Die Geburt der Moderne in der Kunst der Fabel am Beispiel eines prototypisch antisemitischen Mem von 2018

Schon mindestens zweimal versuchten Artikel sich dem Thema “Märchen” kritisch anzunähern. In “Märchen und Magie zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Eine Kritik” (2012) ging es um ein Mittelalterbild, welches im Kontext der Romantik “Märchen” und “Magie” zu einem Gegenstand des Othering macht, und zuvor ähnlich im Medium des kolonialistischen Ost- und Westindien, später im Interesse an einer ursprünglichen “Authentizität” als “Naturmärchen” oder “Volkssage”. In Gespenster – festliche Dekonstruktion einer Universalkategorie (2011) wurde die These aufgestellt, dass “Gespenster” gerade nicht universell, sondern – zumindest in einigen Anteilen – ein Produkt der Frühen Neuzeit seien. Heute geht es um ein seit 2018 international beliebtes Internetmem, das bereits in seiner Geschichte darum ringt, sich mit Anciennität und Universalität auszustatten. Stattdessen soll gezeigt werden, dass gerade das nicht zutrifft und es ein spezifisches Produkt des frühen 18. Jahrhunderts darstellt, und spezifisch “modern” ist. Und auch das wird zu zeigen sein: in dieser speziellen Version prototypisch antisemitisch.

Gewidmet: Michael Blume. Danke für Deinen Einsatz!

Ein Internetmem von 2018/19 kombiniert eine angebliche “Legende aus dem 19. Jahrhundert” mit dem Gemälde “Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen” von Jean-Léon Gérôme, 1896 (Ausschnitt).

1. Das Mem des 21. Jahrhunderts

Kennen Sie dieses Mem?

“Laut einer Legende aus dem 19. Jahrhundert treffen sich die Wahrheit und die Lüge eines Tages. Die Lüge sagt zur Wahrheit: ‘Heute ist ein wunderbarer Tag’! Die Wahrheit blickt in den Himmel und seufzt, denn der Tag war wirklich schön. Sie verbringen viel Zeit miteinander und kommen schließlich neben einem Brunnen an. Die Lüge erzählt die Wahrheit: ‘Das Wasser ist sehr schön, lass uns zusammen baden!’ Die Wahrheit, erneut verdächtig, testet das Wasser und entdeckt, dass es wirklich sehr nett ist. Sie ziehen sich aus und beginnen zu baden. Plötzlich kommt die Lüge aus dem Wasser, zieht die Kleider der Wahrheit an und rennt davon. Die wütende Wahrheit kommt aus dem Brunnen und rennt überall hin, um die Lüge zu finden und ihre Kleidung zurückzubekommen. Die Welt, die die Wahrheit nackt sieht, wendet ihren Blick mit Verachtung und Wut ab.
Die arme Wahrheit kehrt zum Brunnen zurück und verschwindet für immer und versteckt darin ihre Scham. Seither reist die Lüge um die Welt, verkleidet als die Wahrheit, befriedigt die Bedürfnisse der Gesellschaft, denn die Welt hat auf keinen Fall den Wunsch, der nackten Wahrheit zu begegnen.”

(Deutsche Mem-Version, ab 2018).

Das Mem wird in den sozialen Netzwerken und auf Webseiten kombiniert mit “d[em] weltberühmte[n] Gemälde ‘Die Wahrheit kommt aus dem Brunnen’ Jean-Léon Gérôme, 1896”. Dieses Bild, ursprünglich nur “La Verité” genannt, galt in der Forschung dabei einige Zeit als antisemitismuskritischer Kommentar zur Dreyfus-Affäre:

“In 1895, Gérôme had presented a painting where “the nurturer of truth” lies slaughtered at the bottom of a well. When new evidence emerged pointing toward Ferdinand Walsin Esterhazy as the real culprit of the crime Dreyfus had been imprisoned for, Gérôme painted Truth Coming Out of Her Well.[1] The nudity of the model refers to the expression ‘the naked truth’.[2]”

(So eine archivierte Wikipedia-Version von 2016 unter Berufung auf [1] Fae Brauer (2013): Rivals and Conspirators: The Paris Salons and the Modern Art Centre. Newcastle upon Tyne, Cambridge Scholars Publishing. S. 205–6 und [2] Benoît Noël, Jean Hournon (2006). Parisiana: la capitale des peintres au XIXème siècle (in French). Paris: DISLAB, S. 147).

Allerdings hat Gérôme das Thema vorher schon einmal bearbeitet unter dem Titel “Mendacibus et histrionibus occisa in puteo jacet alma Veritas”, “The nurturer Truth lies in a well, having been killed by liars and actors” (vgl. Hoakley 2018).

Noch mehr irritiert aber, dass die Wahrheit im Brunnen auf Demokrit anspielt, also hier im Besonderen ein erkenntnistheoretischer philosophischer Diskurs zugrundeliegt, der eigentlich die Zugänglichkeit der Wahrheit überhaupt infragestellt:

“Clear truth hath no man seen nor e’er shall know; and Zeno because he would destroy motion, saying, “A moving body moves neither where it is nor where it is not”; Democritus because he rejects qualities, saying, “Opinion says hot or cold, but the reality is atoms and empty space,” and again, “Of a truth we know nothing, for truth is in a well.” Plato, too, leaves the truth to gods and sons of gods, and seeks after the probable explanation”

(Diogenes Laertius, Lives of Eminent Philosophers (R.D. Hicks, Ed. ), Kapitel 11).

Nun ist Gérômes Wahrheit zudem bewaffnet mit einer Peitsche “pour châtier l’humanité”. Der Bruch erscheint doppelt: Neben dem Kniff des Malers, dass Demokrits nie erkennbare Wahrheit dennoch aus ihrem Brunnen herauskommt, beschreibt die Geschichte im Gegenteil, wie sie zu diesem Brunnen gekommen ist – und “für immer” verloren ist. Gehört das Bild also überhaupt zu der angeblichen “Legende aus dem 19. Jahrhundert”? Oder gibt es vielleicht eine Quelle, auf die sich Internet-Mem und Maler beziehen?

Irrtierend ist aber insbesondere, dass ein angeblich altes Märchen oder eine Legende eine endgültig verlorene “gute, alte Zeit” der Wahrheit einem Jetzt – der Moderne? – mit einer omnipräsenten Macht der Lüge gegenüberstellen sollte. Zumal das entgegen religiöser Ideen eines verlorenen Paradieses keine Erlösungsoption anbietet. Nahezu nietzscheanisch ist die Welt in Ungnade gefallen. Zweites Indiz für einen modernen und vor allen speziell modern strukturell antisemitischen Mythos ist die Rezeption, etwa wo es beim obersten Treffer (“moyo-film”, auch als Hörspiel auf Youtube zu finden) in meinen Google-Ergebnissen weitergeht:

“Mittlerweile wurde das Fernsehen erfunden! Und die Lüge, im Gewand, der Wahrheit, ist ein gern gesehener Gast und Programmgestalter. Die Lüge hat Raumfahrtagenturen gegründet, ist auf dem Mond gelandet und lässt Fahrzeuge auf dem Mars landen und Autos in ‘Umlaufbahnen’ kreisen. Die Lüge erklärte, dass man wissenschaftlichen Autoritäten immer Glauben schenken kann und jedem, der sich als solche verkleidet. […] Die Lüge hat sehr viele ‘Dinosaurierknochen’ gefunden und stellt diese in einer ‘Freakshow’ als Beweis für ihre Hypothesen hin. Die Lüge hat die moderne Politikmarionette und den Powerbroker etabliert, als ‘Personen’, die das Schicksal nach dem Kompass des ‘Gemeinwohls’ lenken. […]”

Man sieht, es wird verschwörungsmythisch. Auch Gloria.TV ist unter den Treffern (vgl. Charlie Chaplin und die “Wahrheit” der “alternativen” Medien, 2017). Und während nicht nur der Künstler Jean-Léon Gérôme sowohl vom Cover der Erstausgabe von Edward Saids “Orientalism” als auch von der Verwendung seines Eurabiengemäldes, das einen fiktiven orientalistischen Sklavinnenmarkt zeigt, auf einem AfD-Plakat 2019 bekannt sein kann, ist ein drittes Indiz dafür, die “Legende” merkwürdig zu finden, dass offenbar die Internationalisierung dieses Internet-Mems im russischsprachigen Internet stattfand.

