Leben nach der Heiligen Anastasia. Rechtsradikalismus in Grün

Zur Anastasia-Bewegung gab es bei REMID zuletzt 2016 einen ausführlicheren Artikel (vgl. Rechte Ideologie im esoterischen und neureligiösen Bereich). Über seine Recherchen zu der neuen religiösen Bewegung aus Russland interviewt REMID Raimond Lüppken, freier Journalist und Rechtsextremismusexperte.

 

Die zehnbändige Buchreihe „Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megre.

 

Sie haben in den letzten Jahren sehr intensiv über rechtsradikale Bewegungen recherchiert, insbesondere über die Neue Religiöse Bewegung der Anastasia-Bewegung. Beschreiben Sie uns doch skizzenhaft ihre grobe Geschichte, wie sie aus Russland im deutschsprachigen Raum ankam?

Die Bewegung ist im deutschsprachigen Raum seit etwa 2000 aktiv, nachdem der erste Band der Buchreihe in deutscher Übersetzung erschienen war. Einige Protagonisten aus Deutschland reisten bereits 2006 nach Russland um die Schetinin-Schule zu besuchen. Daneben hielt er russische Rassist und selbsterklärter „Heiler“ Oleg Pankov in Deutschland zahlreiche Vorträge über die slawisch-arischen Weden (Santia Weden von Perun), das sind angeblich historische Schriften, die 40.000 Jahre alt sein sollen, ein russisches Gericht stellte allerdings fest, dass die Schriften von Alexander Khinevich verfasst wurden, der sich selber als Übersetzer und Entdecker der “alten” Aufzeichnungen darstellte, um sie als authentische altertümliche Weisheiten erscheinen zu lassen. Das Gericht beurteilte außerdem den Inhalt der Schriften als rassistisch und antisemitisch.

Nun kann man das aber auch als eine eigene neue religiöse Bewegung Russlands namens Ynglism deuten.

Das wedische “Wissen” aus den „Weden von Perun“ spielt eine große Rolle in der Anastasia-Bewegung und erfüllt dort Andeutungen eines wedischen, wedrussischen Wissens, das Anastasia angeblich besitzt.

Und um was geht es noch in der Anastasia-Bewegung?

Die Ideologie der Anastasia-Bewegung basiert auf der zehnbändigen Buchreihe „Anastasia – Die klingenden Zedern Russlands“ von Wladimir Megre. Megre beschreibt darin seine Begegnung mit Anastasia, einer Frau, die alleine auf einer Lichtung im Wald lebt und über besondere Fähigkeiten verfügt wie z.B. Hellsichtigkeit, Telekinese, Telepathie. Sie kann die Gedanken anderer Menschen beeinflussen, beherrscht alle Sprachen der Welt… usw. Anastasia erzählt Megre, dass alle Menschen einst diese Fähigkeiten hatten und diese durch die Technokratie (also die Technisierung der Welt) verloren hätten, doch könne jeder Mensch, der sich an bestimmte Regeln hält, diese Fähigkeiten wiedererlangen. Anastasia macht genaue Angaben über die entsprechende Lebensführung, die dafür nötig ist. So müsse der Mensch sich vegan ernähren, sich weitgehend selbst versorgen, kein vorehelicher Sex, Geschlechtsverkehr nur zum Zwecke der Zeugung und die Mischung mit anderen “Rassen” ist nicht erlaubt. Es wird die These der Telegonie in den Büchern plausibel gemacht, nach dieser pseudowissenschaftlichen These hinterlässt der erste Geschlechtspartner in einer Frau Informationen, die bei einer späteren Zeugung mit einem anderen Mann mit ins Erbgut einflößen.

 

Eine bekanntere Edition der Anastasia-Bücher.

 

Welche Art der Lebensführung wird denn empfohlen?

