Charlie Chaplin und die ‚Wahrheit‘ der „alternativen“ Medien

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Auf einer kleinen Feier spielte eine Person ein Youtube-Video ab: „Charly[!] Chaplin – Selbstliebe – Gedicht“. Irritierend war nicht nur die seltsame Mischung aus gebräuntem Jugendporträtfoto, einer altherrischen Vorleserstimme und Meditationsmusik, insbesondere irritierte der Name des Kanals, dessen Version dieses Gedichts offenbar an erster Stelle vorgeschlagen wird, wenn man nach „Chaplin“ und „Gedicht“ sucht. Eine „Wahrheitsbewegung“ scheint dieses Video produziert zu haben, jedenfalls wurde diese Variante als eigenes Bild-Ton-Gesamtkunstwerk in keiner Version gefunden, die älter wäre als dieses Exemplar vom 7. Februar 2012. Aber auch der Inhalt des Gedichts irritierte. Nicht da er „esoterisch“ wirkt oder weil sich die Sprachauswahl sprach- und bildgeschichtlich nicht mit der Behauptung deckt, diese Zeilen seien von Charlie Chaplin an seinem 70. Geburtstag (am 16. April 1959) geschrieben worden. Auch wenn grundsätzlich die Überlegung richtig ist, dass auch kritisches Berichten über rechte Ideologien diesen eine Stimme gibt, noch problematischer wird es, wenn sie gar nicht erst erkannt werden. Diesen Artikel wird dabei die Frage begleiten, inwiefern „Esoterik“ hier sozusagen „missbraucht“ wird – oder ob man auch in diesem Beispiel von einer (relativ) neuen Form von Denkmuster sprechen kann, welches bestimmte Formen von Esoterik und rechter Ideologie zu etwas Neuem verknüpft (wie es bei bestimmten ‚postsowjetischen‘ neureligiösen Bewegungen der Fall zu sein scheint, vgl. Artikel „Rechte Ideologie im esoterischen und neureligiösen Bereich“).

 

Screenshot der Youtube-Suche nach „Chaplin“ und „Gedicht“. Der oberste Treffer mit 66.648 Aufrufen zeigt die Videoversion eines Kanals namens „Wahrheitsbewegung“, dessen Videos sich ansonsten insbesondere zusammensetzen aus Verschwörungsmythen (mitunter auch mit primärem Antisemitismus), Islamfeindlichkeit, antielitären Ressentiments und eben einer bestimmten Form von „Esoterik“.

 

Der historische und der mythische Charlie

Die tatsächliche Textgeschichte wurde bereits von Olaf Hantl auf folgende Weise rekonstruiert:

Die Originalverse entstanden kurz vor dem Tod der amerikanischen Autorin Kim McMillen 1996. Das Büchlein mit dem Titel: “When I Loved Myself Enough” wurde 2001 von deren Tochter Alison in englischer Sprache veröffentlicht. Zwei Jahre später, 2003, von einem brasilianischen Verlag (Sextante) ins [P]ortugiesische übersetzt und in Brasilien veröffentlicht. Ende 2003 [wurde] ein Auszug der Verse – das was man heute als „Charlie Chaplin Geburtstagsgedicht“ kennt, von einem unbekannten brasilianischen Autor erweitert, von Dritten Chaplin zugeschrieben und von Chaplin Fans in den Umlauf gebracht. Diese neue „überarbeitete“ Version wurde um 2008/09 ins deutsche “Selbstliebe” und englische “As i began to love myself” zurückübersetzt und geistert seither als “Pseudepigraphie” durch das Internet (Move Meta, Kommentar 26.04.2015).

Auch die bei der zweitbeliebtesten Variante (Kanal „LYRIK & MUSIK“) vorfindliche Angabe, es stamme aus Charles Chaplin, „Die Geschichte meines Lebens“, vom 1980 verstorbenen Helmut Käutner 1964 für den Norddeutschen Rundfunk gelesen, ist damit hinfällig. Für einen Stimmenvergleich sei noch ein Hörspiel mit dem echten Helmut Käutner als Sprecher zum Vergleich geboten: die Produktion „Beatrice und Juana“, Hörspiel von Günter Eich, (BR/RB/SWF 1954).

