Religionsbarometer und Varianz: Hass-Prävention mit Religionswissenschaft?

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Wer klassisch in eine Einführung in die Religionswissenschaft schaut, wird erfahren, dass zunächst zwei Varianten der Definition von „Religion“ differenziert werden können. Auch Anfragen in Seminaren, für welche REMID gebucht werden kann, fordern immer wieder eine Definition ein. Sie kennen selbst bereits eher die „essenzialistische“ Variante, die einen „Kern“, ein „Wesen“ von „Religion“ in den Mittelpunkt stellen möchte, z.B. den Glauben an höhere Wesen, „Rückbindung“ (als eine populäre Etymologie von „religio“) oder „Transzendenz“. Die Diskussion entwickelt dabei zugleich die zweite „funktionalistische“ Variante, nach welcher der gesellschaftliche Funktionszusammenhang erlaube, das als „Religion“ zu begreifen, was einem vergleichbaren Zweck diene (vgl. auch Ninian Smart: Dimensions of the Sacred. An Anatomy of the World’s Beliefs, 1999). Dem sei im Folgenden die Erfahrung mit einem „Religionsbarometer“ gegenübergestellt. Jede_r Seminarteinehmer_in sollte bestimmte Sätze beurteilen und sich für eine von fünf Karten entscheiden, um zu sagen, das im Satz beschriebene sei zu 0%, zu 30%, zu 50%, zu 70% oder zu 100% Religion. Vorbild war ein „Gewaltbarometer“ aus der Präventionsarbeit („Gewalt Sehen Helfen“), das dafür sensibilisieren will, dass Gewaltempfindungen subjektiv stark voneinander abweichen können. Dabei geht es nicht darum, dass „Religion“ etwas Negatives wie „Gewalt“ sei, vielmehr eignet das Religionsbarometer als Instrument, auf ein grundsätzliches Problem mit nicht naturwissenschaftlich quantifizier- und kategorisierbaren Begriffen hinzuweisen. Auch erläutert es ihre Rolle in identitätspolitischen Diskursen.

 

1. Vorstellung des Religionsbarometers

 

Kicken Sie auf die Abbildung für eine Vergrößerung. Die in eckigen Klammern unter manchen der Folien aus einer Präsentation des Religionsbarometers gemachten Angaben sollten vor einer Anwendung getilgt werden. Beschränken Sie sich dabei je nach Teilnehmer_innenzahl auf eine Auswahl der Folien. Für eine Version dieser Präsentation schreiben Sie an info [at] remid [punkt] de.

