Neue Stiftungsprofessur in Leipzig: Religionskritik als Gesellschaftskritik?

An der Universität Leipzig wurde eine neue Stiftungsprofessur für Religionswissenschaft und Religionskritik eingerichtet. Ziel ist es die wissenschaftliche, nüchterne und positive Kritik von Religionen zu betreiben, ohne Religionsfeindschaft zu propagieren. Der suspendierte Priester und Autor Adolf Holl, der als „innerer Kritiker“ der katholischen Kirche wirkt, stiftete die Professur, was anfangs gar nicht so einfach war, wie unter anderem der Deutschlandfunk berichtete. Man siehe auch den Beitrag im Humanistischen Pressedienst (Nachtrag: und Jungingers Replik). Adrian Gillmann interviewte Horst Junginger für die Säkularen Sozialdemokrat_innen. REMID gibt das Interview mit freundlicher Genehmigung wider.

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Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik

Anlässlich des Gebrüder-Grimm-Jahres veranstaltete REMID am 30. April einen Vortragsabend. Die Marburger Brüder-Grimm-Stube war gut besucht. Im Gegensatz zu vielen Darstellungen des Märchens als universale Erzählform mit vornehmlich ursprünglich oraler Verbreitung wurde seine besondere Rolle als Produkt der europäischen Geschichte betrachtet. Das Mittelalter kennt im eigentlichen Sinn keine Märchen (auch wenn heute manches als solches verkauft werden mag). Das Märchen besteht streng genommen nur als „Kunstmärchen“ und ist zu unterscheiden von Textformen wie dem Artusroman, der Heiligenlegende, dem Heldenepos, dem Schwank oder der Aesop nachempfundenen Tierfabel. Das Pentameron (1634-36) zeigt sogar, dass Märchen als Textgattung in Abhängigkeit stehen können zur im Humanismus entwickelten Form der Novelle: Titel und Struktur des Werkes sind an Giovanni Boccaccios Novellensammlung Decamerone (1349-1353) orientiert. Letztlich liegt einfach ein schwerwiegendes Missverständnis vor: Das Märchenhafte des Mittelalters ist ein Resultat der inneren Kritik der Aufklärung seit der Reformation in Europa. Erst durch diese Filter und unter Reflexion der Erfahrungen im Kolonialismus, in der Romantik, im Nationalismus usf. wurden Märchen heute das, was sie unterstellen immer schon gewesen zu sein: zum Ausdruck einer universellen Stimme des Mythos (wie des kollektiven Unbewussten).

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