Das entkontexualisierte und nachbearbeitete Jugendporträtbild Chaplins (das unbearbeitete Original in einfachem Schwarz-Weiß findet sich beim Wikipedia-Artikel zu Chaplin) lässt zusätzlich nachdenklich werden angesichts der rechtspolitischen Videos des Kanals „Wahrheitsbewegung“ und der zugehörigen Webseite, deren Menüleiste u.a. folgende Themen besonders hervorhebt: 9/11, Chemtrails, NWO (Neue Weltordnung), Klima und Gesundheit (laut Copyright ist der Macher aus Österreich). Soll das vielleicht an Stefan George und seinen Dichterkreis erinnern – sowie an die Idee eines „Geheimen Deutschlands“ als eines poetischen Begriffes für ein anderes, ein inneres „Deutschland“ in Absetzung des realhistorischen seiner Zeit (1910-1928: Belegstellen für die Rede vom „Geheimen Deutschland“ im George-Kreis)? Ist es zu weit hergeholt, dass dieses Chaplin-Bild mich an den Jugendkult des George-Kreises und seine Verehrung Maximins alias Maximilian Kronberger erinnert? Könnte die Verwendung der sogenannten Stauffenberg-Flagge auf z.B. Pegida-Demos, aber auch in anderen Kontexten, bedeuten, dass es mit der Hinwendung zu Stauffenberg auch eine Aktualisierung des George-Kreises gibt (als so etwas wie einen Retro-Stil)? Immerhin hat der Diskurs diese Verbindung in den Wikipedia-Text eingeschrieben:

 

Stefan George: Maximin. Ein Gedenkbuch, Berlin 1907. Maximilian Kronberger lebte von 1888–1904 und lernte George 1902 mit 14 Jahren kennen. Er starb zwei Jahre später an Meningitis.

Bild von UB Heidelberg unter Creative Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.

 

Wiederbelebt wurde der Begriff [„Geheimes Deutschland“; Anm. C.W.] nach dem Zweiten Weltkrieg durch Edgar Salin und Marion Gräfin Dönhoff, die öffentlichkeitswirksam behaupteten, der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg habe vor seiner Erschießung die Worte „Es lebe das ‚Geheime Deutschland‘!“ ausgerufen. Historisch belegt ist durch Ohrenzeugen der Ausruf „Es lebe das heilige Deutschland!“, dennoch ist unbestritten, dass Stauffenberg zum George-Kreis gehörte und sich dem „Geheimen Deutschland“ zugehörig fühlte (aktuelle Version 15. März 2016).

Und immerhin passt die Idee eines inneren „geheimen“ Deutschlands wunderbar zu dem Ideologem, was heute oft als „Reichsbürgertum“ bezeichnet wird, nämlich dass Deutschland nicht souverän sei, sondern eine von fremden Mächten gesteuerte BRD GmbH (die Webseite der „Wahrheitsbewegung“ listet fünf Treffer zu „BRD GmbH“ in der internen Suchfunktion). Dennoch einen Schritt zurück, es ist höchstens eine der Ästhetik des George-Kreises entfernt ähnliche Inszenierung Charlie Chaplins. Allerdings sind diese Assoziationen auch nicht beliebig, gemäß des beliebten Vorwurfes, eine solche Kritik sage mehr über den Kritiker aus (der tatsächlich einmal in seinem Studium ein Seminar zu Stefan Georges Gedichten und den sogenannten „Dritten Humanismus“ belegt hatte, vgl. Barbara Stiewe: „Der ‚Dritte Humanismus‘. Aspekte deutscher Griechenrezeption vom George-Kreis bis zum Nationalsozialismus“, 2011). Und sicherlich, im ungünstigsten Fall findet allein durch die Besprechung eine künstlerische Aufwertung statt bzw. es wird gar eine Hilfestellung geboten, das rechtspolitische Wirken der kritisierten Kreise potenziell mit ideengeschichtlichen Querverbindungen zu vertiefen und aufzuwerten.

Das Netzwerk der „alternativen“ Youtube-Kanäle

Der Youtube-Algorithmus bevorzugt dieses Video vermutlich nur, weil es einen Sprecher hat und da es ansonsten nur Kopien von sich selbst zur Konkurrenz hat, die nicht nur jünger sind, sondern auch weniger Aufrufe haben. Aber es gehört auch durch den Publikationskanal „Wahrheitsbewegung“ zu einem Netzwerk „alternativer“ Medien, das gar nicht so unbedeutend ist, wie folgende Grafik veranschaulicht:

 

Klicken Sie zur Vergrößerung auf die Grafik. Youtube bietet bei jedem Kanal die Spalte „Ähnliche Kanäle“ an. Die Zahlen unter den Spalten stehen für 1. Zahl der Abonnenten, 2. die Zahl der Aufrufe (aller Videos des Kanals) und 3. das Jahr des Beitritts bei Youtube.