Die 0%-Karte war in einer praktischen Erstdurchführung (situativ hauptsächlich ältere Teilnehmer_innen über 60 mit christlichem oder säkularen Hintergrund in zwei Gruppen) die beliebteste. Die 100%-Karte wurde nur selten ausgespielt, etwa wenn der Begriff „Imam“ aus einem Zitat der Kurzinformation Religion „Bahai“ der Weltreligion Islam zugeordnet werden konnte, überraschenderweise aber auch von einem Teilnehmer beim Beispiel einer Fanverehrung des Fußballvereins St. Pauli. Es sollte jeweils, ohne zu diskutieren, ein Satz ergänzt werden: Nach meiner Meinung ist das Religion / keine Religion, weil… Die Einordnung als „Religionsersatz“ durch den Teilnehmer erhielt also einen höheren Score als die diversen Beispiele, welche – jeweils nur durch einzelne Teilnehmer_innen – 30% (Fengshui), 50% (Rosenkreuzer), 70% (Bruderschaft des Samael) usw. zugeordnet worden sind. In manchen Begründungssätzen wurde ein Unterschied religiös – spirituell oder religiös – esoterisch oder religiös – sektenartig aufgemacht (oder religiös – Humbug). Sicherlich wurde moniert, dass die Sätze des Barometers voraussetzungsreich an Kenntnissen seien. An dieser Stelle sollte sich aber gerade deshalb mit Erklärungen zurückgehalten werden, danach ist zumeist mit höheren Prozenten auf den Karten zu rechnen. Und so kann das Beispiel „Samael“ durch die Kenntnis von „Manichäismus“ (und beides hat mit einem Bezug auf Gnosis oder Gnostizismus eine tatsächliche inhaltliche Gemeinsamkeit) bei diesem kundigen Teilnehmer – ohne Einwirken des Dozenten – 70% erhalten. Bei dem Beispiel Fengshui ist verblüffend gewesen, dass obwohl häufig „Harmonielehre“ aufgegriffen wurde in den Begründungssätzen (niemals aber das „Spiritual“ aus dem Namen des zitierten Survey), war gerade das ein Argument für 0%. Ein Teilnehmer verglich diese Lehre sogar mit dem Buddhismus, der aber wiederum als „Philosophie“ gewertet wurde – und auch das war ein Argument für 0%. Beim Scientology- und beim Angel-Life-Coach-Beispiel war es der monetäre Aspekt, welcher als Argument für 0% oder beim Coach auch schonmal 30% zum Einsatz kam. Die Mao-Bibel (die Herkunft des Zitats wurde von niemandem erkannt) schaffte es einmal über 0%, der Nationalismus trotz der Begriffe „Reliquienschätze“ und „Kraftstrom“ im Satz nicht. Die Begriffe „Natur“ und „geistige Entwicklung des Individuums“ bei den Rosenkreuzern sowie die Formulierungen „mythologische Figur“ sowie „Verantwortung für sich selbst zu übernehmen“  bei der Bruderschaft des Samael waren häufige Argumente für 0%. In einer Gruppe führte das Stichwort „Rosenkreuzer“ zu Assoziationen in die Richtung „Freimaurer“, „Verschwörung“ und „Politik“ (auch das als Argument für 0%). Der Begriff „Tempel“ bei den Awakening-Frauen-Tempelgruppen wurde von niemandem zum Argument, „Engel“ aber schon in beiden dieses Wort enthaltenden Beispielen. Die Formulierung „sich [nicht] einer Herrschergottheit unterwerfen“(wiederum Bruderschaft des Samael) wurde sowohl als Argument für als auch als Argument gegen Religionshaftigkeit angeführt.

 

2. Wie gehen Religionswissenschaftler_innen konkret mit dem Definitionsproblem um?

 

Es ist anzunehmen, dass ein solches Religionsbarometer bei Studierenden der Religionswissenschaft höhere Prozentwerten erreichen dürfte. Oder mit einer Auswahl an Beispielsätzen, welche mehr Beispiele aus den sogenannten „Weltreligionen“ enthält. Dennoch ist man in der Religionswissenschaft noch weit davon entfernt, soweit zu gehen wie zumindest potenziell in der oben zitierten Präventionsarbeit: „Im ‚Gewaltbarometer‘ sind die Teilnehmer aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen, wo für sie Gewalt beginnt“ (a.a.O., ein ausführliches, gemäßigtes Konzept von 2007 findet z.B. sich auf einer Webseite der österreichischen Polizei). In den Folien des Religionsbarometers sind das insbesondere die Beispiele mit Nationalismus, Kommunismus und Fußball, die gerne die Fremdbezeichnung „Religion“ erfahren, aber eher nicht innerhalb der Grenzen auch von „weiten“ Gegenstandsmengen religionswissenschaftlicher Forschung gesehen werden (es wird aber diese Art des Religionsvergleichs untersucht oder der Bezug von z.B. Nationalismus oder Kommunismus auf Religion oder Atheismus). Hier ist auch die Grenze der Akzeptanz funktionalistischer Religionsdefinitionen.

