis 1860 stellten Sikhs 15-20% der Armee. Aus den Erfahrungen der Sepoy-Aufstände lernend, gestand das britische Oberkommando den Sikhs einige Privilegien zu: Sie durften die fünf K’s als Teil der Uniform tragen und der Guru Granth Sahib wurde mit militärischen Ehren bedacht.

Unter britischer Herrschaft

Die Zusammenarbeit der Sikhs mit den Briten brachte ersteren zunächst zahlreiche Vorteile: Die Infrastruktur des Punjab wurde erweitert, neue landwirtschaftliche Nutzflächen wurden erschlossen, Bildung wurde leichter zugänglich. Die Bevorzugung von Sikhs (und Muslimen) gegenüber Hindus ging so weit, dass Hindus zum Sikhismus konvertierten um Aufstiegschancen zu haben. Mit der Zeit zeigte sich, dass der Ausbau der Infrastruktur nicht nur positive Folgen hatte. Die Preise für Land stiegen erheblich und wurden Ziel von Spekulanten. Es kam zu Landenteignungen und zusätzliche Steuersätze wie Wasserzinsen beförderten die Entstehung eines Agrarproletariats während sich immer mehr Land in den Händen weniger Großgrundbesitzer sammelte.

Trotzdem verloren die Briten erst nach dem 1. Weltkrieg die Loyalität der Sikhs. Viele von ihnen hatten auf Seiten der Briten gekämpft und erhofften sich nach Friedensschluss eine entsprechende Anerkennung ihrer militärischen Leistungen. Doch diese blieb aus. Endgültig desillusioniert wurden die Sikhs 1919 als sich in Amritsar friedliche Protester gegen die Rowlatt Bills versammelten. Um jede Form politischer Agitation zu unterbinden, war vorher jede Versammlung verboten worden. Als sich immer mehr Sikhs auf dem Jallianwala Bagh einfanden, wurde der Platz abgeriegelt. Dem folgenden Schießbefehl fielen 379 Menschen zum Opfer, über 2.000 wurden verletzt.

Die Verlierer der indischen und pakistanischen Unabhängigkeit

Die Mehrheit der Sikhs schlossen sich den Unabhängigkeits-bestrebungen von Hindus und Muslimen an. Doch diese Einheit währte nur bis zum Abzug der britischen Besatzungsmacht. Die Angst der Muslime vor einem Hindu-Reich befeuerte den Wunsch nach einem eigenen muslimischen Staat. Sie mündete in blutigen Auseinandersetzungen und schließlich in der Gründung des Staates Pakistan.

 

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Teilung Indiens mit Flüchtlingsbewegungen und Orten von Ausschreitungen.

Bild von historicair, bearbeitet von Themightyquill unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Mit der sogenannten Radcliffe-Linie wurde die Grenze beider Staaten so fair wie möglich für Hindus und Muslime gezogen. Nicht aber für Sikhs. Die Grenze führte direkt durch den Punjab und teilte ihn in einen indischen und einen pakistanischen Teil. Die Vision der Sikhs als Brückenbauer zwischen Muslimen und Hindus, wie sie sich der erste Guru Nanak erträumt hatte, war damit gescheitert. Die Unabhängigkeit Indiens und die Abgrenzung Pakistans haben dazu geführt, dass der Punjab im Selbstverständnis der Sikhs eine Schlüsselposition einnahm und der Ruf nach einem eigenen Staat laut wurde.

Der Wunsch nach Autonomie

Die Grenzen der indischen Bundesländer wurden meist gemäß sprachlicher Grenzen gezogen. Um ein gewisses Maß an Autonomie zu gewinnen, wollten die Sikhs dies auch für den Punjab, wo die Hauptsprache der Sikhs, Punjabi, von der Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wurde. Die Forderung nach einem eigenen Bundesstaat wurde bis vor das oberste Gericht Indiens getragen. Dies entschied, dass – eben weil Punjabi hauptsächlich von Sikhs gesprochen werden – eine Teilung des Bundesstaates nicht nur nach sprachlichen sondern auch religiösen Gesichtspunkten erfolgen würde. Da dies gegen die in der indischen Verfassung festgeschriebene Teilung von Religion und Staat verstoße, wurde das Ansinnen der Sikhs abgewiesen. Das ein eigener Sikh-Bundesstaat direkt an pasistanisches Gebiet grenzen würde und damit eine Gefahr für die Einheit der indischen Union sein könnte, dürfte in den Überlegungen auch eine Rolle gespielt haben.