 

Zunächst sei der Blick auf den Kasten unten links im Bild gerichtet. Die Zahlen für Abonnenten und Aufrufe im Verhältnis zum Beitrittsjahr bei Youtube deuten daraufhin, dass die klassischen Medien (mit den Beispielen NDR Doku, Sesamstraße, faz, ZDF und etwas stärker der Kanal zur Satire-Sendung „extra 3“) innerhalb Youtubes kaum größere Relevanz haben mit ihrem Netzwerk als das hier vorzustellende Netzwerk sogenannter „alternativer“ Medien. Beide Netzwerke sind aber wiederum marginal im Vergleich etwa zu dem Kanal von „Bibis Beautypalace“.

Kanäle bei Youtube sind auf unterschiedliche Weise verknüpft. Ein Algorithmus schlägt andere Videos zu einem gerade abgespielten Video vor. Ein anderer Algorithmus, der für diese Grafik nachverfolgt wurde, listet „ähnliche“ Kanäle auf. Daneben können auch manuell Kanäle vom Kanalbesitzer empfohlen oder als „Partner“ angegeben werden. Nur eine solche Partnerschaft hat Eingang in die Grafik gefunden. Die jeweiligen Vorschläge durch Youtube folgen einem intransparenten Konzept von „Relevanz“ sowie dem Prinzip, dass Nutzer_innen, die sich das aktuelle Video angesehen haben, auch folgende Videos angesehen haben.

Begonnen wird oben links mit der „Wahrheitsbewegung“ selbst. Die hier genannten sechs „ähnlichen“ Kanäle führen zu entsprechend sechs weiteren Spalten „Ähnlicher Kanäle“. In der unteren Hälfte wiederum wird dieses Prozedere wiederholt für Kanäle, die (a) häufiger in der oberen Hälfte erwähnt worden sind oder (b) als Teil des Netzwerkes vermutet worden sind (die Kanäle „klagemauerTV“, produziert durch die neureligiöse Gruppe „Organische Christus-Generation“ nach Ivo Sasek, sowie „Jasinna“, „Kopp Verlag“, „COMPACTTV“) oder (c) durch die Ergänzungen neu als häufig auffielen.

Elfmal taucht die deutsche Version von „Russia Today“, „RT deutsch“, in dieser Zusammenstellung auf. Erstaunlich ist, wie prominent der Kanal von Werner Altnickel (Alias: „Sauberer Himmel“) ist, in dem es insbesondere um sogenannte „Chemtrails“ geht – als einer besonderen Verschwörungsmythe, insofern die Anhänger mit ihren Wolkenbildern und -videos unkompliziert auf Beweissuche gehen können. Wer selbst nicht mit eigenen Video-Vorträgen oder „Gegenrecherchen“ etwas den sich angeblich verschwörenden Eliten entgegenstellen kann, der oder die kann trotzdem den Himmel beobachten.

Mit Martin Sellner von der Identitären Bewegung Österreich und AFD-Television ist spätestens der parteimäßige Rechtsextremismus erreicht. Tatsächlich erfolgreich und tonangebend scheinen aber in diesem Netzwerk nicht Kopp Verlag, Compact oder Klagemauer.TV, sondern Querdenken.TV von Michael Vogt und eben der Youtube-Kanal des kremlnahen Fernsehsenders „RT deutsch“. Dabei gehören „Wahrheitsbewegung“ (2008) und „Jasinna“ (2007) zu den älteren Kanälen dieser Art. Allerdings findet sich z.B. für Querdenken.TV eine ungeprüfte „Richtigstellung“, nach der am Ende Querdenken.TV im Frühjahr 2016 einen Hacker-Angriff simuliert habe, um an mehr Spendengelder zu kommen. Also zumindest muss das Beitrittsjahr nicht mit dem Beginn der Tätigkeit eines Produzenten, einer Produzentin zusammenfallen. Auch „Jasinna“ betreibt nicht nur einen Youtube-Kanal, auch da einige ihrer Videos auf Youtube wegen Rassismus und Antisemitismus gelöscht worden sind (die „alternative“ Schlagzeile dazu aus dem September 2015: „Jasinna verärgert: YouTube löscht Flüchtlings-Doku mit über 150.000 Aufrufen“).