Die Selbstbeschreibung von etwas als „Religion“ findet zwar immer stärkere Berücksichtigung, dennoch wird ihr in bestimmten Fällen nicht entsprochen: teilweise bei Scientology und „Esoterik“, teilweise beim militanten islamistischen Dschihadismus, häufig bei Religionsparodien wie der „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters“, vermutlich bei losen Bezügen neurechter Gruppen wie der Identitären Bewegung auf Religion, Christentum und Spiritualität. Letztere tauchen tatsächlich etwa noch nicht in der REMID-Religions- und Weltanschauungsstatistik auf. Die Kirche des fliegenden Spaghettimonsters wird zwar aufgeführt, aber unter den Organisierten Konfessionsfreien. Und der Orden der Hoffnung / Order of Hope (Jediismus nach Star Wars) wurde aufgenommen, aufgrund seines Selbstverständnisses „als ethisch motivierter ‚Ritterorden‘ mit Ausbildungssystem und als ‚ernsthaft'“ (REMID: Mitgliederzahlen. Sonstige). Er ist wie die Keltische Kirche in Deutschland e.V. (Mitgliederzahlen: Katholizismus) einem Rollenspiel-Milieu entwachsen. Der Religionswissenschaftler muss also offenbar entscheiden, wann es sich nicht (mehr) um ein „Rollenspiel“ oder eine „bloße“ Parodie handelt. REMID vertritt ansonsten einen weiteren Religionsbegriff, der versucht auch Phänomene wie Scientology, „Esoterik“ oder alternative Spiritualität einzubeziehen (nicht aber z.B. allgemein Heilpraktiker, Psychoanalytiker, Naturheilverfahren, Parteien, mit Ausnahmen Kampfsport, Coaching, Lebensberatung, die meisten philosophischen Gesellschaften, Kunst …). Dabei ist die Tendenz, von einer Religions- und Weltanschauungsstatistik zu sprechen, d.h. die Unterscheidung zwischen beidem nicht thematisieren zu müssen (genauso verfährt die übliche Auslegung des Gesetzes). Die konkreten traditionsbezogenen Feldern entlehnten Kategorien sind es nicht, welche die Frage nach einer abschließenden Definition provozieren, es sind die Grenzfälle der Restkategorie der „Sonstigen“, „Verschiedenen“.

Es hat sich gezeigt, dass es einige Stellen in dieser Statistik gibt, wo sich das Prinzip, besser keine Grenzen zu ziehen, bewährt hat. So fassen wir „Freikirchen und Sondergemeinschaften“ zusammen (und das schon in meiner Vorgänger-Generation bei den REMID-Aktiven). Nach evangelischen Konfessionskunden sind „Sondergemeinschaften“ diejenigen (immerhin) „christlichen“ Gemeinschaften, welche ein „Sondergut“ ins Zentrum ihrer Lehre stellen würden. Im Dialoggeschehen wiederum „einigen“ sich evangelische und katholische (liberale) Theolog_innen darauf, dass – ich kann dieses Zitat nicht häufig genug zitieren –

„[d]as Christentum immer nur von einem konfessionellen Standpunkt aus beschrieben werden [kann] (als katholisch, protestantisch, lutherisch, calvinistisch, orthodox, freikirchlich …).
Es gibt nicht ein einziges ‚spezifisches‘ Merkmal des Christentums, sondern nur ein ‚Ensemble von Merkmalen‘.
Innertheologisch [nicht religionswissenschaftlich; Anm. C.W.] ist zu beachten, dass das innerste Wesen des Christentums nur im Lichte des Glaubens selbst erhellt werden kann und es somit keine ‚Formel‘ und keine ‚abstrakte Wesensdefinition‘ des Christentums gibt.“ (Aus: Impulsreferat zur Wochenendtagung von „Katholisch-Liberalem Arbeitskreis“ (KLAK) und „Evangelisch-Liberalem Gesprächskreis in Bayern“ (ELGB), Bamberg, 3. und 4. November 2007, „Wie christlich ist Europa? Über das Christliche im Abendland“).

