Themenschwerpunkt: Methoden der Religionswissenschaft

Gliederung: Die Entstehung einer eigenständigen Disziplin Religionswissenschaft im Singular hat mehrere Entwicklungen durchgemacht.

1. Vorformen – Herausbildung einer eigenen Disziplin Religionswissenschaft
2. Linguistic Turn
3. Sozialwissenschaftliche oder qualitative Wende
4. Neue soziale Bewegungen: Diskriminierungsforschung & Gender Studies
5. Religionswissenschaft und Postmoderne
6. Interdisziplinarität oder Methodenstreit A: Religion und Gesundheit (bzw. Naturwissenschaft)
7. Methodenstreit B: Metatheologischer Essenzialismus und methodischer Agnostizismus
8. Diverse Datenbanken & Materialien

1. Vorformen – Herausbildung einer eigenen Disziplin Religionswissenschaft

In der protestantischen Theologie des 19. Jahrhunderts nahm das Interesse an anderen Religionen einerseits mit der vergleichenden Konfessionskunde und ihrer Vorliebe für den “radikal” genannten separatistischen Pietismus seinen Anfang, andererseits mit dem von dort entlehnten Interesse an einem universalreligiös verstandenen Phänomen der “Mystik”, letztlich um im Sinne Nathan Söderbloms “Gott aus der Religionsgeschichte [zu] beweisen”. Auf katholischen und orthodoxen Gebiet kommt dem ein Interesse an religiöser Erfahrung, d.h. im Diskurs um 1900 auch an “Okkultismus” oder “Parapsychologie”, sowie an der antiken Gnosis entgegen. Aus den frühen Sozialwissenschaften wurden evolutionistische Stufenmodelle entlehnt, um die Religionen der Welt darauf als unterschiedlich entwickelt einzuordnen. Dabei wurde die sogenannte Schule der Religionsphänomenologie besonders wichtig. Dabei handelt es sich nur oberflächlich um eine Rezeption der Philosophie Husserls, diese Religionswissenschaft wollte vergleichend Phänomene einer internationalen Religion im Singular dingfest machen: die “Mystik” und “die Besessenheit”, “das Gebet” oder “das Gespenst”. Moderne Religionswissenschaftler*innen untersuchen demgegenüber nicht “Religionen” im Sinne von metaphysischen, objektiv vorhandenen Phänomenen, sondern empirisch Vorhandenes wie die Mitglieder oder Anhänger*innen einer Religionsgemeinschaft.

Friedrich Schleiermacher: Über die Religion, 1799
Nathan Söderblom: Das Werden des Gottesglaubens, 1916
Rudolf Otto: Das Heilige, 1917
Friedrich Heiler: Das Gebet, 1918
Mircea Eliade: Cosmos and History, EA 1949

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2. Linguistic Turn

Bereits Immanuel Kant sprach in der Vorrede der zweiten Auflage der “Kritik der reinen Vernunft” von 1787 davon, dass eine “Umänderung der Denkart” in der Philosophie ebenso zu vollziehen sei wie bei Kopernikus in der Kosmologie oder bei Euklid in der Geometrie. Es geht darum, nicht mehr “Dinge an sich” selbst zu beschreiben, sondern die Bedingungen der Möglichkeit, über diese Dinge zu sprechen. Schließlich Ludwig Wittgenstein revidiert im “Tractatus logico-philosophicus” (1918) die in der Philosophie bzw. Erkenntnistheorie zuvor angenommene, statische und eine Metaphorik der Natürlichkeit pflegende Abbildtheorie der Sprache. Sprache bildet nicht einfach die wirklichen Dinge ab, in seinen späteren Schriften empfiehlt Wittgenstein die Vorstellung unabhängiger “Sprachspiele“, deren Regeln nur durch gesellschaftlich vermittelte Erfahrung, nicht aber als Resultat einer wesensmäßigen Essenz begriffen werden könnten.

In der Religionswissenschaft wurde zunächst die Idee, wesensbezogene (essenzialistische) Aussagen über “die Religion” im Singular treffen zu können, kritisiert, mit dem linguistic turn begann die Diskussion des Faches um die Bedingungen der Möglichkeit der Definition seines Gegenstandes. Die Philologien “außereuropäischer” Religionstraditionen begegneten darauf der zuvor durch die Religionsphänomenolog*innen erstellten Terminologie und ihrer wertenden Hierarchie der Religionstraditionen kritisch. Übersetzungstheoretische Fragen, genealogische Rekonstruktionen europäischer Religionsgeschichten und aus der Vergleichspraxis gezogene Unterschiede von christlichen Perspektiven auf Religionen zu anderen Perspektiven (Orthodoxie vs. Orthopraxis, Heilige Schriften einer Offenbarung vs. religiöse Erfahrung im Ritual, Theologie der Religionsexpert*innen vs. sogenannte “Laienfrömmigkeit”, Kirchenförmigkeit vs. Unsichtbare Religion) bildeten schließlich den Inhalt einer Sebstreflexion des Faches nach der Erfahrung seiner Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus. Entgegen jeder Vereinnahmung der Disziplin zur Gottessuche bzw. zur Entwicklung einer Metareligion wurde ein methodischer Agnostizismus empfohlen, sich in der Beschreibung von Religionsgemeinschaften einer (metaphysischen) Wertung zu enthalten.