 

Um auch die Inhalte der Videos dem Youtube-Algorithmus auszusetzen, wurden vier Videos der Wahrheitsbewegung ausgewählt (Chemtrails, Ängste vor einer Islamisierung, Pizzagate, „Die Zeit nach 2012“). Darunter gelistet werden die jeweils von Youtube vorgeschlagenen „Nächsten Videos“. Beim Thema „Chemtrails“ ist mit „Gibt es Chemtrails?“ von Harald Lesch wenigstens ein kritischer Beitrag dabei. Beim „Pizzagate“, nach dem Email-Leaks der Partei der US-Demokraten vermeintlich einen satanischen Kinderporno-Ring offenlegten, der im Keller einer bestimmten Pizzeria sein Unwesen treiben solle, tauchen nur andere Verschwörungsmythen in den Vorschlägen auf. Beim esoterisch-chiliastischen Thema „2012“ sind zwei von vier Vorschlägen verschwörungsmythisch.

 

Ein „lebendiges“ Gedicht?

Kommen wir zurück zu dem Gedicht, das nicht von Charlie Chaplin stammt. Olaf Hantl hatte bereits von Erweiterungen eines ursprünglichen Gedichts gesprochen und nach dem obigen Zitat auf eine Webseite des brasilianischen Verlages Pensador verwiesen. Im folgenden seien die unterschiedlichen Versionen des Gedichtes zeilengenau verglichen, ausgehend von der portugiesischen (Kurz)-Version des McMillen-Gedichts, parallelisiert mit einer beliebigen deutschen Version nach Pseudo-Chaplin (heldenreise.com) und Auszügen der englischen Original-McMillen-Textversion von 2001 (Leserversauswahlen „The Treasure Chast“ [2013] mit Parallelversionen A: „The Red Boa“ [2012] und B: „Autumn Moon“ [2008]) unter Kennzeichnung der Abweichung der deutschen Version von derjenigen im Chaplin-Video der „Wahrheitsbewegung“ (in Gelb). Es ist übrigens als eine interessante Herangehensweise von Leser_inen des vollständigen Buches hervorzuheben, dass es offenbar bereits beim Original üblich geworden war, persönlich ansprechende Verse auszuwählen und insofern eine subjektiv gefärbte und die Leserezeption forttragende Kurzversion zu kreiiren (so dass für die dritte Spalte drei solche Auswahlen herangezogen werden mussten). In Grün werden Textbausteine markiert, welche in allen drei Spalten vorkommen, die portugiesische Auswahl weicht nur an einer Stelle ab (Strophe 7: „When I loved myself enough I quit having to be right which makes being wrong meaningless“; hier stimmen nur portugiesische und deutsche Version überein: „und seit dem habe ich mich weniger geirrt“):

 

Die Ergänzungen des unbekannten brasilianischen Autoren ergänzen die portugiesische Kurzversion der ersten Spalte. Sie finden sich in der deutschen Version der zweiten Spalte wieder als nicht eingefärbt. Als Pseudo-Chaplin ist diese Variation auch auf Englisch und Französisch im Netz zu finden. Zunächst erhielten die Strophen eine neue Reihenfolge und der Vers „Now I see it as self-loving.“ dient als strukturgebendes Vorbild. Statt des offenen Vers-Monologs des Originals wird stärker eine Strophenform angestrebt. Jede dieser neun Strophen erhält nun einen Zusatzvers, welcher einen Tugendbegriff mit diesem Heute verknüpft. Was dem englischen Original völlig abgeht, auf einmal wird aus dem Gedicht die wissende Rückschau auf einen Wandlungsprozess, weniger die pro(schreib)aktive Kunstselbsttherapie. Statt der persönlichen Versauswahl aus einem Losbüchern ähnlichen Langgedicht steht auf einmal ein Kanon mit – einschließlich der dazuerfundenen zehnten Schlussstrophe – zehn Tugenden im Vordergrund. Als Esoteriker wirkt Pseudo-Chaplin also werte-bewusst, während Kim McMillens poetisches Selbstgespräch eher eine esoterische Weltanschauung in voller Breite darbietet – offen für persönliche Auswahl nach eigenen Vorlieben.