Wie kann es beides zugleich geben – kein „einziges ’spezifisches‘ Merkmal“, aber „Sondergut“? Es ist ein religiöses Urteil zu sagen, eine Konfession stelle ein „Sondergut“ ins Zentrum ihrer Lehre. Überhaupt sind auch viele Argumente der Teilnehmenden im Religionsbarometer religiöser oder moralischer Natur gewesen (aber auch z.B. ästhetischer Art). Gerade das Geld-Argument suggeriert, es gäbe eine Möglichkeit, ein Preis-Leistungs-Verhältnis zu bestimmen. Neben der Moralität ist also ein essenzieller Bezug zur Wirklichkeit inklusive, als ob die Metaphysik von z.B. Scientology oder Esoterikern weniger „echte“ religiöse Dienstleistungen erlaube. Eigentlich geht es also um die Idee eines Qualitätsunterschiedes ähnlich wie bei der Differenzierung „Glauben“ – „Aberglauben“ (und analog „Religion“ – „Sekte“). Also selbst das Geld-Argument basiert auf religiösen Vorstellungen. Es ist ähnlich wie bei manchen Weihnachtskritikern, welche die Kommerzialisierung des Festes beklagen, aber der Verlust des „echten“, „wahren“ Weihnachtsfestes ist die Artikulation einer religiösen Idealvorstellung, selbst wenn das Argument in einem religionskritischen Kontext gebracht wird. Argumente solcher Art scheiden also für eine wissenschaftliche Definition aus.

In einer Seminargruppe wurde – bei dann der Frage einer Definition von „Christentum“ – der Vorschlag gebracht, doch bei Dreieinigkeit, dem Verhältnis von Vater und Sohn anzusetzen – in Unkenntnis der Konzilien und Schismata mit den „miaphysitischen“ altorientalischen Kirchen und später mit den orthodoxen Patriarchaten, bei denen es genau darum gegangen war (beim letzteren Morgenländischen Schisma 1054 in den theologischen Aspekten des Streits, dort insbesondere um das „Filoque“, einer Ergänzungsformel eines Bekenntnisses). Ist es nicht bemerkenswert, dass gerade diejenigen wichtigen Bekenntnisse des Christentums, das von Nicäa und das in der Praxis relevantere Nicäno-Konstantinopolitanum, in Abgrenzung des antitrinitarischen Arianismus entstanden sind, während heute der Ausschluss etwa der Zeugen Jehovas aus der „Familie“ christlicher Kirchen u.a. mit ihrem Antitrinitarismus begründet wird? Dabei gibt es auch in der REMID-Statistik Fälle, die es nicht in die Kategorien Katholizismus, Protestantismus (einschließlich Freikirchen und Sondergemeinschaften) sowie Orthodoxe, orientalische und unierte Kirchen schafften – mit dem Argument, dass sie potenziell in mindestens zwei Kategorien fallen: Bei Rosenkreuzern sind das Christentum und Hermetik (und außerdem innere Uneinigkeiten; es gibt eine Pro- und eine Contra-Fraktion bezüglich der Frage, ob Rosenkreuzer Christen sind), bei der Christengemeinschaft kommt Anthroposophie bzw. das Werk Rudolf Steiners hinzu, bei der früheren Vereinigungskirche koreanische Volksreligion (früher wurde mit Selbstbezeichnungen wie The Holy Spirit Association for the Unification of World Christianity auch eine Selbsteinordnung ins Christentum vollzogen; in Deutschland heute als Tongil-Gyo Vereinigungsbewegung [2011] oder Familienförderation für Weltfrieden und Vereinigung e.V. [2017] wird eher ein neu- bzw. universalreligiöser Anspruch formuliert, nach dem „Gott einen neuen Ausdruck der Wahrheit offenbart [hat], der die historischen Religionen, die Wissenschaft und die Philosophie vereinen kann“; Quelle: „Häufig gestellte Fragen“, Frage „Glauben Mitglieder der Familienföderation, dass das Böse und die Korruption in dieser Welt überwunden werden können?“). Schwieriger ist das Beispiel Universelles Leben, das ein Selbstverständnis als Urchristentum propagiert.

