„Extreme“ Diskurse? Die Linke und die Religion

Es war im Jahr 2007 oder 2008, als eine Antifa-Gruppe zu einem Vortrag über „Esoterik“ in ein Szene-Café einlud. Um die dort beschriebenen Gruppierungen und Autoren, die unter Rückgriff auf Literatur wie die von Jutta Ditfurth (z.B. „Entspannt in die Barbarei. Esoterik, [Öko-]Faschismus und Biozentrismus“, 1996) als „Esoterik“ verhandelt worden sind, soll es gar nicht gehen. Entscheidender war der Diskussionsteil. Letztlich wurde auf den Punkt gebracht, dass jegliche Übernahme einer Praxis aus einer anderen Kultur bzw. Religion rückständig sei (so auch z.B. Yoga). Die Kontexte, in welche die Praxis ursprünglich eingebettet gewesen sei, könne man nicht einfach so ausblenden. Diese Kontexte wirken fort und deshalb müssten solche Kulturtransfers mit Kritik bekämpft werden. In letzter Konsequenz, so die Lehre aus dieser Abendveranstaltung für einige im Publikum anwesende Studierende der Religionswissenschaft, ergeben sich ideale Voraussetzungen für problematische Allianzen.

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Beschneidungsdebatte: „Auf beiden Seiten durch heftige Polemik gekennzeichnet“

„‚Viele haben die Beschneidungsdebatte missbraucht‘. Der Präsident des Zentralrats der Juden beklagt Antisemitismus und Bevormundung in der Diskussion über die Beschneidung von Jungen. Selbst in der ’seriösen‘ Debatte sei einiges schiefgelaufen“, so zitierte die Welt am 28. Dezember Dieter Graumann. Aber die Debatte geht trotz der gesetzlichen Übergangsregelung weiter, wie etwa ein neuer Kommentar von Richter Ralf Eschelbach zum Strafgesetzbuch, § 223 (Körperverletzung), Randnummer 9 f. vom Mai 2013 zeigt: „Für gläubige Juden und Muslime, aber auch für koptische Christen, steht die Pflicht zur Beschneidung nicht zur Disposition (BT-Drs 17/11295, 7), während das Grundgesetz das Recht auf körperliche Unversehrtheit nur in Grenzen zur Disposition des Inhabers stellt; das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und ungestörte kindliche Sexual- und Gesamtentwicklung zählt zum Unverfügbaren (Art 1 Abs 1 GG, Art 79 Abs 3 GG). Politik und Religion dürfen darüber nicht verfügen“. Zur Beschneidungsdebatte (vgl. auch Artikel Religion und Missbrauch) interviewte REMID den Religionswissenschaftler und Philosophen Robert Stephanus (Universität Hannover).

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Erinnerungen an die Zukunft: „Science-Fiction“ oder „Scientology“

„Erinnerungen an die Zukunft – gibt es die? Erinnerungen an etwas, das wiederkommt? […] Der Mensch von heute ist anders als der Mensch von gestern oder vorgestern. Der Mensch ist immer wieder neu und erneuert sich in Permanenz auf der unendlichen Linie, die wir Zeit nennen. Der Mensch wird die Zeit begreifen und – beherrschen müssen! […] Und ohne ein Ende gibt es eine Zeit, in der alle Zeiten zusammenfließen“, so begann 1968 Erich van Däniken sein gleichnamiges Buch. Nun soll es nicht um Prä-Astronautik gehen und Religionsgeschichte als Unheimliche Begegnung der Dritten Art. Allerdings war Däniken ein Pionier darin, die Zukunft in der Vergangenheit zu suchen – auch wenn er nicht die erste Person war, welche eine Utopie in einer erloschenen Epoche vermutete. „Science-Fiction ist der neue Western – genauso staubig und genauso tot“, sagte bereits 2008 Gregor Sedlag auf der re:publica. Eine größere Debatte löste der Telepolis-Artikel „Science Fiction am Ende?“ von Michael Szameit Anfang 2012 aus (vgl. Antworten der Science-Fiction-Autoren Myra Çakan und Dirk van der Boom). Wie steht es um unsere Ideen der Zukunft?

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Religion, Politik und Partei(programm): Von Glücksempfinden und gesellschaftstragenden Utopien

Der erste Weltglücksbericht der UNO ist vor kurzem erschienen. Am Glücklichsten sei man in Dänemark, Norwegen, Finnland und den Niederlanden, dagegen empfinde man in Benin, in der Zentralafrikanischen Republik und in Togo am wenigsten Glück. Deutschland kommt beim Gallup World Poll nur auf den 30., beim World Happiness Report auf Platz 47. An erster Stelle stehe dabei Arbeit bzw. Erwerbstätigkeit als Faktor des Glücks, dicht gefolgt von Partnerschaft und Religion. Auch Gesundheit und eine grüne Umwelt sind wichtig (vgl. taz-Artikel vom 27. Mai). Insgesamt bringen die Autoren der Studie es auf folgende Formel: „Solange es kein hohes Niveau von Altruismus und Vertrauen untereinander gibt, kann eine Gesellschaft nicht glücklich sein. Deshalb riet schon Aristoteles, dass Glück hauptsächlich durch tugendhafte Akte angestrebt werden sollte. Auch Buddha und unzählige andere Weise argumentieren so, ebenso viele heutige Psychologen und moralische Führer.“ (zitiert nach ebenda). Doch was befördert ein „hohes Niveau“ kooperativen Handelns? Welche Rolle spielt „Religion“ dabei? Und in Anbetracht der taz-Formulierung „vor allem in armen Ländern mit unsicheren Lebensbedingungen hat der Glaube offenbar eine deutlich tröstende Funktion“: Wie verändert sich die Perspektive, wenn man nicht allein auf „Religionen“ im Sinne eines konventionellen Begriffes schaut, sondern überhaupt nach dem fragt, was man als „gesellschaftstragende Utopien“ bezeichnen könnte?

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