Die Zeugen Jehovas (ZJ) verstehen sich als Christen, die an der apostolischen Urgemeinde, wie sie im Neuen Testament aufscheint, anknüpfen. Die bisherige Entwicklung des Christentums sehen sie durch Zugeständnisse an die römisch-hellenistische Religionswelt in entscheidenden Punkten verderbt. Die Geschichte der ZJ beginnt in den 70er Jahren des 19. Jh. vor dem Hintergrund der weit verbreiteten adventistischen Naherwartung in den USA. Charles Taze Russel gründete mit seiner Bewegung der Bibelforscher 1881 die Zion's Watch Tower Tract Society. 1931 nannten sich die Ernsten Bibelforscher in Jehovas Zeugen um.
1870 Charles Taze Russel (1852-1916) beginnt mit einer Gruppe Gleichgesinnter in seiner Heimatstadt Allegheny/Pennsylvania mit dem Bibelstudium
1881 Gründung der Zion's Watch Tower Tract Society und der Zeitschrift Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence
1900 Gründung des ersten Zweigbüros in London
1909 Verlegung des Hauptbüros nach Brooklyn/N.Y.
1918 Der Jurist Joseph Franklin Rutherford wird neuer Präsident der nun Watch Tower Bible and Tract Society (WTG) genannten Körperschaft; unter ihm rasche Umformung in eine »Theokratische Organisation« mit straffer Hierarchie; die WTG ist nun »der sichtbare Vertreter des Herrn auf Erden«
1919 Dritter Präsident wird Nathan Homer Knorr; unter ihm starke weltweite Ausbreitung und Aufbau eines flächendeckenden Schulungssystems
1960 Abschluss der eigenen Bibelübersetzung: Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift (engl. Ausgabe)
1994 Aufgabe eines konkreten Endzeitdatums
2000 Derzeitiger sechster Präsident Don Adams
1897 Zeitschrift Der Wachtturm erscheint auf Deutsch
1901 Zweigbüro in (Wuppertal-) Elberfeld
1935 Verbot und Verfolgung durch das NS-Regime
1945 Neugründung in Deutschland
1950 Verbot von ZJ in der DDR, Verfolgung
1984 Selters/Taunus wird nach Wiesbaden Sitz des deutschen Zweigbüros (mit Druckerei u. Archiv)
1990 Staatliche Anerkennung unter der letzten DDR-Regierung
2006 Verleihung des Status der Körperschaft des öffentlichen Rechts im Ld Berlin
Im Mittelpunkt der Lehre steht die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi, des Weltgerichts und der endzeitlichen Gottesherrschaft. Gott (Jehova) hat zum Ziel, für die Menschen in seinem Königreich das Paradies wiederherzustellen. Die Menschen erwarten das Heil in zwei Klassen: die 144.000, die mit Christus im Himmel herrschen werden und die allein vom jährlichen Gedächtnismahl essen und trinken, und die anderen ZJ, die die end-zeitliche "Schlacht von Harmagedon" überleben werden und Hoffnung auf ein paradiesisches Leben auf der Erde haben bzw. die aus den Gräbern zu diesem Leben auferweckt werden. Diese Schlacht von Harmagedon führt aber auch zur Vernichtung all jener, die nicht im ursprünglichen Sinne des Wortes "Zeugen" Jehova-Gottes sind (d. h. die Auferweckung und eine Überlebenschance erhalten all jene, die nach einem weiten Verständnis in Jehovas Sinn gelebt haben). Eine ewige Verdammnis gibt es nicht.
Die Dreifaltigkeitslehre des traditionellen Christentums wird abgelehnt. Jesus Christus ist Jehovas erstes Geschöpf, der Heilige Geist Jehovas unsichtbar wirkende Kraft. Jesus ist erst bei der Taufe zum Christus, zum Gesalbten Gottes, geworden und ist bis dahin ein Mensch gewesen (im Unterschied zur kirchlichen Lehre, die in ihm von der Empfängnis an Gottheit und Menschheit vereint sieht). Jesus war ein vorbildlicher ZJ, der den Predigtdienst ausführte, die Jünger schulte, unpolitisch blieb und endlich am "Pfahl" sein Leben als Lösegeld gab als Voraussetzung dafür, dass die Menschen von Sünde und Tod befreit werden. Eine leibliche Auferstehung Jesu gab es nicht, vielmehr wurde Jesus nach den in der Bibel beschriebenen Ereignissen wieder ein Geistwesen, das seit 1914 unsichtbar sein Königreich errichtet hat. Der Mensch hat keine Seele, so dass diese auch nicht nach dem Tod weiterleben kann. Der Mensch ist vielmehr sterblich.
