“Le Christianisme c’est le Communisme”: Sozialismus und Okkultismus im Frankreich des 19. Jahrhunderts

Frühe “utopische”, “sozialromantische”, “neuchristliche” Sozialismen im Frankreich des 19. Jahrhunderts sind ein bisher von der historischen Forschung stiefmütterlich behandeltes Thema. Zugleich geht es im folgenden Interview – und auf den Gegenstand bezogen spätestens ab dem historischen Wendepunkt der Machtübernahme durch Napoleon III. 1851 – um die Vorgeschichte dessen, was man gemeinhin “modernen Okkultismus” zu nennen pflegt. REMID interviewte Julian Strube (vgl. auch das Interview zum esoterischen Neonazismus der Gegenwart) über sein Dissertationsprojekt.

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“Extreme” Diskurse? Die Linke und die Religion

Es war im Jahr 2007 oder 2008, als eine Antifa-Gruppe zu einem Vortrag über “Esoterik” in ein Szene-Café einlud. Um die dort beschriebenen Gruppierungen und Autoren, die unter Rückgriff auf Literatur wie die von Jutta Ditfurth (z.B. “Entspannt in die Barbarei. Esoterik, [Öko-]Faschismus und Biozentrismus”, 1996) als “Esoterik” verhandelt worden sind, soll es gar nicht gehen. Entscheidender war der Diskussionsteil. Letztlich wurde auf den Punkt gebracht, dass jegliche Übernahme einer Praxis aus einer anderen Kultur bzw. Religion rückständig sei (so auch z.B. Yoga). Die Kontexte, in welche die Praxis ursprünglich eingebettet gewesen sei, könne man nicht einfach so ausblenden. Diese Kontexte wirken fort und deshalb müssten solche Kulturtransfers mit Kritik bekämpft werden. In letzter Konsequenz, so die Lehre aus dieser Abendveranstaltung für einige im Publikum anwesende Studierende der Religionswissenschaft, ergeben sich ideale Voraussetzungen für problematische Allianzen.

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Gott in Frankreich: Ein Fall von bedingter Religionsfreiheit

Neu erschienen ist ein Bericht zur Religionsfreiheit nicht nur von Christen im Auftrag von Deutscher Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche Deutschlands. Dazu heißt es in der Süddeutschen: “Seit 2007 hätten ‘Verletzungen des Rechts auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit beständig zugenommen’ [...], ob durch staatliche Gesetze oder durch soziale Anfeindungen, die der Staat nicht unterbindet. Dies betreffe alle Religionen auf allen Kontinenten, am meisten betroffen seien jedoch Christen und Muslime. [...] Ausdrücklich beschränkt der Bericht sich nicht allein auf die Christenverfolgung, er vermeidet auch Begriffe wie ‘Märtyrer’ oder ‘Glaubenszeugen’” (Artikel vom 1. Juli, man vgl. unsere Karte zur Religionsfreiheit nach dem Amnesty International Report 2012). Dabei sollten auch (west)europäische Länder berücksichtigt werden – sicherlich in Abstufung der jeweiligen Einschränkungen der Religionsfreiheit, aber auch ohne verharmlosend diese Diskriminierungen zu relativieren. REMID interviewte die Religionswissenschaftlerin und Soziologin Christiane Königstedt (Universität Leipzig, Graduiertenkolleg Religiöser Nonkonformismus und Kulturelle Dynamik) zur Situation in Frankreich.

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Die Geister, das Klima und die Börse: Wird “Skeptiker” doppeldeutig?

Ursprünglich bezeichnete der Begriff “Skeptiker” den Zugehörigen einer philosophischen Schule. Sicherlich ging es auch damals bereits um Skepsis an “metaphysischen” Aussagen. Der moderne Skeptiker jedoch ist abhängig von einem Konzept der “Säkularität“, von einem Selbstverständnis als “aufgeklärt” in Verbindung etwa mit einem naturwissenschaftlich fundierten materialistischen Monismus. Entsprechend versteht sich die “Skeptikerbewegung” mit ihrer Kritik an z.B. “paranormalen”, “magischen” Praktiken, Vorstellungen, Fähigkeiten etc. als Fortsetzung der Aufklärung. Demgegenüber macht sich ein neuer “Skeptiker”-Begriff breit. Zweifel werden hier fundiert mittels komplexer Verschwörungstheorien (wahlweise: Netzwerkanalysen). Gegenstände der Kritik sind auf der einen (rechteren?) Seite das Klima, der Euro etc. Auf der anderen Seite sind es aber auch die Börse und die Verteidigung von Datenschutz, Menschenrechten und Demokratie.

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Zensus 2011: Warum Religionsfreiheit eine wichtige Freiheit ist

Auch wenn die neuen Zahlen des Zensus 2011 wenig helfen, unsere Religionsstatistik zu verbessern (siehe dort für entsprechende Angaben zum Christentum), zeigen sie, dass es 37% Menschen in Deutschland gibt, die keiner christlichen öffentlich-rechtlichen Religionsgesellschaft angehören (100% – 30,8% kath. – 30,3% ev. – 1,9% weitere [66,8 % Christen überhaupt – 30,8% – 30,3% – 3,8% Christen nur nach freiwilliger Angabe aus Pressemitteilung]). Wie wichtig Religionsfreiheit für eine pluralistische Gesellschaft ist (3% bzw. 2,4 Mio. gaben freiwillig an, eine andere Religion oder Weltanschauung als die abgefragten Weltreligionen zu haben*) , zeigt sich nicht nur an dem Umstand, dass eine Volkszählung – in den 1980ern noch sehr viel schärfer Gegenstand der Kritik als Beschneidung von bürgerlichen Grundrechten – ausgerechnet in diesem Gebiet um eine freiwillige zusätzliche Angabe bittet. Religionsfreiheit ist nicht nur irgendein Menschenrecht unter vielen.