Um die weitgehende Selbstversorgung und den Verzicht auf Technik zu ermöglichen, beschreibt Anastasia die Familienlandsitze von mindestens einem Hektar Größe an Landfläche, auf dem eine Familie leben soll. Es sollen mehrere Familien mit ihren Landsitzen nebeneinander leben, so dass sich Siedlungen entwickeln, die dann auch gemeinsame Einrichtungen wie Schulen, Werkstätten etc. bauen und nutzen können.

Wie heterogen ist die Anastasia-Bewegung, wie ist sie vernetzt und wie schätzen Sie ihre politische Bedeutung ein?

Bei einer Anastasiaveranstaltung in der Schweiz hielt eine Bewohnerin eines Landsitzes in Weissrussland einen Vortrag und zeigte dort auf, wie stark die Bewegung vor allem in Russland vernetzt ist, dort nimmt Megre großen Einfluss auf die Politik, da er mittlerweile durch die Bücher und die Vermarktung von Zedernprodukten vermögend genug ist, um stark in politische Propaganda und Vernetzungsarbeit zu investieren.Die Anastasia-Bewegung ist nicht die harmlose Gemeinschaft von Kleingärtnern, als die sie sich gerne darstellt. Die Bewegung ist antisemitisch und rassistisch, die Schulmedizin und das Impfen werden weitgehend abgelehnt, ebenso die Medien. Die Anhänger sind sehr stark aktiv in der verschwörungsideologischen Szene und in diesem Bereich offen für alle Thesen von Hohlerde, Flacherde über Chemtrails, Reptiloide bis hin zu klassischen antisemitischen Verschwörungstheorien wie Holocaustleugnung, jüdische Weltverschwörung und rassistische Theorien, wie den angeblich gesteuerten Flüchtlingsströmen zum Zweck des grossen Austauschs, nach einem sogenannten Hooton-Plan [vgl. Michael Blume: Umvolkungsangst und Hooton-Plan – Ein rassistischer Verschwörungsmythos wird digital wiederbelebt, 2018; Anm. C.W.]. Der Bewegung ist Endogamie wichtig, daher werden regelmäßig Treffen organisiert, die der Partnerfindung dienen, auf diese Weise will man Kritiker aus der Szene fernhalten und es sollen Familien entstehen, die ausschließlich nach der Ideologie leben. Protagonistinnen der Szene gehen sogar soweit, Abtreibungen zu erwägen, wenn die Zeugung nicht nach den wedischen Vorgaben stattgefunden hat (vgl. Hugo Stamm: Im Berner Oberland treffen sich braune Esoteriker – das steckt dahinter, 2019).

 

Google-Bild-Suche “Anastasia Familienlandsitze”, Auschnitt.

 

Man könnte auch sagen, es bestehen stark autoritative Verhältnisse. Wie positioniert sich die Bewegung zur Idee der Demokratie?

Die Demokratie wird von der Bewegung und auch in den Büchern klar abgelehnt, in den Büchern wird die Demokratie als „Dämon Kratie“ bezeichnet. So ist es nicht verwunderlich, dass etliche Protagonisten den Staat und seine Gesetze ablehnen und Reichsbürgerideologien verbreiten und entsprechende Veranstaltungen besuchen oder solche organisieren. Die Einnahmen aus Veranstaltungen der Szene, die mitunter sehr teuer sind, werden zumeist nicht versteuert, da man sich weigert den Staat mehr als irgend nötig zu unterstützen. Kritik blendet die Bewegung kategorisch aus, und die gemäßigteren Kreise der Bewegung weigern sich, sich von extremistischen Protagonisten zu distanzieren, viele Organisationen und Interessengruppen wie die Permakulturszene, Umweltschutzverbände wurden massiv von Anastasia-Anhängern unterwandert und es wurde versucht, diese für die Zwecke der Anastasia-Bewegung zu instrumentalisieren. Wiederum tun sich leider einige dieser Gruppen schwer, sich klar von der Anastasia-Bewegung zu distanzieren. Die führende schweizerische Protagonistin der Bewegung, die schon 2011 und 2012 Vorträge von Oleg Pankov und Frank Willy Ludwig in der Schweiz organisierte, rief Anfang 2016 Rechtsextremisten in Deutschland dazu auf, einen Kritiker der Anastasia-Bewegung anzuzeigen und gab Bilder und persönliche Informationen weiter. Da sich wohl keine geeigneten falschen Anschuldigungen fanden, wurden dann die persönlichen Informationen und Bilder des Kritikers im Internet veröffentlicht und dieser so der Gefahr von physischen Angriffen ausgesetzt.

