Religionsbarometer und Varianz: Hass-Prävention mit Religionswissenschaft?

Wer klassisch in eine Einführung in die Religionswissenschaft schaut, wird erfahren, dass zunächst zwei Varianten der Definition von „Religion“ differenziert werden können. Auch Anfragen in Seminaren, für welche REMID gebucht werden kann, fordern immer wieder eine Definition ein. Sie kennen selbst bereits eher die „essenzialistische“ Variante, die einen „Kern“, ein „Wesen“ von „Religion“ in den Mittelpunkt stellen möchte, z.B. den Glauben an höhere Wesen, „Rückbindung“ (als eine populäre Etymologie von „religio“) oder „Transzendenz“. Die Diskussion entwickelt dabei zugleich die zweite „funktionalistische“ Variante, nach welcher der gesellschaftliche Funktionszusammenhang erlaube, das als „Religion“ zu begreifen, was einem vergleichbaren Zweck diene (vgl. auch Ninian Smart: Dimensions of the Sacred. An Anatomy of the World’s Beliefs, 1999). Dem sei im Folgenden die Erfahrung mit einem „Religionsbarometer“ gegenübergestellt. Jede_r Seminarteinehmer_in sollte bestimmte Sätze beurteilen und sich für eine von fünf Karten entscheiden, um zu sagen, das im Satz beschriebene sei zu 0%, zu 30%, zu 50%, zu 70% oder zu 100% Religion. Vorbild war ein „Gewaltbarometer“ aus der Präventionsarbeit („Gewalt Sehen Helfen“), das dafür sensibilisieren will, dass Gewaltempfindungen subjektiv stark voneinander abweichen können. Dabei geht es nicht darum, dass „Religion“ etwas Negatives wie „Gewalt“ sei, vielmehr eignet das Religionsbarometer als Instrument, auf ein grundsätzliches Problem mit nicht naturwissenschaftlich quantifizier- und kategorisierbaren Begriffen hinzuweisen. Auch erläutert es ihre Rolle in identitätspolitischen Diskursen.

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Was glaubt, wer nicht glaubt? Vergleichende Studie untersucht konfessionsfreie Identitäten

Eine neue vergleichende Studie von Prof. Dr. Tatjana Schnell (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Hans Alma (University of Humanistic Studies, Utrecht), Dr. Elpine de Boer (Universität Leiden) und Dr. Peter La Cour (University of Copenhagen; hier geht es direkt zum Online-Fragebogen; Sie können bis Ende Dezember 2016 teilnehmen) versucht mittels sehr elaborierter Frageskalen das Feld der sogenannten Konfessionslosen oder Konfessionsfreien (vgl. z.B. Wer sind die Konfessionsfreien?) in fünf europäischen Staaten zu erschließen. Dabei geht es sowohl um die als „Ismen“ vertrauten philosophischen Selbstverortungen als etwa Atheist oder Agnostiker (vgl. die Interviews mit Dr. Heinz-Werner Kubitza, Religion und Öffentlichkeit III: Säkularer Humanismus und Religionskritik, und mit Arik Platzek, „Abbau der systematischen Benachteiligung für Menschen ohne Religion“, sowie zur religionsphilosophischen Debatte um die Existenz Gottes mit PD Dr. Stamatios Gerogiorgakis, (A)Theismus und Religionsphilosophie: Aktuelle Streiflichter zur Debatte um die Existenz Gottes) als auch um diejenigen, welche ihre eigene Position zwar als nicht-konfessionsgebundene Weltanschauung verstehen, aber nicht aus jeder Perspektive als religionsfrei gedeutet werden. REMID interviewte Tatjana Schnell zu diesem besonderen Forschungsprojekt.

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Was ist eigentlich eine Weltanschauung?

Ursprünglich hatte REMID nur eine Religionsstatistik Deutschlands. Buddhismus, Hinduismus, Islam, Freikirchen und Orthodoxie, neue religiöse Bewegungen – alles das ist ansonsten gerne einfach als „Sonstige“ verhandelt worden, und das wollten wir ändern. Und streng genommen waren oft nur diejenigen Gemeinschaften, welche Körperschaft des Öffentlichen Rechtes sind, einbezogen worden. Dabei sind viele kleine Gemeinschaften als Verein organisiert – oder noch informeller. Inspiriert durch die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (2008) listen wir auch säkulare und „skeptische“ Gemeinschaften und Organisationen (seit 2012). Damit wird der Begriff der „Weltanschauung“ wichtig, schließlich geht es jetzt um eine Religions- und Weltanschauungsstatistik. Also was ist eigentlich eine Weltanschauung?

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Spiritualität als Friedenswerkzeug. Interviews aus einer jüdisch-palästinensischen Dorfgemeinschaft

Annalena Groppe hatte beim Münsteraner REMID-Vortragsabend im Oktober 2014 über „Spiritualität als Friedenswerkzeug“ vorgetragen. Sie war in Neve Shalom / Wahat al-Salam (Oasis of Peace) auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Tel Aviv, um Interviews in dieser jüdisch-palästinensischen Gemeinschaft zu machen. Wir befragten sie zu ihrem Forschungsprojekt. Annalena Groppe studierte den Bachelor in Religions- und Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum mit Schwerpunkten in qualitativer Religionsforschung sowie Religionssoziologie. Momentan studiert sie das Master-Programm „Peace, Development, Security and International Conflict Transformation“ an der Universität Innsbruck.

