Trendreport 2017: Migration, Rezession, „Regression“ und Ressentiment

Es ist jetzt vier Jahre her, dass zuletzt ein sogenannter „Trendreport“ auf dem REMID-Blog erschienen war (vgl. Trendreport 2013). Was ergibt ein Blick auf die „geistige Situation der Zeit“ – Untertitel von „Die große Regression“ (hrsg. von Heinrich Geiselberger, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2017) mit Bezug auf das Werk „Die geistige Situation der Zeit“ des Philosophen und Psychiaters Karl Jaspers von 1932 sowie auf die (ökonomische) Rede von einer „Großen Rezession“ seit 2008 (vgl. dazu insbesondere den Beitrag von César Rendueles, S. 233-252)? Kann sich ein „Trendreport“ überhaupt noch mit einer lediglich nationalen Perspektive – also auf das Religions- und Weltanschauungsgeschehen Deutschlands – begnügen?

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Interview mit Buchautor Christian Röther: Islamfeindlichkeit von AfD und Pegida

Christian Röther (Religionswissenschaft Göttingen) promovierte über die islamfeindliche Szene in Deutschland. Dafür recherchierte er mehrere Jahre über die Szene und führte ausführliche Interviews mit antiislamischen Aktivistinnen und Aktivisten. Seit 2009 arbeitet er als Hörfunkjournalist, u. a. für den Deutschlandfunk. 2016 wurde Röther mit dem Niedersächsischen Medienpreis ausgezeichnet. Zu seinem neuen Buch „Wenn die Wahrheit Kopf steht. Die Islamfeindlichkeit von AfD, Pegida & Co.“ (2017) hat REMID ihn interviewt.

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Überlebende des IS-Terrors: „Niemand soll sagen können, er habe von diesen Verbrechen nichts gewusst“

Vor bald einem Jahr berichteten wir von dem Projekt „Sonderkontingent“ des Landes Baden-Württembergs, welches unter der Leitung von Dr. Michael Blume durchgeführt wurde (Als Religionswissenschaftler ein Projekt in Kurdistan-Irak leiten?, man vergleiche auch seinen Eröffnungsbeitrag in der öffentlichen REMID-Gesprächsrunde „Religion in Öffentlichkeit und Medien“, vom 19. November 2016, im Video ab Minute 11:47, zum Thema „Verschwörungsmythen“ und dabei zu dem Massenmord an den Yeziden im Irak kommt es ab Minute 16:00). Das Projekt ist jetzt abgeschlossen. Die zur UN-Sonderbotschafterin gegen Menschenhandel ernannte Nadia Murad sprach als erste Yezidin vor einem deutschen Parlament kürzlich im Stuttgarter Landtag (SWR: Aus der Hölle nach Baden-Württemberg. Nadia Murad sagt Danke, Stuttgarter Zeitung: UN-Sonderbotschafterin Nadia Murad spricht im Stuttgarter Landtag, alles 1. Dez. 2016).

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Islamkritik und Rassismus. Ein Briefwechsel über einen Essay von Ahmad Mansour


In der linksliberalen Taz veröffentlichte Ahmad Mansour am 9. Juli 2016 einen Essay „Linke und Muslime – Wir sind nicht eure Kuscheltiere“, mit dem Untertitel: „Das linksliberale Spektrum tut sich schwer mit kritischen Muslimen. Es erklärt sich zum Beschützer konservativer Muslime und macht sie so zu Opfern“. Folgende Diskussion von Christoph Wagenseil (REMID) und Verena Maske, Religionswissenschaftlerin mit Schwerpunkt islamische Gegenwartskultur (Universität Marburg), ging von diesem Essay aus.

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Der Salafismus und die dschihadistische Idee

Zuletzt war der Frage „Darf man den Islam kritisieren?“ nachgegangen worden. Angesichts des Erstarkens von Demonstrationen unter der Überschrift „Patriotische Europäers gegen die Islamisierung des Abendlands“, ging es also darum, inwiefern islambezogene Diskriminierung („Islamophobie“) als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bestimmt werden kann, welche Ungleichgewichte die Argumentationsfigur haben kann, die religiöse Gewalt zu einem besonderen Problem des Islams machen möchte, einschließlich der Gefahr, den Islam zu essenzialisieren, also einen bestimmten Kern auszumachen, ein Wesen des Islam. Aktuell angesichts der Pariser Anschläge wurde auch neben ausgewählten Interviews mit Islam- und Religionswissenschaftlern und Hintergrundartikeln zu Islam oder Salafismus ein Text von 2011 „Was ist eigentlich christlich?“ in die Leseempfehlungen zu den Terrorakten in Frankreich beigefügt. Auch damals ging es gegen Essenzialisierung, eben des Christentums. Anlass waren Anders Behring Breiviks Anschläge in Norwegen und die damals häufige Formulierung, das habe „nichts mit Christentum“ zu tun. Zugleich gibt es nichts zu relativieren.

