Trendreport: Pluralisierung und Newcomer bei den Religionen und Weltanschauungen in Deutschland

Die Statistik von REMID liefert seit dem Ende der 1990er Jahre detaillierte Angaben zu Religionen in Deutschland. Zunächst ging es darum, bisherige Statistiken dahingehend zu korrigieren, dass längst ein Abbild der Religionen aller Welt im Kleinen auch den gegenwärtigen Pluralismus in Deutschland prägt. Nicht nur der Islam, auch Buddhismus und Hinduismus gehören zu Deutschland. Ebenso ging es darum, Neue Religionen als solche ernstzunehmen, aber auch gesellschaftlichen Tendenzen entgegenzuwirken, welche mit viel zu hohen Schätzungen der Mitglieder sogenannter „Sekten und Psychogruppen“ Panikmache betrieben (in den 1990ern wurde etwa von manchen Diskursteilnehmern suggeriert, es gäbe 300.000 Scientologen im Lande). Erst 2012 wurde allerdings der Bereich der Weltanschauungen hinzugenommen, auch als Reaktion auf die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO). Allerdings wurden auch andere Bereiche (z.B. Esoterik) erweitert. Welche Trends oder Tendenzen lassen sich herausarbeiten?

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Was forschen ReligionswissenschaftlerInnen in Deutschland?

Vor bald zwei Jahren wurde der Frage „Religionswissenschaft im Aufwind?“ nachgegangen, anlässlich der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Religionswissenschaft (DVRW), die sich 2011 in Heidelberg diesem Thema widmete. Dieses Jahr ist es wieder so weit: „Empirie und Theorie — Religionswissenschaft zwischen Gegenstandsorientierung und systematischer Reflexion„, darum geht es bei der diesjährigen Tagung vom 11.-14. September in Göttingen. Ein solcher Titel bietet einen Anlass, mal nachzufragen: Was forschen ReligionswissenschaftlerInnen eigentlich aktuell in Deutschland?

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Von Aldebaran bis Vril. Interview über esoterischen Neonazismus

Weltweit wird inzwischen mitgeschrieben an einer Mythifizierung des Nationalsozialismus. Eifrige Kinogänger begegnen diesen Ideen bei der Trilogie von „Indiana Jones“ (seit 1981), bei „Hellboy“ (2004) und schließlich „Iron Sky“ (2012). Doch hat sich auch ein nicht zu unterschätzender esoterischer Neonazismus gebildet, insbesondere im deutschsprachigen Raum. REMID interviewte dazu den Religionswissenschaftler Julian Strube (Universität Heidelberg). Dieses Jahr erschien seine Monographie „Vril. Eine okkulte Urkraft in Theosophie und esoterischem Neonazismus“ (man vgl. auch seinen Aufsatz in der Zeitschrift für Religionswissenschaft, Bd. 20, Heft 2 [Nov. 2012]: Die Erfindung des esoterischen Nationalsozialismus im Zeichen der Schwarzen Sonne).

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‚All inclusive‘ optimiert: Lebensergänzungsmittel „Psychokult“

„Hilfe, wir machen uns verrückt!“ – eine kurze Rezension zu diesem neuen Buch von Steve Ayan, Redakteur von Gehirn&Geist, gibt es im Blog des Religionswissenschaftlers Michael Blume vom 5. Febr. 2013. Aber um dieses Buch soll es hier nur am Rande gehen. Blumes Rezension interessiert sich insbesondere für Kriterien der Wissenschaftlichkeit. Darauf wird zurückzukommen sein. Es geht bei der angesprochenen Psychologisierung (des Alltags, „des ganzen Lebens“) um insbesondere zweierlei: Beruf und Liebe. Überall gelte es, sich zu optimieren bzw. umgekehrt wird immer mehr „pathologisiert“ als sozusagen „falscher“ Lebensstil: als „Symptom“ für etwas. Was für eine Rolle spielt hier „Religion“? Geht es nur darum, „dass die boomende Zahl der post-religiösen ‚Seelsorge‘-Anbieter knallhart auf Kundensuche ist“ (Blume), oder müsste eine systematische Kritik / „Systemkritik“ weiter ausholen?

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Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?

„Esoterisch“ nannte man diejenigen Schriften des Aristoteles, welche nur seinem engeren Schülerkreis vorbehalten waren. Bis auf wenige Ausnahmen haben nur sie die Zeiten überdauert. Heute meint „Esoterik“ etwas völlig anderes (vgl. unsere Kurzinformation). Umstritten ist das Verhältnis zum Begriff „Religion“. 10,6% des Sachbuchmarktes macht die Kategorie „Psychologie, Esoterik, Spiritualität, Anthroposophie“ aus (1. Quartal 2011). Dabei bestehen viele Vorurteile sowohl über Nutzer wie auch Anbieter esoterischer Angebote.