Die Bewegung versucht auch sich mittels prominenten Personen, Akademikern etc. bei der Mehrheitsgesellschaft Anerkennung zu generieren. Es gibt auch etliche Veranstaltungen der Bewegung, bei der diese aber nicht als Anastasia-Bewegung in Erscheinung tritt. So macht man einfach Volkstanzveranstaltungen, Handarbeitskreise und dergleichen und transportiert das Gedankengut in wohldosierter unauffälliger Form. Da der Begriff Anastasia inzwischen durch etliche Medienberichte negativ konnotiert ist, wird dieser heute oftmals vermieden, so ist dann von Siedlerstammtischen die Rede oder von Familienlandsitz-Treffen. In Social Media finden sich unzählige antisemitische, rassistische und demokratiefeindliche Posts von Anastasia-Anhängern und sogar Zustimmung zum Terror von Christchurch. Es wird auch Begeisterung für die Germanische Neue Medizin des Antisemiten Ryke Geerd Hamer [vgl. Christoph Wagenseil im Gespräch mit Jürgen Dollmann: Religion & Medizin: Ein Gespräch über Heil- und Heilungskonzepte zwischen den Disziplinen, 2018; Anm. C.W.] bekundet sowie für verschiedene totalitäre Herrscher und Rechtspopulisten wie Gaddafi, Trump, Orban, Marine Le Pen und selbstverständlich für Putin. Man solidarisiert sich mit Ursula Haverbeck und anderen bekannten Holocaustleugnern und geht auch auf von diesen organisierte Demos bzw. rechtsextreme Trauermärsche.

Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Welche Medien gehören denn nicht zur „Systempresse“?

Ihre Informationen beziehen Anastasia-Anhänger von allerlei “Alternativen Medien” wie BewusstTV, Quer-denken.TV, kla.tv, KenFM, cine12tv, timetodo.tv, journalistenwatch, RT deutsch, uncut-news. Es gibt personelle Überschneidungen der Bewegung mit dem Königreich Deutschland, dem Global Common Law Court, Staatenbund Österreich und anderen Staatsverweigerer-/Reichsbürgergruppierungen [vgl. Christoph Wagenseil: Charlie Chaplin und die ‘Wahrheit’ der “alternativen” Medien, 2017].

Einige Protagonisten der Bewegung sind offen rechtsextrem und unterhalten Kontakte zu Holocaustleugnern, der AfD der Identitären Bewegung, dem Sturmvogel, dem russischen Kampfsportkonsortium Systema und zu rechtsterroristischen Kreisen. Anastasia-Anhänger traten schon als Redner bei rechtsextremen Netzwerken auf. Es gibt nicht nur zahllose Kontakte zu wegen Volksverhetzung verurteilten Rechtsextremisten, sondern es wurden auch schon etliche Anhänger der Bewegung wegen Volksverhetzung verurteilt.

 

Der Fotokünstler Julian Röder wurde international bekannt mit seinen Aufnahmen von den G8-Protesten 2001 in Genua und 2007 in Heiligendamm. Sein künstlerisches Schaffen ist vom dokumentarischen Blick des Fotojournalisten geprägt (Flyer der Ausstellung “in disorder” in Marburg 2018). Die jüngere Werkreihe „Licht und Angst“, die Teil der Ausstellung war, zeigte Aufnahmen von der Anastasia-Bewegung, für die er nach Sibirien gereist war, und anderer esoterischer Gruppen.

 

Wo Sie eben Putin ansprachen, wie international ist die Bewegung aufgestellt?

