Religionsparodien – konstitutives Element einer entwicklungsoffenen Religionsfreiheit?

Der Titel meines Vortrages in Jena wurde mir vorgegeben: “Religionsparodien – wie damit umgehen?”. Man spricht auch von “Spaßreligionen”, angedacht ist eine vorgebliche religiöse Verehrung von fliegenden Spaghetti-Monstern oder rosaroten Einhörnern zum Zweck der Parodie von Religionen. Gerade eine Religionswissenschaft, welche essenzialistische Bestimmungen “der Religion” nach ihrem angedachten “Wesen” hinter sich gelassen hat und mit einem erweiterten Religionsbegriff arbeitet, steht vor dem Problem, formal diese Parodiereligionen wie eine neue religiöse Bewegung einstufen zu müssen. Allerdings zielt dann die Frage nach dem Umgang darauf ab, sie in irgendeiner Form auszuschließen. Ich will im Folgenden zeigen, wie folgenschwer problematisch das wäre. Es wird darauf hinauslaufen, dass Religionsparodien für Religionswissenschaftler*innen sogar von systematischem Interesse sein könnten.

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Interview: Religionswissenschaftler Michael Blume wird Antisemitismus-Beauftragter Baden-Württembergs


Michael Blume ist nicht nur mit diesem vierten Interview Rekordhalter im REMID-Blog – es ging um sehr verschiedene Themen wie Evolutionary Religious Studies, Yeziden in Kurdistan-Irak und Krise des Islam – er ist seit langer Zeit REMID-Mitglied und Vorreiter im Bloggen über “Religionswissenschaft aus Freude”, seit jetzt genau zehn Jahren (vgl. Von Glück und Motivation des Wissenschaftsbloggens – Danke Euch!, 21. April). Jetzt wurde Michael zum Antisemitismus-Beauftragten des Bundeslandes Baden-Württemberg ernannt.

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Satanismus in der Religionswissenschaft. Interview mit Buchautor Joachim Schmidt

Als ich seiner Zeit 2005 Praktikum bei REMID machte, wurden mir auch Publikationen aus dem REMID-Umfeld geschenkt, darunter das Buch “Satanismus – Mythos und Wirklichkeit” von Gründungsmitglied Joachim Schmidt, erschienen im vereinsnahen diagonal-Verlag zuerst 1992, damals handelte es sich um die 2. durchgesehene und aktualisierte Auflage von 2003. Jetzt ist das Buch neu im szenenahen second sight books Verlag herausgebracht worden. Anlass genug, den Autoren zu interviewen – zum real-existierenden Satanismus, zu Ängsten vor angeblichen Satanismen und zur Rolle des Themas in der Gesellschaft in den Jahren nach der Gründung REMIDs 1989.

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“Memento Mori – Death, Deconstruction and the Afterlife” – Studierendensymposium im Mai

Zum 25. Studierendensymposium im deutschsprachigen Raum in Leipzig vom 10. bis 13. Mai 2018, zu “Memento Mori – Death, Deconstruction and the Afterlife”, interviewte REMID aus dem Team der Organiator*innen Inge Fiedler und Andreas Hölke.

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Religionswissenschaft macht Schule? Impulse für das Unterrichtsfach Religion

Gastbeitrag von Dr. Irene Dietzel, gesammelt auf der Jahrestagung der DVRW in Marburg, 2017. Irene Dietzel ist promovierte Religionswissenschaftlerin mit besonderem Interesse für alles Anthropologische. Nach einem Forschungsprojekt in den Mittelmeerstudien hat sie den Quereinsteig in die Schule gewagt und unterrichtet an einer Berliner Oberschule Religion und Ethik. Als Lehrbeauftragte an der Universität Potsdam gibt sie regelmäßig Einführungen in die Religionswissenschaft für angehende L-E-R-Lehrer_innen.

Letzten September ließ ich meinen Unterricht an einer Berliner Oberschule vertreten, um an der Tagung der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) in Marburg teilzunehmen. Unter dem Motto der Konferenz, “Medien, Materialität, Methoden” waren innovative und altbewährte Ansätze der Religionsforschung versammelt. Ein roter Faden, der sich durch viele Panels und Pausengespräche zog, war auch hier die aktuelle Debatte um Relevanz und Vermittlung von religionswissenschaftlichem Wissen in außerakademischen Bereichen. In welchen Tätigkeitsbereichen des öffentlichen Lebens ist religionswissenschaftliche Expertise gefragt? In welchen Foren sollten Religionswissenschaftler_innen Diskurse über Religion aktiv(er) mitgestalten? Der Arbeitsbereich Schule ist sicherlich ein solches Forum. Auch wenn es die Fächerlandschaft (noch) nicht eindeutig widerspiegelt, ist religionskundliches Wissen auch außerhalb des konfessionellen Religionsunterrichtes immer stärker gefragt – so zumindest erfahre ich es in meinem eigenen Arbeitsalltag. Nach meiner eigenen Promotion in den Religionswissenschaften hatte ich, eher zufällig, den Quereinstieg in den Lehrerberuf gewählt, und unterrichte nun seit einigen Jahren die Fächer evangelische Religion und Ethik. Seither frage ich mich, wie diese Fächer sich verändern würden, wie sich die Institution Schule verändern würde, wenn mehr Kolleg_innen aus der Religionswissenschaft den Weg in die Sekundarbildung fänden.

