Religionsparodien – konstitutives Element einer entwicklungsoffenen Religionsfreiheit?

Der Titel meines Vortrages in Jena wurde mir vorgegeben: “Religionsparodien – wie damit umgehen?”. Man spricht auch von “Spaßreligionen”, angedacht ist eine vorgebliche religiöse Verehrung von fliegenden Spaghetti-Monstern oder rosaroten Einhörnern zum Zweck der Parodie von Religionen. Gerade eine Religionswissenschaft, welche essenzialistische Bestimmungen “der Religion” nach ihrem angedachten “Wesen” hinter sich gelassen hat und mit einem erweiterten Religionsbegriff arbeitet, steht vor dem Problem, formal diese Parodiereligionen wie eine neue religiöse Bewegung einstufen zu müssen. Allerdings zielt dann die Frage nach dem Umgang darauf ab, sie in irgendeiner Form auszuschließen. Ich will im Folgenden zeigen, wie folgenschwer problematisch das wäre. Es wird darauf hinauslaufen, dass Religionsparodien für Religionswissenschaftler*innen sogar von systematischem Interesse sein könnten.

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Neue Stiftungsprofessur in Leipzig: Religionskritik als Gesellschaftskritik?

An der Universität Leipzig wurde eine neue Stiftungsprofessur für Religionswissenschaft und Religionskritik eingerichtet. Ziel ist es die wissenschaftliche, nüchterne und positive Kritik von Religionen zu betreiben, ohne Religionsfeindschaft zu propagieren. Der suspendierte Priester und Autor Adolf Holl, der als „innerer Kritiker“ der katholischen Kirche wirkt, stiftete die Professur, was anfangs gar nicht so einfach war, wie unter anderem der Deutschlandfunk berichtete. Man siehe auch den Beitrag im Humanistischen Pressedienst (Nachtrag: und Jungingers Replik). Adrian Gillmann interviewte Horst Junginger für die Säkularen Sozialdemokrat_innen. REMID gibt das Interview mit freundlicher Genehmigung wider.

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Trendreport 2017: Migration, Rezession, “Regression” und Ressentiment

Es ist jetzt vier Jahre her, dass zuletzt ein sogenannter “Trendreport” auf dem REMID-Blog erschienen war (vgl. Trendreport 2013). Was ergibt ein Blick auf die “geistige Situation der Zeit” – Untertitel von “Die große Regression” (hrsg. von Heinrich Geiselberger, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2017) mit Bezug auf das Werk “Die geistige Situation der Zeit” des Philosophen und Psychiaters Karl Jaspers von 1932 sowie auf die (ökonomische) Rede von einer “Großen Rezession” seit 2008 (vgl. dazu insbesondere den Beitrag von César Rendueles, S. 233-252)? Kann sich ein “Trendreport” überhaupt noch mit einer lediglich nationalen Perspektive – also auf das Religions- und Weltanschauungsgeschehen Deutschlands – begnügen?

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Was glaubt, wer nicht glaubt? Vergleichende Studie untersucht konfessionsfreie Identitäten

Eine neue vergleichende Studie von Prof. Dr. Tatjana Schnell (Universität Innsbruck), Prof. Dr. Hans Alma (University of Humanistic Studies, Utrecht), Dr. Elpine de Boer (Universität Leiden) und Dr. Peter La Cour (University of Copenhagen; hier geht es direkt zum Online-Fragebogen; Sie können bis Ende Dezember 2016 teilnehmen) versucht mittels sehr elaborierter Frageskalen das Feld der sogenannten Konfessionslosen oder Konfessionsfreien (vgl. z.B. Wer sind die Konfessionsfreien?) in fünf europäischen Staaten zu erschließen. Dabei geht es sowohl um die als “Ismen” vertrauten philosophischen Selbstverortungen als etwa Atheist oder Agnostiker (vgl. die Interviews mit Dr. Heinz-Werner Kubitza, Religion und Öffentlichkeit III: Säkularer Humanismus und Religionskritik, und mit Arik Platzek, „Abbau der systematischen Benachteiligung für Menschen ohne Religion“, sowie zur religionsphilosophischen Debatte um die Existenz Gottes mit PD Dr. Stamatios Gerogiorgakis, (A)Theismus und Religionsphilosophie: Aktuelle Streiflichter zur Debatte um die Existenz Gottes) als auch um diejenigen, welche ihre eigene Position zwar als nicht-konfessionsgebundene Weltanschauung verstehen, aber nicht aus jeder Perspektive als religionsfrei gedeutet werden. REMID interviewte Tatjana Schnell zu diesem besonderen Forschungsprojekt.

