Diskussionskultur in der Wissenschaft. Ein Interview mit “Max Musterwesen”

Anonymität ist in öffentlichen Debatten umstritten. Auf der einen Seite vermutet man Tricks, Verleumdung, Unehrlichkeit, in einer freien Gesellschaft gäbe es keine Gründe für Anonymität. Durch die Gewährleistung, dass alle die gleichen passiven Rechte innehaben, gelte gleichzeitig die Pflicht, sozusagen auch Gesicht zu zeigen. Kritiker*innen dieser Ansicht verweisen auf strukturelle Ungleichgewichte, die durchaus auch in freien Gesellschaften Anonymität nahelegen können, wenn es darum geht, Missstände anzusprechen. Das ist jetzt passiert, in einer Mailingliste der Religionswissenschaft. REMID fragte nach, worum es der anonymen studentischen Stimme mit ihrer Intervention gegangen war.

 

Ernst Heinrich Barlach: Das Unsichtbare I, 1912.

Bild von Metropolitan Museum of Art unter Creative-Commons-Lizenz CC0 1.0 (Public Domain)

 

Es gibt eine Mailingliste der deutschsprachigen Religionswissenschaft namens **********, abgekürzt [Ygg]. Was motivierte Sie, einen Emailaccount für Max Musterwesen einzurichten und dort als anonyme studentische Stimme die Diskussionskultur anzusprechen? Was ist Ihr Anliegen?

Die Idee entstand beim Mittagessen mit zwei KommilitonInnen, mit denen ich mich über die aktuelle Diskussion auf [Ygg] unterhalten hatte. Wie ich auch in meiner Mail zum Ausdruck brachte, haben diese Mails für uns oft einen hohen Unterhaltungsfaktor. Anfangs auch noch ohne eine große Agenda als ein bloßes “man könnt ja mal…”.

Am entsprechenden Abend saß ich dann Zuhause an meinem Rechner und überlegte, ob ich diese Schnapsidee jetzt wirklich durchführen möchte. In dem Moment erinnerte ich mich dann aber an ein Gespräch mit einer inzwischen in der Verwaltung unseres Institutes tätigen, ehemaligen Studierenden, die mir sagte, dass der Umgangston auf [Ygg] und anderswo einer der Gründe ist, weshalb Sie eine wissenschaftliche Karriere aufgegeben habe. In dem Moment habe ich mich dann auch an andere Momente erinnert, in denen in Diskussionen derartige Zweifel von verschiedensten KomilitonInnen geäußert wurden.

Und dann bin ich ein bisschen sauer geworden: Wie kann es sein, dass das kindische und – darüber scheint ja auch ein gewisser Konsens auf der Liste zu bestehen – oft wenig zielführende Diskussionsverhalten einiger Professoren dazu führt, dass sich z.T. wirklich brillante Studierende nicht mehr trauen sich aktiv in die Wissenschaft einzubringen?
Und wieso kommen sie damit durch? Ich glaube, wenn man meine Mail liest, ist dieser Bruch ganz gut sichtbar.

Aber um einen solchen Missstand beheben zu können, muss man ihn erst einmal ansprechen.

 

Da viele Außenstehenden diese Mailingliste nicht kennen und solche Diskussionen auf wissenschaftlichen Mailinglisten auch nicht notwendig den Normalfall darstellen, erläutern Sie doch ein wenig, was dort passiert? Was daran sät Angst und Zweifel?

Grundsätzlich bricht bei bestimmten Themen sehr schnell ein passiv-aggressiver Tonfall durch, und es wird impliziert, dass dieser oder jener Kollege doch überhaupt keine Ahnung habe, wovon er da rede. Dann verhärten sich die Fronten und die ganze Diskussion mündet in einem unreflektierten gegenseitigen “Anpi***eln”, bei dem beide Parteien keinen Zentimeter von ihrer Position abweichen und sich gegenseitig in zunehmend harscherem Tonfall mit Argumenten beharken, ohne zu irgendeinem Punkt zu kommen. An dem Punkt entsteht für Außenstehende dann auch der Eindruck, dass die Argumente nur noch ein Deckmäntelchen für persönliche Anfeindungen sind. Der Kaiser ist nackt, behauptet aber weiterhin, sich in den Gewandungen des akademischen Diskurses zu bewegen.