Zwar hat das Internet-Mem in der deutschen Version es auch in ein gedrucktes Buch von 2018 geschafft (Theobald Kühne, Glückseligkeit: Eine Ansammlung von Ideen, wie man sich selbst befreit, 2018, S. [59]), aber eine mehr oder weniger internationale Suche nach Versionen dieses Mems erbrachte einige philologische Abhängigkeiten zutage (alles ab 2018):

  1. Die spanische Mem-Version (Anfang: “Cuenta la leyenda, que un día la verdad y la mentira se cruzaron.”). Ihr allein fehlt noch die Zuschreibung zum 19. Jahrhundert. Außerdem wird ein textueller Bezug zum Gemälde von Jean-Léon Gérôme von 1896 hergestellt: “Algún día la verdad saldrá del pozo para fustigar a los mentirosos” (“Eines Tages wird die Wahrheit aus dem Brunnen kommen, um die Lügner zu peitschen”).
  2. Die russische Mem-Version (Anfang: “В легенде 19 века говорится, что Истина и Ложь встретились однажды”). Der inhaltliche Bezug zum Bild wird getilgt.
  3. Die arabische Version (Anfang: “تقول الأسطورة في القرن التاسع عشر أن الصدق والكذب التقيا من غير ميعاد . فنادى الكذب على الصدق” ) macht in einem Beispiel deutlich, dass sie von der russischen abhängig ist: “Wahrheit und Lüge … Eine Geschichte aus der russischen Literatur” (الصدق و الكذب…. قصه منقوله من الادب الروسي). Es ist ein Kommentar von 2019 unter einem YT-Video von 2016. In den arabischen Versionen fehlt aber das Bild.
  4. Von der russischen Version sind demnach auch u.a. die deutsche und die türkische Version (Anfang: “19 yüzyıl efsanesine göre gerçek ve yalan bir gün buluşurlar”) abhängig. Im Unterschied zur arabischen Version erfolgt der Verweis auf das Bild: “TABLO.. JEAN LEON GEROME – Kuyudan Çıkan Gerçek 1896” (in der türkischen Version).


In einer Zeitschrift “The Review of English Studies” im 17. Band von 1941 kann man über den englischen Dichter Matthew Prior lesen, “[t]here are two Matthew Priors, one a Pleipotentiary in a high wig and a heavily laced coat, the other a poet in a turban-like head-dress” (S. 107). Dieses Porträt von George Vertue nach Jonathan Richardsons Gravur zeigt den späten Prior 1719, zwei Jahre vor seinem Tod. Der Künstler und Politiker hat Europa nie verlassen.

Bild von National Portrait Gallery, London (NPG D19242) unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 3.0.

2. Matthew Prior und die Folgen

Wenn man vom genauen Wortlaut der Legende absieht, finden sich tatsächlich erst einmal dutzende Variationen. Das macht es leicht von einer alten, universellen Geschichte auszugehen. So macht etwa “World Fusion Wisdom” auf ihrer Webseite daraus “Amir’s fable”:

“There is an old fable, which tells that Truth and Falsehood went for
A swim together, leaving their clothes on shore. Falsehood
Coming out of the water first, puts on Truth’s clothes.
Truth, being what it is, absolutely refused to wear
Falsehood’s clothes, thus remained naked.
Ever since then, Falsehood, appearing
As Truth, has been accepted as
Truth, while Truth still
Awaits to be seen.”

Und deutet sie als “muslimisch” bzw. “islamisch-indisch”:

“A colleague showed to me this fable about truth and falsehood. He did not know the original source, only that it was from India and it was known as “Amir’s Fable.” The name “Amir” indicates it is a Muslim saying. Amir is a common name in Arabic and Persian meaning “ruler” or “leader.” Islam has a long tradition in the Indian subcontinent so this could very easily be an Islamic-Indian traditional story. Regardless of its exact origin it is similar to stories from Islamic, Jewish, African, Indian, and Chinese traditions”

(Quelle; auch diese Version ist mehrfach online vorhanden).

“Amir’s fable” hat offensichtlich eine ältere Quelle als das Internet-Mem. Allerdings ist es alles andere als in einem archaischen Sinne alt. Meine Rekonstruktion der Überlieferung verfolgt das Mem zurück auf ein Gedicht des englischen Dichters Matthew Prior, geschrieben um 1720, “Truth and Falsehood. A Tale”, zuerst wohl anonym nach dem Tod des Dichters 1721 in der Zeitung “The Craftsman” (Vol. 5) von 1729 (der gebundene Band ist von 1731) veröffentlicht (Anfang: “Once on a time, in sunshine weather, / Falsehood and Truth walk’d out together,”). Die erste deutsche Version erschien prosaisiert 1759 in der Wochenzeitschrift “Der Chamäleon: eine moralische Wochenschrift” (Anfang: “Die Wahrheit und die Falschheit giengen einmal bey schönem Sonnenschein zusammen aus”). Eine elaborierte Versfassung schafft in unmittelbarer Folge und in Abhängigkeit zu Prior der Dichter Stephen Duck 1734 “Truth and Falsehood. A fable [in verse]” (deutlich historisierender Anfang: “SOON as the Iron Age on Earth began / And Vice found easy entrance into Man”; im Preface steht: “I am not the Inventor of this fable”). Es folgen weitere Bearbeitungen als Gedicht ab dem 19. Jahrhundert.

Zugleich bleibt die 1759er Prosa-Version prototypisch, ab 1834 etwa im Kontext der “Destruction of Niobe’s Children” in der englischen Zeitschrift “The Family Magazine”. 1868 dichtet ähnlich John Godfrey Saxe: “Invented – it is very clear – / Some ages prior to Matthew Prior / Falsehood and Truth ‘upon a time'”(The Latter-day Saints’ Millennial Star, Band 30). In einer Version des “The Ladies’ Repository” von 1874 führen die Protagonistinnen die Geschichte bereits als aus einem “Book of Legends” stammend ein. Diesen Varianten ist gemeinsam, dass sie mit der Nacktheit der Wahrheit enden. Ihnen fehlt einerseits, dass sie in den “Brunnen” zurückkehre – bei Prior ist es ja auch ein “stream”, im “Chamäleon” ein “Bach”, andererseits dass die Wahrheit anschließend die Falschheit “jage”. Im Internet-Mem ist beides enthalten.

Die Jagd der Wahrheit nach der Lüge lässt sich dabei noch nicht genau datieren. Bereits in einer russischen “Ballade über Wahrheit und Falschheit” von Wladimir Semjonowitsch Wyssozki 1977 (als Musikvideo; siehe eine automatische Übersetzung) heißt es: “Die reine Wahrheit wird mit der Zeit triumphieren”. Das Musikstück wurde vielfach gecovert, und auch bei Staatsakten – einmal sieht man Boris Jelzin bei einer Youtube-Aufnahme im Publikum – gespielt. Dennoch ist es nicht die Vorlage der russischen Internetmem-Version, da es zu viele andere moderne Elemente enthält (z.B. Anspielungen auf “Außenpolitik”). Aber die Existenz dieser russischen Ballade könnte eine inspirierende Rolle dabei gespielt haben, das spanische Mem zu übersetzen und zu verbreiten.

Vielmehr ist wahrscheinlich, dass letzteres wiederum von “The Written Mixtape Vol. One ‘The Awakening'” von Absolutely Anwar (2016) oder ähnlichem abhängt. Seine “Story of Truth and Falsehood” ist dort “Track 1”, gefolgt von “Red Pill or Blue Pill” (für die Matrix-Metapher vergleiche das Interview mit Michael Blume zu seiner Ernennung zum Antisemitismus-Beauftragten, 2018). Eine Rezension bezeichnet das Buch als “a refreshing take on relevant topics to the contemporary existence of black people in America”. Bzw. die Jagd der Wahrheit entstammt einem Predigt-Kontext, insofern mit “So that is why today you have the butt-naked truth chasing after the well-dressed lie” diese Variante der Geschichte kurz paraphrasiert als Predigt eines Reverend in einem Roman von 2017 auftaucht (“Dirty Game” von Habish Lyfe, 2017, ch. 11), und zwanzig Jahre früher im “Long Line Writer” des Arkansas Department of Corrections, Cummins Unit Newsletter (Bände 18-19, 1998: “One day Truth went to the Lake of Justice [!] for a swim.”).