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Das moderne Verhältnis von Coach und Weltanschauung und seine mögliche Bedeutung für die Zukunft neuer religiöser Bewegungen

(Bild von wikihow.com: How to Become a Certified Life Coach unter Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 3.0).

Letztes Jahr ging es um die Frage, was denn eigentlich eine “Weltanschauung” sei. Eine solche sei – nach dem Handwörterbuch religionwissenschaftlicher Grundbegriffe – eine “auf die Totalität des Wirklichen in seiner Bezogenheit auf das letzte Erklärungsprinzip und auf den ‚anschauenden‘ Menschen selbst gerichtete Einstellung” (J. Edgar Bauer). Vielleicht aber ist so etwas – das zeigte schon die damalige Notwendigkeit von Setzungen, Ausschlüssen und Grenzfällen – möglicherweise ein Sonderfall menschlicher Assoziation. Damals ging es um praktische Fragen, Inhalte für unsere Religions- und Weltanschauungsstatistik zu bestimmen oder zu verwerfen. Als entscheidende Kriterien erschienen dabei entweder eine explizite Opposition zu allem Religionsähnlichen, ein affirmativer Bezug zu etwas, das “religiös”, “spirituell” oder “esoterisch” genannt werden kann, oder eine metaphysische Setzung (allerdings konnte das bereits die These sein, es existiere intelligentes außerirdisches Leben mitten unter uns). Verlässt man diese synchrone Gegenwartsanalyse und versucht, eine diachrone historische Perspektive einzubringen, klingen Konzepte wie “Weltanschauung”, aber auch “Neue Religiöse Bewegung” oder ehedem “Sekte” aber nach spezifischen historischen Erscheinungen, die sozusagen kommen und gehen. Insofern wäre die gerne von Religionswissenschaftler_innen vorgebrachte Korrektur der konservativ motivierten Deutung der modernen religiösen Vielfalt als Verfallserscheinung, nämlich dass das Entstehen neuer religiöser Bewegungen der “Normalfall” der Religionsgeschichte sei, auf eine andere Weise infragezustellen: Könnte eine solche Analyse zu dem Schluss gelangen, dass es sinnvoll sein könnte, von einem “Zeitalter” der neuen religiösen Bewegungen zu sprechen? Was hat es mit dem dahinter stehenden Anfangsverdacht auf sich, also dass die Wahrnehmung möglich wird, die Entstehung neuer religiöser Bewegungen könnte (wieder?) zur “Ausnahme” werden? Wie sieht das bei “Weltanschauungen” aus? Und was haben Coaching und Lebensberatung damit zu tun?

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Religionswissenschaft & Gender Studies: Selbstbestimmungsrechte und Theorie

Dieser Essay ist vielfach motiviert: Die neue Meta-Diskussion, die Prof. Christoph Kleine kürzlich eröffnete, gehört dazu (auf dieses Interview werden alsbald weitere folgen); Überlegungen zum Thema Religion und Journalismus; das zuletzt erschienene Interview mit Dr. Dana Fennert, insofern dort neben islamischem Feminismus über eine global und interreligiös vernetzte Pro-Familie-Bewegung berichtet wurde; und schließlich eine Art Kampagne der lokalen Marburger Presse über einen Vortrag, der teilweise wegen Ausladung des Referenten und teilweise wegen Absage durch den Referenten gar nicht stattfinden wird. Was diese unterschiedlichen Dinge miteinander zu tun haben könnten, möchte ich im Folgenden eruieren. Damit aber die Stoßrichtung unmittelbar klar wird: Die Gender Studies liefern so etwas wie das theoretische Rüstzeug für gesellschaftlich-politische Akteur_innen, welche das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung stärken wollen; die Religionswissenschaft könnte eine ähnliche Rolle in ihrem Feld von Religion, Spiritualität, Weltanschauung übernehmen. Dann ginge es um religiöse und weltanschauliche Selbstbestimmung. Die angedeutete Theorie- und Methoden-Diskussion hängt damit aber zusammen, denn die Analogüberlegung mit den Gender Studies zu Ende zu denken bedeutet, entsprechend den sexuellen Minderheiten gerade auch die Belange der religiösen und weltanschaulichen Minderheiten ernstzunehmen. Das hat theoretische Konsequenzen. Das wäre auch eine normative Entscheidung.