Der Streit über einen eigenen Sikh-Bundesstaat zog sich bis in die 1950er-Jahre. Je deutlicher wurde, dass Autonomie innerhalb der indischen Union außer Frage stand, desto größer wurden die Rufe nach „Khalistan“, einem eigenen Sikh-Staat, basierend auf den Grenzen wie sie unter Maharaja Ranjit Singh existierten.

Befeuert wurde dieses Ansinnen durch die nach mexikanischem Vorbild durchgeführte „Grüne Revolution“. Agrarneuerungen, wie effektive Schädlingsbekämpfung, Einsatz von Maschinen und Bewässerungssysteme, führten dazu, dass der Punjab der reichste Bundesstaat Indiens wurde, sein „Brotkorb“. Neben den technischen Errungenschaften schrieben sich die Sikhs den Erfolg des Punjab auf die Fahnen, denn sie sahen darin den Beweis für ihren Einsatz und Fleiß. Kritisiert wurde von den Sikhs allerdings, dass die indische Regierung die Gewinne nicht in die Region reinvestiere, sondern nur abschöpfe. Von Regierungsseite aus wurde auf die Nähe der pakistanischen Grenze verwiesen, die zu unsicher für Investitionen sei.

Bald zeigte sich, dass die „Grüne Revolution“ nur oberflächlich erfolgreich war. Sie führte dazu, den Reichtum der Großgrundbesitzer zu mehren, während große Teile der Bevölkerung von Armut bedroht wurden. Die Großgrundbesitzer, zu denen auch Sikhs gehörten, heuerten hinduistische Erntehelfer aus anderen Bundesstaaten an, die sich dann dauerhaft im Punjab niederließen. Damit erhielten sie auch das Wahlrecht im Punjab, was zur Folge hatte, dass Sikh-Parteien anteilig immer weniger Stimmen bekamen und sich Angst vor einer hinduistischen Übermacht ausbreitete. Auf diesem Boden von Furcht und Unsicherheit gedieh fundamentalistisches Gedankengut.

Aufstieg des Sikh-Extremismus

Verschärft wurde diese Entwicklung dadurch, dass zeitgleich gemäßigte Sikh-Politiker an Autorität einbüßten. Sie hatten sich immer wieder für Abmachungen mit der indischen Regierung stark gemacht, die den Sikhs im Punjab mehr Autonomie gewähren sollte. Zweimal in Folge wurden diese Verträge jedoch von der damaligen Ministerpräsidentin Indira Gandhi aufgekündigt um ihrer Stellung in der eigenen Partei nicht zu schaden.

Hofiert von Indira Gandhis Kongresspartei und Sikh-Parteien wie Akali Dal stieg in den 1970er-Jahren die Hauptfigur des Sikh-Extremismus auf: Jarnail Singh Bhindranwale. Die politische Forderungen nach Autonomie der Akali Dal gepaart mit dem religiösen Fundamentalismus Bhindranwales mobilisierte die Massen der Sikhs. Der Traum von der Errichtung Khalistans, wie der Sikhstaat heißen sollte und bereits seit dem Widerstand gegen die Briten von vielen herbeigesehnt wurde, begeisterte die Mehrheit der Sikhs im In- und Ausland.

Die angespannte Lage im Punjab eskalierte 1982 nach einem Busunfall, bei dem 34 Sikh-Demonstranten getötet wurden. Gewalttätige Demonstrationen brachen im Punjab, aber auch außerhalb, aus. Das Verhalten der indischen Regierung schwankte zwischen Verhandlungen mit und Unterdrückung der Aufständischen. Diese Unbeständigkeit heizte die Lage weiter auf.

Belagerung und Erstürmung des Goldenen Tempels

Im Dezember 1982 verschanzte sich Bhindranwale mit ehemaligen Soldaten und Offizieren im Goldenen Tempel von Amritsar. Seinem, keineswegs ungeplanten, Aufruf folgen ungefähr 5.000 Kämpfer. Waffen sowie Lebensmittel wurdne bereits vorher auf dem Gelände gesammelt. Bhindranwale hatte sich auf eine lange Belagerung eingestellt.

