Der Horrorfilm als derbe Predigt – bluttriefende Moraldidaxe im Kino

Für gewöhnlich heißt es gerne, Horror sei des Teufels liebster Film und entsprechend warnt z.B. Harald Lamprecht, davor, es sei “bezeichnend, dass immer wieder Satanisten in ihrer Biographie davon berichten, wie sie über das Sehen von Horrorfilmen zum Satanismus gekommen sind”. Tatsächlich – und das gilt nicht allein für Horror – handelt es sich um ein Genre mit zumeist sehr deutlichen Gut-Böse-Schemata. Horrorfilme können gar als Ausdruck einer christlichen Moraldidaxe interpretiert werden, welche moralische Exempel liefert – unabhängig von und nur in sehr wenigen Fällen mit Beteiligung von Priestern oder Theologen einer organisierten Kirche. Das Böse tritt auf moderne Weise in Filmen wie “Rosemarie’s Baby” (1968), “Der Exorzist” (1973) oder “Das Omen” (1976) zutage. Von den gothic novels und dem Schauerroman der Romantik herkommend, begann das Genre mit Literaturverfilmungen von Mary Shelleys “Frankenstein” (1910, 1931) und Bram Stokers “Dracula” (1922 als “Noferatu”). Neue Stoffe fanden sich in den Gebieten der Ethnographie (“Der Golem” z.B. 1920 von Paul Wegener, “White Zombie” 1932) sowie der Psychoanalyse und Hypnose (“Das Cabinet des Dr. Caligari” 1920). Zugleich spielen diese Filme häufig in einem magischen Universum, das mehr oder weniger in eine heile Alltagswelt einbricht. Ist insofern die Kritik dieser Filme aus theologischer Richtung (einschließlich der Absprache ihres moralischen Anspruchs) nur eine moderne Tradition des Ausdrucks protestantischer Schelte an einem hermetisch aufgeladenen, bunten Katholizismus?

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Wicca: eine performative “Naturreligion” und die (re)konstruierte Tradition

Der Begriff “Naturreligion” war ursprünglich ein weiterer verlegener Versuch, diese vielen anderen lokalen Traditionen zusammenzufassen, die keiner mit einem Stifter in Beziehung setzbaren “Weltreligion” (vgl. zur Geschichte dieses Begriffes im Blog: Wer zählt was?) zurechenbar sind. Es sollte vermutlich besser klingen als “Stammesreligionen” oder “Heidentum” oder “Primitive Religionen”, “worshippers of fetish cults” etc. Zugleich erinnert es an die religio naturalis, die natürliche Erkenntnis (des christlichen) Gottes, welche manche den “Heiden” bereits im 18. Jahrhundert zutrauten. Gelegentlich wird dieser Ausdruck positiv innerhalb derjenigen Szene verwendet, welche sich selbst mit vorchristlichen bzw. paganen Traditionen auseinandersetzt, so auch im modernen Hexentum oder Wicca. Wir interviewten zu dieser Neuen Religion die Europäische Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Marion Näser-Lather.

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Gespenster – festliche Dekonstruktion einer Universalkategorie

Das Gespenst oder die Geister gelten im allgemeinen als eine alte Kategorie so genannter “niederer Mythologie”, wie es die deutsche Philologie des 19. Jahrhunderts nannte. Sie werden erst im religionswissenschaftlichen Blickpunkt zu einer phänomenologischen Kategorie universaler Relevanz. Doch ist das den Forschern geläufige europäische Vorbild, welches ihnen weltweit für die Konzepte der Totengespenster, aber auch der Ahnengeister als Erklärungsmuster Modell stand, wirklich alt? Oder ist es vielmehr wie mit vielen in Zeiten des Nationalismus für traditionell ausgegebenen Bräuchen, wo es galt, mit “Volksaberglauben”, Märchen und Sagen einen kulturellen Wettbewerb auszufechten?