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Religion & Medizin: Ein Gespräch über Heil- und Heilungskonzepte zwischen den Disziplinen

Für gewöhnlich gehen viele davon aus, dass “Religion” und “Medizin” zwei völlig abgetrennte und verschiedene Bereiche des Lebens ansprechen. Dabei ist vielleicht zunächst überraschend, dass die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam mit der antiken Philosophie auch das Corpus Hippocraticum teilten und dass es auch in diesen Religionen überschneidende Zuständigkeiten von religiösen und medizinischen Experten gab und teilweise gibt, dass es also nicht allein die asiatischen, afrikanischen, ozeanischen und altamerikanischen Überlieferungen sind, denen eine potenzielle “Ganzheitlichkeit” zugeschrieben wird – und dass trotzdem die unmittelbareren Nachbarn im Medium hippokratischer Medizin verständlich blieben. Im Gespräch mit Christoph Wagenseil von REMID versucht Dr. Jürgen Dollmann, Mediziner und Religionswissenschaftler (Heidelberg), die mit den Disziplinen verbundenen Perspektiven zu verbinden. Neben Evidenz, Seelentheorien, den Potenzialen von Komplementärmedizin, Ethik in der religionswissenschaftlichen Feldforschung, kognitionswissenschaftlichen Ansätze und seelischer Chirurgie geht es dabei auch um Eindrücke vom Jahrestreffen des Arbeitkreises “Religion & Medizin” in der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft.

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Orixás in den Alpen: Eine teilnehmende Beobachtung innerhalb von Umbanda-Gruppen in Brasilien und Europa

Inga Scharf da Silva (Humboldt-Universität Berlin) arbeitet zu “Trauma als Wissensarchiv. Postkoloniale Erinnerungspraxis in der sakralen Globalisierung am Beispiel der zeitgenössischen Umbanda”. Man siehe zum Thema auch unsere Kurzinformation zu afroamerikanischen Religionen. Das folgende Interview mit ihr bietet dabei Einblick in ein Anwendungsbeispiel innerhalb einer zeitgenössischen Methodendiskussion in Kulturanthropologie und Ethnologie, welche im Grunde phänomenologische Zugänge reaktualisiert (vgl. u.a. Christoph Kleine im Interview: Quo vadis Religionswissenschaft? Wissenschaftliche ‚turns‘ und die Nabelschau Europas, 2016). Während heutige Religionswissenschaftler*innen sich gegen frühe Vertreter wie Rudolf Otto positionieren, welche mittels religiöser Gefühle dem Heiligen “in der Religion” nachspüren wollten, geht es im kulturanthropologischen Kontext darum, die “agency” spiritueller Entitäten ernstzunehmen (man vgl. Eberhard Raithelhuber: Über Artefakte und Agency, 2008; Andrew Kipnis: Agency between humanism and posthumanism. Latour and his opponents, HAU Vol. 5, Nr. 2, 2015; Parliament of things: Into Latour, [2017]) – hier aus der Perspektive eines Mediums.

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Neue Stiftungsprofessur in Leipzig: Religionskritik als Gesellschaftskritik?

An der Universität Leipzig wurde eine neue Stiftungsprofessur für Religionswissenschaft und Religionskritik eingerichtet. Ziel ist es die wissenschaftliche, nüchterne und positive Kritik von Religionen zu betreiben, ohne Religionsfeindschaft zu propagieren. Der suspendierte Priester und Autor Adolf Holl, der als „innerer Kritiker“ der katholischen Kirche wirkt, stiftete die Professur, was anfangs gar nicht so einfach war, wie unter anderem der Deutschlandfunk berichtete. Man siehe auch den Beitrag im Humanistischen Pressedienst (Nachtrag: und Jungingers Replik). Adrian Gillmann interviewte Horst Junginger für die Säkularen Sozialdemokrat_innen. REMID gibt das Interview mit freundlicher Genehmigung wider.

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Moral Cities: Religious Belonging and Cohabitation in Urban Spaces. Report from the 2017 German Anthropological Association conference

How do religious subjects, groups, practices and ideas shape and affect the urban spaces of cities like Berlin and Istanbul? How do religious actors establish relations of belonging? How do they constitute themselves as social, moral, and individual subjects? What happens to religious buildings and devotional objects when they are abandoned and/or appropriated by different religious and/or secular actors? How can we study these phenomena from an anthropological perspective? Under the moderation of Hansjörg Dilger (Freie Universität Berlin), the plenary session “Moral Cities: Religious Belonging and Cohabitation in Urban Spaces” explored the complex entanglements of religion and urban space at the 2017 German Anthropological Association conference which took place at Freie Universität Berlin from October 4-7 and focused on the overall topic of “Belonging: Affective, Moral, and Political Practices in an Interconnected World.” The four panelists – Birgit Meyer (Utrecht University), Werner Schiffauer (Europa-Universität Viadrina), and Omar Kasmani and Dominik Mattes (both Freie Universität Berlin) – focused each on specific aspects of the plenary session and highlighted the multiple ways in which urban space is shaped by religion – and how it simultaneously transforms religious ideas, practices, and materialities in a globalizing world.

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