Friedrich Max Müller: Introduction to the Science of Religion, 1873
Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, 1918
Max Weber: Ges. Aufsätze zur Religions-
soziologie, 1920/1
Joachim Wach: Sociology of Religion, 1944
Jacques Waardenburg: Religionen und Religion, 1986

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3. Sozialwissenschaftliche oder qualitative Wende

Mit den 1970er/1980er Jahren erreichte der sogenannte sociological turn die Religionswissenschaft. Statt der heiligen Schriften und Gebrauchstexte “außereuropäischer” Religionstraditionen (und der ihnen zugehörigen Materialität in religionskundlichen Sammlungen) wurde die religiöse Vielfalt der Gegenwart zum Forschungsgegenstand: einerseits die Diaspora-Gemeinden der sogenannten “Weltreligionen” in den Metropolen der industrialisierten Länder, andererseits die Neuen Religiösen Bewegungen, die als “Sektendebatte” durch hegemoniale Religionsgemeinschaften u.a. thematisiert worden waren.

Das bisherige Primat von philologischen und kritisch-historischen Methoden wurde an einigen Standorten abgelöst durch insbesondere qualitative Sozialforschung sowie Disziplintransfers aus Anthropologie, Soziologie, Kulturwissenschaft und Psychologie. Lokale Religionsforschung konnte die religiöse Vielfalt einzelner Städte, Landkreise oder Bundesländer aufzeigen. Mit teilnehmender Beobachtung und narrativen Interviews werden Neue Religiöse Bewegungen oder Konvertit*innen in den Islam untersucht. Mit Diskursanalyse und Grounded Theory werden im weiten Sinne als religiös beschreibbare gesellschaftliche Medienereignisse oder Praxen alternativer Spiritualität bearbeitet, dem Ideal einer “Dichten Beschreibung” (Clifford Geertz) verpflichtet.

Clifford Geertz: The interpretation of cultures, 1973
Patricia A. und Peter Adler: The Past and the Future of Ethnography, 1987
Martin Baumann: Qualitative Methoden der Religions-wissenschaft, 1992
Kurth / Lehmann: Religionen erforschen. Kulturwissen-
schaftliche Methoden in der Religions-
wissenschaft, 2011
Gabriele Rosenthal: Interpretive Social Research, 2018

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4. Neue soziale Bewegungen: Diskriminierungsforschung & Gender Studies

Diese qualitative oder sozialwissenschaftliche Wende hatte auch damit zu tun, dass die politische Debatte der 1968er ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber traditioneller Autorität und damit dem Primat der Schrift und der Geschichte begünstigte. Die philologischen und historischen Methoden repräsentierten jetzt ein Etablishment, das blind schien für aktuelle Entwicklungen. Disziplingeschichtlich bedeutet das konkret die Kritik an einer etablierten Kanonizität klassischer Heiliger Schriften (entsprechend der “Weltreligionen”), gesteigert noch in der kolonialismuskritischen Version des Misstrauens gegenüber Missionarstexten zu anderen Religionen. Nur die Methoden von Soziologie und Anthropologie (bzw. Kulturwissenschaft) eröffneten gegenüber den verstaubt wirkenden Gegenständen der philologischen und historischen Fachvertreter*innen neue Möglichkeiten, eine gelebte religiöse Gegenwartskultur zu erforschen.

Das hat auch noch in einer weiteren Hinsicht eine grundsätzlich emanzipatorische Dimension. So wie das Interesse an einem radikal anderem “Gegentext” zu demjenigen der einstigen Missionare wuchs, gilt es im Sinne der Frauenemanzipation statt “history” (his story) auch “herstory” zu erzählen. Das fängt damit an, dass oft nur männliche Initiationsriten erloschener Religionsformen überliefert sind, da die sie aufzeichnenden Forscher Männer waren. Grundsätzlich beginnt die Erforschung von struktureller Benachteiligung von Minderheiten im Religionsdiskurs – oder parallel von bislang marginalisierten Forschungsgegenständen – eine entscheidende Rolle einzunehmen.