 

3. Quantifizierung religiöser („heiliger“) Texte

 

Mittels des Tools Wortwolken.com hergestellte Visualisierungen von Grundlagentexten verschiedener christlicher Denominationen. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage („Mormonen“) und die Neuapostolische Kirche gelten neben den Zeugen Jehovas als typische „Sondergemeinschaften“ innerhalb evangelischer Konfessionskunden. Universelles Leben wird häufig der christliche Selbstanspruch von den hegemonialen Kirchen völlig abgesprochen. Per Klick lässt sich die Abbildung vergrößern.

 

Desto kleiner eine religiöse Gemeinschaft oder Bewegung ist, desto eher lassen sich z.B. bestimmte Texte als zentral ausmachen. Zwar lässt sich mit einem losen Bezug zu Jan Assmann konstatieren, dass eine bestimmte Verwendungs- und Bezugsweise einen Text als einen „heiligen Text“ von einem z.B. Kommentar unterscheiden lasse. Das erlaubt zwar, sozusagen sakralisierte Texte als solche zusammenzufassen, schweigt sich aber über die Gründe aus (die Idee eines bestimmten „Wesens“ heiliger Texte). Lediglich lässt sich wiederum beobachten, dass eher solche Texte Sakralisierung erfahren, welche bereits so angelegt sind, dass sie bereits bestehende als (für irgendwen) als religiös geltende Texte in Bezug nehmen – und sei es bloß performativ, indem sie den Akt der Offenbarung o.ä. adaptieren. Und das gilt nicht nur für Sakralisierungsprozesse bei Texten, vergleichbar ließe sich bezüglich z.B. Ritualpraxen (als besondere Handlungsanleitungen) und Gemeinschaften argumentieren.

Nimmt man nun bestimmte Texte (ausgewählt wurden gerade nicht „heilige Texte“ im Umfang von Bibel oder Koran, sondern bekenntnisähnliche Texte) und versucht sie quantifizierend zu visualisieren, also grafische Veranschaulichungen der Worthäufigkeiten nebeneinanderzustellen, ergibt sich obige Abbildung für die verwendeten Textbeispiele von Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage („Mormonen“), Neuapostolischer Kirche und Universelles Leben. Sicherlich der Textsorte (und der Religions-„Familien“-Kategorie „Christentum“; vergleiche auch die Ausführungen Wittgensteins zu „Familienähnlichkeit“) verdankt sich die jeweilige zentrale Rolle des Verbes „glauben“. Während im mormonischen Beispiel allein mit „Gott“ – „Kirche“ – „Vater“ gerade nicht „Jesus“ – „Christus“ – „Sohn“ Betonung erfahren, stehen beim Universellen Leben offenbar „Jesus“ – „Tiere“ – „Natur“ im Mittelpunkt. Wo die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage „Offenbarung“ gewichtet, findet sich beim Universellen Leben ein zentraler Bezug zu „Bergpredigt“ und „Nachfolge(r)“. Andererseits ordnet sich bei letzterem „Gott“ (oder „Gottes“) hinter „Natur“, „Einheit“ und „All-Geist“ ein. Bei der Neuapostolischen Kirche folgt Gott erst nach „Jesus“, (heiligem) „Geist“ und dem „Apostel“ (aber „Herrn“ und „Himmel“ repräsentieren ihn scheinbar auf der Häufigkeitsebene von „Jesus“ und „Geist“). Die Wassertaufe lässt „Wasser“ zu einem Schlüsselbegriff werden. Der Begriff „Sünden“ scheint hier die größte Relevanz innerhalb dieser drei Beispiele einzunehmen, bei den Mormonen kommt er zumindest vor. Der Reinkarnationsglauben, der beim Universellen Leben oft das entscheidende Element ist, sie außerchristlich einzuschätzen, lässt sich in der Visualisierung nicht wiederfinden. Aber hat damit diese Gemeinschaft sozusagen einen „Christentumstest“ bestanden? Tatsächlich soll dieses Beispiel nämlich zeigen, dass ein solcher „Christentumstest“ nicht möglich ist. Selbst wenn der Reinkarnationsglauben oder irgendetwas anderes stark ins Zentrum gerückt wäre (bei „Natur“ ließe sich ja je nach Bezugsgröße auch pro oder contra argumentieren und den Heiligen Franz von Assisi, frühneuzeitliche Physikotheologie etc. für gegenüber Pantheismus, Paganismus etc. dagegen ausspielen), macht diese Verschiebung von Häufigkeitsakzenten bereits den „Sündenfall“ aus dem Christentum heraus? Wäre es nicht ein religiöses Urteil zu sagen, das ist kein Christentum?