Titelcover von “The Written Mixtape Vol. One ‘The Awakening'” von Absolutely Anwar 2016. Dieses Buch ist gar kein Buch, sondern eine Kassette.

Aber auch der “Brunnen” geht relativ unmittelbar wahrscheinlich auf Matthew Prior oder die prosaisierte deutsche Version von 1759 zurück. Jedenfalls wenn man annimmt, dass diese Version die Grundlage derjenigen des Rabbi Jacob ben Krantz (1741-1804) war, dem Maggid of Dubna, 1888 aber zuerst in Krakau gedruckt. Hier ist es “Truth and Resplendent Parable” (bei Heinemann 1967 “Truth and Falsehood”). Die Wahrheit ist bereits am Anfang nackt (Anfang: “Once upon a time Truth went about the streets as naked as the day he [!] was born”) und die Parabel hilft ihr, daher gingen sie seitdem “hand in hand”, “[t]hey make a happy pair” (Beatrice Weinreich: Yiddish folk tales, 2012, S. 7). Allerdings hilft sie nicht nur mit den Kleidern, sondern verhilft der Wahrheit überhaupt erst zur Erkenntnis ihrer Nacktheit, sie denkt stattdessen, ihr Problem sei: “Ah, brother, things are bad. Very bad. I’m old, very old […]. No one wants anything to do with me”.

Davon wiederum abhängig ist Jean-Pierre Claris de Florian, Fables, 1792, eröffnet mit “La fable et la vérité” (Anfang: “La vérité, toute nue, / Sortit un jour de son puits.”; “Die Wahrheit, ganz nackt, / Verlässt eines Tages ihren Brunnen”). Auch hier irrt die Wahrheit um ihr Alter: “Ich erschrecke alle: leider! Ich sehe es deutlich, / Eine alte Frau bekommt nichts. / Trotzdem seid Ihr jünger, / Sagte die Fabel, und ohne Eitelkeit, / Überall werde ich sehr gut aufgenommen / […] Dasselbe Interesse bringt uns zusammen: / Komm unter meinen Mantel, wir gehen zusammen”. Der Kupferstich der Erstausgabe erinnert bereits an Gérômes Bild.

Mit der Gegensatz Veritas und Fabula bzw. Historia wird auf etwas Älteres angespielt. Ähnlich ist der offensichtlich demokrit’sche Brunnen mit einer noch zu betrachtenden früheren ikonographischen Tradition verbunden. Darauf komme ich später zurück. Diese Fabel-Version wirkt im Vergleich zu Prior wie eine Fortsetzung, zugleich kann es sich aber auch um eine eigene Paralleltradition handeln. Eventuell werden zwei Traditionen einander angenähert.

Jean-Pierre Claris de Florian, Fables, 1792.

3. Was waren die direkten Quellen des Matthew Prior?

Nun könnte es sich natürlich auch umgedreht verhalten, und Prior konnte auf eine Vorform derjenigen Version des Maggid of Dubna zurückgreifen. Schließlich sollen dessen Fabeln einer mündlichen Tradition entstammen. Mir erscheint es aber wahrscheinlicher, dass der Rabbi die Verfallsgeschichte ironisierte bzw. ihr genau jenen, oberhalb strukturell antisemitisch genannten Touch wieder nimmt: Ihr haltet mich für alt und verloren? Nein, ich bin nur nackt. Denselben ironischen Dreh zur nuda veritas findet man bei William Shakespeare: “The naked truth of it is, I have no shirt; / I go woolward for penance” (Love’s Labour’s Lost, 1598, vgl. Ausgabe 1825). Und am Ende ist die Wahrheit gerade nicht verloren, sondern – und das entspricht anderen Traditionen – es gibt in der Welt eben Wahrheit und Falschheit nebeneinander.

Welche Quellen lassen sich also für Matthew Prior oder auch den Maggid of Dubna ausmachen?

Zunächst ist da Horaz, den Prior besonders schätzte. In seinem Carmen I, 24 heißt es: “Andauernder Schlaf bedrängt Quintilius also? / Wann wird die Scheu und die / Schwester der Gerechtigkeit, die / unbestechliche Treue, und die nackte / Wahrheit irgendeinen ihm Gleichen finden?”. Eine erste wichtige Bezugnahme auf die nuda veritas findet sich bei dem Kirchenvater Laktanz:

“Sed quoniam Deus hanc voluit rei esse naturam, ut simplex et nuda veritas esset luculentior, quia satis ornata per se est, ideoque ornamentis extrinsecus additis fucata corrumpitur, mendacium vero specie placeret aliena, quia per se corruptum vanescit ac diffluit, nisi ornatu aliunde quaesito circumlitum fuerit ac politum: aequo animo fero, ingenium mihi mediocre fuisse concessum” (Institutiones Divinae, liber tertiae).

“But since God has willed this to be the nature of the case, that simple and undisguised truth should be more clear, because it has sufficient ornament of itself, and on this account it is cor­rupted when embellished with adornings from without, but that falsehood should please by means of a splendor not its own, because being corrupt of itself it vanishes and melts away, unless it is set off and polished with decoration sought from an­other source” (Übers. zitiert nach “Paradigms for a Metaphorology” von Hans Blumenberg, 2010, S. 40).

Eine frühe eher weltliche Andeutung findet sich in einem mittelenglischen “politischen” Gedicht: “And clothe falsed in trouthe wede” (“and falsehood dressed in truth’s garments”, Übersetzung nach Duncan 2005). In der Strophe geht es darum, dass das Recht nur in England “gekauft und verkauft” würde “wie ein Beast” (Digby 102, Blatt 111 verso, Datierung: 1414, “Dede is worchyng”, Ausgabe Kail 1904: Twenty-six political and other poems : including Petty Job ; from the Oxford mss. Digby 102 and Douce 322).

Diese beiden Bezüge auf eine nackte Wahrheit, im zweiten Fall nur sehr indirekt, stehen zunächst alleine da. Erst in den deutschsprachigen Predigten des Johannes Tauler, Lebzeit 14. Jh., traut sich der heterodoxe Mystiker, die Stelle bei Laktanz als “nackte Wahrheit” zu übersetzen und daraus ein Prinzip seines mystischen Lehrgebäudes abzuleiten. Die lateinische Ausgabe von 1548 bietet viele Treffer zu “nuda veritas“. Es gibt nur Indizien für einen aber unsicheren Druck vor 1500, vielleicht in Latein. Ansonsten finden sich vor 1548 nur deutsche Drucke oder Handschriften (siehe Drucküberlieferung). Aus einer späteren engl. Ausgabe sei zum Beispiel herausgegriffen: “And knowledge seeketh that which is unclothed, namely the naked truth, and it is never satisfied in no natural fashion till it cometh in complete nakedness to see God and know hin without any medium” (Ausgabe 1886, Predigt Nr. 55). Oder mit besonderer Relevanz für das hiesige Vorhaben: “He who understandeth the naked truth needeth not a parable” (Nr. 60). Damit ist zwar sicher keine bestimmte Parabel gemeint, sondern eher Laktanz nachdrücklich betont in seiner Zurückweisung von “sufficient ornament”. Dennoch wäre die Stelle wohl anders ausgefallen, würde Tauler genau zu diesem Kontext eine solche Fabel vorliegen.

Aber eine Fabellehre ist mit Martianus Capella (5./6. Jh.) überliefert, die sich auf Laktanz poetologisch bezieht: “Let us tell no lies and yet let the Arts be clothed. Surely you will not give the band of sisters naked to the bridal couple?” (De nuptiis, 222, zitiert nach Denecke 2014). Schließlich macht Giovanni Boccaccio, dessen Novellen im Decamerone (zw. 1349 und 1353) in keiner Vorgeschichte des Märchens fehlen, daraus ein Prinzip der Renaissance: der moralische Sinn der Kunst “[…] is revealed from under the veil of fiction” (On Poetry, Übersetzung Osgood, S. 47ff., zitiert nach Mazzotta 2014, S. 120), “Poi che le Muse nude cominciaro / nel cospetto degli uomini ad andare” (“Ever since the Muses first began parading naked in the view of men” (Teseida, XII, 84, zitiert nach Gittes 2008, S. 162).

Sandro Boticelli, Die Verleumdung des Apelles, 1494-95.