Pseudo-Chaplin wurde dabei nicht durch den unbekannten brasilianischen Autor selbst entworfen, dessen Variante unterhalb der als echter McMillen identifizierbaren Version auf jener Webseite des brasilianischen Verlages Pensador zu finden ist, denn hier wird nur ein Schlussvers als zehnte Strophe abgesetzt: „Tudo isso é… Saber viver!“ („All dies bedeutet… leben zu wissen!“). Also erst Pseudo-Chaplin bringt das „Wir“ ein.  Und das ausgerechnet mit der Formel, dass Zerstörung Neues hervorbringen werde – als Ausdruck eines Prinzips des Lebens. Während bereits die Version des unbekannten brasilianischen Autors das gute Leben einbrachte, wird es hier zu einem Vitalismus, der an entsprechende (damals schon neo-)vitalistische Strömungen um das Jahr 1900 erinnert (vgl. Roland Müller: „Was gilt als Lebensphilosophie?“). Die verklärende Gleichgültigkeit gegenüber Weltuntergängen in Kombination mit der Wir-Ansprache relativiert dabei Pseudo-Chaplins Werte-Kanon ein wenig: Nur dieses „Wir“, welches auf die Worte des siebzigjährigen Chaplin hört, braucht sich nicht weiter zu fürchten. Sicherlich muss das Gedicht nicht nach den anderen fragen und ist nicht deshalb schon problematisch, aber die Wir-Ansprache und der Vitalismus lassen eine Art Gemeinschaft zum neuen Adressaten des Gedichts werden. Auch bei Pseudo-Chaplin-Varianten in englischer Sprache findet sich diese zehnte Strophe (z.B. bei „Collective Evolution“ [2016]).

Die letzte besondere Note, welche schließlich der Version der „Wahrheitsbewegung“ zukommt (die gelben Einfärbungen in der Tabelle), besteht insbesondere darin, dass andere Tugenden eingesetzt worden sind. Aus „Einfachheit“ wird „Ehrlichkeit“, aus „Bescheidenheit“ wird „Einfachsein“, aus „Erfüllung“ wird „Vollkommenheit“ (man siehe aber den Parallelstellen-Einschub eines echten McMillen-Verses in der Tabelle vor Strophe 6: „When I loved myself enough I gave up perfectionism that killer of joy“). „Selbstachtung“ taucht in dieser Version gleich zweimal auf, einmal statt „Selbstvertrauen“.  Der gleiche Wortlaut dieser Version findet sich auch in dem Book on Demand „Alles im Griff ?: Die Angst kann ganz schön rutschig sein!“ von Alexandra Reiners (2012). Ein poetischer Zwischenschritt kann anhand der Falschübersetzung „dass alles, was geschieht, richtig ist“ (oberste Zeile der Tabelle) ausgemacht werden: Er taucht auch in der Version „OP-Vermittlungen“ (2009) auf, welche noch die Originaltugenden wie „Einfachheit“ und „Bescheidenheit“ enthält – mit zwei Ausnahmen: hier wurde aus „Selbstvertrauen“ „SELBST-BEWUSST-SEIN“ und aus „Erfüllung“ „BEWUSSTHEIT“.

Fazit

Am Ende ist es durchaus möglich, dass die Version der „Wahrheitsbewegung“ auch nur einen bereits vorliegenden Pseudo-Chaplin wortgetreu verliest. Aber mindestens eignet sich der Text in seiner poetischen Zuspitzung hin zu einer Ansprache, die einem „Wir“ einen Werte-Kanon empfiehlt, der schließlich austauschbar (und konservativ) wird, für jenes „alternative“ Milieu und sein Selbstverständnis – wie als ob er sich von Variante zu Variante immer mehr dem schlechten Ziel annäherte, ein Aushängeschild der „Wahrheitsbewegung“ zu werden. Pseudo-Chaplin geht damit ein in ein „alternatives“ Mediennetzwerk der Verschwörungsmythen, Islamfeindlichkeit und rechts eingefärbter Esoterik, das je nach Eingaben in die Suchmaske von Youtube bei bestimmten Themen inzwischen bevorzugt wird und dort die Deutungshoheit erhält, insofern die klassischen Medien in der Youtube-Welt ’nur‘ – und das nicht immer  – einen ähnlich starken Grad an „Relevanz“ im Sinne des Youtube-Algorithmus erreichen. Zwar kann aus eigener Erfahrung mit bestimmten Suchanfragen bei Google vermutet werden, dass auch dort in einem noch unbekannten Ausmaß Themen durch dieses im Artikel besprochene rechtspolitische „alternative“ Medien-Netzwerk dominiert sein könnten. Insgesamt aber ist die Bedeutung der Videoplattform Youtube gerade für die jüngeren Altersgruppen nicht zu unterschätzen.

Christoph Wagenseil


P.S.
Zu Tugenden allgemein ein interessanter Ansatz bei Alexander Graeff: „Über Tugenden“, FixPoetry 2016. Und der echte Charlie Chaplin sei mit seiner – insgeheim von Pseudo-Chaplin performativ kopierten – Schlussrede im Filmklassiker „Der Große Dikatator“ zitiert: „Hass und Verachtung bringen uns niemals näher. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden […]. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen! […] Im Namen der Demokratie – dafür lasst uns streiten“.

 

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