Etliche russlanddeutsche Anastasia-Anhänger spielen eine große Rolle in der Szene z.B. als Übersetzer der Vorträge von Oleg Pankov oder der Texte von Alexander Khinevich. Sie betreiben antiwestliche Propaganda in Russland und treten dort bei nationalistischen Gruppierungen als Deutschland-Experten auf. Dort zeichnen sie ein stark verfälschtes Bild der deutschen Gesellschaft. In einem mir vorliegenden Video von einer Veranstaltung einer nationalistischen russischen Organisation treten zwei Russlanddeutsche auf (eine davon die ehemalige Betreiberin der mittlerweile, aufgrund eines Verfahrens wegen Volksverhetzung, aufgelösten Gemeinschaft „StammesQuelle“) und erzählen das die Kinder in deutschen Schulen im Unterricht mit Pornographie konfrontiert würden. Gemeint ist damit wohl der Sexualkundeunterricht; hier zeigen sich, wie auch in der Sexualmoral der Bewegung deutliche Parallelen zu evangelikalen Überzeugungen. Einem lesbischen Paar wurde die Aufnahme in ein Siedlungsprojekt der Anastasia-Bewegung in Sachsen-Anhalt verwehrt, da die sexuelle Orientierung von den bereits dort wohnenden Personen abgelehnt wurde. In etlichen Satzungen von Anastasia-Vereinen / Siedlungsprojekten findet sich die Definition „Eine Familie besteht aus Mann, Frau und Kindern“.

Neben dem Rechtsradikalismus ist auch Kindwohlsgefährdung durch Medizinverweigerung ein Thema, warum sich die Öffentlichkeit für die Bewegung zu interessieren beginnt?

Anhänger der Bewegung schrecken auch nicht davor zurück, ihre eigenen Kinder massiv gesundheitlich zu gefährden. Dies z.B. durch Impfverweigerung und auch durch Anwendung von nicht zugelassenen Präparaten wie MMS und Wasserstoffperoxid. Eine Anhängerin verabreichte ihrem schwerbehinderten Kind MMS und berichtete in einem Anastasia-Forum über die angebliche Besserung des Zustandes des Kindes. Einige Institutionen sind wegen der Gefährdung von Kinder bereits auf die Anastasia-Bewegung aufmerksam geworden doch besteht in diesem Kontext noch dringender Aufklärungsbedarf. In der Schweiz ist die KESB (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) zu dem Entschluss gekommen einer der Anastasia-Bewegung zugehörigen Mutter das alleinige Sorgerecht zu geben – trotz einer in diesem Zusammenhang von der KESB in Auftrag gegebenen Stellungnahme bei infosekta, „Anastasia-Bewegung und andere esoterische Strömungen: Mögliche Folgen einer starken esoterischen Orientierung für die kindliche Entwicklung“. Diese Stellungnahme kommt eindeutig zu dem Schluss, dass sowohl die medizinischen als auch die weltanschaulichen und erzieherischen Maßgaben der Ideologie für Kinder höchstgefährlich sind (vgl. zu der Fallgeschichte Kurt Pelda: Mehr braun als grün, 2018).

Interessiert sich denn der Verfassungsschutz in Deutschland für die Bewegung?

Die Verfassungsschutzämter einiger Bundesländer haben Kenntnis von den Vernetzungen der Bewegung mit Rechtsextremisten, offizielles Beobachtungsobjekt ist die Anastasia-Bewegung nicht. Neben den Medien beschäftigte sich auch die Wissenschaft bereits kritisch mit der Bewegung. Es gibt eine Bachelorarbeit zum Thema, zu der ich Informationen beitrug, und es gibt bald ein Forschungskolloqium zu antidemokratischen und neu-religiösen Strukturen, in dem auch die Anastasia-Bewegung erforscht werden wird. Auch dort werde ich mitwirken.

 

Eine Youtube-Suche nach “LAIS-Schule” bringt nahezu ausschließlich positive Beurteilungen des Konzepts.

 

Eine Besonderheit stellt der Versuch da, mit LAIS-Schulen, die für sich eine besondere pädagogische Methode proklamieren, eine eigene private Schulbildung einzuführen. Was ist das für eine Methode und was ist über diese sogenannten Schulen bekannt?