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Religionsfreiheit hat in Deutschland keine Lobby

Nichts Neues steht im Länderbericht über Religionsfreiheit 2011 des Referats für Demokratie, Menschenrechte und Arbeitsfragen des US-Außenministeriums, so mancher Textabschnitt war bereits im Vorjahresbericht enthalten und wird auch vermutlich in dem für den Sommer zu erwartenden Folgebericht wiederzufinden sein. Die deutsche Regierung habe weder eine Tendenz in Richtung einer Verbesserung noch in Richtung einer Verschlechterung bei der Achtung und dem Schutz des Rechts auf Religionsfreiheit gezeigt. „In einer zunehmend säkularen und pluralen Gesellschaft ist das Recht auf Religionsfreiheit nicht mehr selbstverständlich“, resümiert die Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins in einer Studie im Rahmen des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster Ende letzten Jahres. Ähnlich äußerte sich UN-Sonderberichterstatter Heiner Bielefeldt: Es gebe Defizite bei der Religionsfreiheit in Deutschland. So unglücklich die aktuelle Debatte um eine „Katholikenphobie“ (Kardinal Joachim Meisner Anfang Februar) begonnen hatte, ausgelöst durch neue Skandale in katholischen Krankenhäusern um die Abweisung von Vergewaltigungsopfern in Köln oder Regensburg und durch einen problematischen „Pogrom“-Vergleich von Erzbischof Gerhard Ludwig Müller – was ist dran an den Beobachtungen, auch gerade in Bezug auf Religionsgemeinschaften jenseits der beiden Amtskirchen?

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Extreme liegen vorn: Alexa Ranks von religionsbezogenen Webseiten für Deutschland

Am 1. Oktober 2012 verstarb überraschend der Schauspieler und Komiker Dirk Bach. Homophobe Entgegnungen des sich katholisch gebenden „Hetzerportals“ kreuz.net sollten darauf die Medien beschäftigen – insbesondere nachdem der Bruno Gmünder Verlag in Berlin ein Kopfgeld von 15.000 EUR für die Identifizierung der Macher des anonymen Webauftritts aussetzte. In einem Spiegel-Artikel vom 5. Oktober versucht sich Frank Patalong an einer Einschätzung der Relevanz der Hassprediger – unter Rückgriff auf Alexa.com, ein beliebtes Instrument der Suchmaschinenoptimierung und des Internetmarketing. Doch selbst wenn man diese auch nicht unproblematische Methode vertieft, scheint sich das Ergebnis nur zu verallgemeinern: Im deutschen Internet haben Extreme die Nase vorn.

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Der Leser und das Medienereignis: Razzia bei Religionsgemeinschaft

Eine Razzia sollte am 17. Oktober auf dem Anwesen der „Academy for the future health“ erfolgen und endete im Schussgefecht. Die „Academy“ versteht sich selbst als Teil einer „Thrive“-Bewegung. In einem mehr als zweistündigen Film, der bei Youtube zu finden ist, erläutert der Gründer selbst entworfene „spirituelle Technologien“ und erklärt das aktuelle Weltgeschehen mit geheimen Machenschaften von Militärs, Geheimdiensten und anderen üblichen Akteuren, denen gerne Verschwörungen unterstellt worden sind. Die „Thrive“- und die sogenannte „Zeitgeist“-Bewegung berühren sich auch in rechtsextremen und antisemitischen Elementen ihrer Lehren. Doch es soll hier nicht um die konkrete Gruppe gehen, die neben der Dominikanischen Republik, in welcher die für ein Mitglied der „Academy“ tödliche Razzia stattfand, auch im deutschsprachigen Raum aktiv ist, sondern um die Reaktionen der LeserInnen der Darstellungen des Medienereignisses, z.B. bei Spiegel Online im Kommentarbereich des Artikels „Razzia bei deutschem Sektenführer: Tödlicher Sturm auf die Guru-Bastion“ vom 18. Oktober.

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Die Kopie ist das wahre Original: Aura-Kopierer, Religionswissenschaft, Falsifikation und Don Quijote

Nein, es geht nicht um die Missionierende Kirche der Kopimisten, einer kürzlich als Religion in Schweden anerkannten Gemeinschaft von Filesharern aus dem Umfeld der europäischen Piratenparteien mit auch ersten Anhängern in Deutschland. Ausgehend von einem „Verhängnis“ der Kunst, am treffendsten durch Walter Benjamins Aufsatz über einen „Verlust der Aura“ des „Kunstwerk[s] im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (1935/6) auf den Punkt gebracht, gilt der erste Blick dem religiösen Urgrund der Original-Kopie-Unterscheidung bzw. seiner Konstruktion durch aufgeklärte moderne Autoren. Auch in der älteren (religionsphänomenologischen) Religionswissenschaft spielt diese Unterscheidung eine Rolle bzw. der Gedanke ihrer Überwindung. Doch ebenso für die neuere Religionswissenschaft dürfte – auf historischem und philologischen Gebiet – die Frage nach Kopie und Original noch nicht ganz vom Tisch sein. Im Grunde stehen nur Umgangsweisen zur Wahl, die jeweils den Religionswissenschaftler wie Don Quijote bei den Windmühlen erscheinen lassen: Es geht um Authentizität und Falsifikation.

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