Die indische Regierung hatte in dieser Lage zwei Optionen: entweder den separatistischen Forderungen Bhindranwales nachgeben oder den Tempel mit Gewalt einnehmen. Verhandlungen und Terroraktionen Bhindranwales gegen Hindus zur „ethnischen Säuberung“ zogen sich bis in den Juni 1983, ehe der Tempel in der „Operation Bluestar“ gestürmt wurde. Das hatte den Extremisten mehr als genug Zeit gegeben um sich auf dem Tempelgelände zu verschanzen. Darüber hinaus fiel der Zeitplan für die Erstürmung mit dem Fest des Martyriums von Gurur Arjun Dev zusammen, was zur Folge hatte, dass sich viele Zivilisten auf dem Tempelgelände aufhielten.

 

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Auch Panzer kamen bei der Erstürmung des Tempels zum Einsatz. Die Abbildung zeigt einen Vijayanta Main Battle Tank der Indischen Armee (bzw. Vickers Mk 1 MBT). Das Momument gehört zum Außenbereich des National War Memorial (Maharashtra) in Pune (Indien).

Bild von AshLin unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 2.5 IN.

 

Der Sturm auf den Goldenen Tempel von Amristar begann am 5. Juni 1983 und wurde von der indischen Armee unter Sikh-Führung durchgeführt. Allerdings kann der Tempel erst am darauffolgenden Tag eingenommen werden, nachdem schwere Waffen aufgefahren wurden. Laut einem White Paper der indischen Regierung starben bei der Erstürmung 493 Sikhs, 83 wurden verletzt. Für die kollektive Psyche der Sikhs war der Sturm auf den Tempel und seine teilweise Zerstörung ein schwerer Schlag.

Nachbeben: Rache und Verfolgung

Nach der Erstürmung des Tempels wurde der Punjab von der indischen Armee durchkämmt, um geflohene Terroristen aufzufinden. In den Augen vieler Sikhs war die Hauptverantwortliche Indira Gandhi, die ihren Erfolg über die Sikhs feierte. Am 31.10.1984 wandten sich ihre Sikh-Leibwächter gegen sie und ermordeten Gandhi.

 

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Indira Gandhi (1977).

Bild von Dutch National Archives (The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989, bekijk toegang 2.24.01.04 Bestanddeelnummer 929-0811) unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0 NL.

 

Dem Mord der Premierministerin folgten pogromartige Überfälle von Hindus auf Sikhs, befeuert von der Kongresspartei. Viele Sikhs flüchteten aus anderen indischen Bundesstaaten in den Punjab, nicht wenige legten aus Angst die äußerlichen Kennzeichen ihres Sikh-Glaubens ab. Es wurden drakonische Anti-Terror-Gesetze erlassen, die eine endlose Reihe von Verhalftungen nach sich zogen (von Sikhs wohlgemerkt, hinduistische Angreifer wurden kaum verfolgt). Die Unschuldigkeitsannahme wurde umgedreht: Wer nicht verurteilt werden wollte, muss seine Unschuld beweisen, denn von seiner Schuld wurde ausgegangen.

Kein Wunder also, dass 1988 Militante wieder versuchten, den Goldenen Tempel zu besetzen. Doch sie waren nicht gut vorbereitet, die indische Armee schon. Diese kannte das Tempelgebiet inzwischen sehr gut und mithilfe einer religiösen Führungspersönlichkeit gaben die Besatzer nach einer Woche auf. Um weiteren ähnlichen Aktionen vorzubeugen, wurde ein Korridor um den Tempel geräumt.

Gewalttätige Auseinandersetzungen zogen sich bis in die 1990er-Jahre. Doch verloren die Extremisten zunehmend den Rückhalt in der breiten Sikh-Bevölkerung. Heute haben separatistische Bestrebungen viel von ihrem Schwung verloren und werden nur noch von wenigen Sikhs unterstützt.

Autorin: Sabine Liesche. Dieser Artikel erschien zuerst auf religioholic.de.

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