In dem Band 3 der Buchreihe wird die Schetinin-Schule in Russland (in Tekos bei Krasnodar) beschrieben. In dieser Schule unterrichten die Schüler sich angeblich gegenseitig und der gesamte Schulstoff bis zum Abitur werde in drei Jahren gelernt. Es wird behauptet, dass schon Neunjährige Schüler an Universitäten studieren würden. Die Geschichten von der Schetinin-Schule werden fraglos übernommen und massiv verbreitet, regelmäßig reisen Anhänger der Bewegung nach Tekos. Der Aufbau von Schulen nach diesem Vorbild konnte bisher wegen der Gesetzeslage in Deutschland glücklicherweise nicht realisiert werden, ebensowenig in der Schweiz. Meiner Einschätzung nach geht es der Bewegung dabei vor allem darum, die Kinder sozial zu isolieren, von multikulturellen Einflüssen, vom Sexualkundeunterricht und von der offiziellen Geschichtsschreibung insbesondere in Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg fernzuhalten.

Die umstrittene Weinbergschule in Österreich sowie die umstrittenen LAIS-Schulen werben damit, dass ihr Vorbild (die Schetinin-Schule) von der UNESCO als “Best Educational System of the World” ausgezeichnet worden sei. Da die Schule extrem nationalistisch und militaristisch geprägt ist hatte ich meine Zweifel an der Auszeichnung und forschte nach. Die UNESCO teilte mir mit, dass eine solche Auszeichnung nicht existiert. Daraufhin teilte ich der UNESCO den Grund meiner Anfrage mit und wurde gebeten ein paar Informationen über die Schule und die zugrunde liegende Ideologie zusammenzustellen. Die russische ASP-Koordinationsstelle (Associated Schools Project) wurde informiert und stellte eigene Nachforschungen an, welche dazu führten, dass die Schule aus dem ASP-Netzwerk der UNESCO ausgeschlossen wurde.

Da es in Deutschland und der Schweiz noch keine Schulen gibt, die sich an der Schetinin-Schule orientieren und es den Anhängern der Anastasia-Bewegung wichtig ist, ihre Kinder nicht in „Staatsschulen“ zu schicken, sympathisieren viele aus der Bewegung mit Waldorfschulen und schicken ihre Kinder dorthin. Auch aus sogenannten völkischen Familien (völkische Siedler) gehen viele Kinder zu Waldorfschulen (vgl. HNA, Rechte Eltern als Problem an Waldorfschulen, 2017). Grund dafür ist eine weitgehende Übereinstimmung in bestimmten esoterischen und pseudomedizinischen Ansichten. So ist auch unter Anthroposophen die Impfverweigerung weitverbreitet und Waldorfschulen (z.B. Köln-Chorweiler) sind immer wieder Hotspot/Epizentrum von Masernepidemien. Auch im Bereich der Verschwörungsideologien gibt es große Schnittmengen zwischen bestimmten Autoren mit anthroposophischen Hintergrund und völkischen Ideologien wie der Anastasia-Bewegung. Die Verweigerung der Schulpflicht respektive eine Schulbildung außerhalb des staatlichen Schulsystems ist den Anhängern so wichtig, dass sogar schon ganze Familien ausgewandert sind z.B. nach Spanien und nach Ungarn

Danke für das Interview.

Das Interview führte Christoph Wagenseil.