Frances A. Yates: Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, 1964
Eileen Barker: New religious movements. A practical introduction, 1989
Edith Franke, Gisela Matthiae, Regina Sommer (eds): Frauen Leben Religion: Ein Handbuch empirischer Forschungs-
methoden, 2001
Susanne Lanwerd, Márcia Moser: Frau, Gender, Queer. Gender-
theoretische Ansätze in der Religions-
wissenschaft, 2009
Marita Günther, Verena Maske: Macht – Religion – Geschlecht. Perspektiven der Geschlechter-
forschung, 2018

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Theoretische Zugänge zu Antisemitismus und Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit:

5. Religionswissenschaft und Postmoderne

Rohrbacher (2009)

McCutcheon (EA 2007, dt. 2014)

Die meisten Entwicklungen, die innerhalb der Fachgeschichte als “postmodern” bezeichnet werden können, wurden bereits zuvor genannt: die Annahme einer Relativität der Wahrheit ist bereits in der Antike bekannt (Protagoras) und hier spätestens mit Ludwig Wittgenstein gegeben; entsprechend alt ist der Streit um eine Definition des Fachgegenstandes “Religion”; der Einfluss des Postkolonialismus verbleibt zunächst oft auf der Ebene eines Gedankenspiels bzw. eines Exkurses ausgewiesener Selbstreflexivität. Als besonders “radikal” gilt Russell McCutcheon, der seinen Kolleg*innen vorwirft, “immer noch in den Fallstricken der Religionsphänomenologie verfangen zu sein, auch wenn sich vielleicht die verwendeten Begrifflichkeiten verändert haben”. Es ließe sich also eher von einem Annäherungsprozess sprechen, welcher bislang nur in Ausnahmen auf Lyotard, Derrida oder Foucault, kritische Theorie oder Queer Theory rekurriert, aber insgesamt eher einem Paradigma des Pluralismus oder Variantismus nahesteht.

Bei REMID:

6. Interdisziplinarität oder Methodenstreit A: Religion und Gesundheit (bzw. Naturwissenschaft)

Collage aus: Religion & Medizin. Ein Gespräch mit Jürgen Dollmann über Heil- und Heilungskonzepte zwischen den Disziplinen (2018).

Neophänomenologische Ansätze verknüpfen Kognitionswissenschaft mit experimenteller Neurologie o.ä. Über Religion in evolutionstheoretischen Zusammenhängen denken die Evolutionary Religious Studies nach. Manche religionspsychologische Ansätze versuchen neue Wege, zwischen gesunden und krankmachenden Formen von Religiosität oder Spiritualität zu unterscheiden, und entwerfen damit potenziell ebenfalls neue Hierarchien des Heiligen. Eine dem Wittgensteinschen Gedanken des “Sprachspiels” und dem “methodischen Agnostizismus” verpflichtete Religionswissenschaft nimmt die Vertreter*innen einer “evidenzbasierten Medizin” gemeinsam mit den Akteuren “alternativer Heilpraxen” genauso in den Blick, wie sie sich nicht nur für diejenigen interessiert, die sich einer Religionsgemeinschaft zuordnen, sondern auch für die übrigen, die genau das nicht tun. Auf der anderen Seite bleibt “Wirksamkeit” ein Kriterium reproduzierbarer naturwissenschaftlicher Experimente, über das ein*e Religionswissenschaftler*in so wenig aussagen kann wie über Gott. Zugleich nehmen (im Idealfall) evidenzbasierte Cochrane Reviews über alternative Heilverfahren mehr Stellenwert in der eigenen Beurteilungspraxis ein als theologische Gottesbeweise.

7. Methodenstreit B: Metatheologischer Essenzialismus und methodischer Agnostizismus

Die Versuchung, “Gott” oder “die Religion” oder Vergleichbares, z.B. “den Schamanismus”, zu beweisen, eine hinter den real existierenden Religionen verborgene Universalreligion zu entdecken, eine “pluralistische Theologie” zu entwerfen als Grundlage für neue Mischformen zwischen Mission und Dialog oder das Erbe einer religiösen Tradition zu rekonstruieren für eine nationale oder lokale Identitätsfindung, die ist auch heute noch groß: “In diesem Sinne erscheint es konsequent, sich der Tatsache bewusst zu werden, dass auch Religionswissenschaft ein leerer Signifikant ([…]) zu sein scheint, der von unterschiedlichen Akteuren in unterschiedlichen Kontexten mit sich unter Umständen diametral entgegengesetzten Konzepten gefüllt wird.” (Sebastian Emling: Von “In God We Trust” zu “Yes We Can”. Münster: Lit, 2013, S. 36, Anm. 7, unter Rückgriff auf Ernesto Laclau).

Folgende Beiträge thematisieren solche Aktualisierungsversuche einer nicht säkularen, sondern theologischen Religionswissenschaft kritisch:

8. Diverse Datenbanken & Materialien

II. Bibliographien, Surveys, Gegenwartskultur III. Texte und Stoffe

 

Bilder aus: Übersetzer als Konquistadoren. Eine Geschichte der “Eroberung” heiliger Texte durch den Westen, 2013.

 

Themenschwerpunkte
Grafik: Pfeil nach rechts Religionsfreiheit
Grafik: Pfeil nach rechts Islam
Grafik: Pfeil nach rechts Christentum aus religionswissenschaftlicher Sicht
Grafik: Pfeil nach rechts Religionen der Welt
Grafik: Pfeil nach rechts Weltanschauungen und Säkularität
Grafik: Pfeil nach rechts Esoterik und alternative Spiritualität
 

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Autor*in: REMID e.V.