Sandro Boticelli wiederum hat 1494-95 – kurz bevor er sich 1498 der fundamentalistischen Bewegung um Girolamo Savonarola anschloss – mit dem allegorischen Gemälde “Die Verleumdung des Apelles” (ital. La Calunnia di Apelle) wohl die erste Wahrheitsfigur rezeptionsentscheidend nackt gemalt, welche eine Stelle im Werk des antiken Dichters Lukian (“On Calumny”) zum Vorbild hat:

“On the right of it sits Midas with very large ears, extending his hand to Slander while she is still at some distance from him. Near him, on one side, stand two women—Ignorance and Suspicion. On the other side, Slander is coming up, a woman beautiful beyond measure, but full of malignant passion and excitement, evincing as she does fury and wrath by carrying in her left hand a blazing torch and with the other dragging by the hair a young man who stretches out his hands to heaven and calls the gods to witness his innocence. She is conducted by a pale ugly man who has a piercing eye and looks as if he had wasted away in long illness; he represents envy. There are two women in attendance to Slander, one is Fraud and the other Conspiracy. They are followed by a woman dressed in deep mourning, with black clothes all in tatters—she is Repentance. At all events, she is turning back with tears in her eyes and casting a stealthy glance, full of shame, at Truth, who is slowly approaching”

(Altrocchi 1921, S. 454, Übersetzung von A. M. Harmon).

Die ikonographische Tradition entwickelt schließlich mit “An Allegory of Truth and Time” (1584) von Annibale Carracci (1560-1609) bereits den Bezug zu der Brunnen-Stelle bei Demokrit. Die von Boccaccio eingeleitete Kooperation von Wahrheit und Poesie lässt die Zeit erstere retten, so auch – ohne Brunnen – bei Peter Paul Rubens (1577-1640), “The Triumph of Truth” (from the Medici Cycle; 1622-25, vgl. Hoakley, Painting Truth: When did she emerge from a well?, 2018). In anderen Beispielen wird der emblematischen “Nuda Veritas” als Gegenfigur Licentia (die ungebundene Freiheit) beigesellt, erstere mit einer “Historia vitae” (“Geschichte des Lebens”) in der Hand, z.B. 1639 auf einem Kupferstich des “Theatrum Europaeum”: Nach Peter Heßelmann solle “[d]ie unverhüllte Wahrheit und deren Wiedergabe […] durch die Bändigung der Leidenschaften erreicht werden” (Zur Theorie der historia in den Paratexten des Theatrum Europaeum, HAB 2011). Eine echte ikonographische Zitation unserer Fabel (mit Kleiderdiebstahl) findet sich dagegen erst 1835/45: Fortunato Duranti (1787-1863), An Allegory of Truth and Falsehood.

Fortunato Duranti (ital. 1787-1863), “An Allegory of Truth and Falsehood” (verso), 1835/1845, National Gallery of Art, Washington, “pen and brown ink with brown wash (verso)”, Wolfgang Ratjen Collection, Patrons’ Permanent Fund 2007.111.71.b.

In englischer Sprache taucht die Wendung “naked trueth” ab 1576 auf (“but vnto the naked trueth, the heauenly life, and vn­doubted doctrine of verity” als Übersetzung von “committing to his followers no longer types and images, but the uncovered virtues themselves, and a heavenly life in the very doctrines of truth” der Kirchengeschichte des Eusebius von Caesaria, Historia ecclesiastica, durch Meredith Hanmer in seiner “The auncient ecclesiasticall histories of the first six hundred yeares after Christ”, verlinkt ist eine Druckausgabe von 1577). Direkt zwei Jahre später findet sie sich in einem Brief an Sir William West, Knight and Lord De la Warre, geschrieben von John Lylie (1553-1606) und veröffentlicht als “Eupheus. The Anatomy of Wit: Verie pleasaunt for all Gentlemen to Read, and Most Necessarie to Remember” 1578:

“If thefe thinges be true, which experience trieth, that a naked tale doeth soft truelye fet soorth the naked trueth, that where the countenaunce is faire, there need no colours, that painting is meeter for ragged walls than fine marble, that veritie then shineth most bright when fhe is in leaft brauerie, I fhall fatiffie mine ovvne minde, thought I cannot feed their humors, which breatly feeke after thofe that fift the fineft meale, and beare the whiteft mouthes.”

Alexander Montgomerie, “The Cherrie and the Slae”, 1584.

Einflussreicher aber war das Gedicht von Alexander Montgomerie “The Cherrie and the Slae” von 1584:

“Which thou must (though it grieve thee) grant
I trumped never a man.
But truely told the naked trueth,
To men that meld with mee,
For neither rigour, nor for rueth,
But onely loath to lie.”

(zitiert nach Elyse Bruce, Idiomation: Naked Truth, 2018, vgl. Druck von 1645).

James VI. zitiert dieses Gedicht in einem Manifest. Das Gedicht deutet mit seinem Titel zudem an, es handele sich um eine Fabel in der Tradition Äsops. Es folgen einige Anwendungen der “naked trueth” auf politische Kontexte in Schriften des 16. und 17. Jh., etwa 1675 in dem Pamhlet “The Naked Truth: Or, The True State of the Primitive Church … By an Humble Moderator, Said to be … Herbert Lord Bishop of Hereford” (Ausgabe von 1689) oder ähnlich in einem deutschen Druck “Nuda Veritas, das ist, Kurtze iedoch gründliche Demonstration, was sonderlich die am Rheinstromb befindliche Reichsständte zu befahren gehabt hätten, fals man sich der Assistenz der Republiq der Vereinigten Niederlanden, gegen die Cron Franckreich, nicht angenommen hätte” (Druck von 1673). Damit sind wir wieder bei Shakespeares fehlendem Shirt bzw. der Kritik der Nuda-Veritas-Metapher als metaphysisch aufgeblähte Banalität:

Herbert Croft, Bischof von Herford, war ein Gegner der Katholiken und spielte wohl eine Rolle im sogenannten “Popish Plot”: “At the outset of the Plot its inventor Titus Oates claimed that the Jesuits had specially marked Croft for assassination”. Besagtes Pamphlet “was celebrated in its day, and gave rise to prolonged controversy”. Schließlich haben die Ereignisse um den “Popish Plot” den Dichter Jonathan Swift 1710 zu folgendem resignativen Zitat inspiriert:

“Besides, as the vilest Writer has his Readers, so the greatest Liar has his Believers; and it often happens, that if a Lie be believ’d only for an Hour, it has done its Work, and there is no farther occasion for it. Falsehood flies, and the Truth comes limping after it; so that when Men come to be undeceiv’d, it is too late; the Jest is over, and the Tale has had its Effect”

(in: The Examiner, Nov. 1710; zitiert nach Garson, Quote Investigator: “A Lie Can Travel Halfway Around the World While the Truth Is Putting On Its Shoes”, 2014, vgl. auch Linda Kearan: Fake news! How misinformation ruled in 17th century France, 2017).

Nun , “Prior and Swift were close friends by 18 November 1710. By 1711 the two men were showing each other their manuscripts before they were published, exchanging gifts (Prior gave Swift a fine edition of Plautus), and walking together around St. James’s Park” (Poetry Foundation). Prior, der zu den Tories gehörte, machte nach Wikipedia eine “steile [!] Karriere, die in der Vertretung der Tory-Regierung des Earl of Oxford bei den Verhandlungen des Friedens von Utrecht (1713) gipfelte, der bei Zeitgenossen unter dem Namen ‘Matt’s Peace’ bekannt war”. Er war, nachdem die Whigs die Tories endgültig verdrängten, 1715-17 im Gefängnis, dann zwar wieder vermögend genug, aber exiliert auf seinem Landsitz “Down Hall”. George Lyttelton schreibt zur Situation der Tories ab 1714 in seinem “Letter to the Tories” (1747): “We are kept out of all public employments of power and profit […]”. In seiner Dichtung tendiere Prior zu einerseits “Pyrrhonism (extreme skepticism about the efficacy of human reason)” und andererseits “fideism (accepting on faith matters that cannot be determined by this fallible reason)” (a.a.O.). In “Salomo: ein Gedichte über die Eitelkeit der Welt, in drey Büchern” (1773 in dt. Übersetzung) scheitert der Protagonist dabei, sein Glück in der Wissenschaft (Buch 1), im Vergnügen (Buch 2) und in der Macht (Buch 3) zu finden.

Matthew Prior, “Salomo: ein Gedichte über die Eitelkeit der Welt, in drey Büchern”, deutsche Übersetzung, 1773.