Satan gilt als Gegenspieler Gottes. Sein Machtbereich ist das "System der Dinge", wie die Welt auch bezeichnet wird. Auch die Kirchen und säkularen Institutionen werden von ihm beeinflusst. Die katholische Kirche oder die UNO wurden oft mit der "Hure Babylon" gleichgesetzt; dies findet sich in neueren Schriften nicht mehr.
Jede Form des Alltags und der religiösen Praxis beruhen auf biblischer Grundlage. So wird beispielsweise die Bluttransfusion wegen des biblischen Verbots des Blutgenusses (Apg. 15,20) abgelehnt. Eine politische Betätigung einschließlich Ausübung des Wahlrechts und Wehrdienstes wird zwar ebenfalls abgelehnt, aber im Rahmen ihrer religiösen Ansichten ordnen sich die ZJ dem Staat unter. Im Alltag ist darauf zu achten, sich nicht in die »satanische« Welt verstricken zu lassen. So wird es vorgezogen, auch die (knappe) Freizeit zusammen mit den Glaubensgenossen zu verbringen.
Das intensive Bibelstudium stand am Anfang der Bewegung und begleitet heute entscheidend die Zusammenkünfte und den Predigtdienst. Die dabei verwendete "Neue-Welt-Übersetzung" unterscheidet sich von anderen Bibelübersetzungen (z. B. wird "Kreuz" mit "Marterpfahl" übersetzt, oder "Herr" wird oft durch den Gottesnamen "Jehova" wiedergegeben). Auch die Bezeichnungen für die frühe Kirche entsprechen den Strukturen der heutigen ZJ. Das Verständnis der Bibel wird in den Versammlungen durch die Schriften der WTG vorgegeben.
Im Zentrum des religiösen Lebens stehen die fünf wöchentlichen Zusammenkünfte und die Predigttätigkeit. An den Sonntagen findet eine zweistündige Doppelveranstaltung statt, die aus "Öffentlichem Vortrag" und "Wachtturmstudium" besteht. Öffentlich sind auch die gleichermaßen zusammengefassten Veranstaltungen "Theokratische Predigtdienstschule" und "Dienstzusammenkunft". Schließlich gibt es noch das "Versammlungsbuchstudium", bei dem ähnlich dem Wachtturmstudium, aber in kleineren Gruppen, WTG-Publikationen memoriert und besprochen werden. Die schlicht eingerichteten Versammlungsstätten werden "Königreichssäle" genannt; für überregionale Veranstaltungen (Kreis- und Bezirkskongresse) gibt es "Kongresssäle". Die Versammlungen werden mit je einem Lied und Gebet begonnen und beschlossen. Es wird erwartet, dass man als getauftes Mitglied ("Verkündiger") bei möglichst allen fünf Versammlungen teilnimmt. Die Versammlungen sind durch Studium der Schriften der WTG vorzubereiten, und je nach den persönlichen Möglichkeiten wird aktiver Predigtdienst an der Haustür oder auf andere Weise erwartet. Dabei wird nach erfolgter positiver Kontakt-aufnahme ein Heimbibelstudium angeboten. Ein ZJ, der den ethischen Richtlinien zuwiderhandelt, wird die "Gemeinschaft der Versammlung" entzogen – eine Art der Exkommunikation.
Raumausschmückung mit Kunstwerken, Altar, Kerzen oder Ähnlichem gibt es nicht, sondern nur ein Rednerpult und Sitzgelegenheiten, auch ein Harmonium. Feierlichkeit wird geradezu vermieden, wenn z. B. Taufen (die Taufe setzt die persönliche Entscheidung voraus, die ab etwa 10 Jahren für möglich gehalten wird) in Schwimmbädern vorgenommen werden. Auch das jährlich am Termin des jüdischen Passahfestes als höchstes Fest begangene Gedächtnismahl mit ungesäuertem Brot und Wein wird ausgesprochen schlicht gestaltet. Geburtstage, Weihnachten oder Ostern werden als unbiblisch bzw. heidnisch abgelehnt. Beim Gedächtnismahl werden 2-3 mal soviele Personen gezählt als es Verkündiger am Ort gibt, d.h. es wird auch zur Mitgliederwerbung und Einladung von Sympathisanten genutzt.