 

4. Variantismus als methodischer Agnostizismus

 

Empirisch sind sowieso nur wenige Beispiele bekannt, wo es dann um die Christianizität, Islamizität, „Hinduizität“ und vielleicht „Buddhizität“ geht, also von außen einem Selbstverständnis als z.B. christlich widersprochen wird. Das Christentum ist dabei ein gutes Anfangsbeispiel – wie eben auch der Religionsbegriff – um auf eine Eigenschaft dieser Begriffe hinzuweisen, die sich von naturwissenschaftlich festgelegten Größen (wie dem „Kilogramm“) oder Taxonomien z.B. in der Biologie abhebt, insofern eben gerade keine reproduzierbare Experimentation als Grundlage von Einordnungen herangezogen werden kann (welche auch beim Beispiel der Taxonomien in der Biologie erst in jüngerer Zeit mittels Genetik nachgeliefert wird). Oder: Würde man aus dem obigen Beispiel mit den Wortwolken einen „Test“ erstellen, wäre er abhängig von derjenigen Folie, welche als eine Art „Original“ im Zirkelschluss Christianizität festlegt (vgl. auch Die Kopie ist das wahre Original: Aura-Kopierer, Religionswissenschaft, Falsifikation und Don Quijote, 2012). Es wäre also am Ende ein z.B. katholischer, orthodoxer oder altorientalischer Test. Auch diese Originalitätszuschreibung wäre wiederum aber eine religiöse Wahl. Genanntes Universelle Leben bezieht sich nicht zufällig auf ein „Urchristentum“, sondern liefert damit einen eigenen Beitrag in diesem Anciennitäts-Wettbewerb. Außerdem impliziert die Überlegung z.B. einen Glauben an die Unverfälschtheit der ursprünglichen Offenbarung. Überhaupt ist das Konzept der Offenbarung eine der wichtigsten Legitimationsstrategien, warum etwas Altes potenziell „wahrer“ sein sollte als etwas Neueres. Die Idee eines „Tod des Autoren“ in der Literaturwissenschaft (und damit z.B. die Kritik von Editionen nach dem Leithandschriften-Prinzip und Plädoyers für einen Variantismus, der also jede Variante für gleichwertig erklärt) rezipiert im Grunde einen „Tod Gottes“, also als eine Aufgabe einer halb-säkularisierten Genie-Konzeption, welche Autor_innen zum Medium einer offenbarungs-äquivalenten, eben „originären“ Poesie macht (die Frage danach, was uns die Autorin / der Autor sagen wollte). Gerade das erwähnte Leithandschriften-Prinzip bedeutet in Rückübertragung auf das Gebiet der Religionsgemeinschaften, sich z.B. bezüglich Christianizität eben bereits für eine einzige „wahre“ Kirche (unter tausenden) entschieden zu haben (und jetzt geht es nur noch um den Grad der „Verfälschung“, des „Irrtums“). Ein methodischer Agnostizismus setzt demgegenüber als Voraussetzung wissenschaftlichen Arbeitens, die Frage nach z.B. Gott zumindest wissenschaftlich nicht beantworten zu können.