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Trendreport: Pluralisierung und Newcomer bei den Religionen und Weltanschauungen in Deutschland

Die Statistik von REMID liefert seit dem Ende der 1990er Jahre detaillierte Angaben zu Religionen in Deutschland. Zunächst ging es darum, bisherige Statistiken dahingehend zu korrigieren, dass längst ein Abbild der Religionen aller Welt im Kleinen auch den gegenwärtigen Pluralismus in Deutschland prägt. Nicht nur der Islam, auch Buddhismus und Hinduismus gehören zu Deutschland. Ebenso ging es darum, Neue Religionen als solche ernstzunehmen, aber auch gesellschaftlichen Tendenzen entgegenzuwirken, welche mit viel zu hohen Schätzungen der Mitglieder sogenannter „Sekten und Psychogruppen“ Panikmache betrieben (in den 1990ern wurde etwa von manchen Diskursteilnehmern suggeriert, es gäbe 300.000 Scientologen im Lande). Erst 2012 wurde allerdings der Bereich der Weltanschauungen hinzugenommen, auch als Reaktion auf die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO). Allerdings wurden auch andere Bereiche (z.B. Esoterik) erweitert. Welche Trends oder Tendenzen lassen sich herausarbeiten?

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Religiöse Erziehung im Islam: Gender-Perspektiven, Elternbilder und ethnischer Kontext in Deutschland und Ägypten

Unabhängig von Projekten für islamischen Religionsunterricht in bisher einzelnen Bundesländern (vgl. z.B. Artikel der ZEIT „Auf dem Weg zum deutschen ‚Staats-Islam'“), ob konfessionell als Bekenntnisunterweisung oder überkonfessionell als Religionskunde, bleiben bei Fragen der religiösen Erziehung die Eltern die erste Adresse. Insbesondere bei Migrantengruppen und hier wiederum im Speziellen beim Islam bestehen Vorurteile und Klischees über die Erziehung. Dabei ist diese weder notwendig religiös noch dann notwendig konservativ – etwa im Sinne der Religion betreffenden Skalen der jüngsten Studie des Innenministeriums über Lebenswelten junger Muslime. Über Erziehung im Islam in den Medien und in der Wirklichkeit, Unterschiede zwischen z.B. türkischen und arabischen Islamformen in Deutschland, Rollenbilder von Vater und Mutter sowie im Vergleich Familienplanung in Ägypten interviewte REMID Dr. Jeannette Spenlen vom Bonner Institut für Migration und interkulturelles Lernen (BIM).

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Von Jugend, Radikalisierung und „Sektenberatungen“ nicht nur im Islam – ein Déjà-Vu

Es war erst am 1. Dezember 2011, dass die Reformierten und Katholischen Zentralschweizer Kirchen und die Stadtmission die Aufhebung der Beratungsstelle Religiöse Sondergruppen und Sekten in der Schweiz beschlossen. Der Verein soll bis Ende Juni 2012 aufgelöst worden sein. Dazu heißt es im letzten Newsletter der kirchlichen Berater: „Heutige Menschen sind nicht weniger religiös als Menschen früherer Generationen. Sie machen sich einfach anders auf ihre persönliche Suche. Gefragt sind Angebote, die von Einzelpersonen angeboten werden oder solche, die mit wissenschaftlichem Anspruch in Erscheinung treten“. Also zum Beispiel REMID und für die Schweiz INFOREL. Auch dem „langjährigen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen“ der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Pfarrer Thomas Gandow, wird kein Nachfolger bestellt. Bereits 2010 verlor, wie die TAZ schreibt, Ursula Caberta ihre Dienststelle Arbeitsgruppe Scientology für „Antisektenkampf in Hamburg“. Ein eher bissiges Porträt der Berliner Tageszeitung erläutert, „ihre Auskünfte gingen mehr und mehr in Scientology-Beschimpfungen über“. Ihre Mitarbeiter sollen sich bereits vor der Auflösung der Gruppe „anderweitig orientiert“ haben.
Nun reagiert Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime (ZMD) auf die aktuelle Studie des Innenministeriums über Einstellungen junger Muslime: „Ganz konkret fordern wir zum Beispiel Sektenbeauftragte für den Islam, die entsprechend ausgebildet sind. Wir wollen Scouts in den muslimischen Gemeinden einsetzen – zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung – die aufklären über die Ideologisierung von Religionen“. Ob religionswissenschaftliche Expertise nicht doch eher von Nöten wäre, soll folgende Betrachtung der Studie über junge Muslime sowie einer Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung über den sogenannten Salafismus eruieren. Die Salafiyya bietet sich nämlich als Projektionsfläche dafür an, den (eigentlich christlichen) Anti-Sekten-Diskurs auf den Islam zu übertragen.

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