Das Schrifttum der WTG unterscheidet sich nur durch die Sprache, aber Form und Inhalte des Predigtdienstes und der Schulungen sind weltweit weitgehend identisch.
In Deutschland streben die ZJ seit 1990 den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts an. Das Verfahren wurde im Jahr 2006 mit der Zuerkennung des Status abgeschlossn. Seit den 90er Jahren betreiben die ZJ eine verstärkte Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. In Wanderausstellungen und auf wissenschaftlichen Tagungen wurde die Verfolgung unter der NS-Diktatur aufgearbeitet.
Nach der eigenen Statistik gab es 2006 ca. 6.117.000 Ver-kündiger in 235 Ländern. Auf Deutschland entfallen dabei 164.593 Verkündiger und rund 275.000 Anwesende am Gedächtnismahl. Die Zahlen für Deutschland blieben in den letzen Jahren konstant.
Die ZJ verstehen sich als eine von Gott geleitete Organisation (= Theokratie), in der einer "Leitenden Körperschaft" die praktische Ausübung der Leitungsgewalt obliegt. Diese Kör-perschaft mit Sitz in Brooklyn/N.Y.setzt sich aus 10 bis 13 Personen zusammen, zu denen die Direktoren der 6 (Fach-) Komitees der WTG gehören, von denen einer ihr Präsident ist. Die Mitglieder der leitenden Körperschaft sind Gesalbte aus den 144.000. Im Jahr 1992 wurden jedoch erstmals Personen, die nicht den 144.000 angehören, als Gehilfen in die Komitees der leitenden Körperschaft aufgenommen, so dass sich hier eine gewisse Lockerung abzeichnet.
Die WTG ist direkt der Leitenden Körperschaft unterstellt. Sie ist ausführendes Organ der Beschlüsse der Leitenden Körperschaft. Der WTG unterstehen wiederum die Zweig-komitees (weltweit 111 [Jahrbuch 2002]) der einzelnen Länder. In Deutschland hat das Zweigkomitee seinen Sitz in Sel-ters/Taunus und besteht aus 8 Personen. Die Kreise werden unterteilt in Bezirke, Kreise (ca. 12 Kreise bilden einen Bezirk) und lokale "Versammlungen" (= Gemeinden, ca. 20 Versammlungen à 50-150 Personen bilden einen Kreis). Die Ältesten, d. h. Vorsteher der Versammlungen (von der WTG eingesetzt) und die Dienstamtsgehilfen teilen sich die organi-satorische Arbeit in den Versammlungen.
Die Finanzierung erfolgt mittels anonym gegebener Spenden. Die Dienste, soweit sie nicht hauptamtlich sind (wie z. B. der des Kreisaufsehers), werden unentgeltlich geleistet.
Jehovas Zeugen, Verkündiger des Königreiches Gottes, Selters/Taunus 1993 (ausführliche Selbstdarstellung).
Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift, revidiert 1986, Selters/Taunus 1997>.
Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich, Selters/Tau-nus, halbmonatlich.
Erwachet!, Selters/Taunus, halbmonatlich.
Unser Königreichsdienst (vorwiegend intern für die Predigtschulung verwendet), Selters/Taunus, monatlich.
Jahrbuch (mit aktuellen Statistiken, Tätigkeitsberichten aus einigen Ländern, Brief der Leitenden Körperschaft), Selters/Taunus, jährlich
Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Deutschland K. d. Ö. R.
Grünauer Straße 104 - 12557 Berlin
Tel.: (0 30) 65 88 04 53 – Fax: (0 30) 65 88 03 39
Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft der Zeugen Jehovas, e. V.
Am Steinfels – 65618 Selters/Niederselters
Tel: (0 64 83) 41-0
Gassmann, Lothar: Die Zeugen Jehovas, Neuhausen 1996.
Weber, Herbert / Valentin, Frederike: Die Zeugen Jehovas, Freiburg 1994.
Garbe, Detlef: Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im »Dritten Reich«. München 1997.
Autor: Dr. Dr. Vasilios Makriedes, Bonn. © REMID 2002.
Durchsicht: Steffen Rink, 2008.
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