Ritueller Missbrauch im Satanismus? Rezension zum Fachbuch „Das trügerische Gedächtnis“ von Julia Shaw

Mit freundlicher Genehmigung der Beratungs- und Informationsstelle “Sekten-Info NRW” dürfen wir von REMID an dieser Stelle die Rezension von Bianca Liebrand wiederabdrucken. Es geht um “Das trügerische Gedächtnis” von Julia Shaw (Carl Hanser Verlag: München, 2016). Hintergrund sind “Empfehlungen an Politik und Gesellschaft” eines Fachkreises “Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen”, die dem Bundesfamilienministerium im April 2018 vorgelegt wurden. Das gelingt, indem behauptet wird, es gebe eine Art Kontinuum von organisiertem Verbrechen “mit kommerzieller sexueller Ausbeutung (Zwangsprostitution, Handel mit Kindern, Kinder-/Gewaltpornografie)”, in welchem schließlich eine “Ideologie zur Begründung oder Rechtfertigung der Gewalt” hinzukommen könne, dann “als rituelle Gewaltstruktur bezeichnet” (siehe Beitrag im Deutschlandfunk vom 27. Mai). Tatsächlich gibt es keinerlei polizeiliche Erkenntnisse über satanische Ritualmorde, es handelt sich vielmehr um eine (oft christlich motivierte) Verschwörungsmythe, selbst im sonst seriösen Deutschlandfunk wird unkritisch wiedergegeben, “[d]urch Drohung oder Manipulation verhindern die Täter, die zu allen Teilen der Gesellschaft gehören, dass die Betroffenen zur Polizei gehen”. Im religionswissenschaftlichen Diskurs hat sich der Begriff “satanic panic” etabliert für diese Art der “rekonstruierten” Aussteigerberichte. Auch der Jahresbericht 2017 der Beratungsstelle nennt “die Schilderungen von drei Klientinnen, die berichtet haben, dass sie sich nicht daran erinnern konnten, je in ihrem Leben mit Satanismus in Berührung gekommen zu sein. Aber verschiedene Therapeutinnen hätten versucht, genau dies ihnen einzureden und dadurch enorme Ängste bis hin zu Selbstmordgedanken bei ihnen ausgelöst” (S. 19).

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Wenn die “Theologie” der Religionskritiker*innen auf “konfessionslose” Islambilder trifft

Im “Freitag” finden sich aktuell zwei Beiträge zum Berliner Neutralitätsgesetz. Auf die Startseite als Empfehlung aus der Community geheftet wurde “Die Krux mit der Religion” von David Danys (24. Mai). Die Parteilinie der Linken in Berlin wolle für “Säkulare und gemäßigte Muslime und Muslima wie Atheisten und Atheistinnen mit islamischem Hintergrund, Vorkämpfer und Vorkämpferinnen einer emanzipierten Kultur in muslimisch geprägten Sphären” nicht das Wort ergreifen, sondern paktiere mit ihren islamistischen Unterdrückern. Daneben bzw. weiter oben steht der Beitrag von Cornelia Möhring und Christine Buchholz, “Gegen jeden Zwang – Das Berliner Neutralitätsgesetz beruht auf Vorurteilen, es macht Muslimas das Leben schwer”, ein redaktioneller Beitrag vom 28. Mai. Der Zwang, ein Kopftuch zu tragen, sei ebenso abzulehnen wie der Zwang, es abzusetzen. Dem ersten Beitrag nicht gänzlich unähnlich in der Argumentationsweise erschien ein Beitrag von Michael Schmidt-Salomon im Humanistischen Pressedienst, “Marx macht mobil. Der Marx-Hype in Trier und die linke Aversion gegen Religionskritik”, bereits am 8. Mai. Der Autor ist Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, die “keine ‘atheistische’, sondern – wie die meisten führenden Wissenschaftler heute – eine ‘naturalistische’ Position” vertrete, “[d]as heißt: Wir gehen davon aus, dass es im Universum ‘mit rechten Dingen zugeht’, dass weder Götter noch Geister noch Kobolde oder Dämonen in die Naturgesetze eingreifen”. Wie der letzgenannte Beitrag zeigt, geht es hier nicht allein um eine spezifische Diskussion eines besonderen politischen Milieus. Dennoch ist diese scheinbar paradoxe Situation möglicherweise auflösbar.

Bild von A Gude unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 2.0: Koran-Manuskript 12. Jahrhundert (Symbolbild).

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Religionsparodien – konstitutives Element einer entwicklungsoffenen Religionsfreiheit?

Der Titel meines Vortrages in Jena wurde mir vorgegeben: “Religionsparodien – wie damit umgehen?”. Man spricht auch von “Spaßreligionen”, angedacht ist eine vorgebliche religiöse Verehrung von fliegenden Spaghetti-Monstern oder rosaroten Einhörnern zum Zweck der Parodie von Religionen. Gerade eine Religionswissenschaft, welche essenzialistische Bestimmungen “der Religion” nach ihrem angedachten “Wesen” hinter sich gelassen hat und mit einem erweiterten Religionsbegriff arbeitet, steht vor dem Problem, formal diese Parodiereligionen wie eine neue religiöse Bewegung einstufen zu müssen. Allerdings zielt dann die Frage nach dem Umgang darauf ab, sie in irgendeiner Form auszuschließen. Ich will im Folgenden zeigen, wie folgenschwer problematisch das wäre. Es wird darauf hinauslaufen, dass Religionsparodien für Religionswissenschaftler*innen sogar von systematischem Interesse sein könnten.

