Das ist ja voll 19. Jahrhundert! „Moderne“ und „Religion“ nicht nur im Kino

„Eines Tages werden die Menschen sagen, ich habe das 20. Jahrhundert eingeleitet“ (From Hell, Trailer), diese Worte legen die Autoren Albert und Allen Hughes einer Neuverfilmung des Jack-the-Ripper-Stoffes 2001 dem berüchtigten Serienmörder in den Mund (vgl. auch Irina Gradinari: Genre, Gender und Lustmord. Mörderische Geschlechterfantasien in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa, 2011, S. 13). Angefangen hat es vielleicht mit der zunächst literarischen, später allgemein künstlerischen Bewegung des Steampunk: In größerem Umfang werden seit einiger Zeit Filme produziert, die in einem (teilweise fiktiven) 19. Jahrhundert angesiedelt sind. Es scheint dabei darum zu gehen, das „Geburtstrauma“ der Moderne zu reflektieren (im engl. Original heißt es: „I gave birth to the 20th century“).

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Generationen in Konflikt und Wechsel: Von „Jugendsekten“ zur „Gemeinde 2.0“

Karl Mannheim übertrug 1928 das kunstepochale Verständnis von Bewegungen, wie es spätestens seit „Sturm & Drang“ und der Romantik Gang und Gebe wurde, auf den Begriff der „Generationen“. Inhalte und historische Ereignisse sollten es nun sein, welche ein Generationsgefüge bestimmen. Bis dahin waren „Generationen“ lediglich statistisch relevante Einheiten von zumeist 30 Jahren. Auch für die Religionswissenschaft ist dieser Begriff von Relevanz geworden, etwa dadurch dass es gerade der gelungene Generationswechsel sei, welcher zum wichtigen Indiz dafür wird, dass eine Neue Religion sich verfestigt bzw. etabliert. Dieser Generationsbegriff hat einige Konsequenzen nicht nur für Debatten um sogenannte „Sekten“.

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Religion und Missbrauch: Die neue Sorge um das Kind

Während gerade in Berlin an einer Übergangsregelung für die Beschneidung des muslimischen und jüdischen Nachwuchses gearbeitet wird, ist das öffentliche Interesse an der Zirkumzision wieder zurückgegangen. Ein Kölner Urteil hatte entschieden, dass die Beschneidung Heranwachsender aus nicht-medizinischen Gründen gegen Menschenrechte verstoße – nämlich gegen die Unversehrtheit des Körpers in Kombination mit der Entscheidungsunmündigkeit des Kindes. Die Debatte findet seit Juni 2012 nicht mehr allein in Fachkreisen (vgl. z.B. Artikel im Ärzteblatt von 2008) statt. Nun soll es weder darum gehen, juristisch zu spekulieren, wie westliche Rechtskonzepte den sich andeutenden Konflikt mit der Religionsfreiheit lösen werden oder sollten, noch darum, hinter den Äußerungen zum Wohl des Kindes einen eigentlich rassistischen bzw. antisemitischen Unterton zu vermuten. Wichtiger erscheint es, darauf aufmerksam zu machen, dass diese besondere Debatte als Teil eines aktuellen, umfassenden Diskurses um das Kind und seine zu schützende Unversehrtheit weitaus früher begann – noch vor den Skandalen um sexuelle Missbräuche in der katholischen Kirche seit Februar 2010 (und spätestens seit März auch bezogen auf die Reformpädagogik, z.B. „Erwachen in Wolkenkuckucksheim“ mit Untertiteln wie „Warnung vor den Gurus“ in der Süddeutschen). Nämlich etwa mit dem Vorwurf von erklärten Atheisten wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens, Religion sei grundsätzlich „mentaler“ Missbrauch von Kindern.

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Bildungsarbeit mit der „Erfahrung des Krisenhaften, des Unvollständigen, des (noch) Unerklärlichen“

Bisher wurden für den REMID-Blog hauptsächlich ReligionswissenschaftlerInnen und Vertreter von akademischen Nachbardisziplinen interviewt. Für die Zukunft sind zusätzlich Interviews mit VertreterInnen aus den Religionsgemeinschaften zu speziellen Fragen geplant sowie – und damit soll heute begonnen werden – mit Vereinen, Organisationen, Gruppen wie Einzelpersonen, die im Umfeld der Religionen agieren, mit Religionen oder Religiösem / Spirituellem arbeiten, sei es aus den Bereichen Integration, Dialog, besondere Dienstleistungen, Journalismus, Bildung, Politik oder Kunst. Um letztere geht es bei Alexander Graeff und dem von ihm und anderen ins Leben gerufenen Verein: Kunstpädagogik, Lebensreform, Avantgarde und Okkultismus. REMID interviewte den freien Schriftsteller, Dozenten und Herausgeber über das die Künstlergruppe prägende Konzept okkulter Kunst zwischen Hermetik und Surrealismus.

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Religion und Arbeit: ein komplexes Verhältnis zwischen Vision und Ethik

Eine interessante Randbemerkung äußert der Soziologe Jeremy Gilbert im Interview mit der taz. Es geht um die Armut in Großbritannien, im speziellen um einen Vergleich der aktuellen Ausschreitungen mit den Brixton Riots 1981. Damals existierten antirassistische Organisationen, „die die Belange der Randalierer politisch artikulieren konnten“. Heute seien die Jugendlichen jedoch sowohl von den Traditionen der Arbeiterbewegung als auch von den offiziellen politischen Institutionen ausgeschlossen. Nur religiöse Gruppen interessierten sich noch für sie.
Solchen Tendenzen gegenüber steht der soziologische Diskurs, auf Max Webers „Die protestantische Arbeitsethik und der Geist des Kapitalismus“ antworten bereits mit einiger Tradition Autoren verschiedenster Coleur – etwa Robert Hank z.B. mit „Arbeit. Die Religion des 20. Jahrhunderts. Auf dem Weg in die Gesellschaft der Selbständigen“ (1995).

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