Die unmittelbare politische Bedeutung in Bezug auf das vorübergehende Ende der frühen Tories lässt sich auch an einem Zitat von Benjamin Disraeli, 1. Earl of Beaconsfield, im 19. Jh. bzgl. der (Neu-)Gründung der Conservative Party durch Robert Peel plausibel machen: “Disraeli said that Peel found the Whigs bathing, and ran away with their clothes. Kebbel in his edition of Lord Beaconsfield’s speeches suggests that this metaphor came from Matthew Prior’s poem, “Truth and Falsehood.” (The Spectator 1904: Disraeli’s Borrowings). Der Bruch mit der Tradition lässt sich aber auch durch eine Art Anti-Cartesianismus erklären, Priors Gedicht “Alma”, geschrieben im Gefängnis 1714-16, sei nach Conrad Brunström “a defiantly anti-Cartesian poem” (“In Prose and Business lies extinct and lost”: Matthew Prior and the Poetry of Diplomacy, 2014, S. 38). Schließlich ist es die Descartes-Rezeption, welche etwas ähnliches mit Boccaccios Renaissance-Konzeption anstellt wie Prior durch die Aufkündigung der Möglichkeit eines “Triumphes der Wahrheit” (Rubens). “Mundus est fabula” platzierte Jam Baptist Weenix 1647 auf seinem Porträt von René Descartes (vgl. Petra Gehring, W. M. Ueding: Diagrammatik und Philosophie, 1992, S. 84, Anm. 12). Daraus wurde teilweise die bis Voltaire reichende Polemik, die Wissenschaft des Descartes sei nur ein Märchen (vgl. auch Jürgen Goldstein: Kontingenz und Rationalität bei Descartes, 2007, S. 182).

Jan Baptist Weenix (1621-1659), Portrait des René Descartes (1596-1650), Öl auf Leinwand, ca. 1647-1649; © Collectie Centraal Museum, Utrecht/Ruben de Heer.

4. Doch was ist mit der Fabel?

Für eine Originalität Matthew Priors sprechen noch einige weitere Indizien. So wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts wegen u.a. der Pest die spätmittelalterliche Badekultur beendet durch Verbote der öffentlichen Badestuben, erst im 17. Jahrhundert sollte sich das mit der Einführung von Fluss- und Seebadestätten wieder ändern. Zugleich transformiert sich bis zum Tod Priors das Verhältnis der adeligen und bürgerlichen Schichten zur Nacktheit beim Baden: “Unübersehbar wird der Wandel im Umgang mit Nacktheit im Vergleich der Verhaltensweisen gegen Anfang des 17. Jahrhunderts mit denen in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Während man zu Lebzeiten von [Hippolyt] Guarinonius [1571-1654] noch äußerst leicht bekleidet ins Bad geht, begegnet man etwas über 100 Jahre später sehr umfangreichen Garderoben im Bad. Nun zieht man sich nicht mehr aus zum Baden, man zieht sich um” (Oliver König: Die Nacktheit beim Baden, 1999, S. 4). Ein früher Bestseller über Badekuren war 1702 ein Engländer Sir John Floyer, “Psychrolousia. Or, the History of Cold Bathing: Both Ancient and Modern. In Two Parts”, das bis 1738 sechs Auflagen hatte und ins Deutsche übersetzt wurde. “This [Tunbridge Wells] is now the oldest watering place but one; Bath having been visited as such early in the 17th century” (A Guide to all the Watering and Sea Bathing Places in England and Wales, 1824, S. 35).

Schließlich ist die Art und Weise, wie Prior seine allegorischen Personifikationen entwickelt, untypisch für seine Zeit: “Though personifications was held in high esteem among the ancients, the Queen Anne poets used it much less frequently than English poets who wrote later in the eighteenth century. More remarkable is the fact that the poets of the first part of the century developed their personifications less fully than those who came later. An extended treatment of abstractions like that in Prior’s story of the misadventure of Truth and her sister Falsehood […] is rare” (Mary Elizabeth Cox, Realism and Convention, 1960, S. 109).

A. Das Urteil des Herkules am Scheideweg

Doch was ist mit der Fabel? Gibt es wirklich keine Vorlagen? In seiner Dissertation von 1969 schreibt Glenn Clever: “William Shenstone similarly restricts the possible appeal of his moral allegory ‘The Judgement of Hercules’ [1741] in which Hercules chooses Virtue over Vice, whereupon Vice vanishes. Matthew Prior adopts the same form in his brief tale ‘Truth and Falsehood. A Tale’ in which Falsehood induces her girl friend [sic!] to go swimming then runs off with her clothes so that ever after Falsehood appears in the guise of Truth, while Truth herself goes naked. Prior, by rendering his abstractions into concrete girls, and by the grace of his style, makes his story eminently tolerable reading even today, just as Ramsey does” (Glenn Clever: Narrative Poetry in Early-Eighteenth-Century England, 1969, S. 189f.).

Annibale Carracci: “Die Wahl des Herkules”, 1596.

Der im dem 5. Jahrhundert v. chr. Z. lebende Sophist “Prodicus of Ceos, relating how the young Heracles, as he walked alone one day, was suddenly confronted by a crossroad that branched out into two divergent paths. While baffled as to which path to take, he was joined by two young women named after the qualities they personified: Arete (or Virtue) and Kakia (or Vice). Each was dressed appropriately to her role, ‘Virtue handsome and noble in mien, her body clothed in purity and her eyes in modesty… Vice plump and soft, with a complexion not left to nature, a wandering eye, and a dress revealing rather than concealing her charms'” (M. Davies 2013, S. 3). Wie Erwin Panowsky 1930 in seinem Kapitel “‘Hercules Prodicius’, die Wiedergeburt einer griechischen Moralerzählung im deutschen und italienischen Humanismus” ausführt, veränderte sich die bei Xenophon überlieferte Story bereits vor Prior in eine für eine Verschmelzung mit der Nuda Veritas entscheidende Richtung:

“Nur eine Veränderung ist auch für uns von allergrößter Wichtigkeit: Zu einem bestimmten Zeitpunkt und innerhalb eines ganz bestimmten Kulturkreises wird die ‘Tugend’ häßlich.” (S. 50) Genannt wird zuerst Justinus Martyr und dann insbesondere Philostrat der Ältere (2. / 3. Jh.), welcher die Herkulesfabel dem “Gymnosophisten Thespesion” in den Mund legt in einer Auseinandersetzung mit Apollonius von Tyana mit dem Zusatz: “[S]ie würde nackt einhergehen, wenn sie nicht wüßte, was dem weiblichen Geschlecht geziemt” (Vita Apollonii Tyana VI, 10). Schließlich wird Basilius (4. Jh.) als dritter “kynischer” asketischer Vertreter dieser Tradition zur Vorlage eines Auszugs in Sebatian Brants “Narrenschiff” (1494). Als Zeitgenosse Priors hatte sich z.B. Anthony Ashley Cooper Shaftesbury, “A notion of the historical draught or tablature of the judgment of Hercules” (1713) mit der Fabel ausführlich auseinandergesetzt. Hier geht es um “Virtue” und “Pleasure”. Auch wurde es üblich, mit dem Stoff satirisch zu spielen, bis hin zu dem “Porträt” eines damals sehr bekannten Schauspielers durch Joshua Reynolds, “David Garrick between Tragedy and Comedy” (1760-61). Andere hatten bereits zuvor die Figur des Herkules ersetzt, zunächst träumend statt wach stehend, z.B. in Raffaels “Vision eines Ritters” oder “Traum des Scipio” von 1504, häufig durch einen jungen Fürsten oder Ritter, und beim Traum konnte, so die Beispiele bei Panowsky, auf den Fluß Lethe angespielt oder der Träumende an einer Quelle platziert werden. Dennoch: Stammen Badeszene und Kleiderdiebstahl aus Priors Erfindungsreichtum?

B. Maître Chat, Hermes und die Aesopica

Einer der als Märchen bekannten Stoffe, in denen beides vorkommt, ist “Der gestiefelte Kater” (KHM 33a). Seine direkte Vorlage ist “Le Maître Chat ou le Chat botté” in Charles Perraults “Histoires ou contes du temps passé, avec des moralités: Contes de ma mère l’Oye” (1697). Scheinbar unabhängig von dieser Version findet sich der Stoff bereits als “Costantino Fortunato” in Giovanni Francesco Straparolas “Ergötzlichen Nächte” (11,1) und als “Cagliuso” in Giambattista Basiles “Pentameron” (2,4). In einer von mehreren Episoden betrügt der gestiefelte Kater den König, indem er behauptet, sein Herr, des Müllers Sohn, den er aber als Grafen vorstellt, sei das Opfer eines Kleiderdiebstahls beim Baden geworden. In der Aarne-Thompson-Uther Classification of Folk Tales (ATU) wird diesem Stoff die Nr. 545 zugeordnet (“The Cat as Helper”).