5 Kommentare:

  1. Wenn ich die Bücher nicht selber gelesen hätte, hätte ich nach diesem Artikel einen völlig falschen Eindruck dieser “Bewegung”. Dieser Artikel ist hetzerisch und unwissenschaftlich und ich könnte sogar ohne Hintergrundinformationen, alleine aufgrund meines geisteswissenschaftlichen Studiums (ich habe mich beispielsweise intensiv mit Lernmethoden, Schulsystem und alternativen Schulmodellen beschäftigt) jeden einzelnen Vorwurf entkräften. Da dies aufgrund des langen Artikels allerdings sehr zeitaufwendig wäre, versuche ich es mit einer allgemeineren Antwort.
    Der Autor lebt möglicherweise in einem schönen Paralleluniversum, ansonsten ist es absolut unverständlich in dieser Weise alternative Schulmodelle anzugreifen (die natürlich alleine aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit nicht per se immer vollkommen sind). Allerdings gleicht die Realität an Staatsschulen wohl eher der Kindeswohlgefährdung. Dort laufen 8 jährige mit Smartphones rum, zeigen sich gegenseitig Pornofilme und Gewaltvideos und werden zu abgestumpften Konsummaschinen gedrillt, Kreativität und kritisches Denken unterdrückt. Jetzt erdreistet sich der Autor doch tatsächlich Eltern zu kritisieren, die es vorziehen, dass ihre Kinder im Einklang mit der Natur zu selbständig denkenden Menschen heranreifen.

    Sogar ohne jegliches Hintergrundwissen kann man sich die Entscheidung ziemlich einfach machen.
    Die aktuelle Menschheit/Welt befindet sich in keinem besonders guten Zustand (Umweltverschmutzung, Naturkatastrophen, zunehmende geistige und körperliche Krankheiten, Artensterben, nur um einige allgemein anerkannte Probleme zu benennen). Jetzt kommt die Frage, durch welchen Einfluss sich diese Dinge verbessern oder verschlechtern:
    1. Durch das jetzige Gesellschafts- und Wirtschaftssystem inklusive Großkonzerne, Massentierhaltung, Abholzung der Regenwälder, Konsum auf Kosten von Mensch, Tier und Natur, Fertignahrung, Mikroplastik sowie Medikamenten- und Pestizidrückstände überall auf der Welt und in allen Organismen, Kriege um Ressourcen, Börsenspekulation auf Nahrungsmittel (Verschärfung von Hunger und Ungleichverteilung auf der Welt), Zerstören der lokalen Märkte in Entwicklungsländern durch subventionierte Billigprodukte aus der westlichen Welt… Diese Liste könnte leider noch sehr umfassend ergänzt werden.
    Oder 2. Durch Menschen, die Gemeinschaften bilden um sich im Einklang mit der Natur selbst zu versorgen, in Frieden mit ihren Nachbarn leben, keinen/kaum Müll produzieren, in Kreisläufen wirtschaften, also genau das, was die Vorteile des biologischen Landbaus sind.

    Eine andere Möglichkeit ist es, sich einfach diese Menschen, die im Einklang mit der Natur leben, genau anzusehen. Schauen sie in diese Gesichter. Diese Menschen sind stark, gesund und voller Würde. Im Vergleich dazu einfach mal die “Stars” der Konsumwelt anschauen. Dort sieht man viele rückgratlose Politiker, alkohol- und drogenkranke Hollywoodschauspieler, Menschen die schon im Jugendalter Krankheiten haben, die es früher nur bei älteren Menschen gab, die auf die vom Autor gepriesenen “Staatsschulen” gehen und z.B. wegen Leistungsdruck und Überforderung in der 6. Klasse schon mit Burn-Out-Symptomen zu kämpfen haben, Menschen, die von ihrer Außenwelt kaum mehr etwas mitbekommen, da sie ständig in ihr Smartphone schauen, im Selbstdarstellungswahn um das beste Selfie von Klippen in den Tod stürzen, Fußballer mit Millionengehältern, die vergoldete Steaks essen, während woanders Menschen verhungern… Auch hier ist die Entscheidung doch wieder sehr einfach, wenn man sich die Mühe macht und die Sache unvoreingenommen betrachtet.
    Es kann durchaus bitter sein zu sehen, dass man möglicherweise viele Jahre seines Lebens auf falsche Ziele herein gefallen ist. Diese Erkenntnis kann wütend machen und anstelle sich dies einzugestehen, kann man versuchen gegen sein eigenes Gewissen (falls noch vorhanden) und gegen diejenigen zu kämpfen, die dies bereits erkannt haben. Leider zieht das Lichte auch immer das Dunkle an, aber das Schöne ist, das Licht wird immer siegen 🙂

  2. Siehe auch: Anastasia-Bewegung – ein (un-)politisches Siedlungskonzept? – Bachelorarbeit von Anna Rosga zu Bez. zu Natur, Familienbild & Gender, Idee der “Ahnen”, gesellschaftspolit. Weltbild, Positionierung zu Kritik an rechtsextremen Akteur*innen in der Bewegung (2018).

