Religion und Öffentlichkeit II: Sommerschule diskutiert über Nonkonformismus

Vor einiger Zeit berichteten wir über Religion und Öffentlichkeit am Beispiel der Medienberichterstattung über die Mormonen. Wie bestimmen Medien das öffentliche Bild einer Religion? Wann interessieren sich Medien für eine Religion? Wie versucht diese, eine eigene Öffentlichkeit zu etablieren? Wie ist das Verhältnis von Religion(en) und Öffentlichkeit? Diesen Fragen soll eine eigene Serie mit Artikeln, Berichten und Interviews nachgehen. Aktuell beschäftigte sich eine Sommerschule des Leipziger DFG-Graduiertenkollegs “Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik” mit dem Thema “Nonkonformismus und Öffentlichkeit” aus religionswissenschaftlicher Perspektive (vom 20. bis 22. Juli in Bad Kösen). Der stellvertretende Sprecher Dr. Thomas Hase konnte bereits zu Beginn des Jahres für ein Interview gewonnen werden (vgl. “In Sekten”? Religiöser Nonkonformismus als Auslöser kultureller Dynamik – aktuelle Ansätze in der Religionsforschung). REMID war vor Ort und berichtet über die vielfältigen Zugänge zum Thema.

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Religion, Politik und Partei(programm): Von Glücksempfinden und gesellschaftstragenden Utopien

Der erste Weltglücksbericht der UNO ist vor kurzem erschienen. Am Glücklichsten sei man in Dänemark, Norwegen, Finnland und den Niederlanden, dagegen empfinde man in Benin, in der Zentralafrikanischen Republik und in Togo am wenigsten Glück. Deutschland kommt beim Gallup World Poll nur auf den 30., beim World Happiness Report auf Platz 47. An erster Stelle stehe dabei Arbeit bzw. Erwerbstätigkeit als Faktor des Glücks, dicht gefolgt von Partnerschaft und Religion. Auch Gesundheit und eine grüne Umwelt sind wichtig (vgl. taz-Artikel vom 27. Mai). Insgesamt bringen die Autoren der Studie es auf folgende Formel: „Solange es kein hohes Niveau von Altruismus und Vertrauen untereinander gibt, kann eine Gesellschaft nicht glücklich sein. Deshalb riet schon Aristoteles, dass Glück hauptsächlich durch tugendhafte Akte angestrebt werden sollte. Auch Buddha und unzählige andere Weise argumentieren so, ebenso viele heutige Psychologen und moralische Führer.“ (zitiert nach ebenda). Doch was befördert ein “hohes Niveau” kooperativen Handelns? Welche Rolle spielt “Religion” dabei? Und in Anbetracht der taz-Formulierung “vor allem in armen Ländern mit unsicheren Lebensbedingungen hat der Glaube offenbar eine deutlich tröstende Funktion”: Wie verändert sich die Perspektive, wenn man nicht allein auf “Religionen” im Sinne eines konventionellen Begriffes schaut, sondern überhaupt nach dem fragt, was man als “gesellschaftstragende Utopien” bezeichnen könnte?

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Von Jugend, Radikalisierung und “Sektenberatungen” nicht nur im Islam – ein Déjà-Vu

Es war erst am 1. Dezember 2011, dass die Reformierten und Katholischen Zentralschweizer Kirchen und die Stadtmission die Aufhebung der Beratungsstelle Religiöse Sondergruppen und Sekten in der Schweiz beschlossen. Der Verein soll bis Ende Juni 2012 aufgelöst worden sein. Dazu heißt es im letzten Newsletter der kirchlichen Berater: “Heutige Menschen sind nicht weniger religiös als Menschen früherer Generationen. Sie machen sich einfach anders auf ihre persönliche Suche. Gefragt sind Angebote, die von Einzelpersonen angeboten werden oder solche, die mit wissenschaftlichem Anspruch in Erscheinung treten”. Also zum Beispiel REMID und für die Schweiz INFOREL. Auch dem “langjährigen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen” der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), Pfarrer Thomas Gandow, wird kein Nachfolger bestellt. Bereits 2010 verlor, wie die TAZ schreibt, Ursula Caberta ihre Dienststelle Arbeitsgruppe Scientology für “Antisektenkampf in Hamburg”. Ein eher bissiges Porträt der Berliner Tageszeitung erläutert, “ihre Auskünfte gingen mehr und mehr in Scientology-Beschimpfungen über”. Ihre Mitarbeiter sollen sich bereits vor der Auflösung der Gruppe “anderweitig orientiert” haben.
Nun reagiert Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime (ZMD) auf die aktuelle Studie des Innenministeriums über Einstellungen junger Muslime: “Ganz konkret fordern wir zum Beispiel Sektenbeauftragte für den Islam, die entsprechend ausgebildet sind. Wir wollen Scouts in den muslimischen Gemeinden einsetzen – zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung – die aufklären über die Ideologisierung von Religionen”. Ob religionswissenschaftliche Expertise nicht doch eher von Nöten wäre, soll folgende Betrachtung der Studie über junge Muslime sowie einer Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung über den sogenannten Salafismus eruieren. Die Salafiyya bietet sich nämlich als Projektionsfläche dafür an, den (eigentlich christlichen) Anti-Sekten-Diskurs auf den Islam zu übertragen.