Nun versteckt sich wahrscheinlich hinter der Katzenfigur der antike Gott Hermes: “Hermes, der Flügel an den Sohlen trägt, war den Griechen in Stadt und Land die verbreitetste Schutzgottheit, Hüter der Straßen, Wege und Gutsgrenzen, des Eigenthums und Hausfriedens. […] So wird der gestiefelte Gott des Eigenthums gar noch zur rammelnden Naschkatze” (Ernst Ludwig Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau, Band 2, 1856, S. LV). Tatsächlich ist Hermes auch eine häufige Figur in den Aesopica. Und von Eratosthenes (3.-2. Jh. v. chr. Z.) ist in Fragmenten ein Gedicht “Hermes” erhalten, dass eine Badeszene enthält: “And indeed once when his mother [Maia] was bathing together with her sisters, having escaped their notice he (Hermes) stole their clothes; beiing naked they were at a loss what to do. Having aroused a laughter on account of this, he returnes the clothes to them” (Athanassios Vergados: The “Homeric Hymn to Hermes”. Introduction, Text and Commentary, 2012, S. 90; die Geschichte findet sich auch in den Scholien zur Ilias).

Albrecht Dürer: “Ambraser Kunstbuch. Allegorie auf die Beredsamkeit” (Hermes mit vier irdischen Gestalten: Frau, Krieger, Gelehrter und Bürger), 1514.

In der aesopischen Fabel “Prometheus and Truth” tauchen im Kontext einer kleinen Schöpfungsmythe zudem bereits Wahrheit und Falschheit (“Trickery”) auf (Perry 535 = Phaedrus App. 5), allerdings in einer Feuerofenszene. Niccolò Perotti (1429-80) machte daraus in seinem “Appendix Perottina” ein Gedicht “Prometheus et Dolus” (“Prometheus and Trickery”), mit dem Untertitel “De ueritate et mendacio” (‘Of Truth and Falsehood’). Daneben gibt es die Fabel “Prometheus and the two Roads” (Perry 383 = Life of Aesop 94), mit der Anmerkung: “In another version of the story (manuscript ‘G’), the allegory is attributed to Tyche, the goddess of fortune or fate, rather than to Prometheus. There are some obvious similarities between this story and the famous account of Heracles choosing between two roads” (ebd.). Auch “Truth in the Wilderness” (Perry 355 = Babrius 126) dreht sich um Wahrheit und Lüge:

“A man was journeying in the wilderness and he found Truth standing there all alone. He said to her, ‘Ancient lady, why do you dwell here in the wilderness, leaving the city behind?’ From the great depths of her wisdom, Truth replied, ‘Among the people of old, lies were found among only a few, but now they have spread throughout all of human society!'”

Bereits der griechische Text wird durch ein Epimythium ergänzt: “If you want to hear my opinion: the way people live these days is scandalous!”.

C. Fabeln mit wenigen Motivparallelen

Nun ist die Hermes-Badeszene sehr rudimentär. Ihr fehlt etwas. Man könnte es als eine Art Transformationsprozess beschreiben, der sowohl beim gestiefelten Kater (Müller wird Graf), als auch bei der Variante des Maggid of Dubna (Erkenntnis von Nacktsein statt Altsein) vorhanden ist. Auch bei Prior ist das vorhanden: Die nackte Wahrheit ist scheinbar unabänderlich anders als diejenige bekleidete Wahrheit vor dem Badeerlebnis. Dieser Wandlungsprozess wird in allen drei Fällen durch die Falschheit bzw. die hermetische Katze eingeleitet. Die Differenz zwischen Prior und der Version des Rabbis (aber auch beim gestiefelten Kater) ist der dabei augenscheinlich werdende Dualismus, der nahezu gnostisch wirkt (eine frühe Zarathustra- bzw. Zoroaster-Rezeption kann ausgeschlossen werden: Hyde 1700 fasst wohl alles zu dieser Zeit Bekannte zusammen, in Verbund mit einer Übersetzung des Sad Dar; siehe dort im Kapitel 62: “It is said in revelation that one truthful man is better than a whole world [‘halam] speaking falsehood”, vgl. Michael Stausberg: Zoroaster as Perceived in Western Europe after Antiquity, 2005; die “Twin Spirits” Wahrheit und Lüge in Yasna 30 – Prior noch nicht verfügbar 1720 – lassen “Kleidung” gerade nicht zum Signum einer Doppeldeutigkeit werden: “Of these twin spirits, the false ones did choose the worst deeds but the holiest spirit, the one having pure mind and being clothed with the imperishable light of knowledge chose the truth.”; das “Gute” hat es hier zwar schwerer, aber ansonsten erinnert die Stelle deutlich an die ebenfalls noch eher religiöse Verwendung der “nuda veritas” bei Laktanz).

Thomas Hyde: “Historia religionis veterum Persarum eorum que magorum”, 1700.

Gesucht ist also eine Vorlage, in der eine Badeszene vorkommt, ein Kleiderdiebstahl und ein Erkenntnis- oder Wandlungsprozess. Aber auch die anderen Elemente sollten im Blick bleiben: (bei Prior) zwei Protagonist*innen, sowie (bei Herkules auf dem Scheideweg) die Entscheidung (bei Prior wäre demnach der “entscheidende” Protagonist getilgt). Bei ATU 613, “The Two Travelers: Truth and Falsehood”, ist die moderne Bezeichnung der Fabel irreführend und dürfte sich der späten Entdeckung eines altäyptischen “Originals” der Geschichte, “The Blinding of Truth by Falsehood”, verdanken (siehe aber die ungarische Erzählung “The Travels of Truth and Falsehood”, belegt in einer Sammlung von 1889). Allerdings handelt es sich wie in der Version des Maggid of Dubna hier um zwei Brüder, so auch bei Giambattista Basile 1634 in seiner Fabel “Li Dui Fratielle” (hier ist die Blendung aber bereits im übertragenen Sinn zu verstehen: “[S]o drehte er dem Brunnen seiner Augen den Hahn auf”). Auch “De Wilde Mann” (ATU 502; vgl. auch Catalogue Delarue Teneze Conte Type T502 für frz. Versionen des “Märchens”) lässt zwei ungleiche Protagonisten, “Wilder Mann” und Kaiser, aufeinandertreffen, letzterer verleugnet zunächst die Hilfen des ersteren, erfährt aber auch einen Erkenntis- bzw. Wandlungsprozess (nicht nur das basale Motiv verbindet diese Geschichte mit derjenigen der ersten Tafel des Gilgamesch-Epos, wo Gilgamesch als Vertreter einer zivilisierten Welt den “wilden” Enkidu durch eine Kurtisane verführen lässt, so dass ihn seine “Herde” verlässt und er in die Stadt kommt, vgl. auch Tzvi Abusch, Emily West: The Tale of the Wild Man and the Courtesan in India and Mesopotamia. The Seductions of Ṛśyaśṛnga in the Mahābhārata and Enkidu in the Epic of Gilgamesh, 2007). In der jüdischen Erzählung bzw. biblischen Episode “Susanna im Bade” beobachten zwei angesehene, alte Männer die verheiratete Susanna beim Baden, belästigen sie sexuell und klagen sie danach öffentlich des Ehebruchs an. Nur durch ein Eingreifen des Propheten Daniels und eine salomonische Befragung der Zeugen (ein Kreuzverhör) kommt Susanna dennoch zu ihrem Recht. Hier gibt es eine Badeszene sowie Wahrheit und Lüge. Die Verleumdung allerdings als Kleiderdiebstahl im übertragenen Sinn zu deuten wäre doch etwas weit hergeholt.