  3. Andreas Felix

    Zu ihrer «Recherche»: Leben nach der Heiligen Anastasia. Rechtsradikalismus in Grün

    In ihrer Veröffentlichung erkenne ich keine Recherche, sondern einen populistisch abgefassten Bericht, der diverse Nebenschauplätze nutzt, um die eigenen Interpretationen hoch zu spielen. Auf die essenziell positiven Kernaussagen/Ratschlägen von Anastasia wird gar nicht eingegangen, oder wenn schon, abwertend zu verstehen. Diese «Recherche» macht mich sehr nachdenklich, aber nicht bezüglich Anastasia, sondern in den Absichten von REMID und den Sektenexperten. Wie glaubhaft ist da noch REMID, bekundet sie doch wissenschaftlichen Beirat und neutralen Blickwinkel, betitelt diesen Artikel aber gleichzeitig mit der Überschrift «Heilige Anastasia», obwohl Anastasia den Kult um ihre Person mehrmals und vehement abweist. Hier wird sogar ein Journalistischer Kodex verletzt (Quelle: Schweizerischer Presserat), der besagt: «… Ein Titel darf jedoch keine falschen Informationen beinhalten, das gleiche gilt für Schlagzeilen und Zeitungsaushänge.» (Mag sein, dass dies für Deutschland keine Gültigkeit hat, weist aber auf die Beeinflussungsmöglichkeit einer manipulierten Betitelung hin.)
    Sogenannte Sektenexpertisen werde ich von nun an intensiv(er) auf ihre echte Wahrheit prüfen, auch wenn dort noch erwähnt wird, wo überall dieses Expertenwissen schon eingeflossen und noch einfliessen wird. Ich denke, ihre «Recherche» ist für mich ein gutes Lernobjekt um die wahren Absichten hinter einem journalistisch abgefassten Dokument erkennen zu können.
    Trotzdem, es gibt aber auch etwas Positives. Die Aussage von Anastasia, das man Berichte, Meldungen, etc. von Medien gut prüfen soll, trifft zu 100% zu (ironischerweise erwähnen sie das in ihrer «Recherche» ja auch).
    Fazit: Publikationen von REMID und vor allem solche von Sektenexperten, werde ich von nun an mit noch grösserer Vorsicht begegnen. Sicher, die Anastasia-Idee erzeugen sogenannte Trittbrettfahrer, so wie es jede Bewegung/Religion in sich hat (Wo Licht, da auch Schatten). Anastasias Absichten streben aber mit Sicherheit keinerlei politische Absichten an, im Gegenteil, sie bekunden einzig den Willen auf eine Verbesserung/Errettung unserer jetzigen Weltlage. (wenn man die Bücher nicht nur «querliest» würde dies auch ein Laie erkennen). Das dabei Parallelen zu unseren Systemen gezogen werden, ist nicht abwendbar, bedeute aber nicht gleich rechtsradikal, ist eine Interpretation ihrerseits (ich begrüsse den Rechtsradikalismus auch nicht). Man darf sich aber sicher trotzdem die Frage stellen, wie weit und wohin es unsere Systeme gebracht, und noch bringen werden, ohne gleich klassifiziert zu werden. Aus diesem Grund darf und sollte man dieser Ideologie eine Chance geben, und sie nicht schon im Keim zu ersticken. Jesus Christus gibt ja den Hinweis dazu: «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen».. und, die Früchte gedeihen bekanntlich nur auf dem Baum, alles andere ist Unkraut und gehört nicht dazu. Man muss eben fähig werden, den Spreu vom Weizen zu trennen, und das in allen Disziplinen. Dazu wären vorerst objektive Analysen/Expertisen gefragt, um dann wirksam das Unkraut von den Früchten zu entfernen, alles Andere trägt nichts zu einer Weltverbesserung bei, ist eben nur Unkraut.

