Warum Unpolitischsein nicht “neutral” ist

“Ich beschäftige mich nicht mehr mit Politik”, sagte sie. “Das hat mir nicht gut getan. Immer diese negativen Nachrichten. Da wurde ich richtig depressiv”. Wenn müsse man sich “voll und ganz der Politik” zuwenden. Aber so, sei es besser, keine Nachrichten zu schauen, für die innere Ausgeglichenheit. Die Leute, die sich andauernd mit Politik beschäftigen, seien ja unglücklich, man merke das sofort. Besser Yoga machen, das eigene Glück jenseits dessen suchen. Gesundwerden an und in sich selbst, anstatt die Lösung in der Politik, d.h. außerhalb von einem selbst, zu suchen. Eine solche unpolitische Haltung ist gerade nicht “neutral”, sondern gefährlich.

Symbolbild eines Yoga-Praktizierenden, fotografiert von Bhavesh Malhotra, Public Domain.

Es geht gerade nicht darum, allgemein Esoterik, Spiritualität oder das Gesundwerdenwollen in ein schlechtes Licht zu rücken. Yoga benötigt diesen gedanklichen Überbau nicht, auch dann nicht, wenn zugleich Yoga als eine Form vedischen Erbes begriffen wird oder eher als spirituelle Praxis, denn als “Gesundheitssport” praktiziert wird. So ähnlich, wie die vielen Praktiken und Teillehren z.B. einer Anastasia-Bewegung nicht den Überbau eines radikalen Dualismus benötigen (vgl. dazu diesen Artikel vom April 2019).

Andersherum muss man dieses “gesunde” Unpolitischsein auch gar nicht spirituell begreifen. Das geht auch ganz ohne Esoterik, und dann ist es z.B. eine Sportart oder es sind bestimmte Konsumvorlieben, Kunst o.ä., was an die Stelle des hier genannten Yoga rückt. Es ist gerade keine irgendwie “sektiererische” oder “heterodoxe” Anschauung. Im Gegenteil: Es ist vielmehr eine hegemoniale Vorstellung, die stark verbreitet ist, wenn auch manch Säulenheilige(r) des Alltags sie vielleicht besonders anschaulich repräsentieren mag.

Nur ist das überhaupt ein demokratisches Politikverständnis? Offensichtlich, so ließe sich polemisieren, ist es eine Super-Einstellung für “Untertanen” in einer nicht-demokratischen Autokratie. Allerdings würde hier das “Sich-Voll-und-Ganz-der-Politik-Widmen” auf eine Revolte hinauslaufen. Es klingt jedenfalls weniger nach einem Engagement in einem Verein oder einer NGO, das vielleicht auch in der einen oder anderen Autokratie denkbar wäre. In einer solchen Autokratie würde man aber wahrscheinlich nicht einmal mehr diese Art der Formulierung verwenden, denn dort klingt es eben sofort nach irgendeinem gewaltsamen Widerstand. Nur dort würde es eben auch keinen Sinn machen, sich anderweitig als in den genannten Formen mit “Politik” zu beschäftigen. Diese kritisierten Anderen, die aus der eingangs zitierten Anekdote aufscheinen, betreiben offensichtlich etwas anderes als gewaltsamen Widerstand. Sie machen sich schließlich vor allem selbst krank.

Die Anekdote spielt also genauso offensichtlich nicht in einer Autokratie, obwohl sie halb so tut, als ob sie in einer stattfinden würde: Man könne ja sowieso nichts ändern. Sie spielt also in einer modernen Demokratie. Es ist ein spezifisch moderner Mythos, da seine Voraussetzungen von der Möglichkeit der Partizipation ausgehen, diese aber wieder verwerfen. Diese Alltagsansicht hat also einen “extremistischen” Kern. Ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen. Denn selbst wenn der Begriff des “Kapitalismus” in einer Version der Anekdote, wo Rückfragen gestellt würden, vorkäme, besonders “links” klingt es eben gerade nicht, wenn am Ende “Partizipation” genauso wie irgendein “Widerstand” ausgeschlossen werden. Außerdem ist es dabei wichtig zu sehen, worauf sich der erschlossene unterdrückte Widerstandswillen bezieht. Wie schafft dieser es, das “Sich-Voll-und-Ganz-der-Politik-Widmen”, in einen Gegensatz zu denjenigen zu geraten, die sich bereits mit Politik beschäftigen und sich angeblich krank machten? Oder warum kann “die Politik” ein Problem darstellen, wenn zugleich die persönliche Lösung aus dem noch nicht ganz verstandenen Dilemma darin besteht, die Gründe für Probleme nicht mehr außerhalb der eigenen Person zu verorten? Wird damit nicht “die Politik” all derer, die durch Beschäftigung mit Politik “krank” geworden seien, zum eigentlichen Ziel des Widerstandes? Und gerade nicht die real vorfindlichen Ungerechtigkeiten, welche eine sozusagen ernsthaft “linke” Position im Auge hätte?