Tatsächlich weit verbreitet (und alt) scheinen Erzählungen des Typs 400 (“The Quest for a Lost Bride”) bzw. 413 (“Marriage by Stealing Clothing”), auch als “Schwanenmädchen” zusammengefasst: “Ein Sagenmotiv ist, dass ein unverheirateter junger Mann einer Schwanenjungfrau eine Feder ihres Hemdes stiehlt und sie dadurch daran hindert, wieder zum Schwan zu werden und ihm zu entfliehen, und so erreicht, dass sie ihn heiratet” (Wikipedia). Allerdings ist die erwähnte weite Verbreitung philologisch rekonstruierbar. Die japanische Version “Hagoromo Densetsu” (jap. 羽衣伝説) im Afumi-Fûdoki (8. Jh.) “ist zweifelos indischen Ursprungs und mit dem Buddhismus nach Japan gekommen” (Karl Florenz: Japanische Mythologie. Nihongi, 2014, S. 305f., Anm. 1). Die Menschwerdung eines göttlichen Wesens entfällt allerdings bereits bei den Plejaden in der Hermes-Episode, auch wenn diese mit anderen Göttern gemeinsam (bei Merope aber mit dem sterblichen Sisyphos) menschliche Nachfahren hatten. Es ist also wahrscheinlich einerlei, ob man diese Ähnlichkeit als Zufall einstuft oder daraus eine allgemeine Märchenpsychoanalyse kreiirt, welche schwierige Geschlechterkonzepte mythisiert. Jedenfalls besteht kein Grund, eine notwendige historisch-philologische Verbindung zwischen diesen unterschiedlichen Fixationen männlichen Blickes auf apotheotisierte nackte weibliche Körper anzunehmen.

Kimura Buzan (1876-1942): “Hagoromo”, Shizuoka Prefectural Museum of Art, Japan ( 日本語: 羽衣 木村武山筆), späte 1920er, frühe 1930s.

D. Der König im Bade

Im Verfasserlexikon, Bd. 5, Sp. 72ff. gibt es einen Artikel “König im Bad”: “Mirakelerzählung des frühen 13. Jh. in Reimpaaren” (18 Hss. vom frühen 14. bis zum frühen 16. Jh., drei Drucke). Demnach wurde diese lange fälschlich dem Stricker als Autoren zugeschrieben, “[e]in ungenannter mächtiger König mißachtet die Botschaft des ‘Magnificat’ Deposuit potentes et exaltavit humiles (Lc, 1, 52 [Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen; Anm. C.W.]) und läßt die Nennung des Verses in seinen Reichen verbieten. Eines Tages, im Badehaus, nimmt ein Engel seine Gestalt an, und er selbst wird als Narr verspottet und nackt auf die Straße geworfen. Weder sein Schenk und enger Ratgeber noch seine Gemahlin erkennen den Gedemütigten. Schließlich klärt ihn der Engel auf, er bereut seine vnrehte hochvart (v. 2), kommt ‘zu sich’ (ich weiz nu rehte, wer ich bin 332) und macht sein Erlebnis öffentlich bekannt”. Außerdem wird auf eine “sozial und politisch individualisierende[.] frühere[.] Fassung Herrands von Wildonie” hingewiesen (Sp. 73). In dessen Artikel (Band 3, Sp. 1144ff.) wird “Der nackte Kaiser” paraphrasiert: “Gorneus vernachlässigt im Streben nach weltlichen Besitz seine Herrscherpflichten und wird durch einen Engel, der ihn ins Elend stößt und als Doppelgänger diese Pflichten exemplarisch wahrnimmt, zur rechten Einsicht geführt”. Zum Dichter gibt es einen “Lebenslauf von 1248 bis 1278”. Die wahrscheinlich einflussreichste Überlieferung ist diejenige im Ambraser Heldenbuch (1504-1516/17; dort gefolgt von “Die Katze” desselben Dichters).

Eine lateinische Version findet sich in der Gesta Romanorum (Joseph Klapper, Erzählungen des Mittelalters in deutscher Übersetzung und lateinischem Urtext, 1914, S. 50f. Nr. 34; u. S. 259f. Nr. 34 [lat.] = ed. Oesterley Nr. 59 = Dick (Innsbrucker Handschrift) cap. 148; 1. Hälfte 14. Jh.). Brigitte Weiske (Gesta Romanorum: Band 1. Untersuchungen zu Konzeption und Überlieferung, 2015, ‘Jovinianus’ [J 148; Oe 59; M 39] S. 134ff.) geht von einer gemeinsamen Vorlage aus, von der auch Herrands von Wildonie “Der nackte Kaiser” abhänge, dieser gibt aber eine tiutsche cronica als seine Quelle an, in der das maere […] ungerîmt vorlag (S. 138, Anm. 26). Außerdem stellt die Autorin (S. 145) in Bezug auf eine Episode der Erzählung einen Vergleich mit der Odyssee an (XVII, 291 ff.): “[W]ährend Odysseus von allen außer seinem Hund verkannt wird, erkennt den vollkommen seiner selbst beraubten Jovinianus nicht einmal sein Hund” (Odysseus war als Sauhirte verkleidet heimgekehrt).

Mit dem “König im Bade” verwandt: “Des Kaisers neue Kleider”, Illustration von Vilhelm Pedersen, 1849.

Herrmann Varnhagen schließlich (Ein indisches Märchen auf seiner Wanderung durch die asiatischen und europäischen Litteraturen, 1882), geht von drei indischen Versionen einer Erzählung um König Vikramaditya aus, stellt fest, “daß überhaupt Sagen von letzterem auf [König] Salomo übergegangen sind” (S. 15):

“Die älteste unter ihnen dürfte die folgende sein, die sich u.a. im jerusalemischen Talmud findet, dessen Redaktion um das Jahr 350 n. Chr. gesetzt wird: Gott sagt zu Salomo: ‘Was soll diese Krone auf deinem Haupte? Steig herab von deinem [andere Redaktion: meinem] Throne!’ Zur selben Stunde stieg ein Engel hernieder, nahm die Gestalt Salomos an und nahm dessen Thron ein […]”

(Varnhagen 1882, S. 16).

Noch gibt es keine Badeszene. Varnhagen macht von da ausgehend slawische, türkische und arabische Versionen abhängig. Dem “abendländische[n] Grundtext” wird “eine Verschmelzung einerseits von Zügen der Salomo-Legende, andererseits des indischen Märchens, von dessen verschiedenen Gestaltungen die des Pantschatantras [vgl. Theodor Benfey: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen, 1859, S. 124: “Vom König, der durch unbedachte Rede seinen Leib verliert”] ihm am nächsten steht [, zugesprochen…]. Außerdem sind einzelne neue Züge hinzugekommen, so namentlich der, daß die Katastrophe erfolgt, während der König sich im Bade befindet” (S. 24; hier könnte nun doch die Hermes-Episode Einfluss gezeigt haben). Varnhagen vermutet dabei, “so ist man wohl zu der Annahme berechtigt, daß unsere Legende ihren Weg von Arabien in das byzantinische Reich und dann von hier aus weiter ins Abendland gefunden hat” (S. 25; hier ist ATU 1620 = “Des Kaisers neue Kleider” eher eine vergleichsweise späte Variante).

“Solomon entthront mit Engeln, Tieren und Dämonen” (Nr. 2002.50.37), Rückseite; auf der Vorderseite Shi’a-Siegel; aus einer Handschrift des Shahnama von Firdawsi, 1575-90, entstanden in Iran, Shiraz, Salawidische Periode, persisch, Harvard Art Museums.