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Trendreport: Pluralisierung und Newcomer bei den Religionen und Weltanschauungen in Deutschland

Die Statistik von REMID liefert seit dem Ende der 1990er Jahre detaillierte Angaben zu Religionen in Deutschland. Zunächst ging es darum, bisherige Statistiken dahingehend zu korrigieren, dass längst ein Abbild der Religionen aller Welt im Kleinen auch den gegenwärtigen Pluralismus in Deutschland prägt. Nicht nur der Islam, auch Buddhismus und Hinduismus gehören zu Deutschland. Ebenso ging es darum, Neue Religionen als solche ernstzunehmen, aber auch gesellschaftlichen Tendenzen entgegenzuwirken, welche mit viel zu hohen Schätzungen der Mitglieder sogenannter “Sekten und Psychogruppen” Panikmache betrieben (in den 1990ern wurde etwa von manchen Diskursteilnehmern suggeriert, es gäbe 300.000 Scientologen im Lande). Erst 2012 wurde allerdings der Bereich der Weltanschauungen hinzugenommen, auch als Reaktion auf die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO). Allerdings wurden auch andere Bereiche (z.B. Esoterik) erweitert. Welche Trends oder Tendenzen lassen sich herausarbeiten?

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“Religionen” und der philosophische Streit der Fakultäten

Der Zoologe und Verhaltensforscher Frans de Waal fragt “Ist militanter Atheismus eine Religion geworden?” und fordert im Anschluss einen neuen Humanismus “unter Primaten” (Salon vom 25. März). Die Probleme “weiter” Religionsbegriffe wurden bereits thematisiert, genauso wie die Schwierigkeiten “traditioneller” Religionskonzepte. Gibt es vielleicht eine philosophische Möglichkeit, etwas Klarheit in die Diskussion zu bringen? Möchte man “Religionen” in einem logischen Kalkül näher bestimmen, bietet sich an – erst einmal unter Ausschluss solcher Bestimmungen, welche ontologisch ein wie auch immer geartetes (“religiöses”) Sein (höherer Wesen oder spezieller Erfahrungen) voraussetzen, oder “Religion” im Singular als z.B. ethisches Prinzip deuten – , diejenige Differenz ins Auge zu fassen, welche auch für entsprechende historische Auseinandersetzungen seit der Aufklärung prägend wurde: Demnach sind “Religionen” zunächst eine Form der (potenziellen) Vergemeinschaftung unter Einbezug bzw. auf Basis von gemeinsamen metaphysischen Urteilen.

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Eine kleine Geschichte vom Sinn des Lebens

Im Jahre 1731 war es noch üblich, wie Franz Sebastian Nonhardt in seiner theologischen Abhandlung “Die Allzeit bestrittene, aber niemahlen überwältigte Wahrheit des Heil. Römischen, Catholisch-Apostolischen Glaubens” vorführt, eher davon zu sprechen, es seien “[d]ie Sinn des Lebens sehen / hören / kosten / fühlen / riechen alles Würckungen [Wirkungen]“, mit welchen Gott auf die Aktivitäten “in Nachstrebung nach dem jenigen / was die Seele will” antworte (S. 444). Schon einen Schritt weiter geht Angelo Paciuchelli in seinem “Sittlichen Diskurs” in der Übersetzung von Wunibald Reichenberger 1743. Angesichts der Vorstellung einer Verdunkelung der Welt im Moment des Sterbens Jesu am Kreuz greift der Tod um sich: “Es seyn tod alle Sinn, welche den Sinn des Lebens, und das Heyl eindrucken allen, die solche betrachten” (S. 617). Es wird sich zeigen, wie das 18. Jahrhundert an der christlich-religiösen Figur Jesus überhaupt die Idee eines Sinns des Lebens als einer Bestimmung entwickelt, um dann zu sehen, wie grob ein Jahrhundert später durch insbesondere Autoren wie Wilhelm Dilthey dieser zum allgemeinen Kernbegriff eines eben gerade nicht metaphysischen Selbstverständnisses des modernen Menschen transformiert wurde. Die Rolle seiner Ausgestaltung hängt dabei eng mit derjenigen der Geisteswissenschaften zusammen.

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Extreme liegen vorn: Alexa Ranks von religionsbezogenen Webseiten für Deutschland

Am 1. Oktober 2012 verstarb überraschend der Schauspieler und Komiker Dirk Bach. Homophobe Entgegnungen des sich katholisch gebenden “Hetzerportals” kreuz.net sollten darauf die Medien beschäftigen – insbesondere nachdem der Bruno Gmünder Verlag in Berlin ein Kopfgeld von 15.000 EUR für die Identifizierung der Macher des anonymen Webauftritts aussetzte. In einem Spiegel-Artikel vom 5. Oktober versucht sich Frank Patalong an einer Einschätzung der Relevanz der Hassprediger – unter Rückgriff auf Alexa.com, ein beliebtes Instrument der Suchmaschinenoptimierung und des Internetmarketing. Doch selbst wenn man diese auch nicht unproblematische Methode vertieft, scheint sich das Ergebnis nur zu verallgemeinern: Im deutschen Internet haben Extreme die Nase vorn.

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