Eigentlich bleibt also nur die Beobachtung der Varianz unter Berücksichtigung der jeweiligen Bezugnahme auf z.B. Christianizität oder Religionshaftigkeit – einschließlich einer Feststellung von potenziell pluralen Varianz-Verhältnissen einer Gemeinschaft oder Lehre (wie beim Beispiel der Christengemeinschaft zwischen Christentum und Anthroposophie). Die aktuellen Debatten um Islamizität sind parallel zu diesen Überlegungen zu Christianizität zu beurteilen. Wo also gerade sozusagen ein Streit um die ‚Leithandschrift‘ des Islams herrscht, sei es nun die Variante, nach welcher der islamistische Dschihadismus z.B. gerade „islamisch“ oder gerade „unislamisch“ sei, wird religiös argumentiert, nicht wissenschaftlich. Das gilt ebenso für innerchristliche Abgrenzungen gegenüber der dortigen Varianz in derjenigen Art, dies oder das sei eine „Sekte“ und kein „Christentum“.

 

Per Klick lässt sich die Abbildung vergrößern. Es handelt sich auch hier um eine Anwendung des Tools Wortwolken.com.

Also im Grunde selbst dort, wo ein Vergleich der Varianten – etwa bei Buddhismus in Deutschland – eine stärkere Differenz feststellt, lässt sich daraus nicht ableiten, z.B. die Soka Gakkai habe einen „Buddhismustest“ nicht bestanden. Sie wird bei REMID als „neue religiöse Bewegung“ geführt, insofern sie auch dem Gebiet neuer japanischer Religionen zugeordnet werden kann – bzw. zumindest wurde diese Einteilung noch nicht überarbeitet. Sie wurde noch von der Vorgängergeneration gemacht. Zugleich ist es aber eben möglich, die Konzentration auf „Gehonzon“ bemerkenswert zu finden („Honzon“ bezeichnet auch im Shinto ein „Hauptkultbild“ eines Tempels sowie eben diese angesprochene Wesenheit, also Kami; im Nichiren-Buddhismus wird daraus die „Gesamtheit die Buddhaschaft“). Man kann sie als eine Annäherung an monotheistische Konzepte interpretieren (und das wäre ein Zug vieler neuer japanischer Religionen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts). Schließlich lässt sich bei der Shaolin Association Germany auf der Abbildung nicht erkennen, dass es bei diesem Verband auch um Kampfsport geht.

 

5. Fazit: Das Problem mit den Religionsstammbäumen

 

Auch das Anlegen von Religionsstammbäumen erweist sich oft als (meta-)religiöse Praxis.

000024.org: World Religions Tree.
Ultraculture: Evolutionary Tree of Myth and Religion.

 

Rückübertragen auf Religionen zeigt selbst manche relative Annahme eines Variantismus – hier im Sinne einer positiv einbezogenen Pluralität an Religionstraditionen in Gestalt eines „Stammbaumes“ – eine (dann meta-)religiöse Tendenz in der Bevorzugung oder im Ausschluss einzelner „Traditionen“. Das Beispiel von Funk & Consulting nach russischer Vorlage scheint einen irgendwie „hochreligiösen“ Ansatz zu verfolgen. Dort wo hier eine Art Ur-DNA-Strang aus „Early Vedic Period“, „Japanese Mythology“, „Shramana Traditions (non-Vedic)“, „Ancient Israelite Religion“ und „Chinese Folk Taoismus“ / „Taoism“ den Anbeginn der Zeit repräsentiert, zeigt das Beispiel von „Ultraculture“ aus einem hermetischen Magick-Kontext zunächst in Version 1.0 einen grundlegenden „Animism“ mit neun Abzweigungen (European, African, Proto-Indo-European, Arabian, Iranian, Indian, Asian, Paleo-Indian mit Abzweigungen ins Sibirische und Altamerikanische sowie eine Abzweigung für den ozeanischen und autralischen Raum). Der hier gezeigte Ausschnitt von Version 2.0 integriert ein „Proto-Nostratic“ („Nostratisch“ bezeichnet eine hypothetische Makrofamilie eurasischer und afrikanischer Sprachen) und beginnt auf den unteren Stufen zwischen „Animism“, „Shamanism“ und „Dreamtime“ zu differenzieren.