Das ist ja erst mal für Online-Debatten nichts Besonderes. Eine wissenschaftliche Liste sollte sich meines Erachtens trotzdem etwas mehr Mühe geben. Ich glaube aber auch, dass hier noch ganz andere Faktoren eine Rolle spielen, als nur der Umgangston:

Erstens besteht natürlich eine gewisse Autoritätsstruktur – und ich möchte hier den Professoren ihre epistemische Autorität auch keineswegs absprechen – aber diese wird, wie oben skizziert, leider bisweilen missbraucht, um ganz andere Auseinandersetzungen zu führen.

Zweitens spielt meines Erachtens auch ein spezifisches (Selbst)verständnis von Wissenschaftlern eine Rolle: Wissenschaft wird weniger als Beruf und vielmehr als Berufung gesehen und im akademischen Alltag verschwimmen oft die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Beruflichen. Dieser Berufsethos mag gewisse Vorzüge haben, ist jedoch an dieser Stelle problematisch: Da das persönliche Fach- und Wissenschaftsverständnis eng mit der eigenen Identität verknüpft ist, kann Kritik an ersterem schnell als Kritik an letzterer verstanden werden. Einerseits ist dies ein möglicher Erklärungsansatz dafür, dass derartige Streitigkeiten schnell eskalieren, andererseits führt es dazu, dass akademische Neulinge ohne epistemische Autorität an dieser Stelle extrem verwundbar sind.

Das für [Ygg] eigentümliche Problem ist also nicht der Tonfall an sich, sondern die Position, in der sich die Sprecher befinden. Eine solche heikle diskursive Situation sollte verantwortungsvoller reflektiert werden, als dies derzeit der Fall ist.

Ergänzend zu meinen Ausführungen kann ich den folgenden Artikel empfehlen, der ähnliche Argumente für die Philosophie macht: Maren Behrensen und Sofia Kaliarnta: Sick and Tired: Depression in the Margins of Academic Philosophy. Topoi 36 (2):355-364 (2017).

 

Thematisch geht es sehr häufig um das Verhältnis von Religionswissenschaft und Theologie. Könnte man nicht auch sagen, dass das eine besondere Situation darstellt?

Quantitativ auf jeden Fall – es sind meist die Grundsatzfragen, über die ganz besonders erbittert gestritten wird. Da geht es um ungeheuer viel, und die Diskussion spielt sich gleich auf mehreren Ebenen ab. Unter anderem wird eben auch verhandelt, wer zur “orthodoxen” Religionswissenschaft gehört und wer nicht. Ich glaube das ist einfach eine wahnsinnig brenzlige Angelegenheit, wenn dabei neben dem Fachverständnis u.u. gleich die Identität als Wissenschaftler mit auf dem Spiel steht.

Auf der Sachebene wird zudem im wissenschaftstheoretischen Bereich oft sehr unpräzise gestritten. Einfach Poppers Namen in den Ring zu werfen reicht da meines Dafürhaltens nach nicht aus. Gerade Popper, wie Imre Lakatos schon in den 70ern ausführte, kann auf unterschiedliche Arten gedeutet werden [vgl. Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme, 1974; Anm. C.W.]. Da sind Missverständnisse natürlich vorprogrammiert, die in der Hitze des Gefechts auch nicht mehr rückgängig gemacht werden können.

Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass es sich dabei um einen Sonderfall handelt, sondern um einen Grenzfall der Diskussionskultur, dem man sich stellen muss. Es ist einfach schwerer sachlich zu diskutieren, wenn nicht nur Partikularien, sondern gleich ganze Theoriegebäude auf dem Spiel stehen. Und an anderer Stelle, an der nicht auf der wissenschaftstheoretischen Ebene gestritten wird, produziert [Ygg] auch – so muss hier der Fairness halber auch offen zugestanden werden – ganz ausgezeichnete Beiträge und Ergebnisse.

 

“Diversity Mask”, ArtWorkers-Ausstellung im George A. Spiva Center for the Arts in Joplin, Missouri, 2013.

Bild von George A. Spiva Center for the Arts unter Creative-Commons-Lizenz CC BY 2.0.

 

Hätten Sie denn Empfehlungen, wie man das verbessern könnte? Es wurden ja zum Teil unterschiedliche Vorschläge eingebracht.

Hier kommen wir zum Vorwurf der “alten weißen Männer” – es ist nämlich ein schönes Beispiel, was man an dieser Stelle besser machen kann.

Ich bin zwar erst in meinen zarten 20ern, aber ansonsten auch ein weißer Mann. Und meine Sozialisation merke ich mir an. Auch ich rutsche schneller in besserwisserisches Machogehabe ab, als mir lieb ist. Aufgrund meiner Sozialisierung besitze ich gewisse Vorprägungen, die mich dazu neigen lassen, mich in Diskussionen aggressiv zu verhalten. Denen bin ich natürlich nicht hilflos ausgesetzt, muss mich meiner eigenen unschönen Tendenzen aber immer wieder vergegenwärtigen – und das braucht normalerweise ein wenig Zeit.