Der Zusammenhang hat in der Geschichte des Antisemitismus auch bereits einen Ort, insofern z.B. Christoph Daxelmüller (“Volkskunde – eine antisemitische Wissenschaft?”, in: Hans Otto Horch und Horst Denkler [Hrsg.]: Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur vom Ersten Weltkrieg bis 1933/1938, 1993, S. 190-226, hier S. 211, Anm. 76) zu Franz Maria Goebels Doktorarbeit “Jüdische Motive im märchenhaften Erzählungsgut. Studien zur vergleichenden Motiv-Geschichte” (1932), der diese Salomon-Legende S. 90ff. thematisiert, schreibt: “Ähnlich wie die zahlreiche antisemitische Äußerungen enthaltende Dissertation von […] Goebel […] stritt auch Josef Prestel (Märchen als Lebensdichtung […] 1938) den Juden die Anlage zum Märchen ab. […]”. Bereits in dem Aufklärungsbuch “Entstelltes, Unwahres und Erfundenes in dem ‘Talmudjuden’ … A. Rohling’s” von Rabbi Theodor Kroner (1871, S. 19) korrigiert dieser eine antisemitische Quelle, welche sich darüber mokiert, dass “[d]ie hohe Schule, in der Gott selber sammt den Engeln im Himmel studirt, […] nach dem Talmud auch Aschmodai, dem König der Teufel, geöffnet [ist], der alltäglich zum Firmament hinaufsteigt und dort lernt”. So heißt in einigen Varianten die Figur in der Engelposition – ohne genauere Markierung z.B. als “Dämon” (siehe insbesondere für die christliche Bedeutung als ein solcher auch den Wikipedia-Artikel zu “Asmodäus”). Neben der Aufklärung, dass eine solche Sage eben einen anderen Stellenwert in der jeweiligen Religion einnimmt als ein Heiliger Text, so auch im Christentum, ist vor allem eine moraltheologische Frage des Rabbi Kroner von Interesse: “Ist nicht diese poetische Ausstattung des Teufels viel sittlicher, religiöser als der Gedanke vieler anderer Menschen über den Teufel?” (S. 20). Die im christlichen Kontext nur mehr über Hiob deutlich bekannte monistische Inanspruchnahme des Teufels als einen speziellen Diener Gottes steht dem Unverständnis eines nahezu obligatorischen strengen Dualismus gegenüber, so dass eine solche sogar letzterem zum Ansatzpunkt antisemitischer Hetze werden kann.

In der Sage wird sich der nackte Kaiser übrigens später in den Teufel verwandeln: so in einer ukrainischen Sage, in der Gott dem Satanael beim Baden das Gewand stiehlt (“In demselben Gewände litt später Jesus Christus am Kreuze”), oder in serbischer Variante der Erzengel Michael dem Teufel die Sonne (Oskar Dähnhardt, Natursagen. Eine Sammlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 136ff.).

5. Fazit

In “Paradigmen zu einer Metaphorologie” von Hans Blumenberg (in: Archiv für Begriffsgeschichte. Band 6 [1960], S. 5-142) gibt es ein Kapitel zur nackten Wahrheit (in der englischen Ausgabe 2010, S. 40-51), das von der bekannten Stelle bei Laktanz ausgeht. Ohne auf die Metaphorologie besonders einzugehen, zu dieser Blumenberg wichtigen Metapher schreibt er, “this metaphor does not mean to bring anything into the concept of truth; […] nakedness likewise splits into unmasking, into the uncovering of deception, on the one hand, and shameless unveiling, the violation of a sacred mystery, on the other” (S. 41). Interessant ist dabei, dass Blumenberg mit seinen noch etwas weiter reichenden Ausführungen offenbar selbst nicht zufrieden ist und sich wiederum dichterische Hilfe holt:

“An agressive aphorism from Franz Werfel’s ‘Theologumena’ will perhaps make clearer what is intended here: ‘The naked truth, the nuda veritas, is the whorish bride of the barbarian. Culture begins at the exact moment when something is to be hidden, in other words, with an awareness of original sin (Adam’s fig leaf is the first document of culture). Regression into barbarism, however, begins at the exact moment when what is hidden begins to be uncovered, that is to say, with psychology’.” (Ebd.).

Zwei Jahre nach Gérôme malte Édouard Debat-Ponsan “Nec mergitur, oder Die Wahrheit verlässt den Brunnen” (1898), Hôtel de ville d’Amboise, Frankreich. Katholischer Klerus und Militär halten die Wahrheit zurück. Hier ist die Wahrheit mit einem Spiegel und nicht mit einer Peitsche ausgestattet.

Frühestens mit Boticellis Midas-Darstellung (“There are two women in attendance to Slander, one is Fraud and the other Conspiracy”), spätestens mit den Pamphleten um den “Popish Plot” wurde die Metapher der nuda veritas anschlussfähig für strukturell antisemitische Inhalte. Die “wahrhafte” Historia ist dabei in doppelter Hinsicht relevant, sowohl innerhalb des poetologischen Konzepts der Renaissance nach Boccaccio als auch in der “Regression” in eine mythische Zeit, auch – was Protestantismus und Hermetismus wie Humanismus eint – im Bestreben “ad fontes” (zu den Quellen, vgl. auch das Stichwort “Anciennität” im Artikel “Esoterik und alternative Spiritualität von A bis Z”, 2017). Das Problem ist dabei allerdings nicht diese Philologie jener Quellen selbst:

“Der Antisemitismus beharrt dagegen [gegenüber Konzepten einer linearen Zukunft, die Michael Blume in seinen Überlegungen zu “semitischen” Traditionen mit der Entwicklung der Alphabet-Schrift in Verbindung bringt; Anm. C.W.] auf dem zirkulären Zeitverständnis und erlebt den Fortschritt [also im Grunde bereits denjenigen der linearen Schrift; Anm. C.W.] als drohenden Verfall. Nicht ‘naive’ Hoffnung, sondern ein schonungsloses ‘Aufwachen’ gegen die Verderber und Verschwörer und ein gnadenloser Kampf seien der einzige Ausweg”

(Michael Blume: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht, 2019, S. 106, vgl. auch das Interview mit ihm bei uns: Antisemitismus: “Wir erleben einen digitalen Neuaufbruch des Verschwörungsglaubens”, 2019).

Aber das alles unterscheidet sich noch in einem bestimmten Punkt von Matthew Priors Fabel und der zusätzlich verlorenen nackten Wahrheit. Die Moderne wäre demnach auf Bildebene gerade nicht mehr als produktiver Pakt von Wahrheit und Dichtung unter Beteiligung von Geschichte, Zeit und Freiheit zu verstehen, sondern – in einer nihilistisch-solipstischen Wendung – als die unwiderbringliche fortlaufende Entfernung von der Wahrheit im Medium der Falschheit. Prior entwickelt, indem er Boccaccio verwirft, ein modernes Konzept der “Authentizität”. Das wird noch deutlicher, wenn man die politische Note noch einmal betont, wem sie noch nicht ins Auge gefallen ist: Prior gibt der Wahrheit die Position des nackten Kaisers und der Falschheit diejenige des Engels in Gottes Auftrag aus der Salomonlegende (und um ihn ging wiederum eines seiner Hauptwerke). Auf eine gewisse Weise sitzt also im Internet-Mem von 2018 ein nackter Kaiser im Brunnen.

Möglicherweise erklärt Friedrich Dürrenmatt in seinem Essay „Theaterprobleme“ (1955) unbeabsichtigt diesen radikalen Schritt Priors. Der Essay ist ein an einem spezifischen (und problematischen) Konzept der Moderne entwickeltes Plädoyer für die Komödie und ein Ende der klassischen Tragödie:

“Die Macht Wallensteins ist eine noch sichtbare Macht, die heutige Macht ist nur zum kleinsten Teil sichtbar, wie bei einem Eisberg ist der größte Teil im Gesichtslosen, Abstrakten versunken“. Es wird eine Verfallsgeschichte erzählt, an deren Ende die „Wurstelei unseres Jahrhunderts“ steht: „[I]n diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt“. Da wird am Ende sogar Hitler entschuldigt als eine nur noch „zufällige, äußere Ausdrucksform[..] dieser Macht […], beliebig zu ersetzen, und das Unglück, das man […mit ihm; Anm. C.W.] verbindet, ist zu weitverzweigt, zu verworren, zu grausam, zu mechanisch geworden und oft einfach auch allzu sinnlos“ (eigentlich geht es um „Hitler und Stalin“). Ein „Kehraus“ bezeichnet nach Wikipedia bzw. Duden „die Schlussphase von Tanzveranstaltungen, abgeleitet vom ‚Auskehren‘ aufgrund der langen Ballkleider der Tänzerinnen“.

Ob Dürrenmatt die Fabel kannte? Als sozusagen Prototext eines modernen Antisemitismus lässt sich an ihr aufzeigen, dass es offenbar 1720 einen Bruch gegeben hat, der nicht nur lediglich an ursprünglichen und derweil verborgenen Geheimnissen interessiert ist, sondern die ganze moderne “mundus est fabula” – die Welt ist Fabel – und als solche steht sie der abgeschlossen verlorenen Wahrheit im Weg. Von da ist es nur ein kleiner Schritt, sie auch beiseite zu räumen. Vielleicht auch mit Gewalt. Ein solches in Bezug auf die Aufklärung wörtlich reaktionäre Verständnis von Moderne enthält in sich die Virtualität des Weltenbrands.

Christoph Wagenseil

Ich danke der Unterstützung durch die Facebook-Gruppe “Kritische Geschichte”.

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