Am anderen Ende der jeweiligen Baummodelle zeigt sich die Tendenziösität daran, dass bei der Version „Funk & Consulting“ über einen Strang „Hermeticism“ gerademal „Rosicrucianism“ und der „Hermetic Order of the Golden Dawn“ erwähnt werden, an anderen Stellen „Bahai Faith“ (Soka Gakkai ist hier übrigens Buddhismus), „Shykism“, eine besonderen Berücksichtigung von shinto-beeinflussten Entwicklungen (einschließlich Kampfkünste), diverse reformhinduistische Bewegungen einschließlich der Theosophischen Gesellschaft (und Osho) als „Hinduism“, Unitarianismus sowie „Mormonism or Latter Day Saint Movement“. Die Zeugen Jehovas oder Universelles Leben habe ich vergeblich in dieser Grafik gesucht. Die Version „Ultraculture“ wiederum reduziert die sogenannten „Weltreligionen“ auf wenige Elemente ihres Stammbaumes, denen eine größere Zahl an „paganen“ Elementen gegenübersteht. Die in Version 1.0 noch aus Christentum und Islam abgeleitete „Scientific Method“, aus der wiederum „Quantum Mechanics“ hervorgehen, wurde in Version 2.0 getilgt. Hier wird durch unterschiedliche Linienform zwischen adaptierten anderen Religionen und – gestrichelt – Einflüssen differenziert. In Version 1.0 hatte bereits „Sikhism“ zwei solche Einfluss-Beziehungen (Islam und Hinduismus), ohne aber in den „eigentlichen“ Stammbaum integriert zu sein. In Version 2.0 wurden wenige Beispiele ergänzt, etwa ein freischwebendes „Scientology“ mit Einfluss-Beziehungen zu „Hinduism“, „Mahayana Buddhism“ und „Taoism“.

Insgesamt führt aber die jeweils unterschiedliche Akzentuierung von Anciennität (im Sinne von Alter als eines Qualitätsmerkmals) und Klassifikation als etwas „Hochreligiöses“, „Echt-Spirituelles“ o.ä. zu tendenziösen Ergebnissen, die damit an einer Art „Meta-Religion“ bzw. „Universal-Theologie“ („pluralistische Theologie“) oder eben an einem „Ur-Schamanismus“, „Ur-Monotheismus“ etc. arbeiten. Die Baum-Metapher passt in dieser Hinsicht zur Idee einer verfälschten Offenbarung. Die Gefahr, beim Arbeiten über Religionen religiöse Urteile zu fällen und damit den Bereich der Wissenschaftlichkeit weltanschaulich zu transzendieren, besteht also auch an vielen unerwarteten Stellen wie „Definitionen“, „Exegesen“ und „Stammbäumen“. Zwar werden Worte wie „Religion“, „Christentum“, „Islam“ usf. damit zu unscharfen Begriffen, die sich also weder im aristotelisch strengen Sinn eindeutig bestimmen lassen, noch sich in einem – religiöse Urteile ausschließenden – Diskurs als Teil eines Arguments eignen, insofern mehr angedacht ist als die Summe von Menschen oder Vergemeinschaftungen mit einem entsprechenden expliziten oder impliziten Traditionsbezug, die einer pluralen, heteronomen Menge von Varianten entsprechen. Ansonsten wird Identitätspolitik betrieben bzw. eben – wenn man so will – Religion.

Und das ist gerade nicht herabwürdigend gemeint, auch Religionen betreffende Diskurse um Religionsfreiheit oder Religionskritik könnten davon profitieren, wenn sie ohne identitätspolitische Einsprengsel mit religiösen Urteilen inklusive geführt werden.

Christoph Wagenseil

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2 Kommentare:

  1. Sehr guter, wichtiger Artikel! Derartiges schreit nach einer Info-Broschüre für die interreligiöse Praxis! Bis dato fehlt sowas.

  2. Pingback: Esoterik und alternative Spiritualität von A bis Z – REMID Blog

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