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Interview: „Abbau der systematischen Benachteiligung für Menschen ohne Religion“

Im aktuellen diesseits-Heft des Humanistischen Verbandes Deutschlands wurde an einer Stelle der REMID-Blogartikel „Extreme liegen vorn: Alexa Ranks von religionsbezogenen Webseiten für Deutschland“ vom 30. Nov. 2012 besprochen. Auch Dr. Michael Blume hatte sich vor einem Jahr unter dem Titel „Ablass per Twitter – Welche Religionen und Weltanschauungen gewinnen im Internet?“ auf die ermittelte Rangliste religionsbezogener Webseiten in einem sogenannten SEO-Analyse-Tool bezogen. Anlass genug, mit Arik Platzek, diesseits-Redakteur, Journalist, Erfinder von wissenrockt.de, ein Interview zu führen – über Humanismus in Deutschland, Religionskritik, Sozial- und Medienarbeit – und Spiritualität.

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Zuerst kam der Konformismus: Ende und Transformation des alternativen Milieus

„Die Figur des ‚Schreibtischtäters'“, so heißt es in einem kulturwissenschaftlichen Call for Papers von Prof. Dr. Dirk van Laak und Jun.-Prof. Dr. Dirk Rose für eine gleichnamige interdisziplinäre Tagung in Essen im Oktober, „ist untrennbar mit der Geschichte des Dritten Reiches und seiner Aufarbeitung verbunden, insbesondere mit der Person Adolf Eichmanns und speziell in dessen Deutung durch Hannah Arendt„. Seither verstehe man hierunter im engeren Sinne den Bürokraten, der ohne innere Bewegung und von seinem Schreibtisch aus per Erlass den Mord organisierte. Inwiefern eignet sich diese Figur für einen paradigmatischen Typus der Moderne? Wie sehr hängt das Tun eines solchen Stuhlarbeiters mit gesellschaftlichem Konformismus zusammen? Und schließlich: Wie ist es heute um Konformismus bestellt?

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„Betrug“, „Gewalt“ oder „Spiritualität“: Entwicklungen in der Berichterstattung über Religion in ‚Stern‘ und ‚Spiegel‘ seit 1960

Aktuelle Thematisierungen konkreter Gemeinschaften neuer Religionen als „Sekten“ in deutschen Medien beschränken sich auf wenige skandalöse Einzelfälle, bei denen die Sektendebatte der Neunziger wieder reaktiviert wird. Der letzte Blog-Artikel „Überall ‚Sekten‘? Religionsbezogene Diskriminierung (nicht nur) in öffentlich-rechtlichen Medienanstalten“ zeigte daneben, dass außerdem Unterhaltungsformate mit fiktiven „Sekten“ den Erhalt entsprechender Vorurteile über neue religiöse Bewegungen zu befördern suchen. Zudem haben sich neue – weniger negativ gestimmte – Wege etabliert, religiösen Pluralismus zu thematisieren. REMID interviewte zu diesem Thema Judith Stander (Religionswissenschaft Münster), die bereits bei einer universitären REMID-Veranstaltung am 28. Oktober in Münster die Berichterstattung über Religion in den Wochenzeitschriften Stern und Spiegel diskursanalytisch und linguistisch für das Publikum aufbereitete.

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Esoterik: Ein ungewolltes Kind von Reformation, Aufklärung und Kolonialismus?

„Esoterisch“ nannte man diejenigen Schriften des Aristoteles, welche nur seinem engeren Schülerkreis vorbehalten waren. Bis auf wenige Ausnahmen haben nur sie die Zeiten überdauert. Heute meint „Esoterik“ etwas völlig anderes (vgl. unsere Kurzinformation). Umstritten ist das Verhältnis zum Begriff „Religion“. 10,6% des Sachbuchmarktes macht die Kategorie „Psychologie, Esoterik, Spiritualität, Anthroposophie“ aus (1. Quartal 2011). Dabei bestehen viele Vorurteile sowohl über Nutzer wie auch Anbieter esoterischer Angebote.

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Veganismus ist keine Religion! Ein Essay über demokratische Kultur

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, REMID in einem Seminar der Friedens- und Konfliktforschung Marburgs vorzustellen. Und wiedermal wurde in der Diskussion die Frage von einem Seminarteilnehmer aufgeworfen, ob Veganismus eine Religion sei. Im Grunde genüge allein das „missionarische“ Vorgehen einer Bewegung, um diese als „Religion“ zu kategorisieren. Schließlich habe sich die Religionswissenschaft ja von der religiös motivierten Etymologie eines Laktanz, der „religio“ als „Rückbindung an Gott“ begriff, verabschiedet und setze nicht mehr auf essenzialistische Religionskonzepte, welche Religion allein von ihrem wie auch immer gearteten „Wesen“ her bestimmen wollten (z.B. als Glauben an Höhere Wesen). Doch auch wenn REMID sicherlich diese kritische Wende unterstützt (die auch eine Absage an religiöse Deutungen von Religionen beinhaltet), auf unserer Statistik der Religionen und Weltanschauungen fehlen bislang Veganer (ungeprüft: zwischen 250 000 und 460 500 in Deutschland neben 5 Millionen Vegetariern) genauso wie der Deutsche Sportbund (27 Mio.) oder der ADAC (18 Mio. Mitglieder). Und das wird auch so bleiben. Es ist eher ein Armutszeugnis für eine demokratische Kultur, wenn ein rational argumentierender Versuch des Überzeugens (sicherlich mit einem weltanschaulichen moralischen Motiv, das im Einzelfall auch religiös begründet sein kann) durch eine solche Disqualifizierung seiner Motive und damit einer Absage an seine Berechtigung abgewehrt wird. Denn der „Vorwurf“, eine Religion zu sein, ist dann als Kontra-Argument gemeint.

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