Ich hoffe, diese vorbereitenden Rückfragen an die kleine anfängliche Anekdote erlauben, dass das Folgende nicht einfach nur als “übertrieben” beiseite geschoben wird. Schließlich ist es “die Mitte” der Gesellschaft, die sehr häufig so argumentiert wie diese halbfiktive Yogapraktizierende. Schließlich bedarf es dieser seltsamen unpolitischen Position, um aus einer falschen Äquidistanz heraus, diejenigen, die sich im Netz gegen rechte Diskriminierungen wehren und nichts weiter tun als zu widersprechen, als genauso “polarisierend” und als “denunziatorisch”, eben als gleichsam “extremistisch” wie Neonazis einzuschätzen (und dann für sich anzugeben, Diskriminierungen “Politisch Andersdenkende*r” beobachtet zu haben, in Befragungen zu “Hass im Netz”, vgl. auch die neue Studie des IDZ Jena). Dabei sieht die oder der Unpolitische auf beiden Seiten Menschen agieren, die sich bereits mit Politik “krank” gemacht haben.

Hass im Netz. Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie. Eine bundesweite repräsentative Untersuchung, IDZ Jena 2019, S. 48, Abb. 11. Auf S. 24 heißt es in Bezug auf Fragen nach eigener Betroffenheit: “Dass mehr als ein Drittel (39%) angab, wegen ihrer politischer Ansichten Hassrede erfahren zu haben, offenbart eine ausgeprägte Rohheit der aktuellen Online-Debattenkultur in Deutschland. Weil Online-Diskussionen und Debatten zu politischen Themen oftmals sehr kontrovers geführt werden und heftige Reaktionen hervorrufen, umfassen sie zu einem bedenklich großen Teil auch verbale Angriffe. Die demokratische Debattenkultur bzw. die freie Meinungsäußerung und Willensbildung können dadurch empfindlich beeinträchtigt werden”.

Und damit kommen wir der in diesen Andeutungen halbbewussten Basis dieses Denkens näher. Denn “krank” macht in dieser Anschauung die Beschäftigung mit Politik ja nicht nur bei denjenigen, die unloyalerweise Nazis Nazis, Rechte rechts oder rassistische Äußerungen rassistische Äußerungen nennen. Gerade das Parlament einer Demokratie, die Abgeordneten ihrer Parteien, “die Politiker”, werden sich wohl kaum dieser krankmachenden Gefahr der Beschäftigung mit Politik entziehen können. Und gerade weil sie alle “krank” sein müssen, ist diese Ansicht nur ein Katzensprung davon weg, zu sagen, sie seien schlechte Menschen, die lügen. Die Abstinenz von der Politik durch den Unpolitischen als einer krankmachenden Angelegenheit ist nur eine radikal abgeschwächte Form des Pegida-Rufes von der “Lügenpresse”: Wer unpolitisch ist und diese Art der Begründung liefert, denkt eigentlich antisemitisch.

So, vermutlich ging Ihnen das jetzt doch wiederum zu schnell. Ich spüre Ihren Widerstand. Da hat sich doch wieder nur jemand zu viel mit Politik beschäftigt und dreht jetzt “links” durch. Dennoch bedenken Sie, Deutschland ist eben nun mal auch “postnationalsozialistisch”, es ist sehr wahrscheinlich, dass derartige Denkmuster wie diejenigen der nationalsozialistischen Ideologie sich nicht mit ein wenig Reeducation erledigt haben dürften. Seien Sie also zumindest ein wenig damit beruhigt, dass auch der Autor dieser Zeilen sich davon damit nicht freisprechen will. Es ist einfach unrealistisch zu behaupten, was mir schon als Widerrede begegnete, dass man “kein Gramm rechtes Gedankengut” in sich trage. Und es ist eben die Gesund-Krank-Opposition im Denken, verbunden mit einem Menschenbild, das damit gesunde von kranken Akteuren unterscheidet, von der aus die unpolitische Anschauung argumentiert. Der einzige Unterschied zum Nationalsozialismus und denjenigen Neonazis usw., von denen man sich dann doch distanziert, besteht darin, sich nicht “voll und ganz” der Politik zu widmen. Dennoch bestätigt das zwangsläufig die Perspektive dieser Neonazis, deren gewaltsame Überwindung der krankmachenden Politik deren Abschaffung bedeuten muss: Götz Kubitscheks “Ende der Party”.

Die Anschauung des Unpolitischen ist insofern auch eine weit verbreitete Folgeerscheinung der nationalsozialistischen Ideologie. Politik als eine krankmachende Angelegenheit anzusehen, das impliziert genauso wie bei den Nazis eine am Ende “jüdische” Weltverschwörung jener “verdorbenen”, “degenerierten” Akteure, nur man täte gut daran, sich nicht damit zu beschäftigen. Es ist zudem gerade keine Rezeption der Marxschen “Charaktermaske” etwa der “Kapitalisten”, insofern eben gerade nicht vielschichtige oder in sich gebrochene Identitäten angenommen werden, sondern eine radikale Aufteilung in Gesunde und Kranke maßgeblich ist. Und dabei gelten diese Kranken zudem als verloren und sind gerade nicht Gegenstand einer Solidarität, etwa als Mitleidende unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. Schließlich sind sie selbst schuld an ihrer Lage, da sie sich zu viel mit Politik beschäftigt haben und nicht etwa an ihrer Selbstheilung arbeiteten. Wahrscheinlich lag das von Anfang an in ihrem Wesen. Oder zumindest ist auch hier der Schritt zu einem “Euthanasie-Programm”, also wörtlich einem “guten Tod” als “Gnadenakt”, nicht mehr weit. Also in dem Falle, dass der oder die Unpolitische sich eines Tages dafür entscheidet, doch noch “voll und ganz in die Politik” einzusteigen.

Christoph Wagenseil

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