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Konfessioneller Religionsunterricht unter Druck – Eine Chance für ein Alternativfach?

Der Fachverband Werte und Normen in Niedersachsen e.V. “verfolgt den allgemeinen Zweck, philosophische, gesellschaftswissenschaftliche und religionskundliche Bildung zu fördern, die auf den Wertmaßstäben und Normen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland basiert” (Satzung, Version von 1995). In der Ausgabe 2/2015 erörtert Prof. Dr. Dr. Peter Antes die Frage, inwiefern die dargelegte These, dass das Modell des konfessionellen Religionsunterrichtes “unter Druck” sei, eine “Chance für ein Alternativfach” bedeute. Der Autor ist emeritierter Professor der Religionswissenschaft (Hannover), wissenschaftlicher Beirat von REMID und hat den Eröffnungsvortrag auf unserer 25-Jahre-Jubiläumstagung 2014 mit dem Thema “Religionsfreiheit” gehalten (vgl. Die Sache mit der Religionsfreiheit. 25 Jahre REMID: Bericht zur Jubiläumstagung). Zum Thema Religionsunterricht hat REMID 2006 in Marburg die Tagung “Religionen in der Schule” veranstaltet, die verschiedenen Realisierungen von Religionsunterrichtsmodellen in den Bundesländern Deutschlands zusammengestellt (Stand 2011) und zuletzt Christina Wöstemeyer für eine von den “Säkularen Grünen” organisierte Diskussionsrunde “Religionsunterricht vs. Religionskundeunterricht: Gehört konfessioneller Unterricht an die Schule?” vermittelt (Mai 2015). Lesen Sie nun den Artikel von Peter Antes als Gastbeitrag im REMID-Blog – mit freundlicher Genehmigung des Autoren und des Fachverbandes Werte und Normen in Niedersachsen.

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Was ist eigentlich eine Weltanschauung?

Ursprünglich hatte REMID nur eine Religionsstatistik Deutschlands. Buddhismus, Hinduismus, Islam, Freikirchen und Orthodoxie, neue religiöse Bewegungen – alles das ist ansonsten gerne einfach als “Sonstige” verhandelt worden, und das wollten wir ändern. Und streng genommen waren oft nur diejenigen Gemeinschaften, welche Körperschaft des Öffentlichen Rechtes sind, einbezogen worden. Dabei sind viele kleine Gemeinschaften als Verein organisiert – oder noch informeller. Inspiriert durch die Gründung des Koordinierungsrat säkularer Organisationen (2008) listen wir auch säkulare und “skeptische” Gemeinschaften und Organisationen (seit 2012). Damit wird der Begriff der “Weltanschauung” wichtig, schließlich geht es jetzt um eine Religions- und Weltanschauungsstatistik. Also was ist eigentlich eine Weltanschauung?

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Religion und Vorurteil von A bis Z

Wie kann man religionswissenschaftliche Arbeit kurz und prägnant vermitteln? “Wer bloggt hier eigentlich, und wenn ja, wie viele?”, fragt der Blog “Marginalien – Religionswissenschaftliche Randbemerkungen” und stellt unterschiedliche Blogkonzepte vor. Um also auch hier mal etwas Neues auszuprobieren, hat sich das REMID-Team zusammengesetzt, um einige Stichwörter für ein “Religion und Vorurteil von A bis Z” zu versammeln. Dabei geht es insbesondere um die Begriffe und Kategorien, mit denen in der Alltagssprache und in manchen Medien bestimmte religiöse und weltanschauliche Phänomene angesprochen werden, obwohl sie oft versteckte Werturteile enthalten, die denjenigen, die sie verwenden, oft gar nicht bewusst sind.

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