Gerade als Professor ist man da aufgrund seiner privilegierten Sprecherposition besonders in der Verantwortung – insbesondere, da Reflektionen über die eigenen Biases ohnehin zum Tagesgeschäft eines jeden Kulturwissenschaftlers (oder interkulturell ausgerichteten Theologen – wenn das dem eigenen Fachverständnis eher entspricht) gehören sollten.

Reflexion über die eigenen Vorprägungen und wie diese das Diskussionsverhalten beeinflussen können sind daher dringend notwendig! So etwas geht selten “auf dem Sprung” – von daher möchte ich in praktischer Hinsicht zu einer besonneneren Diskussion aufrufen. Konkret z.B. indem man die Mail nach dem Schreiben erst einmal als Entwurf speichert, einen großen Kamillentee trinkt und sich nach ein paar Stunden nochmal überlegt, ob man das so wirklich abschicken möchte, oder ob man damit nur dazu beiträgt einen Kleinkrieg weiterzuführen.

 

Würden Sie auch etwas Ihren Kommiliton*innen raten?

Ich würde Ihnen Mut zusprechen wollen!

Reflexion von Biases geht in beide Richtungen, und während “alte weiße Männer” deshalb vielleicht manchmal den Fuß vom argumentativen Gaspedal runter nehmen müssen, müssen andere, schüchternere, sich vielleicht erst noch bewusst werden, wie viele Möglichkeiten ihnen trotz aller Mängel des Systems noch offen stehen!

Mein Einwurf auf [Ygg] hat eine sehr energische Debatte provoziert und anscheinend wirklich einen Nerv getroffen – ich musste mich gar nicht weiter in die Diskussion einbringen, weil andere die meisten meiner Argumente besser, als ich sie hätte formulieren können, bereits vorweggenommen haben (so z.B. Herr E. mit seinen hervorragenden Ausführungen über die Diskussionskultur in der Open-Source-Community [vgl. Contributor Covenant: Vereinbarung über Verhaltenskodex für Mitwirkende; Anm C.W.] sowie seine Erklärungen zu “alten weißen Männern”) . Es ist aus meiner Perspektive alles viel besser verlaufen, als ich mir das vorgestellt hätte. Auch an anderer Stelle komme ich mit Eigeninitiative und Selbstbewusstsein (und zugegebenermaßen manchmal auch einer Prise Dreistigkeit) regelmäßig weiter, als ich es mir zu träumen gewagt hätte.

Gleichzeitig möchte ich hier aber auch keinen blinden Optimismus verbreiten, denn ich bin mir nicht sicher, ob mir Teile meines Verhaltens als Frau/PoC nicht doch stärker zu Ungunsten gereicht hätten. Biases sind keine rein interne Sache, sondern nehmen stets auch eine externe Form an – Reflexion reicht hier nicht aus. Aber auch daran lässt sich etwas ändern – und im Idealfall nicht nur von betroffenen Studierenden, sondern von uns allen! Ich möchte euch aufrufen im Mai möglichst zahlreich zum Fachschaften-Symposium in Heidelberg zu kommen, denn gemeinsam sind unsere Möglichkeiten, ungerechte Verhältnisse zu erkennen und Wege zu finden, diese zu beseitigen, größer als alleine.

 

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

Ein Kommentar:

  1. Ich trinke zwar jetzt keinen Kamillen-, sondern grünen Tee, halte vieles aber für überdenkenswert. Vor vielen Jahren, 20 oder so, gab es mal einen ganz heftigen Streit auf Ygg zwischen zwei Protagonisten, deren einer sofort nach Eingang eines Beitrags aus dem Bauch heraus antwortete, deren anderer dessen Beitrag ausdruckte, zu Hause offline eine Antwort schrieb und mich dann bat, sie für ihn auf an die Liste zu schicken. Das ging ein paar Mal hin und her, ohne dass beide sich näher kamen. Zum Glück gab es dann eine REMID-Tagung in Marburg, auf der sich beide Trafen, zusammen ein Bier tranken, und sich nahezu bestens verstanden. Ergo: E-Mail-Listen sind nicht immer das beste Medium für Diskussionen. Trotzdem würde ich die Diskussionen nicht von Ygg verbannen wollen.

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