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Was ist eigentlich “christlich”? Neue Antworten auf eine alte Frage

In letzter Zeit – nach den brutalen Ereignissen in Norwegen – wurde eine Frage in vielen Blogs und Zeitungen virulent. Ist die Ideologie von Anders Behring Breivik ein Ausdruck von z.B. katholischem Fundamentalismus? Oder hat diese Gedankenwelt, wie der Soziologe Massimo Introvigne, OSZE-Repräsentant gegen Rassismus und antichristliche Diskriminierung, suggerieren möche, “nichts mit Christentum” zu tun? Es wäre schön, wenn es möglich wäre, zu konstatieren, die Wahrheit läge irgendwo dazwischen. Zugleich ist es ungemein komplizierter. Während im religionswissenschaftlichen Sinn – was zu zeigen ist – die Frage letztlich kaum eine Antwort befriedigen können wird, ist auf der anderen Seite der Relevanz, welche “das Christliche” im Denken Breiviks spielt, Rechnung zu tragen: Wird hier ein Begriff des Christentums als Kulturform entwickelt?

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Boko Haram – neue Semantiken im Spiegel ihrer Mediendeutungen

Die Worte “Boko Haram” tauchen seit einiger Zeit in den Medien auf, am 27. Juni ging es um “Anschläge auf Bierlokale in Nigeria”, am 12. Juli darum, dass eine Universität “aus Angst vor den Islamisten” schließe. Beide Meldungen stammen von der Agentur DPA, die “Anschläge” zusätzlich von Reuters, bei Googe-News druckten diese 167 Medien ab, die andere Meldung nur 16. Bei der taz gab es schließlich am 20. Juli einen zusammenfassenden Artikel, der mit einer möglichen Übersetzung der Worte betitelt war: “Westliche Bildung ist Sünde”. Wikipedia kennt noch weitere Übersetzungsvorschläge für den ehemaligen Titel der “Organisation der Anhänger der Lehren des Propheten Mohammed und die Meister des Islams und der Heiligen Kriege”: am 27. Juli 2009 D. Johnson ebenfalls in der taz: “Bücher sind Sünde”, in der BBC einen Tag zuvor: “In the local Hausa language Boko Haram means ‘Western education prohibited'”, am 13. Juli 2010 auf der Webpräsenz der Tagesschau: “Die moderne Erziehung ist eine Sünde”. Doch worum geht es denn nun?

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Das kategorische Dilemma des Konservativen

In Zedlers Universal-Lexicon findet man 1740 nur den juristischen Fachterminus des Erbrechtes (Band 26, Sp. 133f.) pactum conservativum (Anerkennung des Gewohnheitsrecht gegenüber dem bürgerlichen Recht) und satura conservativa als medizinischer Ausdruck für eine zusammenhaltende Naht (Band 23, Sp. 865f.). Der Begriff selbst ist noch nicht in seinem heutigen Sinn vertraut, allerdings dennoch gibt es im zeitlichen Umfeld neben z.B. chemischen Begriffen etwa in der “Abhandlung von der höchst nöthigen Conservation des Holzes” (Johann Kuhn, 1765) die “Conservation” des Lehens, des Besitzes, der Untertanen, der Sitten. Über die seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entstehenden Parlamente entwickelte sich aus der Idee einer Herrscher- bzw. Staatspflicht eine politische Kategorie des Konservativen. Doch diese ist alles andere als unproblematisch.

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