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Interview: Religionswissenschaftler Michael Blume wird Antisemitismus-Beauftragter Baden-Württembergs


Michael Blume ist nicht nur mit diesem vierten Interview Rekordhalter im REMID-Blog – es ging um sehr verschiedene Themen wie Evolutionary Religious Studies, Yeziden in Kurdistan-Irak und Krise des Islam – er ist seit langer Zeit REMID-Mitglied und Vorreiter im Bloggen über “Religionswissenschaft aus Freude”, seit jetzt genau zehn Jahren (vgl. Von Glück und Motivation des Wissenschaftsbloggens – Danke Euch!, 21. April). Jetzt wurde Michael zum Antisemitismus-Beauftragten des Bundeslandes Baden-Württemberg ernannt.

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Satanismus in der Religionswissenschaft. Interview mit Buchautor Joachim Schmidt

Als ich seiner Zeit 2005 Praktikum bei REMID machte, wurden mir auch Publikationen aus dem REMID-Umfeld geschenkt, darunter das Buch “Satanismus – Mythos und Wirklichkeit” von Gründungsmitglied Joachim Schmidt, erschienen im vereinsnahen diagonal-Verlag zuerst 1992, damals handelte es sich um die 2. durchgesehene und aktualisierte Auflage von 2003. Jetzt ist das Buch neu im szenenahen second sight books Verlag herausgebracht worden. Anlass genug, den Autoren zu interviewen – zum real-existierenden Satanismus, zu Ängsten vor angeblichen Satanismen und zur Rolle des Themas in der Gesellschaft in den Jahren nach der Gründung REMIDs 1989.

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“Memento Mori – Death, Deconstruction and the Afterlife” – Studierendensymposium im Mai

Zum 25. Studierendensymposium im deutschsprachigen Raum in Leipzig vom 10. bis 13. Mai 2018, zu “Memento Mori – Death, Deconstruction and the Afterlife”, interviewte REMID aus dem Team der Organiator*innen Inge Fiedler und Andreas Hölke.

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Religion & Medizin: Ein Gespräch über Heil- und Heilungskonzepte zwischen den Disziplinen

Für gewöhnlich gehen viele davon aus, dass “Religion” und “Medizin” zwei völlig abgetrennte und verschiedene Bereiche des Lebens ansprechen. Dabei ist vielleicht zunächst überraschend, dass die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam mit der antiken Philosophie auch das Corpus Hippocraticum teilten und dass es auch in diesen Religionen überschneidende Zuständigkeiten von religiösen und medizinischen Experten gab und teilweise gibt, dass es also nicht allein die asiatischen, afrikanischen, ozeanischen und altamerikanischen Überlieferungen sind, denen eine potenzielle “Ganzheitlichkeit” zugeschrieben wird – und dass trotzdem die unmittelbareren Nachbarn im Medium hippokratischer Medizin verständlich blieben. Im Gespräch mit Christoph Wagenseil von REMID versucht Dr. Jürgen Dollmann, Mediziner und Religionswissenschaftler (Heidelberg), die mit den Disziplinen verbundenen Perspektiven zu verbinden. Neben Evidenz, Seelentheorien, den Potenzialen von Komplementärmedizin, Ethik in der religionswissenschaftlichen Feldforschung, kognitionswissenschaftlichen Ansätze und seelischer Chirurgie geht es dabei auch um Eindrücke vom Jahrestreffen des Arbeitkreises “Religion & Medizin” in der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft.

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Orixás in den Alpen: Eine teilnehmende Beobachtung innerhalb von Umbanda-Gruppen in Brasilien und Europa

Inga Scharf da Silva (Humboldt-Universität Berlin) arbeitet zu “Trauma als Wissensarchiv. Postkoloniale Erinnerungspraxis in der sakralen Globalisierung am Beispiel der zeitgenössischen Umbanda”. Man siehe zum Thema auch unsere Kurzinformation zu afroamerikanischen Religionen. Das folgende Interview mit ihr bietet dabei Einblick in ein Anwendungsbeispiel innerhalb einer zeitgenössischen Methodendiskussion in Kulturanthropologie und Ethnologie, welche im Grunde phänomenologische Zugänge reaktualisiert (vgl. u.a. Christoph Kleine im Interview: Quo vadis Religionswissenschaft? Wissenschaftliche ‚turns‘ und die Nabelschau Europas, 2016). Während heutige Religionswissenschaftler*innen sich gegen frühe Vertreter wie Rudolf Otto positionieren, welche mittels religiöser Gefühle dem Heiligen “in der Religion” nachspüren wollten, geht es im kulturanthropologischen Kontext darum, die “agency” spiritueller Entitäten ernstzunehmen (man vgl. Eberhard Raithelhuber: Über Artefakte und Agency, 2008; Andrew Kipnis: Agency between humanism and posthumanism. Latour and his opponents, HAU Vol. 5, Nr. 2, 2015; Parliament of things: Into Latour, [2017]) – hier aus der Perspektive eines Mediums.

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Neue Stiftungsprofessur in Leipzig: Religionskritik als Gesellschaftskritik?

An der Universität Leipzig wurde eine neue Stiftungsprofessur für Religionswissenschaft und Religionskritik eingerichtet. Ziel ist es die wissenschaftliche, nüchterne und positive Kritik von Religionen zu betreiben, ohne Religionsfeindschaft zu propagieren. Der suspendierte Priester und Autor Adolf Holl, der als „innerer Kritiker“ der katholischen Kirche wirkt, stiftete die Professur, was anfangs gar nicht so einfach war, wie unter anderem der Deutschlandfunk berichtete. Man siehe auch den Beitrag im Humanistischen Pressedienst (Nachtrag: und Jungingers Replik). Adrian Gillmann interviewte Horst Junginger für die Säkularen Sozialdemokrat_innen. REMID gibt das Interview mit freundlicher Genehmigung wider.

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