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Bildungsarbeit mit der “Erfahrung des Krisenhaften, des Unvollständigen, des (noch) Unerklärlichen”

Bisher wurden für den REMID-Blog hauptsächlich ReligionswissenschaftlerInnen und Vertreter von akademischen Nachbardisziplinen interviewt. Für die Zukunft sind zusätzlich Interviews mit VertreterInnen aus den Religionsgemeinschaften zu speziellen Fragen geplant sowie – und damit soll heute begonnen werden – mit Vereinen, Organisationen, Gruppen wie Einzelpersonen, die im Umfeld der Religionen agieren, mit Religionen oder Religiösem / Spirituellem arbeiten, sei es aus den Bereichen Integration, Dialog, besondere Dienstleistungen, Journalismus, Bildung, Politik oder Kunst. Um letztere geht es bei Alexander Graeff und dem von ihm und anderen ins Leben gerufenen Verein: Kunstpädagogik, Lebensreform, Avantgarde und Okkultismus. REMID interviewte den freien Schriftsteller, Dozenten und Herausgeber über das die Künstlergruppe prägende Konzept okkulter Kunst zwischen Hermetik und Surrealismus.

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Wiederlesen und Neuschreiben: das vielfältige Verhältnis von Religion und Text

Das Verhältnis von Religionen zu Texten ist alles andere als eine banale Angelegenheit. Nicht nur in Anbetracht von z.B. Höhlenmalereien als frühen Gedächtniskünsten (oder “Texten”) oder bzgl. der intrareligiös bedeutsamen Unterscheidung von Schrift- bzw. Offenbarungsreligionen und ihrem jeweiligen Gegenüber im abendländischen sowie islamischen Bereich. Nicht nur als wichtiger Erfahrungsbereich für die Entwicklung von (biblio)mantischen und hermeneutlichen Auslegekünsten, als somit wichtiger Anfang des Interpretierens und Kommentierens.

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Zwischen den Stühlen – ein Gespräch über Magie

Der Diplominformatiker und Religionswissenschaftler Daniel Böttger arbeitet an religionspsychologischen Fragestellungen (siehe z.B. “Intersubjektivität von Tranceerleben durch religiös-rituelle Körperhaltungen” in der Zeitschrift für junge Religionswissenschaft). Schon in einem zu Studienzeiten studentisch von ihm mit organisierten Seminar “Von Arktische Religion bis Zigarrenzauber” (2006) lag der Fokus auf “ungewöhnliche[n] Themen der Religionswissenschaft”. Konkret geht es darum, mit Methoden der empirischen Psychologie religiöse Phänomene zu untersuchen. Dabei kann es sich um die Neurologie des Mantra-Singens handeln (To say “Krishna” is to smile, Ritual Dynamics Konferenz 2008; neben dem Paper gibt es eine Videopublikation) oder um die Psychologie des Glaubenzweifelns. Wir haben ihn zum Thema Magie bzw. Glauben an übersinnliche oder paranormale Fähigkeiten oder Erfahrungen interviewt.

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Des Teufels Netz – Italien und interreligöse Toleranz

Das Internet fördere den Satanismus, diese atm-Pressemeldung vom 4. April war ursprünglich ein Artikel im Telegraph vom 30. März. Nicht jedes Presseorgan, welches diese Meldung druckte, nimmt sie gänzlich ernst, bei chip.de wird sie am 10. April abgedruckt, umrankt von dem Satz “Fotostrecke: Diablo 3 – teuflisch gute Screenshots”. Anlass ist die Ankündigung einer “Exorzistenkonferenz” in Rom an der Regina Apostolorum Pontifical Universität. […]

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Der neue REMID-Blog

Religionswissenschaft ist in den Medien deutlich unterpräsentiert. Neben den Blogs von Michael Blume und Kerstin Probiesch ist nicht viel in der Blogosphäre zu finden. Insbesondere letzterer ist zu verdanken, dass das Thema auch bei REMID immer wieder eine Rolle spielte, wenn auch leider lange Zeit einer Umsetzung harrte. Überhaupt gilt es, das Web 2.0 auch in Deutschland als relevant für akademische Öffentlichkeit zu etablieren.

Dieser Blog soll der Idee nach eine Plattform für alle REMID-Mitglieder sein, aber auch Gäste dürfen in Absprache kleine Artikel beitragen. Dabei können sie sich mit einem eigenen Account als Autor einloggen, erhalten damit zwar keine Möglichkeit, den Blog im Layout zu verändern, aber können eigene Artikel bearbeiten mit einem benutzerfreundlicheren “You see is what you get”-Editor. Es ist, als ob man ein WORD-Dokument schreibt. Auf diese einfache Weise können Neuigkeiten aus der Religionswissenschaft bzw. religionswissenschaftliche Analysen des Zeitgeschehens um Religionen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht werden. Auf neue Einträge verweisen wir dabei über Twitter oder bewegung.taz.de, um sie bekannter zu machen. […]

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