    • Sehr geehrter Andreas Felix,
      wir als REMID sind gerade keine “Sektenberatung” und betreiben keine Lobbyarbeit für christliche Hegemonialkirchen (vgl. etwa auch meinen Artikel Religionsfreiheit hat in Deutschland keine Lobby von 2013). Das heißt aber eben auf der anderen Seite – wir lehnen den Sektenbegriff ab – doch wir befürworten zugleich kritische Analysen über aktuell brisante neue religiöse Bewegungen. Nun stehen wir gerade nicht alleine da mit unserer Analyse, und da geht es eben um Verschwörungsmythen, einen starken Dualismus und eben damit verbundenen Rechtsradikalismus bis – bei einigen Akteuren – offenen Rassismus. Das Problem beginnt eben in den Anastasia-Büchern, welche bereits diesen starken Dualismus vertreten, Verschwörungen in der Welt konstruieren (wie Sie mit Ihren grundsätzlichen Medienzweifeln auch in diese Richtung tendieren) und damit eben antisemitische Denkmuster bedienen. Die Überschneidung der Anastasia-Szene mit der offen rassistischen Ynglism-Szene ist zudem bereits in Russland nachweisbar, in Deutschland sind die Überschneidungen Legion. Diese erfundenen Bücher über “die arisch-wedische Rasse” wiederholen diverse rechtsradikale Rassenlehren aus dem frühen 20. Jahrhundert, zumeist mythische Herleitungen unterschiedener Menschengruppen. Schließlich findet in Deutschland im Medium der Anastasia-Bewegung – und darum handelt vor allem dieses Interview, einer von drei Texten bei REMID über die Anastasia-Bewegung – ein Netzwerken diverser Kleingruppen und Einzelpersonen statt, die zugleich rechtspolitisch aktiv sind. Darüber muss doch gesprochen werden! Wenn Sie wirklich den Rechtsradikalismus nicht begrüßen, hinterfragen Sie diese Dinge. Treten Sie in Ihren Ortsgruppen dafür ein, diese politischen Mythen zu hinterfragen, welche die Normalowelt von metaphysisch bösen Akteursgruppen beherrscht sieht und sich vor diesen im Einzelfall mit Waffensammlung verteidigen möchte. Beschäftigen Sie sich mit Antisemitismus, wir haben eine Themenseite dazu, und beginnen Sie zu begreifen, dass schon diese Umschreibung eben eine antisemitische Weltsicht paraphrasiert. Oder warum ich in meinem ersten Text zur Anastasia-Bewegung von 2016 diese “transnationale Heilige” abgrenze von klassischeren paganen Gruppen wie Eldaring. Schließlich – wie gesagt – REMID steht religiöser Vielfalt grundsätzlich offen gegenüber.
      Außerdem eröffnen Sie besser in einer solchen Kritik keine Nebenschauplätze, als ob diese in irgendeiner Weise irgendetwas Besonderes beweisen. Es gibt diverse Fachliteratur, welche bereits vor mir Anastasia als “Heilige” bezeichnet. Das ist auch gut möglich, da das dann ein erweiterter Fachbegriff ist, der vergleichend auf die Religionen der Welt passen soll. Natürlich ist das prekär. Daher spreche ich bei einem Guru auch lieber von einem Guru. Auch dort gibt es diverse Unterschiede im Selbstverständnis. Jedenfalls hätte ich nicht mit einer Kritik dieser Stelle gerechnet. Insofern war das auch nicht in irgendeiner Weise abwertend gemeint. Das Problem eines oder einer Heiligen, verehrt zu werden, ist übrigens immer auf die eine oder andere Weise ein Thema.

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