Was glaubt, wer nicht glaubt? Vergleichende Studie untersucht konfessionsfreie Identitäten

Eine neue vergleichende Studie von Prof. Dr. Tatjana Schnell (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Hans Alma (University of Humanistic Studies, Utrecht), Dr. Elpine de Boer (Universität Leiden) und Dr. Peter La Cour (University of Copenhagen; hier geht es direkt zum Online-Fragebogen; Sie können bis Ende Dezember 2016 teilnehmen) versucht mittels sehr elaborierter Frageskalen das Feld der sogenannten Konfessionslosen oder Konfessionsfreien (vgl. z.B. Wer sind die Konfessionsfreien?) in fünf europäischen Staaten zu erschließen. Dabei geht es sowohl um die als „Ismen“ vertrauten philosophischen Selbstverortungen als etwa Atheist oder Agnostiker (vgl. die Interviews mit Dr. Heinz-Werner Kubitza, Religion und Öffentlichkeit III: Säkularer Humanismus und Religionskritik, und mit Arik Platzek, „Abbau der systematischen Benachteiligung für Menschen ohne Religion“, sowie zur religionsphilosophischen Debatte um die Existenz Gottes mit PD Dr. Stamatios Gerogiorgakis, (A)Theismus und Religionsphilosophie: Aktuelle Streiflichter zur Debatte um die Existenz Gottes) als auch um diejenigen, welche ihre eigene Position zwar als nicht-konfessionsgebundene Weltanschauung verstehen, aber nicht aus jeder Perspektive als religionsfrei gedeutet werden. REMID interviewte Tatjana Schnell zu diesem besonderen Forschungsprojekt.

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Wer sind die Konfessionsfreien?

Unter Rückgriff auf unsere REMID-Statistik über Religionen und Weltanschauungen in Deutschland erschien letzte Woche ein Artikel von Frank Patalong auf Spiegel online „Unter Gottlosen“: „In Deutschland gibt es laut Informationsdienst nicht einmal 37.000 organisierte ‚Konfessionslose und Atheisten, Humanisten und Freidenker‘. In der Liste der religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften stehen sie fast direkt vor den Freimaurern, Scientology und dem Deutschen Yoga Dachverband.“ Es handele sich zwar um „[s]olide Zahlen“, aber nicht um ein „realistisches Abbild der Verhältnisse“, denn z.B. „[s]atte 53 Prozent aller Deutschen glauben laut der EU-Umfrage Eurobarometer nicht mehr an einen Gott“. Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung spricht im humanistischen Pressedienst von einem neuen „säkulare[n] Selbstbewusstsein“ und verweist auf die Ergebnisse der im Spiegel-Artikel geschalteten Umfragen, „an denen sich rund 25.000 SPIEGEL Online-Leser beteiligten. Denn mehr als 53 Prozent der Teilnehmer gaben an, konfessionsfrei und nichtgläubig zu sein. Weitere 20 Prozent stuften sich als nichtgläubig ein, obwohl sie nominell (noch?) einer Religionsgemeinschaft angehören“. Handelt es sich, je nach dem, was man darunter versteht, wirklich um mehrheitlich „religionsfreie Menschen“? Legte nicht erst vor kurzem eine Bielefelder Studie nahe, dass jeder zweite Deutsche eher „spirituell“ als „religiös“ eingestellt sei? Wer sind die Konfessionslosen bzw. -freien?

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Spirituelle Atheisten? Statistische Einblicke in aktuelle Formen weltanschaulicher Selbst-Verortung

Bereits im Jahr 2006 erbrachte eine Studie der Düsseldorfer Identity Foundation, welche seit 2001 einen Meister-Eckart-Preis vergibt, in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim, dass 10-15 Prozent der Bevölkerung „spirituelle Sinnsucher“ seien – neben 35% Religiös Kreativen, 10% Traditionschristen und 40% Alltagspragmatikern. In der Sprache des SINUS-Instituts heißt das („Was wollen die Schäfchen?“ 2011): Neben 15% Traditionellen, 10% Konservativ-Etablierten, 14% „Bürgerliche Mitte“, 7% Liberal-Intellektuellen, 7% Sozialökologischen, 9% „Prekären“ und 15% Hedonisten finden sich 7% Performer, 9% Adaptiv-Pragmatische und 6% Expeditive. Während Religiosität fast überall eine Rolle spielt, ist der Zugang doch sehr verschieden. Bei einem aktuellen Forschungsprojekt der Universität Bielefeld und der University of Tennessee in Chattanooga (USA), „Spiritualität in Deutschland und den USA“, sagt gar die Hälfte der Befragten, sie sei „eher spirituell als religiös„. Warum die in dieser Studie festgestellten spirituellen Atheisten, Agnostiker und Nontheisten keinen logischen Widerspruch leben und worum es eigentlich konkret beim boomenden Spirituellen gehen kann, das ist das Thema des REMID-Blogs zur aktuellen Woche.

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Wie steht’s mit der Offenheit für Religionen in Großbritannien? – Die Baroness, der Papst, die Jedi-Ritter und die Medien

Betrachtet man die deutschsprachigen Medien (soweit sie von Google News erfasst werden), ist der Artikel „Wir stehen an der Seite des Papstes“ von Thomas Pany auf Telepolis der einzige deutschsprachige Artikel über den Papstbesuch einer britischen Delegation, der nicht in einem explizit katholischen Medium erschienen ist. Baroness Sayeeda Hussain Warsi, die erste weibliche muslimische Ministerin Großbritanniens, hatte in ihrer Rede – überfliegt man die deutschen wie die englischen Titelzeilen der Presse – eine „militante Säkularisierung“ kritisiert (aber es geht auch um „Säkularismus„), sie trage einen „Kampf fürs Christentum“ zum Vatikan etc. Zwar antwortet sie auf eine Rede Benedikts XVI., welche dieser bei seinem Besuch im Vereinigten Königreich 2010 hielt, und spricht mit ihm einen Repräsentanten des Christentums an, doch in ihrer Rede geht es um Allgemeineres: Sie spricht nicht allein vom christlichen Glauben. Insgesamt ist mit Warsi zum dritten Mal ein Muslime Minister – der britische Pluralismus wirkt auf den ersten Blick integrativer als anderswo. Die Rezeption der diversen Agenturmeldungen über Warsis Rede im Ausland drückt aber eher Erstaunen und Missverständnisse aus Was hat es mit diesem Plädoyer für Offenheit auf sich? Inwiefern geht dieses Medienereignis den Religionswissenschaftler an?

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Religion versus Wissenschaft – ein Osterspiel

Vor kurzem rezensierte Peter Monnerjahn für Telepolis das Buch „Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen“ des evangelischen Theologen Richard Schröder unter der journalistisch wenig taktvollen Überschrift „Journalistischer Selbstmord“. Unter Verweis auf die Medienereignisse um Jacques Benveniste und seine Thesen zur Homöopathie wird eine schärfere Trennlinie zwischen Religion und Wissenschaft eingefordert. Zurecht werden die biologischen Behauptungen Schröders kritisiert, weniger wird auf das eingegangen, was der das Buch zusammenfassende Zweizeiler im aktuellen Wikipedia-Artikel zum Autoren angibt, nämlich dass dieser unterstellt, Richard Dawkins („Der Gotteswahn“, 2006) fehle es an Wissenschaftlichkeit im Bereich der Kulturtheorie.

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